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Nr. 31.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Seite 5.
Der Referent, Herr Göller aus Frankfurt a. M., referierte über den Wert der Organisation im Allgemeinen, sowie über die Lohnverhältnisse im Schuhma chergewerbe, hierbei die hiesigen Ver⸗ hältnisse besonders streifend. Zur Aufnahme in den Verband meldeten sich zehn Berufsange— hörige; somit ist es hier wieder möglich, eine Filiale des Schuhmacher⸗Verbandes zu gründen, waren doch die Mitglieder bis auf drei zusam— mengeschmolzen. Zu wünschen wäre es, daß diejenigen, welche sich zur Aufnahme gemeldet haben, einen festen Stamm bilden, und nicht wieder nach einigen Wochen das Hasenpanier er— greifen. Nur eine Organisation, welcher die meisten Berufsgenossen angehören, hat die Macht und Stärke, gegen frivole Maßnahmen des Un— ternehmertums energisch Front zu machen und dasjenige zu erkämpfen, was für eine einiger— maßen anständige Lebensweise nötig ist: Ver⸗ kürzung der Arbeitszeit und einen angemessenen Lohn.
e tunft der Parkteigenossen am Sonntag, 29. Juli, auf Spiegelslust. Treff⸗ punkt nachmittags 4 Uhr, Restaurant Issberg.
Der Vertrauensmann.
Kleine Mitteilungen.
* Echzell. Bei der Bürger meister⸗ wahl siegte der seitherige Bürgermeister Reitz mit 273 Stimmen über seine Gegenkandidaten, die nur wenige Stimmen erhielten. Die Wahl- betheiligung war eine sehr lebhafte.
* Vilbel. Von Herrn Karl Brod, Markt- platz 3 wurde ein starker Sprudel erbohrt, der aus einem neun Zentimeter weiten Rohr 3 Meter hoch und aus einem 3,4 Zentimeter weiten Rohr 8 Meter hoch springt. Das Wasser ist
nach der„Frkf. Ztg.“ stark kohlensäurehaltig.
* Frankfurt a. M. Von einem in rascher
Fahrt befindlichen elektrischen Straßenbahnwagen
sprang am Sonntag Abend am zoologischen Garten der Metzgermeister Wirth von dort trotz der Warnung des Schaffners ab. Er kam dabei rückwärts zu Fall und wurde vou Anhängewagen überfahren. Auf die Polizeiwache verbracht, starb er nach wenigen Minuten. Die vielen derartigen Unglücksfälle sollten das Publikum doch zur Vorsicht mahnen.
* Ulfa. Hier erhängte sich vorige Woche Maurer Konr. Ludwig(l. Andauernde Krankheit soll ihn zu diesem Schritte Von einem
** Garbenheim. schweren
Unglück wurde die Familie des Bergmanns L.
Hartert betroffen. Als Letzterer am 21. Juli morgens erwachte, bemerkte er die Abwesenheit seiner Ehefrau, die in der letzten Zeit Neigung zu Trübsinn gezeigt hatte. Schlimmes ahnend, stellte er sofort Nachforschungen an, aber erst am Nachmittag erlangte er die traurige Gewißheit,
daß sie in der Lahn ihren Tod gesucht und ge— funden hatte.
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Arbeiterbewegung. Hirzenhain(Oberh ssen). Die Arbeiter des Buderusschen Elsenwerkes sind in den Ausstand eingetreten, weil es ihnen nicht gelang, die Di—
krektion zur Erfüllung der recht bescheidenen
Lohnforderungen in Güte zu bewegen.
Die in H. gezahlten Löhne von 2.20, 2.50 und
3 Mk. sind so minimale, daß es kaum glaublich
ist, daß die Liitung der Werke nicht in eine Lohnerhöhung eiwilligt.
