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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 31.

brauchen. Fragen denn die Metzger, Bäcker, Kohlenhändler, Kaufleute usw. bei Lohnbewe⸗ gungen jemals danach, ob die Arbeiter ihre Familien auch anständig ernähren können? Sie scheeren sich den Teufel darum! Und darum kann es auch der Arbeiterklasse ganzschnuppe sein, ob hier und da ihre Solidarität jemand wirtschaftlich schädigt. Auf sie wird niemals Rücksicht genommen, und deshalb empfehlen wir ihr auch, die ganze Rücksichtssosigkeit des Unter⸗ uehmertums im wirtschaftlichen Kampfe zu er⸗ wiedern. Wo sind Leute in der Arbeiterbe wegung, die den Mut haben den Anfang zu machen? Wollen die Arbeiter denn ewig den Am bos im Wirtschaftsleben sein? Sie können Hammer werden, wenn sie einig sind und auf genossenschaftlichem Wege den fortge setzten Preistreibereien die Spitze bieten. Gewerkschaftskartell Gießen.

Von der letzten Sitzung haben wir noch nachzutragen, daß die Anschaffung einer größeren Anzahl Exemplare von der Broschüre von Kressin:Die deutsche Gewerkschaftsbewegung, sowie der im Druck erschienenen Berliner Rede Bebels über die Gewerkschaftsfrage zur größeren Verbreitung unter den Gewerkschaftsmitgliedern beschlossen wurde. Wir empfehlen letzteren deren Erwerbung und Studium aufs angelegentlichste.

Der Handschuhmacherstreik in Wetzlar ist endlich beigelegt worden. Arbeitgeber wie Arbeiter behaupteten in diesem Kampfe lange Wochen hindurch hartnäckig ihren Standpunkt. Verhandlungen, die in der letzten Zeit gepflogen wurden und an welchen sich der Verbandsvor⸗ sitzende der Handschuhmacher, sowie einige Stadt⸗ verordnete beteiligten, führten zur Verständigung. Das Resultat ist ein für die Arbeiter günstiges.

Gehaltsfrage der Volksschullehrer.

Es wird berichtet:

Eine in Schotten abgehaltene Versa m m⸗ lung der Volksschullehrer des Groß- herzogtums, die von etwa 250 Lehrern besucht war, beschäftigte sich mit der vorerst von dem Landtage unerledigt gebliebenen Besoldungs⸗ vorlage. Nach eingehender Diskussion, an der die Landtagsabgeordneten Backes und Weidner teilnahmen, und die Einmütigkeit in der dankbaren Anerkennung des Wohlwollens der Majorität der zweiten Kammer gegen die Lehrer ergab, gelangte eine Resolution zur An⸗ nahme, in der die Regierung gebeten wurde, die Gehaltsangelegenheit noch in diesem Herbst wiederholt zur Verhandlung zu stellen. Uebrigens scheint nun auch das Centrum einzusehen, daß sein bisher vertretener Standpunkt, es könne in der laufenden Session nichts mehr in der Lehrer besoldungsfrage geschehen, unhaltbar ist. Das Hauptorgan des hessischen Centrums kündigt an, daß die Centrumsfraktion demnächst zusammen⸗ treten werde, um Mittel und Wege zu beraten, wie eine Erledigung der Angelegenheit in der Herbsttagung der Kammer ermöglicht werde. Es wundert uns, daß die Lehrer Herrn Backes, der sich vor der Regierung zurückzog und seinen eigenen Antrag preisgab, nicht Vorhaltungen wegen dieses Verhaltens machten. Wären in der damaligen Kammerverhandlung Herr Backes und die nationalliberalen und antisemitischen Ab- geordneten so wie unsere Genossen auf ihren früher gefaßten Beschlüssen stehen geblieben und hätten nicht vor dem Finanzminister die Segel gestrichen, so hätte sicher die Regierung nach- gegeben und die Sache wäre zur Zufriedenhrit der Lehrer erledigt!

Kastengeist.

In Bezug auf das herkömmlicheJugend fest das nächste Woche in Gießen stattfindet, wird uns geschrieben:

Die Lehrer der höheren Töchterschule nehmen dieses Jahr nicht an dem Kinderfeste offiziell teil. Als Grund geben die Herrn an, daß das Zusammenleben der höheren Töchter mit den Besuchern des Gymnasiums ꝛc. in früheren Festen zu Unannehmlichkeiten geführt habe, für die sie,(die Lehrer) nicht wieder die Verantwortung übernehmen wollen.

