Ausgabe 
29.4.1900
 
Einzelbild herunterladen

lingen er ber⸗ uswär⸗ er ftei⸗ n und lebeiter hungen, gesucht. e Nuf⸗ em die ommen könnte.

d

gereine, wurde, frage, b Nau⸗ eliscen fue olgende

Nr. 18.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Seite 5.

sonders das Steckenpferd der unpolitischen Ge⸗ werkschaften; er glaubt, mit diesen die Arbeiter⸗ schaft der Sozialdemokratie abwendig machen zu können. Da scheint er denn die Mitglieder der evangelischen Arbeitervereine als brauchbaren Sauerteig angesehen zu haben, welcher die Ge⸗ werkschaften in antisozialdemokratische Gährung versetzen soll. Aber es zeigte sich, daß Herr Naumann, der stets bereit ist, der Sozialdemo⸗ kratie gute Lehren zu erteilen, als ob er allein alle Dinge vom richtigen Standpunkt beurteile, sich gründlich geirrt hatte in dem Charakter der ihm so nahe stehenden evangelischen Arbeiter⸗ vereine, ebenso gründlich wie er sich schon mehrfach über den Charakter seiner engsten nationalsozialen Kampfgenossen? getäuscht hat. Würde Herr Naumann nicht immer über den Wolken seiner krausen national⸗sozialen Theorien wandeln, sondern sich auf den realen Boden des Klassenkampfes stellen, so hätte ihn schon die Zusammensetzung der evangelischen Arbeiter⸗ vereine lehren müssen, daß er mit seinem Hoffen und Wünschen auf falschem Wege ist. Von ca. 65 000 Mitgliedern sind nämlich nur ca. 40 000 wirkliche Arbeiter. Die 25 000 Nichtarbeiter sind aber die einflußreichsten Mitglieder, darunter neben vielen Pfaffen auch Unternehmer in größerer Zahl. Denen mag eine Organisation von Arbeitern passen, solange sie dieselbe in den Händen haben; eine unabhängie Arbeiterorgani⸗ sation ist ihnen aber nicht viel weniger als ein

Greuel als Herrn v. Stumm. Und zudem sind

sie Realisten genug, um einzusehen, daß ein Inberührungbringen der evangelischen mit den sozialdemokratischen Arbeitern für die evange⸗ lischen Vereine und für den Einfluß der jetzigen Leiter derselben sehr gefährlich werden könnte. Der als Korreferent fungirende nationalliberale Reichstagsabgeordnete Fabrikant Franken⸗Schalke stellte deshalb folgenden Gegenantrag:

Der Gesammtverband der Evangelischen Arbeitervereine Deutschlands erachtet es nicht als seine Aufgabe, den einzelnen Vereinen zu em⸗ pfehlen, Gewerkschaften zu organisiren. Er über⸗ läßt es den einzelnen Mitgliedern, bestehenden Gewerkschaften, sofern solche nicht von der Sozialdemokratie geleitet werden, beizutreten. Er begrüßt lebhaft die im Reichstag angestrebten Arbeiterkammern, die dazu dienen, die Interessen der Arbeiter zu wahren und die Arbeiter wirt⸗ schaftlich zu schulen. Er erachtet solche auch als geeignet, sozialdemokratische Bestrebungen und konfessionelle Reibungen aus der Arbeiter⸗ bewegung fernzuhalten.

Die Debatte war ziemlich lebhaft und zeigte Herrn Naumann, daß er mit seiner antisozial⸗ demokratischen Sauerteigspolitik bei den maß⸗ gebenden Kreisen der evangelischen Arbeitervereine keine Aussicht habe. Er zog es deshalb vor, die Entscheidung zu vertagen. Ob er einen neuen Versuch nach der Richtung machen wird, erscheint uns fraglich, denn schließlich könnte auch er endlich einsehen lernen, daß die evangelischenArbeitervereine zu dem Zwecke in's Leben gerufen sind, der wirklichen Arbeiterbewegung Hindernisse zu bereiten.

Partei- Hachriehten.

Versammlungs⸗Kalender. Samstag, 28. April: Gießen. Sozialdemokratischer Wahlverein abends /29 Uhr Versammlung bei Orbig. Sonntag, 29. April:

Daubringen. Arb.⸗Bild.-Verein nachmittags 4 Uhr Versammiung bei Wirt Schäfer. 5

Parteitag 1900. Der diesjährige Parteitag der sozialdemokratischen Partei Deutschlands, der bekanntlich in Mainz abgehalten wird, tritt voraussichtlich schon am 16. September zusammen. Dieser frühe Termin mußte angesetzt werden, weil der Parteitag vor dem internationalen Arbeiterkongreß in Paris, der auf den 23. September einberufen ist, stattfinden soll.

