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Nr. 31.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Seite 3.

Opferwilligkeit, die verschwenderische Großmut eines Flottenlieferanten gegenüber seinen Arbeitern.

Im Krankenkassenwesen at die hessische Regierung auf eine Eingabe der en entschieden, daß zur Gründung von Innungs⸗ und Betriebskrankenkassen nur dann die behördliche Genehmigung erteilt werden soll,wenn dieselbe ihren Versicherten größere Vorteile bieten können, wie die Ortskrankenkassen. Das finden wir ganz in der Ordnung. Die Gründung solcher Kassen führt im Krankenversicherungswesen nur Zer⸗ splitterungen herbei und die Versicherungs⸗ pflichtigen gerathen dabei in Nachteil. Für die Unternehmer hingegen haben jene Kassin den Vorteil, daß sie erstens niedrigere Beiträge zahlen, dann aber auch darin unumschränkt regieren können. Zu ihrem Verdrusse war ihnen letzteres in den Ortskassen nicht mehr möglich, seit die organisitten Arbeiter sich reger an der Verwaltung beteiligten, die Kassen selbst zu Gunsten der Arbeiter besser ausbauten und den Einfluß der Unternehmer in das richtige Ver⸗ hältnis brachten. Darüber entrüsteten sich letztere teilweise und drohten mit Errichtung eigener Betriebskassen, Erfreulicherweise sträubt sich die hessische Regierung dagegen; die obige Bedingung werden die Arbeitgeber kaum er⸗ füllen können und auch nicht wollen.

Sünder im Kriegerverein.

t in die Kriegervereine, die doch ein e Bollwerk gegen die vaterlandslose Sozialdemokratie sein sollen, dringt letztere mehr und mehr ein. So waren in Plaue bei Boe stadt(Thüringen) eine Anzahl e 55 Kriegervereins wegen ihres Verhaltens 10 er letzten Landtagswahl ausgeschlossen 2 19 Sämtliche Betroffenen, auch die beiden Mit⸗ glieder, die in Arnstadt als sozialdemokratische Wahlmänner fungiert hatten und die schon 925 Besitz ihrer Ausschließung waren, 1 5 rufung an die Generalversammlung 1 Bei der Abstimmung ergab sich, daß fast sämt⸗ liche Anweseuden gegen eine Ausschließung 1 beiden Mitglieder waren. Der Vorsitzende 1 0 hierauf bekannt, daß er sein Amt niederlege, un gab den Vorsitz an seinen Stellvertreter.

Das Reichstagsmandat ö ür den pommerschen Kreis Randow⸗Grei en⸗ 3 9 1 Der seitherige Inhaber desselben, der konservative Landrat v. Manteuffel verstarb am 21. Juli. Er siegte 1898 mit 15 200 Stimmen gegen 10 552 sozialdemokratische und 1241 der freisinnigen Volkspartei. Unsere Partei hat sich in diesem Kreise sehr günstig entwickelt.

Ausländisches. 17

rankreich. Nationalistische Wahl- . Bei der Nachwahl in Niort erlitt der nat onalistische Kandidat Thiebaud, den Teéroulede nachdrücklich unterstützte, eine ver nichtende Niederlage. Der radikale Sozialist Gentil siegte. auch mit großem Vorsprung über den progressistischen Konkurrenten. Thiebaud, der intime Freund Derouledes, brachte es nur auf 2000 Stimmen, während sein Gegen⸗ kandidat 6000 Stimmen erhielt.

Der Krieg mit China.

Briefsperre. f J

Obgleich wir uns offiziell nicht mit China im Kriegszustande befinden, hat Graf Bülow zu einer Kriegsmaßregel gegriffen, indem er der chinesischen Gesandtschaft bekannt gab, daß es ihr bis auf weiteres nicht mehr gestattet

werden könne, chiffrierte oder in verabredeter

Sprache abgefaßte Telegramme abzusenden, und daß ee e vor der Absendung dem Staatssekretär zur Genehmigung der Beförderung vorzulegen seien. Die Europäer in Peking. Noch immer hat man keine Gewißheit über

