Ausgabe 
28.10.1900
 
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Seite 6.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 44.

Unterhaltungs⸗Theil.

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*** Volkesloos.

Schau' ich, o Volk, auf Deinen Bienenfleiß,

Mein armes Volk, wie muß ich Dich bedauern! Du düngst die Erde fort mit Blut und Schweiß Und statt der Ernte hast Du Noth und Trauern.

Du thürmest auf der Schlösser stolze Pracht, Du baust das Land, durchpflügst 105 Meeres⸗ wogen, Von Deinen Schlägen wiederhallt der Schacht, Doch um der Arbeit Preis wirst Du betrogen.

Und wo ich immer auch Dein Antlitz schau', Trüb' blickt Dein Aug' und blaß sind Deine Wangen, Du trägst die Last, Dein Lebensweg ist rauh, Du giebst und giebst, um niemals zu empfangen.

H. Kämpchen.

Dunkle Mächte.

10) Roman von Elise Langer.

Und nun? Ja, liebes Weib, das kannst Du Dir an den fünf Fingern abzählen.

Du mußt Deine Stellung aufgeben

Ohne allen Zweifel. Du wirst damit auch einverstanden sein.

Gewiß, kam es nach einer kleinen Pause von Frau Kätens Lippen.Du darfst nichts gegen Deine Ueberzeugung thun. Es ist nur wegen der Eltern und

Ja, ja, mein Kind, ich weiß, es ist eine verzweifelte Geschichte aber es ist nicht zu ändern. Wir werden uns schon auf irgend eine Art heraushelfen. Du bist ja meine muthige Käte.

Er nahm sie in seine Arme, küßte sie und streichelte ihr das weiche Haar.

Ja, Du weißt, es fehlt mir nicht an Muth. Und ich kann entbehren und arbeiten. Ein Glück, daß es so schnell gekommen, da ist man noch nicht durch die guten Tage verwöhnt. Wann trittst Du aus?

Zum ersten Juli. Ich kann es nicht augen⸗ blicklich thun und muß auch meinen Vorschuß abarbeiten.

Dann werde ich mich gleich um Pensionäre, womöglich Knaben im Alter unseres Fritz, um⸗ thun. Der arme Vater, nun kann natürlich aus dem Druck seines Buches nichts werden.

Warum nicht? Warum nicht? Das wird sich alles finden; nur Geduld.

Käte mußte lachen, trotz des Ernstes der Si⸗ tuation.

Du unverbesserlicher Optimist, sagte sie und zauste ihn sanft an den Ohren.Aber nun will ich Dir auch meine Geschichte erzählen. Heute ist die Frau unseres edlen Brandt hier angekommen, um Emmy zurückzuholen, und wie es sich jetzt herausstellt, ist sie nicht von ihm geschieden.

Donnerwetter, stieß Kolweit heraus.Di⸗ rekt gesagt hat er es zwar nie, aber er ließ es einen doch glauben. Dieser Sophist! Und zu welchem Zweck? Und nur um die Saldeck zu bethören.

Sie war eben hier. Sie ist ganz gebro⸗ chen.

Kann ich mir denken. Die ist nun auch aufs Pflaster geworfen, denn bei dem Schuft bleiben kann sie doch nicht.

Ach, wenn das alles wäre!

Was denn noch?

Käte schwieg.

Ahnst Du es nicht?

Wie könnte ich denn?

Käte mußte wieder lachen, so wenig ihr auch darnach zu Muthe war.

Er blieb erwartungsvoll vor ihr stehen. Da sie nichts sagte, schüttelte er verwundert den Kopf.

Bist Du eine komische Frau. Mitten in der traurigen Geschichte fängst Du auf einmal an zu lachen und schweigst.

Ich lache über Dich, du du lieber, dum⸗ efähr begreifen. Ach, Du hast ja keine Ahnung,

mer, rührend unschuldiger Mann, rief sie, in⸗ dem sie ihn herzlich umarmte und wieder und wieder küßte.

Ja jetzt fange ich an zu begreifen, sagte er mit großen ernsten Augen.Ist es denn möglich? Das arme, bedauernswerthe Mädchen! Aber das muß die Frau erfahren. Das ist Grund genug für sie zur Scheidungs⸗ klage, und er muß das Mädchen wieder zu Ehren bringen. Ein so liebes reizendes Ge⸗ schöpf! Und er sprach mit einer Wärme und einem Eifer, als ob es gar keine Sorge um seine und der Seinigen Existenz in der Welt gäbe.

