Ausgabe 
28.10.1900
 
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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Seite 3.

Einigen Bürgerstolz

legte kürzlich die Berliner Stadtverordneten⸗ Versammlung an den Tag, indem sie es a b⸗ lehnte, der Kaiserin eine Geburtstags⸗Glück⸗ wunsch⸗Adresse zu übersenden. Dieser Beschlug wird als eine Antwort auf das sonderbare Dankschreiben aufgefaßt, welches die Kaiserin im vorigen Jahre der Sta dtverordneten-Ver⸗ sammlung zugehen ließ und in dem den Stadt⸗ verordneten Vorwürfe wegen ihres Verhaltens in kirchlichen Angelegenheiten gemacht wurden. Jeder Bürger, der noch etwas Rückgrat besitzt, wird über diesen Beschluß Genugthuung empfinden. Nicht so die anti semitischen Byzan⸗ tiner in Berlin. Sie protestirten dagegen in einer Versammlung, in welcher der berühmte Dreschgraf wieder eine Vorstellung gab die sich den vorhergegangenen würdig anreihte'

Die Apothekenverstaatlichung. kam kürzlich im Finanzausschuß der hessischen zweiten Kammer zur Sprache. Abg. Ulrich hatte einen Antrag gestellt, welcher die Ueber⸗ nahme der Apotheken durch den Staat bezweckt. Der Antra; wur de sympathisch aufgenommen und da der neue Finanzminister Gnauth sich noch vor Kurzem als Oberbürgermeister von Gießen für Errichtung einer Apotheke durch die Stadt aue sprach, so ist anzunehmen, daß er dem Antrage Ulrich's mindestens keine Schwierig⸗ keiten bereitet.

Bei den zwei Reichstagsersatzwahlen, welche am 18. Okt. stattfinden, hat unsere Par⸗ welche am 18. Okt stattfanden, hat unsere Par⸗ tei nicht ungünstig abgeschnitten. In beiden Kreisen ist eine Stichwahl erforderlich, die für uns nur im Kreise Westhavelland aus⸗ sichtsvoll 4 Sier stiegen auch unsere Stimmen um etwa 250. Unser Kandidat Peus erhielt 9509; v. Loebell(kons.) 7116; und Bode (freis.) 3426 Stimmen. Die gegnerischen Stim⸗ men insgesammt sind gegen 1898 um ca. 700 zurückgegangen. Der Ausfall der Stichwahl hängt von dem Verhalten der Freisinnigen ab, die sich bei den allgemeinen Wahlen zu den konservativen schlugen. Unser Sieg ist also zwei⸗ felhaft. Im Kreise Wanzleben gingen im Vergleich zu den 98er Wahlen unsere Stim⸗ men um reichlich 300 zurück, die gegnerischen ebenfalls um 300. Unsererseits kandidirte in diesem Kreise Genosse Gerlach, Tischler in Kal⸗ berstadt. Er erhiel 0025; Schmidt(nd 9 5166; v. Kotze(kons.) 3767 Stimmen. Die Stichwahl wird hier zeifellos zu Gunsten der Nationall beralen ausf. len.

Am 30. Okt. findet im 6. Berliner Wahl⸗ kreise die Ersatzwahl für Liebknecht statt. In diesem Kreise wurde die höchste Stimmen⸗ zahl überhaupt abgegeben; Liebknecht erhielt 1898 58 778, die Freisinnigen brachten es auf 10 603 und die Konservativen auf 15 554 St. Letztere haben den antisemitischen Stadtver⸗ ordneten Ulrich aufgestellt, während die Frei⸗ sinnigen auf eine Kandidatur Verzicht geleistet haben. Angesichts dieser Umstände ist es sehr leicht möglich, daß Genosse Ledebour nicht die hohe Stimmenzahl Liebknechts erreicht. Keine sozialdemokratische Lanbtagsmehrheit.

Im Herzogthum Gotha drohte eine so⸗ zialdemokratische Landtagsmehrheit, zur Freude der Ordnungsleute ist aber diese Gefahr glück⸗ lich abgewendet. Unsere Genossen errangen bei den Wahlmännerwahlen neun Mandate: da der Landtag nur 19 Abgeordnete. zählt, fehlte nur ein einziges Mandat zur Mehrheit. Die Möglichkeit, daß uns bei den Abgeoronsetenwah⸗ len noch ein solches zufallen würde, war in dem 14. Kreise gegeben, wo unseren 19 Wahlmän⸗ nern 23 gegnerische gegenüberstanden, von de⸗ nen 12 konservativ und 11 freisinnig waren. Die Befürchtung, daß sich einige freisinnige Wahlmänner zu unserer Partei schlas n ober sich de: Abstimmung enthalten würden, hat sich gucht bestätigt, die Wahlmänner derOrd⸗ mungsparteien hielten wacker zusammen, wie sich bürgerliche Blätter ausdrücken, wählten den

Liberalen Insatz und so blieb der Welt das Parlaments-

Schreckniß einer sozialistischen

mehrheit erspart!

