Ausgabe 
28.10.1900
 
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Nr. 44.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Seite 5.

Wieseck. -ch. Vorige Woche starb hier die Frau

des Genossen Lindenstruth in noch sehr ju⸗

gendlichem Alter an den Folgen des Wochen⸗ bettes. Die Beerdigung fand am Montag unter zahlreicher Betheiligung statt. Der traurige Fall L. war noch nicht einmal ein Jahr verheirathet erweckte allgemeine Theilnahme.

Nächstens findet hier eine öffentliche Versammlung statt, in welcher neben der Berichterstattung über den Pariser Kongreß der agrarische Lebens mittelwucher und auch die Welt⸗ politik zur Erörterung gelangen sollen. Der Tag ist zwar noch nicht bestimmt festgesetzt; vorläufig ist Samstag der 3. November in's Auge gefaßt. Als Redner wird Abg. David erscheinen.

Aus Wetzlar.

th. Nun wird auch Wetzlar bald über ein Denkmal für denNationalheros verfügen. Um die nicht unbedeutenden Kosten, welche die Umwandlung der Garbenheimer Warte zu einem Bismarckthurm verursacht, aufzubringen, hat der Regierungspräsident öffentliche Kollekte er⸗ laubt. Der Wetzlarer Bürger hat also die Ver- pflichtung, seinpatriotisches Empfinden durch Spendung eines(nicht zu kleinen) Geldbetrags öffentlich zu dokumentiren. Manchem wird das höchst unangenehm sein, er muß aber aus aller⸗ hand Gründen mitthun. Auf abhängige Leute wird auch bei solchen Gelegenheiten gewöhn lich eingelinder Druck ausgeübt. Unter den veröffentlichten Spenden für diesen Zweck befindet sich auch eine solche des Buderus'schen Eisenwerkes, dessen Direktors und Aufsichts⸗ rathes mit zusammen 800 Mk. Zu gleicher Zeit werden aber auf dem Werke Lohnabzüge bekannt gemacht. Das ist die Kehrseite der Me⸗ daille! Nach unserer unmaßgeblichen Meinung hätte es hübscher ausgesehen und hätte auch mehr im allgemeinen Interesse gelegen, wenn das Werk keinen Beitrag für obigen Zweck ge⸗ leistet, dafür aber die Arbeitslöhne erhöht hätte. Hoffentlich verfügen die Arbeiter über soviel Patriotismus, daß sie hungern, damit der Junker, der die Arbeiterklasse auf das Brutalste knebelte, dem Nehmen stets seliger als Geben war, der mit einem armen Arbeiter wegen einer Forderung von sechs Mark prozessirte, ein Denkmal bekommt.

Streikbrecher⸗Schicksal. Ein Handschuhmacher, der sich während des Streiks im Frühjahr als Arbeitswilliger hergab, mußte in letzter Zeit noch erfahren, wie ein solches Verhalten in den Kreisen anständiger Leute be⸗ urtheilt wird. Es hatte sich derselbe verschie⸗ dene Male zu Vereinsfestlichkeiten eingefunden, ohne daß er dazu eine Einladung erhalten hatte. Man mochte aber mit dem Verräther der Ar⸗ beitersache nichts zu thun haben und bedeutete ihm, daß er in der Gesellschaft überflüssig sei. Wir finden dies ganz in der Ordnung. Mit charakterlosen Subjekten sollen ehrliche Ar⸗ beiter keinen Verkehr pflegen. Erfreulich ist, daß auch in Wetzlar soviel Sinn für Solidarität unter den Arbeitern vorhanden ist.

Fall einer Ordnungssütze.

Ein Sozialistentödter ersten Ranges war der Gemeindevorsteher des Ortes Wietleben bei Halle, Namens Köschan. Er hat sich seit meh⸗ reren Tagen wegen vorgekommener Unregel⸗ mäßigkeiten mon seinem Wohnorte entfernt und soll seinem Leben durch Selbstmord ein Ende bereitet haben. In der letzten Zeit machte die⸗ ser Herr unseren Genossen noch besondere Schwierigkeiten wegen eines uns stets zu Ver⸗ sammlungen zur Verfügung gestellten Lokales. Dem Wirthe wurde die Polizeistunde so lange beschränkt, bis er es vorzog, Arseren Genossen den Versammlungssaal zu entziehen.

Konitz.

