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Seite 4.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 18.
Von Nah und Fern.
„Nationalsoziale Arbeiterfreundlichkeit“.
Unter dieser Ueberschrift wiesen wir in der letzten Nummer eine Aeußerung der nat.⸗soz.„Hilfe“ zurück, in welcher der Streik der Schuhmacher in Tuttlingen als„unberechtigt“, als„sozialdemokratische Mache“ hingeßellt wird. Unsere Zurückweisung der nationalsozialen Unterstellungen wird von der„Hessischen Landeszeitung“ als„unmotivierter und gehässiger An⸗ griff“ bezeichnet und uns nebenbei vorgeworfen, einen Artikel ihres Parteigenossen v. Gerlach ohne Nennung des Autors abgedruckt zu haben. Die„Hess. Ldsztg.“ macht keinen Versuch, einen Beweis für die Behaup⸗ tungen der„Hilfe“ zu erbringen, wir haben alse gar keine Veranlassung, unsere Kritik der unternehmerfreund⸗ lichen Stellungnahme der Nationalsozialen irgendwie ein⸗ zuschränken.— Die Angabe der Quelle unterlassen wir nie bei übernommenen Artikeln; wenn es in diesem Falle aus Versehen unterblieb, so erscheint dadurch das Verhalten der„Hilfe“ den Streikenden gegenüber durch⸗ aus nicht in schönerem Lichte.
Ein Gemaßregelter.
Der antisemitische Bürgermeister mit dem semitischen Namen Mettenheimer von Eichel⸗ sachsen, der 1898 als Reichstagskandidat in Hanau aufgestellt war, hatte in der antisemiti⸗ schen„Volkswacht“ einen sehr scharfen Artikel gegen den Justizminister Dittmar veröffentlicht,
in dem der Minister starke Beleidigungen gegen
sich fand. Gegen Mettenheimer soll deswegen ein strafrechtliches Verfahren eingeleitet sein. Jetzt wird der„Kleinen Presse“ gemeldet, daß ihm das Ortsgericht und das Standesamt ent⸗ zogen worden sind.
Aus der besseren Gesellschaft.
In der Anklagesache gegen den Bankier Saly Nördlinger vor dem Stuttgarter Schwurgericht bejahten die Geschworenen am Dienstag nach viertägiger Verhandlung, in der gegen 90 Zeugen vernommen wurden, die Schuldfrage im Sinne der Anklage unter Ausschluß mildernder Umstände worauf er wegen Vornahme unzüchtiger Hand⸗ lungen, in einer Handlung zusammentreffend mit dem Verbrechen der versuchten Notzucht, zu Zucht⸗ hausstrafe von zwei Jahren verurteilt wurde. Der vom Verteidiger gestellte Antrag auf vor⸗ läufige Haftentlassung wurde wegen Fluchtver⸗ dachtes abgelehnt.
Nr. Zwei. In Berlin wurde der Bankier Aug. Sternberg wegen der gleichen Ver⸗ brechen zu zwei Jahren Gefängnis und dreijähr. Ehrverluste verurteilt. Diesem Menschen sind mildernde Umstände zugebilligt worden.
Patriotische Betrüger und Fälscher.
Die früheren Direktoren des Vereins zur Begründung patriotischer Anstalten für Veteranen und Invaliden, Fischer und Foellmer in Berlin, wurden wegen fortgesetzter Unterschlagungen ver⸗ urteilt und sofort in Haft behalten. Fischer erhielt wegen Unterschlagung und Urkunden⸗ fälschung 1 Jahre Gefängnis, beide 2 Jahre Ehrverlust, je drei Monate wurden auf die Untersuchungshaft angerechnet.
Zum Binger Bootsunfall.
Das schreckliche Unglück bei Bingen hat die allgemeine Aufmerksamkeit wieder auf die Verkehrs⸗ verhältnisse zwischen Bingen und Rüdesheim ge⸗ lenkt. Thatsächlich sind diese Verhältnisse als die Grundursache des Unfalls anzusehen. Die beiden Trajektboote, die dort den Verkehr ver⸗ mitteln, sind ganz alter Konstruktion und stellen bereits 9 Uhr abends ihre Fahrten ein. Des⸗ halb waren die Verunglückten auch genötigt, einen Nachen für die Ueberfahrt zu benutzen. Aus Anlaß des Unglückes haben die Landtags⸗ abgeordneten Frenay und Molthan nach⸗ stehende Interpellation an die Regierung gerichtet: 1) Ist der großherzoglichen Regierung der Schiffs⸗ unfall bekannt, der sich am Abend des 17. April 1900 auf dem Rhein zwischen Bingen und Rüdesheim ereignete, und bei dem eine große Anzahl von Menschen das Leben einbuͤßte? 2) Welche Maßregeln gedenkt die groß⸗ herzogliche Regierung zu ergreifen, um den bisher durchaus unzulänglichen Trajektver⸗ kehr zwischen Bingen und Rüdesheim den dortigen regen Verkehrsverhältnissen ent⸗ sprechend zu gestalten? Ist die großherzogliche Regierung insbesondere bereit, mit der preußi⸗
schen Regierung dieserhalb in Verhandlungen einzutreten? 3) Haben die Ermittelungen der großherzoglichen Regierung dafür Anhaltspunkte ergeben, ob die polizeiliche Ueb rwachung des Verkehrswesens zwischen Bingen und Rüdesheim ordnungsmäßig gehandhabt wird?“
Das mag ganz gut gemeint sein. Nur will man wieder einmal den Brunnen zudecken, nach⸗ dem das Kind hineingefallen ist.
