Ausgabe 
28.10.1900
 
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Seite 2.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 44.

Von unserer Parteileitung sind Vorkereitungen ge⸗

troffen, um durch Flugblätter und Pro test⸗ versam lungen die Massen aufzurütteln. Sollten

die angekündigten ungeheuren Zollsätze wirklich Auf⸗ nahme in die neuen Vorlagen finden, so dürste ein Pro⸗ tesisturm dagegen in Szene g hen, wie Deutschland ihn noch nicht eclebt hat.

Unsre Parteipresse hat den Kampf gegen den Brot⸗ wucher bisher schon mit aller Entschiedenheit geführt, sie wird ihn fernerhin steigern in dem Maße, wie die agrarische Unverschämtheit bestimmtere Forme annimmt.

An unsre Genossen im Reiche aber möchten wir die Aufforderung richten, überall die nöthigen Vorbe⸗ reitungen zu treffen für eine umfassende und mit aller Energie geführte Agitation gegen den im größten Um⸗ fang geplanten Brot⸗ und Lebensmittel⸗Wucher.

Parteigenossen, seid auf dem Posten!

Brodwucherer an der Arbeit.

Für den Zehnmark⸗Zoll auf Rog⸗ gen und Weizen im Maximal⸗Tarif trat der Direktor des Bundes der Landwirthe, Herr Dr. Hahn ein in einer Versammlung, die in Ratingen(Rheinland) kürzlich abgehalten wurde. In derselben Versammlung verlangte noch ein Direktor Götting, daß Zölle auf alle landwirthschaftliche Produkte, be⸗ sonders aber auf Milch, eingeführt werden sollen. Außerdem wurden Werthzölle auf Vieh verlangt. Das deutsche Volk soll aus⸗ gehungert werden. Es wird höchste Zeit, daß es sich auf der ganzen Linie zur Wehr setzt.

Noth der Landwirthsch aft

existirt in dem Coburger Lande nach dem Zeug⸗ niß des Ministerpräsidenten von Wittken nicht. Er erklärte in einer Rede, die er bei Eröffnung einer landwirthschaftlichen Schule in der Stadt Coburg hielt, die Coburger Landwirthschaft be⸗ finde sich in einem befriedigenden Zu⸗ stande. Die Zunahme des Viehbestandes, zahl⸗ reiche landwirthschaftliche Neubauten überall auf dem Lande legten Zeigniß ab von dem zu⸗ nehmenden Wohlstande der Coburger Landwirthe. Den agrarischen Schreiern wird die Rede des Ministers wohl nicht sonderlich ge⸗ fallen. Uebrigens sind wir auch nicht mit ihm einverstanden. Wir erkennen eineNothlage der Landwirthschaft soweit die Klein⸗ bauern und die Landarbeiter in Be tracht kommen, gerne an, daß aber Ritter⸗ gutsbesitzer sich in einer solchen befinden, müssen wir entschieden bestreiten.

Schmiererei bei den Scharfmachern.

Unser Leipziger Parteiorgan ist in der Lage, einen Brief des Sekretärs des Zentral⸗Verbandes deutscher Indrstrieller veröffentlichen, datirt aus der Zeit, als den deutschen Arbeitern die Zucht⸗ haus vorlage drohte, Schweinburg und die übrigen Soldschreiber der Scharfmacher eine un⸗ geheuere Agitation für dieselbe entfalteten und die Geheimräthe Posa dowsky's sich bemühten, die berühmteDenkschrift zusammenzustoppeln. Das geheimnißvolle Schreiben, dessen Echtheit nicht angezweifelt werden kann, lautet:

Berlin, den 3. August 1898.

Das Reichsamt des Innern hat mir persönlich gegenüber den Wunsch ge⸗ äußert, daß die Industrie ihm 12 000 Mark zum Zwecke der Agitation für den Entwurf eines Gesetzes zum Schutze des gewerblichen Arbeitsverhältnisses zur Verfügung stellen möchte. Ich habe diese Angelegenheit dem stellver⸗ tretenden Vorsitzenden des Zentral⸗ Verbandes, Herrn Geh. Finanzrath Jeucke, unterbreitet, der es aus nahe⸗ liegenden Gründen für zweckmäßig er⸗ achtet hat, dieses etwas eigenthümliche Verlangen nicht zurückzuweisen Herr Geheimrath Jeucke hat für die Firma Krupp 5000 Mark zu dem erwähnten Zweck zur Verfügung gestellt.

gez. H. A. Bueck.

Es ist angebracht, sich den äußeren Verlauf der Dinge, vor der Einbringung der Zuchthaus⸗ vorlage ins Gedächtniß zurückzurufen.