Bannstrahl eines Geistlichen gegen den ehemaligen Amtsbruder. Genosse Göhre, der ehemalige Pastor, hielt kürzlich in Frankenberg(Sachsen) eine Volks⸗ versammlung ab. Im Laufe derselben erhei⸗ terte er seine Zuhörer durch die Mittheilung, daß der Pfarrer in Sachsenburg, Herr Vogel, am Vormittag in der Kirche gegen ihn Göhre, gepredigt habe. Der Pfarrer in Sachsenburg erzählte in der Predigt, daß Göhre ein alter Bekannter von ihm sei; aber nun kündige er ihm die Freundschaft. Er werde das Göhre brieflich mittheilen. Genosse Göhre er⸗ hielt auch in der Versammlung einen Brief, mit der Aufschrift auf dem Couvert:Herrn Paul Göhre, Pfarrer a. D., sozialdemokratischer Agitator. Daß die ehemaligen Amtsbrüder des Genossen Göhre nicht erbaut darüber sind, daß einer der ihren, und zwar einer der Besten, sich der Sozialdemokratie zuwandte, ist erklär⸗ lich. Göhre wird hoffentlich denvernichtenden

Schlag ohne Nachtheil überwinden. Für die Beseitigung des Reichstags⸗ wahlrechts so wie es jetzt in Geltung ist, trat auf dem hessischen Handelskammertage, der am Sonntag in Mainz stattfand, Herr Schloßmacher ein, der nationalliberale Reichstagskandidat in Offenbach im Jahre 1898. Er erhielt je⸗ doch eine gehörige Abfuhr. Vom Handels kammertag ist noch weiter erwähnenswerth, daß er sich entschieden gegen die agrarischen Zahl⸗ orderungen aussprach. Einführung einer Umsatzsteuer hat der Rath zu Dresden mit großer Mehr⸗ heit abgelehnt. Dieser Beschluß erfolgte aber keineswegs etwa aus der Erkenntniß, daß eine Umsatzsteuer rückständig und diese ein ungerecht⸗ fertigtes Mittel sei, die Arbeitsgenossenschaften zu knebeln und dem Publ kum die Kosten einer aussichtslosen Mittelstandsrettung aufzuerlegen. Von einer solchen Einsicht ist der Dresdner Stadtrath nach wie vor weft entfernt, der Dresdner Umsatzsteuergesetzentwurf ist vielmehr nur gefallen, weil die hand esgesetzliche Waaren⸗ haussteuer immer bestimmiere Form annimmt. Aus einer Ministerrede.

In seiner von uns schon in der vorigen Nummer erwähnten Rede sagte der französische Handels minister Milleraud u. a.:

Meine Politik hat mir zwei sich entgegenstehende Vorwürfe eingetragen. Die Einen sagen, ich organi⸗ sire den sozialen Krieg, die Anderen werfen mir vor, ich habe meine Ideale aufgegeben und begnüge mich mit kindischen Reformen. Beide Vorwürfe sind un⸗ berechtigt; ich bin meinem Programm, das ich 1896 in St. Mandé aufgestellt, treu geblieben.

Ich bleibe davon überzeugt, daß die Lohnarbeit ebenso wenig eine ewige Institution ist, wie es die Sklaverei und die Leibeigenschaft gewesen sind. Das Eigenthum, ohne das die Freiheit des Individuums unmöglich ist, wird, das ist meine feste Ueberzeugung, eines Tages nur unter der Form auftreten, zu der die Entwicklung des Maschi⸗ nismus und die Konzentration des Kapitals führt, d. h. unter einer gesellschaftlichen Form, allen Menschen ohne Ausnahme gehörend.

Ohne Zweifel, bis zur Verwirklichung dieser Ideen ist ein langer, schwieriger Weg; der endliche Sieg kann nur das Werk der Zeit und der Erziehung sein. Davon bin ich noch eben so überzeugt wie 1893 und 1889, als ich vor meinen Wählern erklärte, daß die Gewalt nicht ein Mittel der sozialen Umwälzung sein könne..

Nein, nein! Bürger! Weder durch einen Koup, noch durch Gewalt, nicht durch die Diktatur, sei es die einer Person oder einer Partei, nicht durch die Gewalt und den Haß erstrebt und erhält das Prole⸗ tariat seine Emanzipation. Die Arbeiterklasse wird den Sieg erringen, indem sie sich jeden Tag mehr dazu befähigt, disziplinirt und sich selbst erzieht. Die Befreiung der Klasse, das wird der Preis sein der unaufhörlichen Anstrengungen, welche ihren Lohn nicht blos in dem Gefühl erfüllter Pflicht finden, sondern auch in den Verbesserungen in der Gegen⸗ wart, die mit jedem Tage bedeutender werden.

Es ist die Pflicht, die Aufgabe der republikanischen Regierung, diesen Umwälzungsprozeß zu unterstützen. Diese Politik des Friedens, der Reformen, der gesetz lichen Organisation vertheidige ich energisch und diese Politik ist würdig Frankreichs und würdig der Republik.