Zuzug ist streng fern zu halten. Auch wollen die Metallarbeiter der anderen Eisen werke darauf achten, baß ihnen nicht Arbeiten aus Hirzen⸗— hain untergeschmuggelt werden, da⸗ ei nicht unfreiwillig die un⸗ schöne Rolle von Streikbrechern hren Mitarbeitern gegenüber spielen. Unternehmer ⸗ Terrorismus in schofelster Form tritt bei der Aus sperrung der Hamburger Werftarb eiter, mit der wir uns schon in der letzten Nummer beschäftigten, u Tage. Die Hamburger Eisenindustriellen haben ein zweites Sechstel aller auf den größeren
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und mittleren Werften Hamburgs beschäftigten Arbeiter entlassen. Es kommen hierbei 1200 Werftarbeiter in Betracht. Damit ist die Zahl der Ausgespertten und Ausständigen auf etwa 4000 Mann gestiegen! Und was ver⸗ anlaßt die Hamburger Geldsäcke zu diesem un⸗ erhörten, von brutaler Unternehmer⸗ willkür zeugenden Vorgehen? Weil einige achtzig Schiffsnieter in den Ausstand eingetreten waren, um eine geringfügige Lohnforderung durchzudrücken, die ihren Lohn auf die Höhe des den Nietern der anderen Hamburger Werften bereits gezahlten Lohnes bringen sollte. Da selbstverständlich die in Arbeit stehenden Nieter sich weigerten, Steeikarbeit zu verrichten, griff das Hamburger Protzentum in der es aus⸗ zeichnenden Brutalität dazu, Tausende und Aber— tausende unbeteiligter Werftarbeiter aufs Straßen— pflaster zu werfen. Durch diese Maßregel sollten die Streikkassen der Arbeiter leer gepumpt und die Hungernden gezwungen werden, um Pardon zu bitten. Dies Vorgehen erregte nicht nur die Entrüstung der gesammten Arbeiterschaft, sondern anch die bürgerlicher Kreise. Denn die Ham⸗ burger Unternehmer hindern durch diese frivole Aussperrung Tausende von Arbeitern an der Fertigstellung der Transportdampfer, deren das Reich zum Transport seiner„ostasiatischen Division“ so dringend benötigt! Wenn die so schnöde verworfene Zuchthausvorlage Gesetz ge— worden wäre, müßten die Hamburger Protzen unbedingt in's Zuchthaus wandern, denn unsere Rechtspflege wendet bekanntlich die Gesetzes⸗ paragraphen gegen Unternehmer wie Arbeiter in gleichem Maße an! 8 8 der Zuchthausvorlage lautet aber:
„Ist infolge des Arbeiterausstandes oder der Arbeite raussperrung eine Gefährdung der Sicherheit des Reiches eingetreten..., so ist auf Zuchthaus bis zu drei Jahren, gegen die Rädelsführer bis zu fünf Jahren zu erkennen.“
Daß man aber nicht die Arbeitgeber, sondern die brutal gemaßregelten Arbeiter in's Zucht⸗ haus stecken würde, beweisen die Aeußerungen gut bezahlter Preßsöldlinge der Kapftalistenklique, welche die Thatsachen in schamlos verlogener Weise verdrehen und den Arbeitern die Schuld an der— Aussperrung aufbürden. So versteigen sich die Leipziger Neuesten Nachrichten zu folgender bodenlosen Frechheit:
„Aus der ungerechtfertigten Lohaforderung der Arbeiter einer Hamburger Werft ist ein allgemeiner Werftarbeiterausstand geworden, der auch bereits nach anderen Seestadten übergegriffen hat. So konnten die(für China bestimmten) Schiffe nicht rechtzeitig fertig⸗ gestellt werden.... Ju dem so leichtfertig totgeschla⸗ genen Gesetz zum Schutze der Arbeitswilligen war gerade die schärfste Strafe für soiche Fälle aus⸗ gesprochen, wo es sich um die höchste Gefährdung des Allgemeinwohls handelte.... Ganz gewiß ist der aus⸗ gesprochene Vorsatz, die Mobilmachung ge— waltsam hindern zu wollen, gleichbedeutend mit Landesverrat.“
Der Staat aber stellt sich auf die Seite der Unternehmer-Millionäre. Die Marineverwaltung hat eines der Transportschiffe für die China⸗ truppen nach Wilhelmshaven bringen lassen um die darauf nöthigen Arbeiten auf der Staats— werft ausführen zu lassen. Litztere zwingen die Arbeiter auf Grund ihrer famosen Arbeits— ordnung, Streikbrecherdienste zu leisten, während die Rostecker und Stettiner auf den Privat- werften Beschäftigten, es ablehnten, ihren Ham— burger Brüderu in den Rücken zu fallen. Hier wäre es Sache der Staatsbehörde gewesen, an— statt das unpa riotische Verhalten der Unter— nehmerprotzen zu unterstützen, denselben mit Ent⸗ ziehung der Aufträge wegen ihrer Halsstarrigkeit zu drohen!