VIII.

Auch Brandt war nach Beendigung seiner Redaktionsgeschäfte nach Hause gegangen. Die forderen Zimmer fand er wie ausgestorben. Er kligelte nach dem Dienstmädchen und ließ das Fräulein zu sich bitten. Das Fräulein sein ausgeangen, sagte Ida, und hätte einen Ohn⸗ machtsanfall gehabt einen so schweren drinnen bei den Kindern, von denen die fremde Dame sich nicht fortrührte.

Ist denn heute ganz der Teufel los! rief Brandt, indem er ein Buch vom Tische aufhob und es wütend wieder hinwarf.Hat denn das Fräulein nichts hinterlassen? Keine An⸗ ordnungen für die Nacht getroffen?

Nein, Herr Doktor.

Brandt kaute ingrimmig an seinem Schnurr⸗ bart.

So erkundigen Sie sich bei der Dame, was sie ihr und den Kindern zum Abend besorgen sollen. Und für die Dame wird im Kinder⸗ zimmer ein Bett aufgestellt. Verstehen Sie? Ich gehe wieder aus.

Wollen denn der Herr Doktor nicht etwas essen? Es ist ja noch alles von Mittag da, wagte Ida schüchtern zu fragen.

So geben Sie her. Aber schnell, keine langen Facons mit Aufstecken.

Nachdem er hastig einige Bissen gegessen, griff er wieder nach Hut und Ueberrock.

Wo er eigentlich hin wollte, wußte er nicht. Er lief die Straße nach rechts und links hinauf und dann befand er sich plötzlich, er wußte nicht wie, am Kanal. Eine seltsame Unruhe hatte ihn ergriffen.Wäre sie toll genug ge wesen Er rang nach Atem.Gott, wenn das wäre! Auf einmal kam ihm ein. Hoffnugsstrahl.Sie ist mit der Kolweit befreundet, vielleicht ist sie dorthin gegangen. Die Weiber müssen ja immer gleich ihre Her⸗ zen erleichtern. Er wollte natürlich nicht zu dem jungen Paar hinaufgehen, sondern bloß bis an das Haus. Vielleicht daß er Helma begegnete. Scharfe Blicke nach allen Seiten werfend, schlug er die betreffende Richtung ein.

Kopf und Herz im verworrensten Zustande hatte Helma mechanisch den Rückweg angetre⸗ ten. Sie sah nichts um sich her. IhrBlick war ganz nach innen gewandt. Was war aus ihr geworden, die sie sich so hoch über ihren Stan⸗ desgenossinnen gedünkt hatte, weil sie den Mut gehabt, sich von deren Vorurtheile zu befreien. Was hatte es ihr genützt, sie war herabgesun⸗ ken, o Gott, so tief, so tief! Was war sie Besse⸗ res als eines jener verächtlichen Geschöpfe.

Ein unterdrückter Aufschrei entfuhr ihren Lippen. Es hatte jemand von hinten ihren Arm genommen und ihn unter den seinigen ge schoben. Es war Brandt. Er drückte ihren Arm fest an sich und ergriff ihre Hand. Sie konnte nicht daran denken, sich loszureißen.

Still, Helma, Geliebte. Was hast Du denn? Was ist denn geschehen? Du hast er⸗ fahren, was ich Dir nicht sagen wollte, aus Schonung für Dich, daß meine Ehe nicht ge⸗ richtlich, wenn auch thatsächlich geschieden ist. Aber kannst Du zweifeln, daß ich von dem Augenblicke an, in dem Du mein wurdest, un⸗ ablässig mit dem Gedanken umging, die dazu nöthigen Schritte zu thun? Unaufhörlich war ich damit beschäftigt, theueres Herz, glaube mir doch. Daß ich bei all dem, was auf mir lastet, noch nicht dazu gekommen bin, wirst Du unge⸗

wie ich gequält und gemartert werde. Ich bin

schon ganz zermürbt. Erst heute nun, Du wirst davon hören. Dazu Emmy, die mir so viel Sorge macht. O Helma, Helma, sei gut, sei nachsichtig. Vertraue mir. Was kann ich heißer wünschen, als Dich vor der Welt mein zu nennen. Nicht wahr, Du gönnst mir ein Wort, einen Blick? Er sah ihr tief in die Augen, die mit Thränen gefüllt waren, aber zu lächeln versuchten.