Ist dies der wirkliche Grund, dann ist er

allzusehr geeignet, dieErziehungsresul⸗ tate in einem merkwürdigen Lichte zu zeigen; es gibt aber auch Leute genug, welche die Nicht⸗ teilnahme der verehrten Herrn mit einem etwas chinesisch angehauchten Kastengeiste in Zusammenhang bringen, auch unter den Höheren soll es Leute geben, welche ihre Töchter nicht gerne mit demgewöhnlichen Volke imZuge zusammensehen. Die mordspatriotische Poesie

schießt anläßlich des Chinakreuzzuges üppig in die Halme. So bringt das Wiesbadener Neue Sonntagsblatt(Ne. 29) folgenden schönen poe tischen Erguß eines Obersten Frhrn. v. Ostini:

Nicht eher Dir der Lorbeer ward

Des Siegers darfst du ruhn,

Nicht eh für jedes Tröpflein Blut

Daß Schurkenhand vecgoß

Aus Feindesherzen eine Flut

Hin auf die Wahlstatt floß.

Euch Wackre! euch am fernen Strand

Nehm Gott in seinen Schutz usw.

Wir meinen daß es recht deplacirt ist, den lieben Gott für ein so blutgieriges Programm um Hülfe anzurufen, sintenmalen er doch derGott des Friedens sein soll.

Ferner begeistert sich die anttsemitische deutsche Wacht in Dresden zu folgenden Versen:

Und ostwärts flattern uns're Sturmesfahnen,

Bis wir vor Euch gesichert Heim und Herd,

Bis sich's erfüllt: Europa den Germanen! Das walte Gott und unser deutsches Schwert!

Sollten die doch auch noch in Europa woh nenden Romanen, Slaven usw. hinaus geworfen werden?

Aus Konitz.

Das Verfahren gegen den Metzgermeister Hoffmann wegen Teilnahme an der Ermordung des Gymnasiasten Winter ist nunmehr wegen mangelnde Beweise eingestellt. Eine Reihe Per⸗ sonen, die als Zeugen vernommen, jüdische Ein wohner grundlos beschuloigt hatten, sind wegen Meineids verurteilt worden.

Verschiedene antisemitische Versammlungen in Berlin beschäftigten sich mit der Konitzer Mordsache und auch der berühmte Dreschgraf Pückler hielt seine bekanntenblumenreichen Reden. Gegen einige in diesen Versammlungen aufgetretene Redner ist nunmehr Anklage wegen Aufreizung verschiedener Bevölkerungs- klassen erhoben worden.

Zur Nachahmung empfohlen.

Unser Hamburger Parteiorgan, dasHam burger Echo hatte im Monat Juni 26,000 Abonnenten. Durch die Thatkraft det Hamburger Genossen ist die Abonnentenzahl in diesem Monat auf rund 33,000 gestiegen. Außerdem findet von der Sonntagsnummer ein ziemlich umfang⸗ reicher Einzelverkauf statt. Die Arbeiter unseres Kreises sollten sich daran ebenfalls ein Beispiel nehmen!

Das opferwillige Unternehmertum.

Die große und sehr gut prosperierende Jute⸗ spinnerei und-Weberei in Schiffbeck in Schleswig hat in den letzten vier Jahren eine Steuersumme von 18000 Mark zu wenig bezahlt. Der Vorgang soll auf einVersehen zurückzuführen sein, das erst in letzter Zeit vom Gemeindevor stand entdeckt wurde. Für die Gemeindemit glieder des kleinen Städtchens brachte dieses Ver sehen in den letzten Jahren regelmäßig einen Steuerzuschlag von 10 Prozent. Dem Wetz⸗ larer Anzeiger, der die Opferwilligkeit der In dustriellen nicht genug zu loben weiß, empfehlen wir dieses Vorkommniß zur geneigten Beachtung. Das verkrachte antisemitische Wirts haus.

Wir lesen in derKleinen Presse: Der be⸗ kannte Antisemit Emil Bodeck in Berlin hat mit seinemDeutschen Wirthshause keine guten Ge schäfte gemacht. Die drei Gasthäuser, die er nacheinander in der Friedrichstraße, am Bahn⸗ hof-Börse und in der Dresdenerstraße gegründet, ließ er bald in andere Hände übergehen und er richtete dann denDeutschen Krug in der Kro nenstraße, der indessen auch nicht zu halten war und vor Kurzem geschlossen wurde. Bodeck, der früher Schuhmacher war und Schwiegersohn

von Ahlwardt ist, burde durch seinen wirth⸗ schaftlichen Niedergang gemüthskrank und mußte dieser Tage eine Heilanstalt im Harz aussuchen.

