Ausgabe 
28.10.1900
 
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Seite 4.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 44

3. Sollte eine andere Macht die chinesischen Komplikationen benutzen, um un⸗ ter irgend einer Form solche territo⸗ rialen Vortheile zu erlangen, so behalten

beide Kontrahenten sich vor, über etwaige

Schritte zur Sicherung ihrer eigenen Inter⸗

essen in China sich vorher unter ein⸗

ander zu verständigen.

4. Die beiden Regierungen werden diese Uebereinkunft den übrigen betheiligten Mäch⸗ ten, insbesondere Frankreich, Italien, Ja⸗ pan, Oesterreich-Ungarn, Rußland und den Vereinigten Staaten von Amerika, mitthei⸗ len und dieselben einladen, den darin nieder⸗ gelegten Grundsätzen beizutreten.

Der Vertrag richtet seine Spitze zweifellos gugen Rußland, das die Annexion der von ihm besetzten Mandschurei(großes Gebiet im Nord⸗ osten Chinas) vorbereitete. Das rußlandfreund⸗ liche Organ der Agrarier spricht sich deshalb auch abfällig über das Abkommen aus. Un⸗ ser Parteiorgan in München meint, der Ver⸗ trag beseitige vielleicht die Gefahr eines Welt⸗ kriege, lege den Grund zu einer westeuropäischen Koalition, deren Ziel die dauernde Bändigung Rußlands und seiner verhängnißvoll sich gel⸗ tend machenden Unkultur und politischen Re aktion sein müßte.

Vom Weltgeneral wird berichtet, daß er in Peking angekommen, aber an Dysenterie (Darmentzündung) erkrankt sei.

Der Krieg in Südafrika.

Präsident Krüger reiste mit dem Dampf⸗ ferGelderland von Lourenzo Marques ab. Sein Ziel soll zunächst Corsika sein. Die belgische Regierung habe Dr. Leyds mit⸗ getheilt, daß sie einen längeren Aufenthalt des Präsidenten Krüger in Belgien nicht gern sehen warde, da dessen Anwesenheit zu englandfeind lichen Kundgebungen Anlaß geben würde, die die belgische Regierung nicht dulden könne.

General Buller kehrte nach England zu⸗ rück. Es finden immer noch Kämpfe statt. So begegnete General French auf seinem Marsche vo. Carolina nach Bethel anhaltendem Wider⸗ stande und verlor 36 Mann. Auch sonst hatten die britischen Truppen in mehreren Scharen itz⸗ eln Verluste; dabei fielen insgesammt fünfzig Mann.

Von Nah und Fern.

Gießener Angelegenheiten.

Gewerkschaftsversammlung. Eines recht zahlreichen Besuches erfreute sich die am Sonntag im Orbig'schen Lokale abgehaltene Gewerkschaftsversammlung. Herr Gewerbe-In⸗ spektor Engeln hielt zunächst einen Vortrag über die Weltausstellung in Paris, der von den Anwesenden mit großer Aufmerksamkeit verfolgt wurde. Herr Engeln sprach zunächst seine Freude darüber aus, daß er dem Wunsche der Arbeiter, etwas über die Ausstellung vorzutragen, nach kommen könne. Allerdings könne das nur eine kleine Exkursion sein. In der kurzen Zeit, die ihm zu Gebote stand, war nur ein kleiner Theil der riesigen Anlage zu besichtigen möglich. Die Ausstellung, erklärte der Herr Vortragende, befindet e e e ein kleinerer Theil, die Gruppen für Eisenbahn wesen, Rettungswesen und Arbeiterwohnungen ist in Vinzennes in einer Sonderausstel lung untergebracht. Redner führte nun vor, was er in den einzelnen Gruppen besonders Be merkenswerthes gefunden habe. In der Gruppe für Erziehung und Unterricht sei her⸗ vorzuheben, daß die Fachschulen in Frank- reich zugleich mit Werkstätten verbunden seien, Theorie und Praxis ergänzten einander; erst später zeige sich, für welches Fach sich der Lehrling eigne. Im Maschinenwesen stellen alle Kulturländer aus; hervorragende Leistungen bieten aber die Vereinigten Staaten, Deutschland und England. Amerikanische Ma⸗ schinen seien mit die besten; die deutschen zeich⸗ neten sich durch Akkuratesse, gefällige Formen und ruhigen Gang aus; Schutzvorrich⸗

tungen waren nur an wenigen angebracht, vielleicht um das gefällige Aeußere nicht zu