Cetzte Nachrichten.

Krieg in Südafrika. Die Buren räumten nachts die Uumgebungen von Wepen er und bogen sich heute früh in nordöstlicher Richtung auf die Straße nach Ladybrand zurück.

Anterhaltungsteil.

U

Maiengruß!

Brudergruß zum ersten Mai, Allen, die da vorwärts streben, Die mit uns vor aller Welt Trotzig heut das Banner hebeu, Die mit uns hin über's Meer Reichen ihre Bruderhände, Die mit uns zum Kampfe zieh'u, Daß das Los sich endlich wende.

Weder Stamm, noch Mutterlaut Soll uns Proletare spalten, Hand in Hand, so wollen wir Unser rot Panier entfalten. Nimmer soll der Arbeit Volk Unter sich in Streit entbrennen, Nur das Kapital allein Soll es als den Feind erkennen.

Alle rufen wir zu Hauf Heut am ersten Maientage, Daß zum Himmel donnernd steigt Der gewalt'ge Schrei der Klage, Daß er alle Schläfer weckt, Alle Trägen scheucht vom Herde, Daß es für den Proletar

Endlich einmal besser werde. 8 E. Klaar.

Das blaue Wunder. Novelle von H. Zschokke.

(Fortsetzung)

Der Doktor Falk schüttelte den Kopf. Er

konnte sich von der Verwunderung kaum erholen. Den Trompeter hatte er zwar oft im Zimmer der Jungfrau Waldhorn gesehen, aber Falk, der Goethes Idee von der Wahlverwandtschaft der Menschen immer einen närrischen Einfall geheißen er hätte sich nie eine so starke Wahl⸗ verwandtschaft zwischen Trompeter und Waldhorn träumen lassen. Auch jetzt noch hielt er wenig⸗ stens die Besorgnis der Jungfrau denn so wollte die Witwe heißen für grundlos; allein sie gab ihm auf seine Fragen über ihr Befinden so sonderbare Antworten, daß er selbst zu glauben anfing. Nun freilich konnte er sich die ver⸗ schwenderische Freigebigkeit der hochbeängstigten Dame erklären, die lieber das Leben verloren, als es ertragen hätte, daß die ganze Stadt er⸗ führe, wie der erste Tugendspiegel aller Jung⸗ frauen so blind angelaufen sei. Er gab sein Ehrenwort, zu schweigen und sie vor aller Welt zu verbergen, bis sie sich wieder mit Sicherheit sehen lassen könne. Bis dahin sollte sie für krank gelten unter diesem Vorwande und besserer Pflege willen bei dem Doktor wohnen, allen Umgang abbrechen.

Die Schenkung des Landhauses neben dem Gasthofe zur Schlacht von Abukir wurde ge⸗ richtlich schriftlich ausgefertigt; das Landhaus mitten im Winter bezogen. Die jungfräuliche Dame ward darauf unsichtbar. Sie ließ sich von Suschen allein bedienen, und hatte diese selbst in das Geheimnis eingeweiht.

10. Gute Folgen.

Das heißt doch, sagte sie oft in heiteren Stunden zu Suschen, denn immer konnte sie doch nicht verzweifeln; auch that Suschen alles, was sie der Tante nur an den Augen absehen konnte, sodaß diese sich in ihrem ganzen Leben nicht so gut verpflegt und behaglich gefühlt hatte, wie im Schoße dieser glücklichen Familie;das heißt doch wahrlich sein blaues Wunder erleben, wenn einen zuletzt noch solches Schicksal trifft. Hätte ich das je denken können! Ach, siehe wohl zu, daß Du sicher stehest, auf daß Du nicht fallest! Ich war aber in allzu großer geistlicher Sicherheit! Da ward ich gestraft. O, der Trompeter! Der Trompeter!

