Ausgabe 
29.7.1900
 
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Nr. 31.

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Gießen, Sonntag, den 29. Juli 1900.

7. Jahrg.

Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.

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Mitteldeutsche

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Redaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr,

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Unsere teuren Kolonien.

Soeben ist der Bericht über die parlam n⸗ tarische Thätigkeit der sozialdemokratischen Reichs- tagsfraktion, von Singer verfaßt, erschienen. In demselben wird die Stellung unserer Genossen zu jedem gesetzgeberischen Gegenstand in einzelnen Abschnitten ausführlich dargelegt und begründet. Zu dem Etat für die Schutzgebiete, also der Kostenrechnung für unsere verschiedenen Plätze an der Sonne, macht der Bericht folgende Aus führungen, die gerade jetzt aktuelle Bedeutung haben.

Die Kosten, welche die vom Reich betriebene Kolonialpolitik dem Volke auferlegt, betragen im laufenden Jahr nur für die Schutzgebiete indirekte Ausgaben für die Kolonialpolitik be⸗ finden sich noch im Marineetat und in dem Gesetz für die Subvention für die Schiffe nach Asien, Australien und Afrika

33 416 710 Mark, welche, wie alle Reichsausgaben, hauptsächlich aus den Zöllen und indirekten Steueen auf⸗ gebracht werden müssen. Der Reichszuschuß für das Jahr 1900 beträgt für die Kolonien:

Ostafrika 6 700 060 Mk. Kamerun 2 063 000 P 270 000 Südwestafrika n. 7181300 e), Karolinen, Palao-Inseln, Marianen 370 000 Samoa 5 52 000 Kiautschou 9 780 000

27 267 800 Mt.

Bei den Riesenaus gaben für die Kolonial⸗ politik, welche dem Volke bisher nur stetig steigende Lasten gebracht hat, ist mit Sicherheit anzunen men, daß die Kolonien immer wachsende Zuschüsse erfordern werden und daß nicht darauf

gerechnet werden kann, daß die Kolonien sich

selbst zu erhalten im stande sein werden. Aber auch abgesehen hiervon, stehen wir der Kolonial politik ablehnend gegenüber, weil dieselbe von blutiger Abenteurerlust getragen, sich in kultur⸗ widrigen Bahnen bewegt und statt der Zivilisa⸗ tion zu dienen, brutalen und rohen Instinkten Vorschub leistet. Die Unmenschlichkeiten, die mit den Handlungen der Peters, Leist, Wehlan und Prinz Arenberg verknüpft waren, die Unmöglich⸗ keit, die sumpfigen, fieberdurchseutten Gegenden zu besiedeln und ferner die Thatsache, daß die etwa zu erzielenden materiellen Vorteile haupt⸗ sächlich doch nur den Schiffs⸗ und Kolonial- gesellschaften zu gute kommen, machen es uns zur Pflicht, so wie wir von Anfang an gegen die Kolonialpolitik gekämpft haben, auch die Weiterführung derselben nach Kräften zu ver⸗ hindern. Die Steuern der Arbeiterklasse sind nicht dazu da, für eine Politik verwendet zu werden, die wenn überhaupt Vorteile daraus erwachsen eine verschwindende Minderheit von Großkapitalisten und deren geschäftlichen Ver⸗ einigungen bereichert. Daß die Behauptung, die Kolonialpolitik brächte dem Handel und der Industrie und damit auch den Arbeitern ver⸗ mehrte Beschäftigung, vollkommen unrichtig ist, ergiebt sich aus dem bisherigen Verlauf der Dinge mit unumstößlicher Sicherheit. Wir wollen den Kaufpreis für die Karolinen, Marianen und Palaoinseln von 17 Millionen Mark hierbei ganz

die Expedition unter Kreuz band vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.-Z.-K. 4312 a.) 33½¼

außer Ansatz lassen, und nur die diesjährigen Ausgaben für die Kolonien von etwa 33 ½ Millionen Mark in Betracht ziehen.

Die Einfuhr von den Kolonien nach Deutsch land beträgt insgesamt 465 700 Mk., die Aus⸗ fuhr Deutschlands nach den Kolonien im Ganzen 10 149 000 Mk. Darunter ist jedoch das Silber, das wir zur Bezahlung für die Beamten und für die Schutztruppe u. s. w. nach den Kolonien führen, ferner sind in dieser Ausfuhr die Lebensbedürfnisse, die wir zur Unterhaltung der Beamten u. s. w. brauchen, einbegriffen. Wenn das abgerechnet wird, so ist der eigene Bedarf der Kolonien mit 2 Millionen Mk. zu becechnen. Kurz wir haben bei dem jetzigen Stande der Ein- und Ausfuhr einen Gesamt handel Deutschlands von und nach den Kolonien im Betrage von 14 766 000 Mk. bei einem Kostenaufwand von ca. 33 ½ Millionen Mk. Diese Zahlen ergeben klar und deutlich, daß ur sere Kolonialpolitik zwar für die phantasie⸗ vollsten Träume Raum läßt, aber keinerlei Ver⸗ anlassung bietet, aus den Steuergroschen der besitzlosen Kiassen die kolossalen Summen auf⸗ zubringen, die zur Aufrachte haltung und Fort⸗ führung der kolonialen Pläne erforderlich sind. So wie mit den afrikanischen Kolonien, so steht es auch mit dem jüngsten Kinde der kolonialen Utopisterei, mit Kiautschou. Die Pachtung bezw. Annexion Kiautschous wird weder politische noch wirtschaftliche Vorteile für Deutschland schaffen. Wirtschaftlich wird Deutschland mit scharfer Konkurrenz der übrigen Mächte zu kämpfen haben. Vor Allem wird die deutsche Industrie und ihre Angehörigen Techniker und Arbeiter keinen Vorteil haben, denn das Großkapital wird in Kiautschou selbst Betriebe errichten und die Eingeborenen als billige Ar⸗ beitskräste verwerten. Die Ausfuhr deutscher Industrieerzeugnisse wird also nicht nur nicht vermehrt, sondern im Gegenteil eingeschränkt und der deutsche Ausfuhrhandel verringert werden. Politisch aber giebt die chinesische Erwerbung Anlaß zu Verwickelungen und Streitigkeiten. Jetzt schon zeigen sich die Wirkungen des Ein⸗ greisensder gepanzerten Faust in Ching und das deutsche Volk muß die von Eroberungslust getragene Weltpolitik der Regierung mit schweren Opfern an Menschenleben und enormen Lasten büßen.