Eine Schiffskatastrophe auf der Weser.—
Die furchtbare Bootskatastrophe auf dem Rhein hat ein ebenso entsetzliches Gegenstück ge⸗ funden. Neun Menschen sind in der Weser ertrunken. Das schreckliche Unglück ereignete sich Freitag in der Nähe von Woltmershausen. 13 Arbeiter der Bremer Lagerhaus Gesellschaft be⸗ fanden sich auf der Heimfahrt von ihrer Arbeits⸗ stätte nach Woltmershansen. Die Jolle, die die Arbeiter aufnahm, war nur für acht Personen bestimmt. Die große Last bewirkte, daß der Rand des Bootes nur wenig über Wasser stand. Die Weser war sehr ruhig und die Fahrt erschien deshalb sämmtlichen Insassen vollständig gefahr⸗ los. Als das Boot bei dem Ende des Separa⸗ tionswerks angelangt war, wo die Strömung am Stärksten ist, passirten die Weser die beiden Schleppdampfer„Solide“ und„Germania“. Im Kielwasser des Schleppzugs schlug das kleine Fahrzeug voll Wasser und sank. Von den Insassen fandeu neun den Tod in den Wellen, während es den übrigen vier Personen mit knapper Not gelang, ihr Leben zu retten. Die Ertrunkenen waren meist Familienväter.
Aus dem Wahlkreise Marburg⸗ Kirchhain. W. Marburg, 26. April 1900.
Maifeier. Auch an dieser Stelle werden die Genossen auf die am 1. Mai, abends 8 Uhr, im Lokale des Herrn Jesberg stattfindende Fest⸗Versammlung mit nachfolgendem Kommers aufmerksam gemacht. Genosse Krumm aus Gießen wird eine der Würde des Tages ent⸗ sprechende Festrede halten und giebt sich das Komitee der Hoffnung hin, daß auch die Arbeiter Marburgs und Umgebung nicht versäumen werden, an dieser Feier zahlreich teilzunehmen, damit auch in Marburg die Demonstration für den Achtstundentag eine würdige wird. Hoffentlich wirken auch die Genossen dahin, daß auch von Seiten der Genossinnen die Feier gut besucht wird.(Siehe Inserat.) Diejenigen Pateigenossen, welche am 1. Mai die Arbeit ruhen lassen, ver⸗ sammeln sich Morgens um 9 Uhr bei C. Müller, Hirschberg 12, von da aus findet ein gemein⸗ schaftlicher Ausflug statt.
Neue gewerkschaftliche Organisa⸗ tion. Die Zimmerer Marburgs und Umgegend haben am letzten Sonntag nach einem Referat des Kameraden Vollack aus Bergen bei Hanau eine Filiale des Verbandes der Zimmerer er⸗ richtet, der sofort 32 Zimmerer beitraten. Die Versammlung selbst war außerordentlich stark besucht. Mit der Gründung dieser Filiale hat auch auf dem Lande die gewerkschaftliche Be⸗ wegung Fuß gefaßt, was freudig zu begrüßen ist.
Selbstmord. Ein Ferienkolonist der hie⸗ sigen Garnison beging am Freitag morgen in den Schießständen an der Knutzbach Selbstmord. Das Motiv der That soll Furcht vor Strafe sein, die ihm wegen Diebstahls bevorstaud.
Berichtigung. In der letzten Nummer dieses Blattes befinden sich in der Rubrik„Aus den Wahlkreise Marburg ⸗Kirchhain“ einige sinnentstellende Druckfehler; u. a. heißt der Besitzer des„Schloßgartens“ nicht Aecker sondern Becker.
Kleine Mitteilungen.
* Gießen. Eßt kein rohes Schweine⸗ fleisch! Ein an sämtliche Bürgermeistereien er⸗ gangenes Rundschreiben der Verwaltungsbehörden warnt vor dem Genusse rohen Schweinefleisches. Wiederholt wurden trichinöse Erkrankungen be⸗ obachtet, die auf den Genuß rohen Fleisches von hier zu Lande gezüchteten und gemästeten Schweinen zurückzuführen sind.