Die Begebenheit hatte inzwischen auf Jung⸗ frau Sarah einen sehr wohlthätigen Einfluß. Aus bloßer Furcht, sich von den neugierigen

Augen ihrer ehemaligen Gesellschafterinnen und Kaffeeschwestern verraten zu sehen, entwöhnte sie sich von den Umgang derselben, und gewann reineren Vergnügungen im Kreise der Falkschen Familie Geschmack ab. Zwar hörte sie noch gar zu gern Stadtneuigkeiten, aber sie ge⸗ dachte ihrer Schwäche und verdammte nicht mehr so lieblos wie sonst; höchstens seufzte sie wie eine Gebeugte, welche, ihr eigenes Gericht scheuend, nie wieder richten wollte. Sie ward so nachgiebig, bescheiden, ja demütig, wie man nie von ihr hätte erwarten können. Die Ver⸗ setzung unter andere Menschen, Verhältnisse und Gegenstände, der heroische Entschluß, mit dem sie einen Teil ihres Besitztums weggegeben hatte; die Versicherung des Doktors, sie habe Vermögen genug, um zu leben, er wolle es ihr sicherstellen das alles verwandelte sie so durch und durch, als lebe sie in einer anderen Welt. Sie gab sogar ihr Wucherhandwerk auf, das sie ohnedies bei ihrer Entferuung von der Welt nicht mehr treiben konnte.

Unterdessen spieen die drei anderen Fakultäten Feuer und Flamme. Der Advokat Zauge und das philosophische und theologische Waldhorn machten entsetzlichen Lärm gegeneinander. Denn Jungfrau Sarah hatte ein für allemal einem jeden den ferneren Zutritt verboten, und jedem dabei gesagt, was der Advokat ausgeplaudert, sowie dem Advokaten, was der Oberprediger von ihm verraten habe. Die beiden Waldhorne ver⸗ söhnten sich zwar dem Scheine nach, aber nur um durch ihre Vereinigung desto stärker gegen den Rechtsverdreher zu sein, der alle ihre Be⸗ wegungen ausspähte, um Stoff zu einem Prozeß zu finden. Der Philosoph schrieb ein treffliches Werk über die menschlichen Leidenschaften, und der Herr Oberprediger hielt alle Sonntage die rührendsten Predigten gegen Undank, Verleum⸗ dung, Neid, Klatschsucht und Bosheit. Beide stifteten damit zwar viel Gutes, aber ihre eigne Galle lief ihnen doch dabei über.

11. Der fromme Betrug.

Inzwischen war nach der langen Winterzeit der Frühling gekommen. Die warmen Sommer⸗ tage nahten. Doktor Falk hatte schon früh ge⸗ merkt, daß sich seine Tante in der That Sorgen ohne Not gemacht. Er hatte ihr dies gemeldet und zugleich offenbart, daß ihre Kränklichkeit eine der weiblichen Schwachheiten sei. Umsonst! Die Jungfrau ließ sich ihre Einbildung schlechterdings nicht ausreden. Suschen und Falk mußten schweigen und der Tante den lächerlichen Glauben lassen, weil sie drohte, Argwohn gegen des Doktors Freundschaft zu fassen. Sie hütete meistens das Bett.

Sie macht mich bange! sagte Suschen zu ihrem Manne.Sie kommt mir zuweilen wie eine Verwirrte vor.

Das ist sie auch im vollen Sinne des Wortes! sagte der Doktor.Es ist bei ihr Hypochondrie, fixe Idee! Mit meinen Arzneien treib' ich ihre Einbildungen nicht weg. Was ist zu thun, vielleicht heil ich ihr eine Phantasie mit der andern. Ich schiebe ihr zu seiner Zeit unser Kind für das ihrige unter.

Aber wird sie das glauben?

Will sie es nicht glauben, so läßt sie es!

Nach einigen Wochen erschien Suschen nicht mehr bei Sarah so war's von den Eheleuten besprochen. Der Doktor zeigte ihr an, Sus chen habe Unglück gehabt.

Das Kind ist tot? fragte Sarah.

Allerdings! erwiderte der Doktor.

Ach sfeufzte sie

Bleiben Sie ohne Sorge, Tante!

Eines Morgens, vor Tagesanbruch, wurde die Tante auf sonderbare Art geweckt. Ihr Ge⸗ sicht ward mit Wasser besprengt; unter die Nase ihr ein stark riechendes Fläschchen nach dem andern gehalten, daß sie fast den Atem verlor.

Sarah schlug die Augen auf und sah den Doktor mit ihrer Nase beschäftigt.Gerechter Himmel, ich sterbe; ich komme um! Was machen Sie mir denn in die Nase, Vetter?

Still, Tante! Sprechen Sie kein Wort! sagte der Doktor mit bedeutungsvollem Blick.