Die WienerArb.⸗Ztg. sagte dazu:

Das sind klare und muthige Worte, um dereutwillen man Millerand manches nachsehen darf, was dem Sozia⸗ listen an den Handlungen der Regierung, der Millerand

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angehört, nicht gefallen mochte. Es ist ein offenes Be⸗ kenntniß zur sozialistischen Lehre, wie es noch kein eitender Staatsmann gewagt hat. Millerand ver⸗ lschmähte die Leisetreterei, der auch die fortgeschrittensten unter den bürgerlicheen Politikern, die radikalen Sozial⸗ politiker der verschiedensten Kulturstaaten, nicht entsa gen lönnen. Er macht nicht den Versuch, durch die Phrase von einemsozialen Aufstieg der Lohnarbeiterschast die Widersprüche der ke pitalistischen Wirthschaft zu verhüllen oder an die Stelle des reinen sozialistischen Gedankens einen halpschlächtigen Staatssozialismus zu setzen, der in 3 icklichkeit auf eine vervollkommnete Armenver⸗ sorgung hinausläuft. Der Sozialismus will das Grundprinzip der heutigen Wirthschaftsordnung, den Verkauf der Arbeitskraft an den Besitzer der Produktions⸗ mittel, aufheben, und Millerand stellte dieses Ziel als ebenso gewiß hin wie die Aufhebung der per⸗ sönlichen Unfreiheit. Der Emanzipation der Sklaven und der Hörigen wird die der Proletarier folgen, und wie die heuige Gesellschaft einen sozialen Zunan d als unwürdig und unmenschlich betrachtet, in dem der Mensch selbst wie eine Sache Gegenstand dis Eigen⸗ thums und des Verkehrs ist, so wird eine höher ent⸗ wickelte und im Geiste der neuen Sittlichkeit erzogene Menschheit auch das Recht der Persönlichkeit, sich zu bethätigen und zu arbeiten, nicht von der Gunst eines Anderen abhängig machen, und sie wird dem Ar⸗ beitenden das Recht auf die Früchte seiner Arbeit sichern. Wer diesen Grundsatz verkündet und zu verwirklichen anstrebt, ist ein Sozialist. Das Ziel ist allen Sozialisten gemeinsam, mögen auch die Wege, die Mittel, dem Sozialismus zum Sieg über die heutige Gesellschaft zu verhelfen, verschieden seig. Man kann daran zweifeln, ob ein Sozialist als Mitglied einer bür jerlichen Regierung erfolgreich zu wirkten vermag, man kann ihm aber, wenn er seine Prinzipien fo rück⸗ haltlos zum Ausdruck bringt, das Vertrauen zu seinem 1 und zu seinen guten Absichten niht ver⸗ agen.

Gerechtigkeit in Galizien.

Genosse Das zynski, im letzten österreichi⸗ schen Reichsrathe Abgeordneter für Krakau, wurde kürzlich von dem dortigen Gerichte zu zehn Wochen strengeu Arrest verurtheilt. Dieser Prozeß hat folgende Vorgeschichte: Im Sommer 1897 wurde im Krakauer Sommer- theater ein von einem Staatsanwalt verfaßtes Stück aufgeführt, in welchem der saubere Poet den kurz vorher gewählten Abgeordneten Das⸗ zynski in gemeinster Weise beschimpfte. Die städtische und andere Bühnen weigerteu sich, das elende Machwerk zu bringen, schließlich führte es das Sommertheater, eine Schmiere gewöhn⸗ lichster Sorte, auf. In diesem Stücke reizt nach der Vorschrift desDichters einSozialdemo⸗ krat die Bauern zum Diebstahl auf, und der Darsteller spielte seine Rolle in der täuschend nachgemachten Maske Das⸗ zynski's!

Aus diesem Anlasse kam es im Theater zu Tumulten und Genosse Daszynski wurde ange klagt, zu Widersetzlichkeiten aufgefordert zu haben. Trotz der entlastenden Aussagen der Zeugen, selbst der Polizisten, kam derunparteiische Gerichtshof zu obiger Verurtheiluug. Dadurch hoffen die Reaktionäre vielleicht, die Wiederwahl unseres Genossen bei der bevorstehenden Neu⸗ wahl zum Reichsrathe zu verhindern.

Der Krieg mit China.

Bezüglich des ferneren Vorgehens in China hat die deutsche Regierung mit der englischen eine Vereinbarung getroffen, die sich als eine Abkehr Deutschlands von der im Sommer pro⸗ flamirten Rachepolitik darstellt. Der Vertrag hat folgenden Wortlaut:

1. Es entspricht einem gemeinsamen und dauernden und internationalen Interesse, daß die an den Flüssen und an der Küste Chi⸗ nas gelegenen Häfen dem Handel und jeder sonstigen erlaubten wirthschaftlichen Thätig⸗ keit für die Angehörigen aller Na⸗ tionen ohne Unterschied frei und offen bleiben: und die beiden Regier ungen sind mit einander einverstanden, dies ihrerseits für alles chinesisches Gebiet zu be obachten, wo sie einen Einfluß ausüben können.

2. Die deutsche Regierung und die eng lische Regierung wollen ihrerseits die Ver wicklung nicht benutzen, um für sich irgend welche territorialen Vortheile auf chinesischem Gebiet zu erlangen, und werden

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