Woltengasse 20.
Johannes Hecker
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Nr. 44.
Gießen, Sonntag, den 28. Oktober 1900.
7. Jahrg
Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.
Redaktionsschluß Donnerstag Nachmittag 4 Uhr.
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Zur Kohleunoth.
In den letzten Monaten haben die Kohlen— preise eine schwindelnde Höhe erreicht. Mit dem Entritt der kälreren Jahreszeit werden sich die Verhältnisse noch weiter verschlimmern.
In den Eingeweiden der deutschen Erde sind reiche Kohlenlager vorhanden, an Arbeitskräf⸗ ten und Arbeitsmitteln, sie zu fördern, ist kein Mangel. Und dennoch Kohlennoth! Wie kommt das?
Die Soldschreiber der Grubenbarone werden nicht müde, dem Publikum vorzureden, daß die hohen Kohlenpreise eine Folge der Steigerung der Arbeitslöhne seien. Hier und da im Volke finden auch derartige Redereien Glauben. Einsichtige Leute messen aber solchen Behaup⸗ tungen nicht den geringsten Werth bei; es ist schon oftg uenug nachgewiesen worden, daß im letzten Jahre die Löhne der Bergleute fast gar keine oder nur eine ganz verschwindende Auf⸗ besserung verzeichnen, während die Preise der Kohlen fast um 100 Prozent gestiegen sind. — Die Bergwerksgesellschaften sacken deshalb auch riesige Dividenten ein.
Nein, die Kohlennoth ist durch den Privat⸗ besitz der Kohlengruben und durch die Habgier der Kohlengrubenbesitzer verschuldet. Diese haben, um den Preis in die Höhe zu treiben, ein Syndikat, einen Verein ge⸗ bildet und sich verpflichtet, nur eine bestimmte Menge Kohlen zu fördern, sodaß das Angebot an Kohlen schwächer als die Nachfrage nach Koh⸗ len wird und die Preise höher und höher ge— schraubt werden können. Ja, einige Gruben haben große Mengen Kohlen ins Ausland ge— liefert und sie dort weit billig er als in Deu tschland verkauft. Sie haben also die deutsche Kohle ins Ausland verschleudert um dafür die Bewohner Deutschlands tüchtig zu schröpfen.
Schuld an der Kohlenvertheuerung trägt also die schrankkenlose Macht der Kohlen⸗ barone, die sich ja im politischen Leben als konservatibe uad nottonallibevnse„Patrigter: aufspielen. Man sieht auch hier: Jene nennen „national“ und„Patrioten“ die, die alles von der Nation nehmen, wir nur solche, die al— les für die Nation, für die Allgemeinheit thun.
Sinnenfällig zeigt sich bei der Kohlenfrage die Gemeinge fährlichkeit des Pri⸗ vateigenthums an den Produk⸗ tionsmitteln. Die Kohle ist unserem Wirthschaftsleben so nöthig wie dem physischen Leben das tägliche Brod. Sie ist die unentbehr⸗ liche Speise der Dampfmaschinen und Lokomo— tiven wie der Oefen und Herde. Dank der be—⸗ stehenden Gesellschaftsordnung sind von ihr noch immer unerschöfliche Vorräthe im Alleinbesitz einer kapitalistischen Minderheit, in deren Macht und Willkür es liegt, sie maßlos zu ver⸗ theuern, um immer tollere Profite zu erzielen, sozusagen eine künstliche Kohlenhungersnoth über dass allgemeine Wirthschafts- und Privat— leben zu verhängen..
Wie ist der Kohlennoth abzuhelfen?
Die Regierungen stehen der Kohlenvertheue— rung rathlos gegenüber, denn, was sie in der Sache gethan, ist ein Schlag ins Wasser. Sie
müssen ihr rathlos gegenüberstehen, so lange ihnen die schrankenlose Ausbeutung der wirthschaftlichen Macht des Einzelnen als etwas Selbstverständliches, Unabänderliches gilt. Die Schuldigen an der Kohlennoth sind die Ze— chen mit ihrer langjährigen Minderförderung und systematischen Fernhaltung der Kohle vom Markt, kurz mit ihrer künstlichen Preistrei⸗ berei. Die Möglichkeit solcher Preistreiberei ist aber lediglich begründet in der Macht dieser Art Vereinigungen und in dem Privateigen⸗ thum an den Kohlenbergwerken. Derartige Ver- einigungen kapitalkräftiger Privatbesitzer wer⸗ den gemeingefährlich, weil sie sich nur von ihrem Stern, dem Profit leiten lassen. Diese Ausbeutung kann nur durch Umwand⸗ lung des Privateigenthums in ge⸗ sellschaftliches beseitigt werden, das zum Nutzen der Gesammtheit verwaltet wird. Dies ist das einzige Mittel, ein anderes giebt es nicht.
Mit Recht verlangt deshalb unser Partei⸗ programm die Umwandlung des Privateigen— thums an Produktionsmitteln, wozu auch die Gruben und Bergwerke gehören, in gesell— schlaftliches Eigenthum und die Umwand⸗ lung der Waarenproduktion in sozialistische für und durch die Gesellschaft betriebene Pro⸗ duktion. 1
An der Kohlennoth sehen wir, wie noth— wendig die Verwirklichung dieses Zieles im Interesse des Gemeinwohles ist. Und die Verwirklichung wird erreicht werden, weil die Thatsachen mit Nothwendigkeit dahin drängen.
Der Kanzlerwechsel.