das Schicksal der Gesandten und übrigen Euro päer in Peking. Nachdem schon die Ermordung derselben in allen Einzelheiten geschildert wurde, kommen jetzt zahlreiche Meldungen, welche be sagen, daß die Ausländer in Peking mit Aus- nahme des deutschen Gesandten Ketteler wohl behalten seien. Diese Nachrichten, die von chinesischer Quelle ausgehen, begegnen starken Zweifeln. So hält man eine im amerikanischen Staatsdepartement eingelaufene Depesche des Gesandten Conger in Peking nicht für echt, trotzdem sie in der üblichen Chiffrenschrift ab gefaßt war. Man glaubt, meint dieKölnische Ztg., daß nach Erstürmung der Gesandtschaft die Chiffre aufgefunden und von den Chinesen in betrügerischer Absicht benutzt wurde. Es müßte auffallen, daß der Gesandte in seinem Telegramm nicht noch Einzelheiten hinzugefügt hat, die ganz Europa aufs höchste interessieren müßten. Aehnlich stehe es mit einem angeb lichen Telegramm des chinesischen Kaisers an den französischen Minister des Aeußeren Delcassé. Dieses besagt: Mit Ausnahme des deutschen Gesandten, der durch aufständische Leute aus dem Volke ermordet worden ist, zu deren Ausfindig machung und Bestrafung wir gegenwärtig mit Strenge vorschreiten, werden seit einem Monat alle ausländischen Gesandten durch den Hof mit Sorgfalt beschützt und sind glücklicherweise wohlbehalten.

Aus London wird vom 25. Juli gemeldet:

Amtliche Londoner Kreise erhielten nun,

ebenfalls sichere Meldungen, daß sich die Gesandten in Peking noch am Leben befinden. ein.

Ueber die bei Tientsin stattgefundenen Kämpfe berichtet der Chef des Kreuzergeschwaders: Am 14. Juli früh wurde ein Sturm auf die um⸗ wallte Chinesenstadt Tientsin durch die Japaner, Engländer und Amerikaner unternommen. Die kaum noch widerstehende Stadt kam in die Hände der Verbündeten. Auf der Ostseite dauerte am 14. Juli nachmittags noch der Kampf der Russen um den Besitz des chinesischen Lagers an. Am 15. Juli wehten auf der Citadelle im chinesischen Lager russische Fahnen, und damit war die Croberung der Stadt zu Ende. Von dem Gefecht am 13. Juli meldet Kapitän Usedom: Ich war im Hauptquartier des Vice⸗ admirals Alexejew. Wenige Stunden nach Ve⸗ ginn des Angriffs ereignete sich 600 Meter von der deulschen und russischen Infanterie eine un⸗ geheuere Explosion, sodaß viele Leute umfielen und die Maultiere der französischen Gebirgs Artillerie durchgingen. General Stößel war der einzige Leichtverwundete dabei. Er äußerte, er habe nie bessere Soldaten, als unsere Matrosen gesehen. Stößel hat bei allen Kämpfen um Tientsin die Russen und die Deutschen in hervor⸗ ragender Weise geführt. In der letzten Zeit hatte die immer zahlreicher auftretende chinesische Artillerie immer heftiger geschossen; sie selbst war verhältnißmäßig gut geschützt. Das deutsche Konsulat, die Bank und der Klub, wo unsere Verwundeten sich befanden, wurden fast täglich getroffen.

In Tschifu verlautet, die Chinesen hätten vor ihrer Flucht aus der Chinesenstadt von Tientsin ihre Frauen getötet, damit sie nicht in die Hände der Fremden fielen.

Mit welcher Bestialität russische Soldaten die Kulturmission des Rachekrieges ausführen, ist bekannt.

Chinas Vermittelungs vorschläge.

In Beantwortung der von der chinesischen Regierung an ihn gerichteten Bitte um Ver⸗ mittelung teilte der Präsident Mac Kinley dem chinesischen Gesandten mit, er sei bereit, unter gewissen Bedingungen die Vermittelung zu übernehmen. Eine gleiche Bitte an den deutschen Kaiser übermittelte die chinesische Gesandtschaft in Berlin dem auswärtigen Amte. Darin wird u. a. gesagt: China und Deutschland haben lange in Frieden gelebt und beiderseits habe kein Mißtrauen bestanden. Neuerdings sei es zwischen der chinesischen Bevölkerung und den einheimischen Christen zu Haßausbrüchen ge

kommen, wobei unerwartet der deutsche Gesandte von den Aufständischen ermordet wurde. Die Untersuchung behufs Festnahme und Bestrafung der Mörder sei im Gange gewesen, als bei allen fremden Staaten sich der Verdacht regte, daß sich die chinesische Regierung der Bevölkerung gegenüber bei der Verfolgung der Christen in Konnivenz verhalte. Der deutsche Kaiser wird gebeten, einen Plan ins Auge zu fassen und die Leitung zu übernehmen, um die früheren fried⸗ lichen Zustände wieder herbeizuführen.

