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Beilage zur Mitt
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eldeutschen Konntags-Seitung.
Ar. 18.
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Gießen, Lonntag, den 29. April 1900.
7. Jahrg.
Das Gewerksehaftshaus in Berlin.
In Berlin wurde am Ostersamstag eine Gründung der Arbeiter, ein echtes Arbeiterheim, dem Verkehre übergeben, das Gewerkschafts⸗ haus. Ein solches Unternehmen ist, abgesehen vom Auslande, auch in Deutschland nicht mehr etwas ganz Neues; speziell in Süddeutschland sind eine Reihe von Städten bereits im Besitze selbstständiger Arbeiterheime. Das Berliner Ge⸗ werkschaftshaus hat aber eine Bedeutung über das lokale Berliner Interesse hinaus und geht die gesammte deutsche Arbeiterschaft an. Wie die Bewegung in mancher Hinsicht ein Hauptstütze der Arbeiterbewegung in Deutschland überhaupt ist, so kann es auch für die Parteigenossen im ganzeu Reiche nicht gleichgültig sein, wie sich die Berliner Genossen zur Frage der Gewerkschaften und ihrer Aufgaben stellen.
Gerade in der Gegenwärtigen Zeit ist das Interesse an der Gründung des Berliner Gewerk⸗ schastshauses und die Stellung der Berliner Genossen dazu ein sehr allgemeines. Man liebt in den Kreisen unster Gegner, es so darzu⸗ stellen, als ob durch die deutsche Arbeiterwelt eine tiefe Kluft gehe; auf der einen Seite stehen die vernünftigen, ruhigen, klaren und arbeitsamen Leute, welche durch gewerkschaftliche und genossen⸗ schaftliche Organisation die Lage der Arbeiter zu heben und dadurch unsre gesammten Kulturver⸗ hältnisse zu bessern bemüht sind. Auf der andern Seite dagegen stehen die unverbesserlichen Opti- misten und phrasenreichen Maulhelden, welche an der Gegenwart verzweifeln, alles Gute erst von der Zukunft erhoffen, sich iu tönenden Reden ergehen, für jede praktische Gegenwartsarbeit aber unbrauchbar sind. Die Berliner Genossen werden von diesen merkwürdigen Arbeiterfreunden in ihrer überwiegenden Mehrzahl dieser zweiten Klasse, der unentwegt revolutibären Gruppe, d. h. im Sinne dieser lieben Freunde gesprochen, den phrasenreichen Maulhelden zugerechnet. Und diese angeblichen Maulhelden treten jetzt mit einer seit Jahren in der Stille vollzogenen Ar⸗ beit hervor, die in vollstem Maße Gegenwarts⸗ arbeit ist, und erfreuen sich des ungeteiltesten Beifalls der gesammten Berliner Genossen!
Weiter fordert das Berliner Gewerkschafts⸗ haus auch wegen der Art seiner Ausführung ein allgemeines Interesse heraus. Vor 2½ Jahren traten in Berlin die Vertreter von 30 Gewerkschaften mit dem Genossen Dr. Axons zur Gründung einer Gesellschaft zusammen, die den Bau und Betrieb eines Hauses mit Bureau⸗ räumen für Gewerkschaften und Krankenkassen, sowie geeigneten Verkehrsräumen für die Arbeiter, in Verbindung mit einer Herberge zum Zwecke hatten. Diese Pläne sind jetzt zur Ausführung gebracht worden, und zwar mit einem Kosten⸗ aufwande von acht⸗ bis neunmalhunderttausend Mark. Diese Summe ist jedoch nicht von den betheiligten Arbeitern aufgebracht worden; diese haben nur ein Gesellschaftstapital von Mk. 64 000 zusammengebracht, welches als Betriebsfonds zurückgehalten wurde; vielmehr sind die Kosten zum Kauf des Grundstücks und Bau des Hauses auf dem Wege der hypothkarischen Beleihung gedeckt worden. Die Verzinsung dieser Hyvo⸗— theken wird der Betrieb reichlich einbringen; denn sie sind unter besonders günstigen Umständen, zu 3 und 4 pzt. gegeben.