beeinträchtigen. Wünschenswerth wäre, wenn die Maschinenfabriken gehalten würden, die Schutz⸗ vorrichtungen gleich mit anzubringen, damit die⸗ selben später nicht störend wirken, wenn der Empfänger sie auf seine Kosten anbringen lassen muß. Redner erwähnte besonders amerikanische Drehbänke mit eigenartig gehärtetem Dreh⸗ stahl, der selbst bei glühendem Zustande nicht weich wird. Dadurch können diese Maschinen eine weit stärkere Arbeitsleistung verrichten, als gewöhnliche Drehbänke. Drehspäne von respek⸗ tabler Dicke zeigte der Redner. Auch die Ma⸗ schinen zur Herstellung von Eisengittern aus einem Stück, ohne Metallverlust sind inter⸗ essant. Auch von den auf solche Art her gestellten Gittern hatte Herr Engeln Proben mitgebracht. Von elektrischen Maschinen stellen deutsche Firmen die besten aus. Diese zeichnen sich besonders durch ruhigen Gang und verhältnißmäßig geringen Kohlenverbrauch aus. In der chemischen Industrie stellen beson⸗ ders Amerika, Frankreich und Deutschland aus. Letzteres namentlich Farbstoffe. Hier erscheint als eine bedeutende Errungenschaft der künst⸗ liche Indigo, der vorher nur aus indischen Pflanzenstoffen, jetzt auf chemischem Wege herge stellt wird. Interessant sei ferner die Herstel⸗ lung flüssiger Luft. Diese habe allerdings in der Industrie noch keine Bedeutung erlangt, könne aber bei Tunnelbauten und in Bergwerks- schächten zur Verbesserung der Luft Verwen⸗ dung finden. Redner besprach dann noch weiter in anziehender Weise die Ausstellung für Hy⸗ giene und Wohlfahrtspflege, ferner der Erziehungsmittel; die Ausstellung des deutschen Reichsversicherungsamtes und noch manches andere Ausstellungsobjekt. Im An⸗ schlusse hieran schilderte er Paris mit seinem gemächlichen Leben und Treiben und die günst⸗ igen und ungünstigen Eindrücke, welche die Welt⸗ stadt auf ihn gemacht habe. Lebhafter Beifall folgte dem Vortrage. Hierauf beantwortete Herr Engeln noch mancherlei Anfragen, die an ihn gestellt wurden. Die Versammlung ging dann über zu den Berichten über die Thätigkeit des Kartells. Hierüber und über die gefaßten Beschlüsse berichten wir in nächster Nummer.

Die hier stark verbreitete Unsitte, von einem im Fahren befindlichen Eisenbahnzuge abzuspringen, hat wieder ein Opfer gefordert. Am Mittwoch früh sprang ein junger Mann aus Garbenteich aus dem von Gelnhausen, kom⸗ menden Zuge heraus und stürzte so unglücklich, daß er bald darauf verstarb.

Die Herbst⸗Kontrollversamm⸗ lungen finden für Gießen am 5. und 6 November, für Lollar am 7. und für Grünberg, Hungen und Lich am 8. und 9. Nov. statt. Im Gießener Stadttheater wer⸗ den in dieser Woche unter Anderem auch zwei Stücke von Fr. v. Schiller:Die Räuber und Maria Stuart gegeben. Wir wünschen der Sirektion, die fortgesetzt das Beste zu bieten bestrebt ist, von einem kleinen Mißgriff vor 14 Tagen(Auf eigenen Füßen) abgesehen, recht zahlreichen Besuch.

Antisemitische Rechtsbegriffe.

Wir erlaubten uns in vorletzter Nummer eine Aeußerung des Gießener Rechtsanwalts Spohr zu kritisiren, die dieser bei einer Ver⸗ handlung vor dem hiesigen S höffengericht ge⸗ than hat. Herr Spohr sagte dort, daß ein Jude vor Gericht erst beweisen müßte, daß er ein anständiger Mensch sei. Könne er das nichti so müsse das Gegentheil angenommen werden. Gegen diesen eigenthümlichen Rechtsbegriff ha⸗ ben wir uns gewandt und wenn wir diesen Aus⸗ spruch Spohrs verurtheilen, so wissen wir uns darin einig mit allen vernünftigen Leuten Selbstverständlich hätten wir dasselbe gesagt, wenn Herr Spohr oder sonst jemand sich in dieser Weise bezüglich irgend einer anderen Ka⸗ tegorie, Klasse oder Gemeinschaft von Men⸗ schen ausgesprochen hätte. Ganz ebenso hätten wir protestirt, wenn er z. B. erklärt hätte, ein Antisemit müsse erst vor Gericht beweisen, daß er ein anständiger Mensch sei ꝛc., denn Derartiges verlangt man noch nicht einmal von Zigeunern. Als Grundsatz gilt doch wohl, daß man jeden Menschen so lange für ehrlich und anständig hält, bis das Gegentheil erwiesen ist. Gewiß, im Volksmunde kursiren Sprich⸗ wörter, welche ganze Stände, Berufe, Völker, Nationen ungünstig beurtheilen. Wie oft hört

man:Was fromm ist, taugt nichts; oder: Juden sind Betrüger auch:Advokaten sind Spitzbuben und ähnliches aussprechen, trotz⸗ dem wird es im Ernste Niemandem einfallen, von einem Menschen eine Beweisführung zu verlangen, daß das seinem Stande oder Volke Nachgesagte auf ihn nicht zutrifft.