Eine Menge Prozesse knüpfen sich an die Konitzer Mordaffaire. So wird ein antise⸗ mitischer Berichterstatter Werner. ob das der Reichstagsabgeordnete ist, wissen wir nicht ge⸗ nau beschuldigt, Gerichtsbeamte bestochen zu haben, damit sie ihm Material aus den Akten verschafsen und ihm deshalb wegen Beamtenbe⸗ stechung und Hehlerei der Prozeß gemacht, ein Schreiber aus Beuthen, der gesehen haben will, wie Israelski den Kopf des ermordeten Winter in den See warf, soll einen Meineid geleistet

und 3 Jahre Ehrverlust beantragt.

haben und eme Verurteilung wegen Meineids ist in Konitz berrits erfolgt. Der Kaufmann Levy aus Tuchel wurde zu 1 Jahr Zuchthaus wegen wissentlichen Meineids verurteilt. Er war auf der Straße mit Hep, Hep! verfolgt worden und soll ebenfalls mit Schimpfworten geantwortet haben. Er bestritt dieses eidlich. Es kam zum Prozeß vor dem Schöffengericht, welches annahm daß beide Theile, die Hep Hep-Rufer und Levy an den Beleidigungen betheiligt seien, die Staats⸗ anwaltschaft machte darauf dem letzteren den Prozeß und die Folge war die Verurteilung. Weitere Meineids⸗ und Landfriedensbruchs⸗Pro⸗ zesse schließen sich noch an. Sie sind bezeichnend für die Kulturhöhe der Konitzer Bevölkerung. Meistens sind sie durch die antisemitischen Hetze⸗ reien hervorgerufen.

Bürgermeister Deditius, welcher gegen den Oberlehrer Hofrichter Schimpfworte gebraucht hatte, weil dieser ihm Parteilichkeit in der Winter⸗ schen Mordsache vorgeworfen hatte, wurde zu 150 Mark Geldstrafe und Oberlehrer Hofrichter 5 Widerklag: zu 50 Mark Geldstrafe ver⸗ urteilt.

Ein bemerkenswerter Prozeß

spielte sich am 19. Oktober vor dem Landgericht in Nürnberg ab. Angeklagt war der Vor⸗ stand des Krankenunterstützungsvereins Frauen stift, Genosse Philipp Wiemer, wegen Untreue und Unterschlagung von Vereinsgeldern. Wiemer stand in einem engen Freundschaftsver⸗ hältniß mit dem früheren Kassirer desselben Ver⸗ eins, Teufel, und als Wiemer einmal durch un⸗ vorgesehene Ereignisse in finanzielle Schwierig⸗ keiten geriet, wandte er sich selbstverständlich erst an seinen Freund Teufel, der ihm auch mit ver⸗ schiedenen Beträgen aushalf. Wiemer stellte da⸗ für zu größeren Sicherheit Quittungen auf em⸗ pfangene Gehaltsvorschüsse aus, und daraus wurde ihm der Strick gedreht, obwohl er alles prompt zurück ahlte. Das Geld wurde von den Hypothekzinsen genommen, die Wiemer einzunehmen und mit dem Kassirer zu verrechnen hatte; der Kassirer legte dafür eigenes Geld in die Kasse. Als nun später Teufel wegen vor Gericht fest⸗ gestellter Unfähigkeit als Kassirer abgesägt wurde, denunzierte er aus Rache dafür Wiemer, daß dieser die Hypothekenzinsen nicht rechtzeitig an ihn abgeliefert habe. Daraus entstand nun der Prozeß. Trotzdem festgestellt ist, daß der Ver⸗ ein um keinen Pfennig gekommen, daß die ganze Sache offen gemacht wurde und ins⸗ besordere der Aufsichtsrath, von allem Kenntniß hatte, wurde Wiemer zu vier Monaten G e⸗ fängniß verurteilt. Der Staatsanwalt hatte nicht mehr als 9 Monate, 8 Tage Gefängnis Revision wird eingelegt. Ein für den Denunzianten sehr unerwartetes Ergebniß hatte der Prozeß noch in der Richtung, daß gegen ihn Untersuchung wegen Betrug und Urkundenfälschung eingeleitet wird.

Aus dem Wahlkreise Marburg⸗ Kirchhain. W. Marburg, 25. Oktbr.

Von der Universität. An Stelle des Professors der Nationalökonomie, Rathgen, wel⸗ cher einen Ruf an die Un versität Heidelberg er⸗ halten und angenommen hat, tritt vorläufig der Professor der Nationalökonomie, Josef Schmöle aus Greifswald.