Pfäffische Unduldsamkeit.

In Zittau in Sachsen sollte die Beerdigung der Witwe Menzel stattfinden, die vermutlich in einem Anfall geistiger Umnachtung mit ihren drei jüngsten Kindern den Tod in den Fluten gesucht und gefunden hatte. Da die Angehörigen darauf bestanden, daß die Mutter mit ihren Kindern gemeinsam bestattet wird, so hat die Geistlichkeit jede Teilnahme an dem Begräbnis versagt. Wozu sich pfäffische Intoleranz nicht alles versteigt!

Ein ähnlicher Fall christlicher Nächstenliebe wird aus Voldöpp(Tirol) berichtet. Nahe bei diesem Orte erhängte sich der 83 jährige Armenhäusler Jakob Madl. Der alte Mann hate sich bis vor zwei Jahren durch seiner

Hände Arbeit als Knecht mühselig durchgebracht.

Nun war ihm dies nicht mehr möglich. Dazu war ihm sein Sohn, ein illegitimes Kind zwar, der aber seinem Vater herzlich zugeihan war und von dem deeser in seinem Alter Versorgung er warten konnte, vor zwei Jahren kurz nach Ab- leistung des Militärdienstes gestorben. Alles das griff den Alten so an, daß er schwermütig

und kindisch wurde, und er verübte den Selbst⸗

mord. Und um dem traurigen Erdendasein des Greises den rechten Abschluß zu geben, wurde er auf Veranlassung des Voldöpper Pfarrers Tragseil in einer Ecke des Friedhofes gerade so, wie man ihn gefunden hatte, ohne Sarg und ohne Sang und Klang in eine Grube geworfen und diese sofort zugeschüttet.

Vorsicht bei Umgang mit Hunden.

In der chirurgischen Privatklinik des Dr. med. Johannes Hahn in Mainz wurde eine Patientin operiert, bei der sich die recht selten vorkommende sogenannte Echinokockenkrank⸗ heit der Leber vorfand. In vier von ein⸗ ander getrennten Hohlräumen, von denen der größte fast die Größe eines Kindeskopfes hatte, wurden außer dem darin enthaltenen fauligen Eiter tausende von Echinokockusblasen(Blasen⸗ würmer) von Linsen bis fast Faustgröße vor⸗ gefunden. In diesen entwickeln sich unzählige Köpfe des Hundeband wur ms(Echinokockus). Da der Hund der Träger dieser Parasiten und

somit der Vermittler der schrecklichen Echinokocken⸗

krankheit ist, die in der Leber, dem Gehirn und in anderen Organen zur Ausbildung kommen kann, so dürfte die Mahnung berechtigt sein, mit Hunden in nicht allzu nahe Berührung zu kommen. Die Operation nahm einen glatten Verlauf und es ist Aussicht vorhanden, daß die Patientin wieder hergestellt wird. In vielen Fällen nimmt sonst diese gräßliche Krankheit einen tödtlichen Verlauf.

Aus dem Wahlkreise Marburg⸗ Kirchhain.

Marburg, 26. Juli.

St. Am nächsten Sonntag, den 5. August, veranstalten die hiesigen Gewerkschaften, wie all⸗ jährlich, ein großes Waldfest im herrlich ge⸗ legenen Dammelsberg. Für Unterhaltung ist durch Konzert einer gut besetzten Kapelle, sowie Kinderbelustigungen verschiedener Art und Tanz reichlich gesorgt, ebenso für gute Speisen und Getränke. Hoffentlich wird uns Gott Pluvius keinen Strich durch die Rechnung machen, sodaß unser diesjähriges Waldfest einen ebenso glänzenden Verlauf nehmen wird, wie das vor jährige. Abends findet ein Lampionzug durch

die Straßen der Stadt nach dem Schloßgarten

statt, woselbst die Feier durch ein Tanzkränzchen beschlossen wird. Bei ungünstiger Witterung findet das Fest von nachmittags ½¼4 Uhr ab im Schloßgarten statt. Unsere Parole muß des halb am nächsten Sonntag lauten: Auf, zum Dammelsberg!

W. Gewerkschaftliches. Eine öffent⸗

liche Versammlung der Schuhmacher tagte am Montag, 23. Juli, im Lokale des Herrn Jes⸗ berg. Der Besuch war ein guter zu nennen

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