Herr Spohr merkte auch schon in der Ver⸗ handlung, daß er etwas Unverantwort⸗ liches ausgesprochen hatte, denn er wandte sich an seinen Kollegen mit der Frage, ob er das denn wirklich gesagt hätte! Trotzdem ver⸗ sucht er durch eine lange Erklärung in dem Of⸗ fenbacher Antisemitenblatte sich zu rechtferti⸗ gen und Hirschel unterstützt ihn dabei.

Was die in dieser Gerichtsverhandlung ver⸗ handelte Sache betrifft, freuen wir uns des Ausgangs, freuen uns, daß der Redakteur und der Kommis freigesprochen wurde. Diese Beiden hatten nämlich in einem Artikel in der deutschen Handelswacht die in dem Geschäft von J. Siesel(Firma Schmücker) in Gießen, Marktstraße, bestehenden Zustände beleuchtet und die von Herrn Siesel beliebte Behandlung der Angestellten kritisirt. Und das mit Recht. Wie uns nachträglich mitgetheilt wird, klagten die Angestellten sehr oft über zu lange Arbeits- zeit und über mangelhafte Kost. Auch sonst blieb für die Angestellten viel zu wünschen üb⸗ rig. Wenn der Anwalt des Angeklagten dies Alles und das Verhalten des Herrn Siesel geißelt, zollen wir ihm Beifall, wie wir dem Geschäftsinhaber die moralische Niederlage von Herzen gönnen. Seinen oben angeführten vor Gericht proklamirten Grundsatze können wir trotzdem nicht zustimmen.

Wegen unserer Stellungnahme in dieser Angelegenheit werden wir von dem Offenbacher Antisemitenorgan in der bei ihm üblichen Weise angepöbelt und unsJuden-Schutz und ähn⸗ licher Blödsinn vorgeworfen. Auch hätten wir nichts von den Angestellten erwähnt. Letzte⸗ res erklärt sich sehr einfach; in den uns zuerst zugegangenen Mittheilungen war weder davon etwas erwähnt, noch der Name des Geschäfts⸗ inhabers genannt. Uns gegen die thörichten Redereien vonJudenschutz zu vertheidigen, haben wir wahrlich nicht nöthig. Die sozial⸗ demokratische Partei und Presse ist für die In⸗ teressen der Arbeiter und Angestellten stets ein⸗ getreten, gleichviel, ob deren Bedrücker Juden oder sonst etwas waren, schon zu einer Zeit, als man an eine antisemitische Partei noch nicht dachte. Letztere scheert sich überhaupt den Teufel um die arbeitenden Klassen, man liest in ihrer Presse nie ein Wort über die schau⸗ derhaften Zustände, unter denen zum Beispiel die Landarbeiter Ostelbiens und zahlreiche andere Arbeiter seufzen. Daß die Antisemiten nie etwas für die Arbeiter gethan haben, giebt sogar ihr eigenes Braunschweiger Partei⸗ blatt zu, indem es schreibt:

Andererseits müssen wir gestehen, daß die Forderungen, die im Programme der alten deutsch⸗sozialen Reformpartei für die Arbei⸗ ter aufgestellt waren, durchaus nicht die warme Befürwortung gefunden ha⸗ ben, die z. B. den Bedürfnissen des Mittel- standes zu Theil geworden ist. Das lag an der sozialpolitischen Rückständig⸗ keit der sächsischen und Berliner Parteigenos⸗ sen, die sich zum Beispiel bei der sog. Zucht⸗ hausvorlage s. Zt. bemerkbar machte... Das muß in unserer deutsch-sozialen Partei anders werden. Wir dürfen in Zukunft uns nicht al⸗ lein mit wohlmeinenden Redensarten begnü⸗ gen, sondern wollen auch unser Programm wirklich vertreten, wenn es sich um ein die große Masse der Arbeiter betreffendes Gesetz han⸗ dN

Jawohl, ein paar windige Redensarten für die Arbeiter, wenn es gerade in ihren ju⸗ denhetzerischen Kram paßt, sonst nichts weiter! Aber die Arbeiter kennen schon ihre Pappenhei⸗ mer und den Antisemiten laufen ja auch höch⸗ stens ein Paar rückständige Handelsgehilfen nach.

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