* Gießen. Der am Bau des alten Schlosses verunglückte Zimmermann Eul ist seinen Ver⸗
letzungen erlegen. Hatte das Unglück nicht durch
* Maifestzeitung. Auf die soeben er⸗ schienene Maifestzeitung möchten wir die Genossen ganz besonders aufmerksam machen und ihnen die Anschaffung derselben empfehlen. Der
strationen werden gewiß allgemein befriedigen. Das Mittelbild stellt die Einigung des deutschen Proletariats symbolisch dar.— Man beziehe die Zeitung bei H. Schneider, Gießen, Sonnenstr. 25. h- Steinberg. Eine sehe gut besuchte Versammlung der Fabrik-, Land- und Hilfs⸗ arbeiter fand hier am vergangenen Sonntag statt. Genosse Beckmann spcach über die Bedeutung der Gewerkschaftsbewegung. In einstündigem Vortrage legte er den Anwesenden die Bedeutung der Organisationen klar und zeigte an der Hand statistischer Zahlen, was die Organisationen zur Erringung besserer Lohn- und Arbeisbedingungen geleistet haben. Auch hier sei es möglich, die traurigen Lohn⸗ und Arbeitsverhältnisse zu ver⸗ bessern, wenn nur die Arbeiterschaft wolle. Sie könne es, indem sie sich zusammenschließe in den Organisationen.— In der Diskussion for⸗ derte Genosse Lindenstruth auf, dem Verbande der Fabrik- und Hilfsarbeiter beizutreten, welcher Aufforderung zahlreich Folge geleistet wurde. Die Zahlstelle zählt bereits 60 Mitglieder. Da; ist ein ganz erfreulicher Anfang. Möchten die Ar⸗ beiter endlich erkennen, daß sie vereinigt eine Macht bilden, vereinzelt aber aller Willkür des Unternehmertums peeisgegeben sind!
Arbeiterbewegung.
Der Schuhmacherstreik in Tuttlingen dauert ungeschwächt fort. Die Unternehmer ver⸗ suchen nach wie vor durch Insecate in auswär⸗ tigen Zeitun zen Arbeiter anzulocken, bisher frei⸗ lich vergeblich. Täglich werden Karten und Briefe fortgesandt, auch die dortigen Arbeiter werden besucht und teils durch Versprechungen, teils durch Drohungen zu gewinnen gesucht. Das Tuttlinger Oberamt hat die weitere Auf⸗ stellung von Streikposten untersagt, trotzdem die Behörde selbst anerkennt, daß nichts vorgekommen ist, was sie zum Einschreiten veranlassen könnte.
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Evangelische Arbeiter und freie Gewerkschaften.
Der Kongreß evangelischer Arbeitervereine, der dieser Tage in Dresden abgehalten wurde, beschäftigte sich auch mit der Gewerkschaftsfrage, wobei der bekannte nationalsoziale Pfarrer Nau⸗ mann einen Versuch machte, die evangelischen Arbeitervereine für sog. neutrale Gewerkschaften zu begeistern. Er beantragt als Referent folgende Thesen: f i
„a. Die evangelischen Arbeitervereine wahren ihren religiösen und patriotischen Cha⸗ rakter in jeder Hinsicht und sind darum nicht im Stande, alle Mitglieder eines Berufes zu gewerkschaftlicher Vereinigung zu vereinigen. Ihre praktische Thätigkeit liegt mehr auf dem Gebiet der Genossenschaft, als auf dem der Gewerkschaft. b. Da aber die evangenschen Arbeiter vereine nicht selbst Gewerkschaften in s Leben rufen können, haben sie die dringende Pflicht, ihre Mitglieder zur Teilnahme an Gewerkschaftsver⸗ bänden anzuhalten, damit nicht durch die evan⸗ gelischen Arbeitervereine der Gesammtfortschritt der Arbeiterbewegung irgendwie gehemmt werde. c. Es wird nötig sein, daß die einzelnen evan⸗ gelichen Arbeitervereine sich nach lokalen Er⸗ wägungen darüber schlüssig machen, welcher Art von Gewerkschaften oder Gewerkvereinen sie ihre Mitglieder zuführen wollen. Jedenfalls empfiehlt sich gemeinsamer Eintritt der christlichen Berufs⸗ genossen eines Ortes. d. Bei dieser Beschluß⸗ fassung darf nie aus dem Auge verloren werden, das die Herstellung allumfassender unpolitischer und unkonfessioneller Berufsverbände das letzte Ziel ist. Verbände, die diesem Ziel offen zu⸗ streben, haben den Vorzug. 5 a
Naumann der mit seinem Häuflein National⸗ sozialer aller möglichen Schattirungen bekanntlich die Sozialdemokratie„ablösen“ will, reitet be⸗
bessere Schutzvorrichtungen verhütet werden können?
sehr lehrreiche Inhalt und die sauberen Illu⸗
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gr. 15 —
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