Den Löwenanteil, weit mehr als die Hälfte des ganzen Betrages, verschlingt, wie dies in großen Städten unter der Herrschaft der kapita⸗ listischen Wirtschaft und beim privaten Besitz des Grund und Bodens ja selbstverständlich ist, der für den Ankauf des Bodens erforderliche Preis. Das 3468 Quadratmeter fassende Grund⸗ stück erfordete einen Ankaufspreis von Mk. 535000, also mehr als eine halbe Million. Auf diesem Areal erhebt sich zunächst ein schönes Vorderhaus, in welchem sich eine modern ein⸗
gerichtetete große Restauration befindet, die den
Arbeitern, welche vielfach in wenig anheimeln⸗ den, dumpfen und engen Lokalen verkehren, einen angenehmen und behaglichen Verkehr gestattet. Außerdem enthält dieses Haus eine Menge von Bureauräumen, die von den Gewerkschaften und Krankenkassen gemietet sind.
Die Zentralisation der Geschäftsräume und Arbeitsnachweise bietet für die Mitglieder der Gewerkschaften und die Arbeitsuchenden ohne Weiteres eine Reihe von Vorteilen, die so klar auf der Hand liegen, daß auch eine große Zahl kleinere Gewerkschaften, welche eigene Räume nicht mieten können, von ihnen Gebrauch machen möchte. Deshalb werden in einem großen Saale besondere Tische gegen eine geringe monatliche Platzmiete zur Verfügung gestellt, in denen die kleineren Gewerkschaften ihre Zahlstellen auf⸗ schlagen können; den Arbeitsuchenden dieser Ge⸗ werkschaften steht ein gemeinsamer größerer Nebenraum zur Verfügung.
Ein Quergebäude, welches den ersten Hof abschließt, enthält einen großen und mehrere kleine Säle, sowie auch ein kleineres Versamm⸗ lungszimmer. Dieses Gebäude ist mit besonderem Luxus ausgeführt. Ein lichtes, mit einem Säulengang versehenes Vestibül nimmt den über⸗ raschten Blick beim Eingang gefangen. Eine breite Treppe führt zum Hochparterre, von wo sie nach beiden Seiten zum oberen Geschoß mit dem großen Saale geht, über welchem unter dem Dach ausgedehnte Veutilationseinrichtungen an⸗ gebracht sind. f
Große Sorgfalt ist der Einrichtung der Her⸗ berge gewidmet, die aus einem Quergebäude und zwei Seitenflügeln befteht. Das Quergebäude schließt den zweiten Hof des Grundstücks ab, während die Seitenflügel einen dritten Hof um⸗ schließen. Durch diese Anlage hat man erreicht, daß das weitläufige Gebäude von allen Seiten Licht erhält und nirgends eine dunkle Ecke oder eine dunkle Kammer vorhanden ist. Die Her⸗ berge ist für 200 Betten eingerichtet, und zwar sind die einzelnen Zimmer mit je 11, 6, 4 oder 2 Betten belegt, wonach sich auch der Preis abftuft, in den größten Zimmern mit 40 Pfg. pro Bett beginnend bis zu 75 Pfg. in den kleinsten Zimmern. Außerdem enthält die Her⸗ berge, die übrigens durch ein Portal im Vorder— gebäude direkt von der Straße aus zu erreichen ist, im Erdgeschoß eine Badeeinrichtung von elf Brausebädern und zwei Wannebädern; hinter derselben befindet sich ein Raum mit einem Des⸗ infektionsofen, wo die Kleider der Badenden einer gründlichen Reinigung unterzogen werden können. Wer je längere Zeit auf der Wander⸗ schaft zugebracht hat und weiß, wie schwer es bei den primitiven und unzulänglichen Einrich⸗ tungen der meisten Herbergen ist, seinen Körper stets rein und frisch zu erhalten, wird diese Einrichtungen besonders zu schätzen wissen.
Des Weiteren enthält das Hochparterre des Gebäudes einen schönen Restaurationssaal und einen großen Lesesaal, in welchem Speisen und Getränke nicht verabfolgt werden; hier ist also ohne jeden Kneipzwang ein angenehmer und gemütlicher, zugleich den Geist anregender Aufent⸗ halt möglich.
Das Herbergswesen will die Gesellschaft noch weiter ausgestalten. Die zu erwartenden Ueberschüsse sollen nach Tilgung einiger Hypo⸗ theken und Bildung eines Reservefonds wesentlich zur Gründung weiterer Herbergen in anderen Gegenden der Stadt verwendet werden.