Seine kunstvolle Rede hatte sie bezwungen.

Hast Du bei Kolweit denn Du kommst doch von dort etwas gesagt?

Ich sagte, daß Deine Frau heute ange⸗ kommen ist. Sie haben auch geglaubt, daß Ihr geschieden wäret.

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Das ist eben das Unglück, daß Ihr mich,

alle mißverstanden habt. Ich habe nie gesagt, daß wir geschieden seien. Getrennt ist unsere⸗ Ehe thatsächlich seit länger als zwei Jahren, das kann ich Dir zuschwören.

Aber Du hast gewußt, daß wir alle im Irrthum waren und hast uns darin gelassen.

Ja, ich gestehe, ich hatte nicht den Mut, Euch aufzuklären und das ist meine Schuld. Aber ich sündigte aus Liebe zu Dir. Ich hatte Furcht Dich zu verlieren, denn meine sitten⸗ strenge Helma wäre doch zurückgebebt vor der Liebe eines verheiratheten Mannes. Vergieb mir, meine holde, süße Helma. In der Liebe wie im Kriege sind alle Mittel erlaubt. Und ich wußte zudem, daß ich mich frei machen konnte, sobald ich es wollte.

Es hängt doch nicht allein von Dir ab.

Nein, aber ich bin der Einwilligung Anais gewiß.

Es fuhr Helma wie ein Stich durchs Herz, daß Brandt seine Frau bei ihrem Vornamen nannte.

Ich bin dessen gar nicht so gewiß, sagte sie und erzählte, was sich heute zwischen ihr und Frau Brandt zugetragen hatte.

Brandt war sehr aufgebracht darüber. Das Helma so beleidigt worden, verletzte seine Ei genliebe.

Das soll nicht wieder vorkommen. Laß mich nur machen. Halte Dich ganz zurück. Ue⸗ berlasse ihr die Kinder. Ich selbst werde gleich nach Emmy sehen und mich überzeugen, ob die Anordnungen, die ich Ida gab, ausgeführt worden. f

Helma konnte sich doch nicht entschließen, zur Ruhe zu gehen, ohne im Kinderzimmer gewesen. zu sein, zumal ihr Brandt die Nachricht brachte, daß Emmy stark fiebere. Das Kind schlum⸗ merte mit halb offenen Augen und kurzem flie⸗ gendem Athem, als Helma leise eintrat; seine Mutter saß in Nachttoilette an seinem Bette.

Wollen Sie sich nicht niederlegen? fragte

Helma.Sie sind von der Reise ermüdet. Ich werde die Wache gern übernehmen! Frau Brandt dankte in steifer Manier. Helma zog sich zurück, aber niederlegen konnte sie sich nicht. In ein warmes Tuch gehüllt, setzte sie sich in eine Ecke des Sophas und überließ sich ihren Gedanken.

Gegen Mitternacht fuhr sie aus einem Halb⸗ schlummer auf. Ein leises Geräusch hatte sie ge weckt, und als sie sich erschreckt umsah, erblickte sie Emmy, die in ihrem langen Nachtröckchen mit bloßen Füßen in der Thüre stand und mit fieberglänzenden Augen nach ihr hinschaute. Im selben Moment hatte sie das Kind auch schon aufgehoben und auf ihren Schoß genommen. und nun wickelte sie es in ihren Shawl und rieb ihm die eiskalten Füßchen und streichelte es und drückte es an ihren warmen Busen. Zufrieden lächelnd schloß das Kind die Augen.

Als sie es nach einer Weile in sein Bett⸗ chen zurücktrug, bemerkte sie, daß, wie sie rich⸗ tig vermutet, seine Mutter in ihrem Stuhle eingeschlummert war. Nun hatte die Kleine aus dem Bette klettern können, ob im Fieber⸗ traum oder bei klarem Bewußtsein, wer mochte es zu entscheiden?

Durch Helmas Tritte, wie leise sie auch waren, erweckt, richtete sich die Schläferin er⸗ schrocken auf. Helma erklärte ihr das Vorge⸗

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