Am 17. August 1897 hielt Wilhelm[I. die Rede auf dem Sparrenberge bei Bielefeld, in welcher schwerste Strafe demjenigen angedroht wurde, der andere an frei⸗ williger Arbeit hindert. Im De⸗ zember 1897 gab Graf Posadowsky einen ge⸗ heimen Erlaß heraus, worin er die Regierungs⸗

und Polizeibeamten aufforderte, über die Streik⸗

bewegungen usw. Bericht zu erstatten. Den Erlaß veröffentlichte derVorwärts im Januar 1898. Im Juni desselben Jahres fanden die Reichstagswahlen statt. Anfangs August 1898 empfingen mehrere große Unter⸗ nehmer das oben veröffentlichte Schreiben von Herrn Bueck, dem Generalsekretär des Zentral- verbandes deutscher Industrieller. Am 6. Sep⸗ tember 1898, hielt der Kaiser einen Trinkspruch in Oeynhausen in dem es hieß, daß jeder, der zum Streik anreizt, mit Zuchthaus besteaft werden soll. Wollte das Reichsamt des Innern mit einer Agitation für die Zuchthaus⸗ vorlage einsetzen, so standen ihm doch gewiß Mittel genug zur Verfügung und es hatte nicht nöthig, den Zentral⸗Verband um lumpige 12 000 Mark anzubetteln. Floß diese Summe aber in die Tasche eines einzelnen oder einzelner Be⸗ amten, so wäre dies ja eine ganz unerhörte Korruption. Jedenfalls hat das Reichsamt des Innern die Verpflichtung, volle Aufklärung über diese Angelegenheit zu geben.

Wegen der Verfassungsverletzung der sich die deutsche Regierung durch Nichtein⸗ berufung des Reichstags schuldig gemacht hat, beabsichtigt Graf Bülow nach offiziösen Mit⸗ theilungen Indemnität(Straflosigkeit; nachträg⸗ liche Genehmigung eigenmächtiger Handlungen) vom Reichstage zu fordern. Dabei sollen die Gründe dargelegt werden, aus welchen eine Be⸗ rufung des Reichstags nicht erfolgt ist. Sicher werden sämmtliche bürgerlichen Parteien Khakirummel sanktioniren, unsere Genossen allein werden die Verfassung vertheidigen. Unser Platz an der Sonne.

Zahlreiche nach Deutschland gelangte Nach⸗ richten bestätigen, daß die Verhältnisse in dem Pachtgebiet Kiautschau denen in unsern afrikanischen Besitzungen verteufelt ähnlich se⸗ hen. Aus allen Berichten geht hervor, daß auf deutsch⸗chinesischem Boden lange nicht Alles Gold ist, was glänzt, so sehr sich auch unsere in abenteuerlicher Weltpolitik machende Presse Mühe giebt, durch romantisches Phrasengeklin⸗ gel über die rauhe Wirklichkeit hinwegzutäu⸗ schen und die Verhältnisse in den rosigsten Far⸗ ben zu schildern. Zu den schon bekannt gewor⸗ denen Annehmlichkeiten tritt noch der Hun⸗ gertyphu ss hinzu, über dessen Auftreten in Kiautschau unser Kieler Parteiorgan, die Schleswig-Holsteinische Volkszeitung unan⸗ fechtbares Material veröffentlicht. Aus demsel⸗ ben geht hervor, daß in dem Seuchenlazareth in Tsingtau in der Zeit vom 1. Aug. bis 15. Sept. nicht weniger als 66 am Hungertyphus Darnie⸗ derliegende behandelt wurden. Verstorben sind neun am Hungerstyphus leidende und drei andere Kranke. Man brachte aber auch noch Lei⸗ chen am Typhus Verstorbener von außerhalb in das Lazareth, was beweist, daß in dieser Zeit eine wirkliche Hungertyphusepide- mie in Kiautschau herrschte.

Der Hungertyphus oder auch Flecktyphus ist eine Krankheit, die, wie ihr Name schon andeu⸗ tet, stets als Beale itec der entsetzlich⸗ sten Noth auftritt. Der Stolz der Weltpoli⸗ tiker auf das für unseren Frieden mit China so gefährliche Plätzchen an der Sonne, ist also nach allen Seiten unberechtigt. Kiautschau ist auch ein Gebiet des grausigsten wirthschaftlichen Elends, über das der Hungertyphus seine Gei ßel schwingt. Dort sucht das Kapital seine Hoff⸗ nung, dort müssen Kinder Deutschlands ihre Dienstzeit abbüßen! Sollte dies den Weltpoli⸗ likern nicht zu denlen geben?

Hunnenbriefe.