Herbst⸗Kontroll⸗ Versammlun- gen. Die diesjährigen Herbstkontrolversamm⸗ lungen

a für die Reservisten der Jahresklassen 1893 bis 1900(Jäger der Klasse A von Jahres- klasse 1888 ab) und für die Dispositions⸗ Urlauber,

p für die Landwehrleute 1. Aufgebots der Jahresklasse 1888 welche in der Zeit vom 1. April bis 30. September 1888 einge⸗ treten sind,

e für die zur Disposition der Ersatz⸗Behörden

entlassenen Mannschaften,. finden in Marburg auf dem Kämpfrasen für die Mannschaften der Stadt Marburg wie folgt

statt: Am Donnerstag den 8. November 1900.

a Vormittags 9 Uhr für die Landwehrleute 1. Aufgebots der Jahresklasse 1888, zwelch in der Zeit vom 1. April bis 30. September 1888 eingetreten sind, für die Reservisten der Jahresklasse 1893 bis einschließlich 1895 das sind die in der Zeit vom 1. April 1893 bis 31. März 1896 eingetretenen

Mannschaften Jäger der Klasse A Jahresklasse 1888 5 g 1

b Vormittags 11 Uhr für die Reservisten der Jahresklasse 1896 bis einschließlich 1900 für die Dispositions⸗Urlauber das sind die in der Zeit vom 1. April 1896 bis jetzt eingetretenen Mannschaften sowie die zur Disposition der Ersatzbehörden ent⸗ lassenen Mannschaften;

e Nachmittags 4 Uhr für sämmtliche Offizier⸗ Aspiranten, Unterärzte, ½ jährig gediente Sanitätsmannschaften, Unterapotheker und Militärapotheker.

An unsere Leser! Mit unserer letzten Nummer haben wir Pech gehabt. Zunächst war am Kopfe 12. statt 21. als Datum gesetzt. Ferner war die Ueberschrift derPolitischen Rund⸗ schau durchVerheben des Satzes über die RubrikNah und Fern ge⸗ setzt worden und letztere Ueberschrift weggelassen. Wir bitten wegen dieser Fehler die Leser um Nachsicht.

Parteigenossen! Angesichts des un⸗ verschämten Lebensmittelwuchers, der in den agrarischen Zollforderungen zum Ausdruck kommt, angesichts ferner der Prellereien, die an der besitzlosen Masse von den Kohlenmagnaten ver⸗ übt werden, ist der Zusammenschluß und die Aufklärung aller wirthschaftlich Schwachen eine unbedingte Nothwendigkeit. Hieran kann eine Jeder mitarbeiten. Gegen die immer schlimmere Ausbeutung anzukämpfen muß Aufgabe aller vernünftigen Leute, vor allem aber aller Ar⸗ beiter sein. Als beste und wirksamste Waffe in diesem Kampfe schätzen wir unsere Partei⸗ presse. Dieser die größtmöglichste Ver⸗ breitung zu verschaffen, ist die erste und Hauptpflicht eines jeden Genossen! Suche deß⸗ halb ein Jeder Abonnenten für dieMittel⸗ deutsche Sonntagszeitung zu gewinnen!

Versammlungs⸗Kalender. Samstag, 27. Oktober: Gießen. Sozialdem. Wahlverein Versammlung abends 9 Uhr bei Orbig. Montag, 29. Oktober.

Gießen. Tapezierer. Adends 9 Uhr: Versamm⸗ lung bei Löb. VortragRechte und Pflichten ans dem gewerblichen Arbeitsvertrag.

Briefkasten.

Z., Fulda. Ich schicke die Ztg. regelmäßig mit den anderen ab. Ne. 43 ist heute zum 3 Mal nach dort abgesandt worden. Habe an das dortige Postamt geschrieben. Hoffentlich wirds anders! Besten Gruß Sch.

Gießener Stadttheater

Sonutag, 28. Oktober 1900. 4 Uhr: Kinder⸗Vorstellung: Prinzeß Schneewittchen. u. Die sieben Zwerge. 8 Uhr: Die Räu ver. von Fr. v. Schiller.

Dienstag, 30 Oktober 190). Gastspiel von Au auste Prasch-Grevenberg:

Cyprienne.

Lustspiel in 3 Akten. Hierauf: Jephta.

Lustspiel in 1 Akt. Mittwoch, 31. Oktober 1900. Volks ⸗Vorstellung: Maria Stuart. von Fr. v. Schiller. Freitag, 2. November 1900. Zum zweiten Male: Die streugen Herren. Lustspiel-Novität in 3 Akten. e

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