Das auswärtige Amt hat hierauf in ziem⸗ lich schroffem Ton geantwortet, daß Graf Bülow dies Telegramm dem Kaiser nicht vorlegen könne, solange nicht das Schicksal der in Peking eingeschlossenen fremden Gesandtschaften und der dortigen übrigen Fremden aufgeklärt ist, die chinesische Regierung für die frevelhafte Er⸗ mordung des deutschen Gesandten Sühne gewährt und für ein dem Völkerrecht und der Zivili⸗ sation entsprechendes künftiges Verhalten ge⸗ gende Garantie geleistet hat. 5

Der Krieg in Südafrika.

Noch immer rühren sich die Buren tapfer. Lord Roberts meldete vom 17. Juli einen ent⸗ schlossenen Angriff derselben auf die Truppen der Generale Pole-Carew und Hutton, wobei die Buren die Stellungen der Engländer mit Sturm angriffen. 1500 Mann mit 5 Geschützen durchbrachen den von den Brigaden Hunters und Rundles gebildeten Kordon zwischen Beth⸗ lehem und Ficksburg und gingen auf Lindley vor.

Eine Meldung ans Bloemfontain be⸗ sagt, daß die Buren die Eisenbahnverbindung nördlich von Honingspruit abschnitten und einen Hilfszug mit 100 Hochländern eroberten. Auf genannten Ort rückt eine bedeutende Buren⸗ truppe vor. Mit Pretoria ist jede Verbindung unterbrochen.

Weitere mehr oder weniger heftige Kämpfe haben stattgefunden und teilweise den Eng⸗ ländern nicht unbedeutende Verluste gebracht.

Bis zum 17. Juli belaufen sich die briti⸗ schen Verluste nach amtlichen Angaben auf 32514 Mann.

FPV Genossen in Gießen! Agitiert für das Gewertlschaftsfest! FFP

Von Nah und Fern.

Mitteilungen aus unserem Leserkreise sind uns jederzeit willkommen

Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich strengste Gewissenhaftigkeit

bei Uebermittelung von Nachrichten. Wir bitten alle zum Druck bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreiben.

Wo soll das hinaus!

m. Durch eine kluge und bündige Mit⸗ theilung überraschen die Milchlieferanten die Hausfrauen mit einem Aufschlag von 2 Pfg. per Liter, d. h. 12 Prozent mehr als wie seither. Was dieses für die städtische Bevölkerung zu sagen hat, wird jede Haussrau ermessen können. Was wird eigentlich nicht teuer? Salz, Milch, Butter, Brod, Kohlen, Kleid? Seife, Soda, Wohnungsmiete alles, aber auch alles, selbst wo die Marktlage es nicht bedingt, teurer. Gegenüber all diesen Schröpf⸗ ungen wäre es wahrhaftig an der Zeit, daß auch die Konsumenten sich endlich erinnerten, daß sie doch auch gewissermaßen Menschen sind; es ist auch dringend erforderlich, daß auch sie Schritte unternehmen um aus der ihnen aufer⸗ legtenPrügeljung⸗n⸗Rolle herauszukommen. Sollte es nicht möglich sein, einen Verband zu gründen, welcher beim Bezug der notwendigsten Lebensmittel wenigstens einigermaßenregulirend eingreifen könnte? Namentlich die Ar beiter⸗ schaft hat alle Ursache einem derartigen Schritte näher zu treten; ihr der auch die bescheidenste Lohnaufbesserung von der Unter⸗ nehmersippe mißgönnt wird, die selbst von ganz unbetheiligten Gewerbetreibenden bei jeder Lohn⸗ bewegung auf gröblichste beschimpft wir), gerade ihr sollte es nahe liegen, den in ihrer Masse vorhandenen wirtschaftlichen Machtfaktor zu ge⸗