In letzter Zeit sind mehrere Briefe bekannt geworden, welche deutsche Soldaten in China an ihre Angehörigen gerichtet haben. Diese Schreiben lassen erkennen, in welcher Art die europäische Kultur dort verbreitet wird. So schreibt ein biederer Hunnenkrieger an seinen früheren Meister in Düsseldorf unter Anderem:

Hier geht es aber kritischer zu als wie in Deutsch⸗

land denn die Schinesen werden hier so ze r⸗ hauen, so daß sie in ihrem ganzen Leben an die deutschen Soldaten denken. Wir machen uns des

Morgens schon um 2 Uhr auf und d. suchen sämmtliche Dörfer und 9 5 alle Waffen welche sie überhaupt haben, denn wo wir gesucht haben, da liegt alles auf einem Haufen wie Kraut und Rüben und wenn wir jerade den Schinesen in die Hände bekommen, der Waffen hat der bekommt nicht bloz Blaue Augen, sondern zu⸗ erst bekommt er Fünfzig mit einem Ochsen⸗ ziemer, daun kaun er aber nicht mehr Amen sagen und daun wird ihm der Zopf abge⸗ schlagen nämlich mit ihre eigenen Degen, welche wir bei ihnen finden und diese sind meistens Acht Centi⸗ meter Breit da kann der Meister sich wohl vorstellen was das für Dinger sind. Wir haben bis jetzt schon mindestens Einhundert Lanzen zwanzig Degen und einen ganzen Haufen Pistohlen und Gewehre und noch mehr so schöne Maffen. Gechrter Meister wir gehen hier den ganzen Tag mit Ein hundert und⸗ zwanzig Scharfe Patronen herum und haben meistentheils umgeschnallt und des Nachts liegen wir Feldmarschmäßig in unsere Schützengräben und erwarten immer einen Angriff von das hinter- listige Pack. Wir haben jetzt schon über Zwölf Wochen keine Hose vom Leide gehabt da kann der Meister sich wohl denken wie uns die Rippen im Leibe weh thuen aber alles hat seinen übergang. Das Essen ist hier auch sehr Mau, denn wir müssen uns hier mit das Schinesenfutter herum Schlagen aber an

Hühnern fehlt es doch nicht.

Löhnung bekommen wir auch keine denn ich habe bis jetzt schon Achtandfünfzigmark im Abrech⸗ nungsbuch stehen.. Geehrter Meister wenn ich noch einmal Glücklich wieder nach Tsing au komme dann schicke ich zuerst genügend Ansichtskarten. Ich will Schließen in der Hoff aung daß euch diese Zeilen Gesund und munter antreffen wie sie mich verlassen. Viele Grüße sendet euch

Beim Lesen dieses buchstabengetreu wieder⸗ gegebenen Briefes erinnert man sich unwillkürlich der Hunnenrede. Der Rückkehr dieser ver⸗ rohten Soldateska nach Deutschland müssen die Bürger wahrhaftig mit einiger Besorgniß entgegensehen.

Kulturstaat Preußzen.

Wie es mit der vielgerühmten deutschen Kultur in Wirklichkeit aussieht, davon giebt die Preuß. Lehrerzeitung ein Bild, indem sie nachrechnet, daß im Jahre 1896 in Preußen 2409 Kinder nicht in die Volksschule aufge⸗ nommen werden konnten, weil es an Schul⸗ zimmern und an Lehrern fehlte. Da⸗ gegen hat man nie gehört, daß Mangel an Unteroffizieren und Kasernen ge⸗ herrscht habe.

Die Lübecker Streikposten⸗Verordnung,

welche das Brandenburger Schöffengericht als ungesetzlich bezeichnete, hat nun die Hamburger Strafkammer für rechtsgültig erklärt. Letztere verurtheilte den verantwortlichen Re⸗ dakteur desHamburger Echo' Genossen Molkenbuhr, der in seinem Blatte ebenfalls die Lübecker Arbeiter aufgefordert hatte, die Ver⸗ ordnung nicht zu beachten, zu 100 Mk. Geld⸗ strafe. Es werden nun die höheren Instanzen entscheiden müssen, ob die Abschaffung des Reichsrechts durch eine polizeiliche Verordnung erlaubt ist. Leibeigenschaft in Mecklenburg

Ein Gräflein in Mecklenburg, Besitzer eines Rittergutes leidet auch unter der Leutenoth. Um derselben abzuhelfen, beauftragte er seinen Inspektor folgenden Brief loszulassen:

An den Gastwirth Siems zu Röbel.

Der Herr Graf verlangt von dem Tag⸗ löhner Moß hier, daß seine Tochter, welche bei Ihnen im Dienst steht, vom 25. Okt. 1900 ab hier auf dem Gute in Dienst zieht.

Hochachtungsvoll gez. Fr. Schröder, Insp.

So etwas kann sich der Graf erlauben auf Grund der mittelalterlichen Gesetze, die ihm auf seinem Grund und Boden Polizeigewalt verleihen.

Vernünftiger Beschluß.

Die Stadtverordneten Königsbergs nahmen einen Antrag an, eine gemischte Kom⸗ mission zu wählen, welche größere Koh len⸗ vorräthe einzukaufen und solche der Bürgerschaft zum Selbstkostenpreise abzugeben hat. Die dazu erforderlichen Mittel sollen der Kämmereikasse entnommen werden. Diesem Bei⸗ spiele sollten noch recht viele Gemeinden folgen.

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