1 Von der chrißlichen Organisation. In nächster Zeit findet eine internationale Kon— ferenz christlicher Textilarbeiter statt. Als Ort ist Aachen oder M.⸗Gladbach iu Aus⸗ sicht genommen. Der Vorstand der christlichen Textilarbeiter in Krefeld hat die Vorarbeiten in die Hände genommen. Die Führer der christ— lichen Gewerkschaften sind gelehrige Schüler, denn sie ahmen die Einrichtungen der auf dem Boden des Klassenkampfes stehenden Organisationen nach.
1 Glasarbeiterstreik in Belgien. Der neu gegründete, sechstausend Mitglieder zählende Gewerkverein der Glasarbeiter im Gebiet Charleroi, kündigte nach der Frankfurter Zeitung für alle seine Mitglieder zum 1. August den Arbeitergebern, falls diese nicht die ihrer Organi⸗ sation nicht angehörigen Arbeiter entließen. Sämmtliche belgische Glashütten wollen infolge⸗ 11 voraussichtlich demnächst die Arbeiter aus⸗ perren.
1 Arbeiter⸗ Solidarität. Für die aus⸗ gesperrten dänischen Arbeiter sind nach Abrechnung der Generalkommission im vorigen Jahre aus Deutschland insgesammt 198,628 50 Mk., also fast zweihunderttausend Mark, beigesteuert worden. Davon liefen bei der Ge⸗ neralkommission der Gewerkschaften Deutschlands 141 347,87 Mk. ein, nämlich 55022 08 Mk. von den Zentralverbänden, 75 630,08 Mk. von den Gewerkschaftskartellen(darunter die Gewerk⸗ schaftskommission Berlin 22 100 Mk.) und 10 695,71 Mk. von sonstigen Vereinen und Privaten. Außerdem hat der Holzarbeiterverband direkt 15 000 Mk. nach Kopenhagen geschickt, der Verband der Handschuhmacher 3 200 Mk., der Metallarbeiterverband 22 100 Mk. und die Ortsverwaltung Berlin des Mecallarbeiter⸗ Verbands 20 567,40 Mk. Außerdem sind noch bei der Expedition des„Hamburger Echo“ für diesen Zweck 19 784,91 Mk. ei gegangen und nach Dänemark gesandt worden, so daß die Ge⸗ samtsumme der in Deutschland aufgebrachten Gelder ohne die etwa von anderer Seite direkt dorthin gesandten 218 413,41 Mk. beträgt,
Versammlungs⸗Kalender. Preßkommission. Die Gießener Mitglieder werden zu einer Sitzung auf Sonntag, den 29 Juli, vor⸗ mittags 9 Uhr in das Lokal Orbig hiermit eingeladen. Samstag, 28. Juli:
Gießen. Metallarbeiter abends 9 Uhr bei Ocbig.
Gießen. Holzarbeiter abends 9 Uhr bei Löb', „Wiener Hof“.
Montag, 30. Juli: Gießen. Schneider abends 9 Uhr bei Orbig. Briefkasten der Redaktion. W. Marburg. Vor dem Gutscheinschwindel haben wir schon früher einmal gewarnt.
K. W. Alsfeld. Frage ist nicht ganz verständlich. Auf die Verbrennung eines Körpers ist die Tem⸗ peratur der ihn umgebenden athmosphärischen Luft ohne Einfluß.
Marburg.
Sonntag, 5. August er., Nachm. 4 Uhr,
Gr. Galdfesst
der Marburger Gewerkschaften in
Dammels erg. Konzert, Kinderspiele und Tanz. Abends: Lampionzug nach dem Schloßgarten, dortselbst
Tanzkränzchen. Karten à 1 Mk.(1 Dame frei) für Nachmittag und Abends sind bei Kommissionsmitgliedern zu haben. Eintritt zum Waldfest für Herren 30 Pfg., für Damen 15 Pfg. Hierzu ladet freundlichst ein die Gewerkschaftskommission. NB. Bei ungünstiger Witterung findet das Fest in den Räumen des Schloßgartens statt.
Lollar.
Deutscher Metallarbeiter-Verb and Sektion Lollar. Sonntag, 29. Juli, Nachm. 3 Uhr,
im Lokale des Herrn Weinrich
0. Stiltungskest
bestehend in Konzert, Vorträgen und Tanz. Festrede gehalten vom Stadtverordneten Eduard Krumm, Gießen. Eintritt 20 Pfg. Eintritt 20 Pfg.
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