So bildet das Berliner Gewerkschaftshaus einen ftolzen Bau, der Zeugniß ablegt von dem energischen Wollen und Schaffen der Arbeiter, zugleich aber auch von ihrer Macht und Kraft, die trotz aller Hemmnisse und feindlichen Unter⸗ drückungsversuche seitens der herrschenden Klassen langsam zwar aber sicher und zielbewußt vor⸗ dringt auf dem Wege der Hebung der Arbeiter⸗ Jlasse, dieser unerläßlichen und notwendigen Vor⸗
bedingung für die endgültige Durchführung der Emanzipation der Proletarier. **
* Bei der Eröffnungsfeierlichkeit
des Hauses am Ostersamstag Abend war der Andrang der Arbeiter so stark, daß man durch vorherige Kartenausgabe an die interessierten Kreise einer Ueberfüllung vorbeugen mußte. Die hohen, luftigen, hübsch dekorierten Räume waren von einer festlichen Menge bis auf den letzten Platz gefüllt. Zu Beginn der Feier sang die „Typographia“ zwei prächtige Proletarierlieder. Dann nahm Genosse Dr. Leo Arons, der kürzlich gemaßregelte Universitätslehrer, der sich die Förderung des Unternehmens in hervor⸗ ragender Weise auch in materieller Beziehung angelegen sein ließ, das Wort, um die Anwesen⸗ den im Namen des Aussichtsrates und der Gesell⸗ schafter zu begrüßen. Mit kurzen Worten schil⸗ derte er die Geschichte des nun vollendeten Hauses und die Schwierigkecten, die bei diesem Werke zu überwinden waren. Um das Unternehmen ganz zu vollenden, sei es Sache der Berliner Arbeiterschaft, das Haus mit dem rechten Geiste zu erfüllen. In diesem Sinne brachte er ein Hoch auf das Gewerkschaftshaus aus, in das die Versammelten begeistert einstimmten.
Dann sprach der Abg. Heine, in dessen Wahlkreis das Gewerkschaftshaus liegt. Das Unternehmen sei ein Beweis dafür, sagte er nach dem„Vorwärts“, daß die Arbeiter das alte Wort begriffen haben:„Die Befreiung der Arbeiter kann nur das Werk der Arbeiterklasse selbst sein.“ Schon in dem Aeußern des Hauses spreche sich der moderne Geist der Arbeiterschaft aus. Die solide Kraft, die einfache Natürlichkeit, der heitere Schmuck, dies alles seien Symbole des Geistes, der heute die Arbeiterschaft beseelt. — Die Erbauung des Gewerkschaftshauses be⸗ deute dabei kein sozialistisches Experiment. Das Unternehmen solle unbeschadet der höchsten Ziele und Ideale zeigen, was die Arbeiterschaft schon unter den heutigen beengten Verhältnissen zu leisten im stande und gewillt sei. Der Redner schließt mit einem begeistert aufgenommenen Hoch auf die Gründer und Erbauer des Hauses, nicht minder auch auf die Berliner Arbeiterschaft, die an dem Zustandekommen des Hauses doch den wesentlichsten Anteil habe.
Namens der Berliner Gewerkschaften sprach Hugo Pötzsch, der denen, die sich um die Er⸗ bauung des Gewerkschaftshauses so hohe Ver⸗ dienste erworben haben, den Dank der Gewerk⸗ schaften darbrachte. Auch wies er darauf hin, in wie eminentem Sinne die Arbeiterschaft hier „praktische Arbeit“ leiste. Das Haus werde einen bedentsamen Abschnitt bezeichnen in der Berliner Arbeiter⸗ und Gewerkschaftsbewegung. „Einigkeit macht stark!“ Die Wahrheit dieses Satzes beweise das Zustandekommen des Gewerk⸗ schaftshauses. Das habe oie Arbeiterschaft längst eingesehen. Und die Gewerkschaften würden es wahrlich nicht daran fehlen lassen, ihr schönes neues Heim mit dem rechten Geiste zu erfüllen, wie es als die Hauptsache verlangt worden sei. Ein kräftig durch den Saal brausendes Hoch auf die Berliner Gewerkschaftsbewegung schloß den offiziellen Teil der Feier.
Noch lange klangen aber die Gläser der fest⸗ lich gestimmten Männer und Frauen aneinander, und weitere Gesänge der„Typographia“ ver⸗ schönten diese denkwürdige Feier der Berliner Arbeiterschaft.
Auch die Dresdener Arbeiter haben sich ein eigenes Heim geschaffen. Kurz vor den Feiertagen wurde das in der Albrechts⸗ straße 41 belegene Lokal eröffnet. Es enthält neben einigen kleineren Sälen einen großen Ge⸗ sellschaftssaal, Gast⸗ und Billardzimmer. Die Restauration führt Genosse Wilsdorf. Jeder nach Dresden kommende Genosse kann sicher sein, im Gewerkschaftshause beste Verpflegung zu finden.
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