M. V. Es wird viel geschrieben über den deutschen Kanzlerwechsel, aber es wird nichts gesagt. Wie wäre das auch möglich! Der politisch von uns geschiedene Hohenlohe hat es verstanden, was dem General Copaivi trotz seiner militärischen Erziehung und Gewohnheiten noch nicht so gut gelungen war: das Amt des deutschen Reichskanzlers jeder Bedeutung zu ent— kleiden. Wenn nun auf einem Posten, der jede thatsächliche Bedeutung verloren hat, ein Wechsel eintritt— wer kann und wird sich darüber auf⸗ regen, welcher Vernünftige wird daran irgend welche Hoffnungen oder Befürchtungen knüpfen!
Mancherorts wird zwar großes Gewicht darauf gelegt, daß gerade Bülow der Nachfolger geworden ist. Dadurch werde die Weltpolitik offiziell zur Herrschaft erhoben, werde der Welt deutlich verkündet, daß das deutsche Reich künftig im Zeichen des Imperialismus stehen und streiten wolle. Uns scheint, daß bei einer soschen Be⸗ urtheilung viel zu keiten gelegt wird. Deutschlands offizielle Zu⸗ kunft liegt nun einmal auf dem Wasser, ob Bülow Reichskanzler ist oder Hatzfeldt oder— Miquel es geworden wären Was Heren v. Bülow die Reichskanzlerschaft verschaffte, war der Um⸗ stand, daß er allein dem Reichstag gegenüber treten konnte, um den verunglückten Rachezug zu vertheidigen, soweit derartiges vertheitigt werden kann. Aber ob Bülow, Miquel oder irgend ein anderer: der Zickzackkurs bleibt der alte und Volldampf voraus geht es nach außen in der
viel Gewicht auf Aeußerlich⸗
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angeblichen Eroberung des Weltmarktes und nach
innen in der Abschließung von demselben und der Provozierung von Zollkriegen.
Das Reichskanzleramt ist längst ein Ho f⸗ amt geworden. Wer sich darüber noch tauscht, der will sich täuschen.
Angesichts dessen ist es müßig, den neuen Reichskanzler darauf zu prüfen, wie er zu der inneren Politik steht' Zuvörderst wird er mit der äußeren übergenug zu thun haben und soweit das nicht der Fall ist, wird er das Innere mit dem Kennerblick eines preußischen Junkers überschauen, der ein wenig gereist und gelesen hat und der kollegial genug ist, seinen Kollegen wie Miquel und Posadowsky nicht die Karten zu mischen. Die Agrarier befehlen und kommandiren im Innern auch fürderhin und alles, alles wird ihm gehorchen. Daran wird Bülow mit seinen Wasserkünsten nichts ändern.
Es ist daher nur ein Beweis für die thönerne Herrlichkeit der Agrarier, daß so etwas wie Schlottern in ihr Gebein fährt, nun nicht Miquel in die Wilhelmstraße übergesiedelt ist. Wie leicht wäre sie in Scherben zu schlagen, wenn Deutschland ein Bürgerthum hätte, das seine Interessen auch nur halbwegs begriffen und den Muth hätte, sie zu vertreten. Da dem nicht so ist, wird der Kampf gegen zwei Fronten von der Arbeiterschaft weiter geführt werden, bis beides überwunden ist: die innerpolitische Reaktion und die weltpolitische Ecoberungssucht.
In diesem Kampfe ist gleichgültig, wie die
Männer heißen, die die formelle Verantwortung
tragen. Das System bleibt und dem System gilt unser Widerstand.
Gießen, 25. Oktober. Zum Kampfe gegen die Brotvertheuerer
fordert der„Vorwärts“ mit folgenden Worten auf:
Die junkerlichen Kornwucherer setzen alle Segel bei, um gelegentlich der bevorstehenden Verhandlungen über die Erneuerung der Handelsverträge den Liebes gaben⸗ Fischzug möglichst reichlich zu gestalten. Ein Sechs⸗ mark⸗Zoll für den Doppelzentner Roggen wird in der agrarischen Presse als das Minimum des zu Erstrebenden bezeichnet, lieber aber würden sie acht oder gar zehn Mark Zoll erhonen sehen. Im gleichen Verhältniß sollen dann auch alle übrigen Lebens- und Geaußgmittel unter der Zoll- und Steuerschraube bluten.
In einer Zeit, wo der wirthschaftliche Niedergang von allen Seiten droht, wo das Unternehmerthum überall Vorbereitungen trifft, um die Löhne wieder herabzusetzen und die Arbeitsbedingungen zu verschlechtern, in solch bedrängter Zeit will juakerliche Habgier auch die Preise der nothwendigsten Lebensmittel künstkich ins Ungemessene steigern; gegen eine solche Politik werden die Arbeiter bis zum letzten Mann iu den Kampf ein⸗ treten.
Gegenüber dem unverschämten Treiben der beute- lustigen Grund- und Schlotjunker gilt es, die Inte⸗ ressen der Konsumenten mit aller Energie zu wahren. Im Reichstage erzielen die Brotwucherer sicher eine Majorität auch für die ausschweifendsten Forderungen, wenn die Wählermassen nicht rechtzeitig mobil machen und den Zöllnern ein Licht aufstecken. Auf die Regierung ist kein Verlaß, denn sie steht unter der Führung des Grafen von Posadowsky ganz unter agrarischem und schutzzöllnerischem Einfluß.
Unter solchen Umständen wird es höchste Zeit daß die Konsumenten sich rühren, um das ihnen drohende Unheil abzuwenden.
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