Bericht der hessischen Gewerbe-Juspektion für das Jahr 1899. 1. 8

In einem stattlichen Bande von beinahe 400 Seiten liegen die Berichte der vier hessischen Ge⸗ werbe⸗Inspektoren vor. Dieselben bieten ein reichhalt ges und für jeden, der sich mit wirt⸗ schaftlichen Fragen befaßt, auch interessantes Ma⸗ terial. Bekanntlich besitzt das deutsche Reich keine einheitliche Gewerbeaufsicht, den Bun⸗ desstaaten ist in der Gewerbeordnung nur die Einsetzung von Fabrikinspektoren reichsgesetzlich vorgeschrieben. Ebenso unterliegt deren An⸗ stellung und Besoldung der Gesetzgebung der Einzelstaaten. Das hat zur Folge, daß in den verschiedenen deutschen Vaterländern, die Ge⸗

(Oberhessen umfaßt, zu erwähnen.

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werbeaufsicht nicht gleichmäßig ausgebildet ist. Ueberall ist sie noch ungenügend. Alljähr⸗ lich beleuchten die sozialdemokratischen Abgeord neten diese Mängel im Reichstage, verlangen Abstellung der unseugbar vorhandenen Mißstände durch gesetzgeberisches Eingreifen, weisen nament⸗ lich auf die Notwendigkeit der Vermehrung der Aufsichtsbeamten hin. Hessen gehört mit zu den Bundesstaaten, deren Gewerbeaufsicht am weitesten vorgeschritten ist, das erkennen wir gerne an. Trotzdem genügt auch diese noch lange nicht zu wirksamem Arbeiter schutze. Im Allgemeinen zeigen aber die Berichte, wie notwendig bei der heutigen Betriebsweise und bei dem vielfachen Widerstande des Unternehmertums gegen die ge setzlichen Bestimmungen zum Schutze der Ar⸗ beiter eine energische Gewerbeinspektion ist, wie nützlich sich ferner die Anstellung der Assistentin erwiesen hat.

Wir können es in unserem Blatte nicht unter⸗ nehmen, die gesamten Berichte eingehend zu besprechen, wir müssen uns damit begnügen, das für die Arbeiter Interessanteste aus dem Berichte für den Bezirk Gie ßen, der die Provinz Aenderungen in der Organisation der Inspektion oder Wechsel der Beamten sind nicht zu verzeichnen. Wie, bisher versah Herr Engeln die Geschäfte der Inspek⸗ tion, unterstützt von der Assistentin Frl. Schu⸗ mann in Mainz. Ueber die Thätigkeit der Be⸗ amtin, die gleichzeitig den Dienst im Bezirke Mainz zu versehen hat, sagt der Bericht, daß, wenn sie auch eine Anzahl häufig vorkommende Gesetzwidrigkeiten aufdeckte, doch erhebliche Verstöße gegen gesundheitlichen und stittlichen Schutz der Arbeiterinnen nicht gefunden wurden. Weiter wird bemerkt, daß es sich jetzt noch nicht beurteilen ließe, ob der Verkehr der Assistentin mit den Arbeiterinnen selbst bisher ersprießlich war. Unter letzteren sin) weibliche Vertrauens⸗ personen nicht vorhanden, mit denen die Be⸗ amtin in direkten Verkehr hätte treten können. Wir meinen, diesen Mangel sollten die Arbeite⸗ rinnen sobald nur irgend möglich beseitigen. Durch Vertrauensleute der Arbeiterinnen könnte die Beamtin sicher auf mancherlei Mißstände aufmerlsam gemacht werden, die ihr bei dem großen Bezirk den sie zu überwachen hat, jetzt verborgen bleiben. Wenn der Offenbacher Bericht abweichend vom Gießener sagen kann, daß die Einführung weiblicher Be⸗ amten in den Gewerbeaufsichtsdienst nach den bisherigen Beurteilungen im Bezirk als ein wesentlicher Fortschritt für die Durch⸗ führung der gesetzlichen Maßnahmen bezeichnet werden müsse und sich auch sonst günstiger über die Zweckmäßigkeit und die Erfolge dieser Ein⸗ richtung aus spricht, so glauben wir, daß dieses Ergebnis wenigstens teilweise der besseren Organisation der Offenbacher Arbeiterinnen zu danken ist.

Die Gesamtlzahl der Revisionen im Be⸗ zirk beziffert sich auf 575, gegen 374 im Vor⸗ jahre. Von ersterer Z ffer entfallen 141 auf die Assistentin. Letztere war 18 mal im Bezirk und verwendete für ihre hiesige Thätigkeit von Mainz aus 68 Reisetage. Der Gewerkinspektor führte eine Revision nachts und 11 des Sonn⸗ tags aus. Von den im Bezirk bekannten 1109 gewerblichen Anlagen wurden im Ganzen 450

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