Ausgabe 
28.10.1900
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 44.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Seite 7.

fallene und bat sie dringend, sich niederzulegen.

Sie selbst wollte ihren Platz einnehmen. Dies⸗

mal gab Frau Brandt nach.

Im Laufe der Nacht verschlimmerte sich Emmys Zustand, sodaß der Arzt in der Frühe herbeigeholt wurde. Er konstatirte eine Lungen- entzündung, die bei der allgemeinen Schwäche des Kindes nicht ungefährlich sei. An seine Ueberführung nach Genf wäre jetzt nicht zu denken, wieviel er auch von einem wärmeren Klima für die Hebung der Kräfte hoffte.

So gingen mehrere Tage in der gespanntesten Lage für alle Betheiligten hin. Ueber der Ge⸗ fahr, in der das Kind schwebte, trat alles in den Hintergrund. Das Mißtrauen zwischen den Frauen schien gänzlich verschwunden, und ob gleich Emmy offenbar Helma vor der Mutter bevorzugte, ließ diese kein Zeichen von Groll darüber blicken, es sei, daß ihr ihre anfängliche Schroffheit gegen Helma leid that, sei es, daß der Gedanke an den drohenden Verlust das Kin des sie für alles andere abstumpfte. Die kurze Trennung von kaum neun Monaten hatte ge nügt, der Kleinen die Mutter zu entfremden. Die starren Züge derselben, ihr schwarzes Haar, die starken, zusammenfließenden Brauen und der Flaum auf der Lippe flößten dem an die Blondheit und zarten weichen Formen Helmas gewöhnten Kinde in seinem fiebernden Zu stande Unbehagen und Abneigung ein. Nur auf Zureden Helmas duldete es die Liebkosun gen der Mutter, nahm es die von ihrer Hand dargereichte Speise und Medizin.

Brandt hielt sich so wenig als möglich im Kinderzimmer auf. Er erkundigte sich nur kurz nach Emmys Befinden und entfernte sich dann wieder. Er war froh, ein äußerliches Einver nehmen zwischen den Frauen hergestellt zu se hen, die Gegenwart beider aber verursachte ihm das peinlichste Unbehagen.

Die Angelegenheit mit Kolweit ordnete sich viel einsacher, als er geglaubt hatte, wenn auch für ihn in keineswegs befriedigender Weise. Schon am nächsten Tage erhielt er dessen for⸗ melle Kündigung. Eine mündliche Verständig⸗ ung war damit völlig ausgeschlossen. Er er⸗ klärte den Mann einfach für wahnsinnig. Eben verheirathet, mit der Familie der Frau auf dem Halse und ohne materiellen Rückhalt eine Stellung wie diese aufzugeben, nur weil. Er war ein Narr, ein Phantast, logisch ver⸗ rückt, ja, ja, wie er es stets gewesen. Was fehlte ihm denn? Hatte man seine Artikel nicht unbeschnitten abgedruckt, ihm den weitesten Spielraum gelassen? Und auch die Frau! Frauen sähen doch sonst die Dinge von einem praktischen Standpunkte an. Warum hätte sie ihm denn nicht Vernunft gepredigt, ihm das Thörichte seines Rücktritts gezeigt? Wenn Je⸗ mand über den starken Charakter dieses kind lichsten aller Menschen etwas vermochte, so wäre sie es allein. Mit welcher Verachtung wohl Kolweit jetzt auf ihn, auf Brandt, blickte, weil er als praktischer Mensch gehandelt und eine Aufgabe übernommen hatte, durch die er dem Vaterland unendlich nützen konnte, ohne sei nen Prinzipien etwas zu vergeben. Nichts so⸗ phistischer als ein schlechtes Gewissen, das sich, selbst zu rechtfertigen sucht.

(Fortsetzung solgt.)

Wigttigkeit der Zahupflege. Im gewöhnlichen Leben findet man, daß die Pflege der Zähne fast allgemein vernachläs⸗ sigt wird. Und doch ist die Zahnhygiene, wenn sie ihr hohen Zicle erreichen soll, da⸗

8

1 N

e ede 4 4 2

8 N

0 2

Einen grossen Posten ferren- Anzüge

gegenüb. d. Stadtkirche.

N eee

e 5 N e

e

. d N

solange d. Vorrat reicht 2. 10 u. 12 Mk. e Neue Weltkalender Markus Zauer, Giessen Arbeiter⸗ I Kirchenplatz Notizkalender

rauf angewiesen, das Interesse und die Mit- arbeiterschaft eines jeden einzelnen Menschen zu gewinnen, und um dies zu erreichen, erstrebt sie eine Popularisirung der Zahnheilkunde im edelsten Sinne des Wortes. Mit Recht sagt Jessen, einer der ersten Vorkämpfer fürdie Aufklärung des Volkes über die Bedeutung der Zahnpflege für die Gesundheit, daß jeder ge bildete Mensch, der ein Zitat aus einem Klas⸗ siker falsch wiedergebe, scharf verurtheilt werde, daß ängstlich darüber gewacht werde, daß die humanistische Bildung nicht um Kenntnisse in Latein und Griechisch verkürzt würde, daß man sich aber nicht der Unkenntniß über den eigenen Körper und seiner gesundheitsmäßen Pflege schäme.

Noüöse, einer der verdientesten Forscher der Zahnheilkunde, hat eineAnleitung zur Zahn⸗ und Mundpflege verfaßt, die mit verzüglichen Illustrationen ausgestattet und vom Verleger Dr. Fischer in Jena, zu einem außerordentlich mäßigen Preise in Verlag genommen ist. Die darin aufgestellten zehn Leitsätze für Zahn- und Mundpflege mögen hier ihre Wiedergabe finden:

1) Vergiß lieber einmal, das Gesicht waschen, als den Mund und die Zähne zu reinigen.

2) Erziehe Deine Kinder so früh wie mög⸗ sich zur Zahnpflege! Was in der Jugend ver säumt ist, läßt sich im späten Alter nie wieder gutmachen. Die Gesunderhaltung der Milch- zähne ist genau so wichtig wie die der bleibenden Zähne.

3) Hüte Dich vor süßen Naschereien und vor zu weicher Nahrung! Das kräftige Kauen eines derben, dickrindigen Schwarzbrodes ist die beste natüliche Schutzvorrichtung gegen Zahn- verderbniß.

4) Vergiß vor Allem nicht, Abends vor dem Schlafengehen die Mundhöhle zu reinigen! Wer nur Morgens putzt, deckt den Brunnen zu, wenn das Kind hineingefallen ist.

5) Die mechanische Reinigung mit Hilfe von Zahnbürste und Zahnstocher bildet die Grundlage jeder künstlichen Zahnpflege.

6) Antiseptische, aber dabei unschädliche Mundwässer und gute Zahnpulver sind durch aus empfehlenswerth zur Vervollständigung der künstlichen Zahn- und Mundpflege.

7) Man lasse die Zähne jährlich ein- bis zweimal vom Zahnarzt nachsehen, damit Er⸗ krankungsherde entdeckt und beseitigt werden können, bevor sie zu umfangreich geworden sind.

8) Der Zahnstein soll von Zeit zu Zeit gründlich entfernt werden.

9) Kranke Zähne und Wurzeln, die durch Wurzelbehandlung nicht mehr erhalten werden können, müssen unter allen Umständen aus⸗ gezogen werden, ganz gleichgiltig, ob sie augen- blicklich schmerzen oder nicht.

10) Suche bei deinen Kindern die gesunde Entwicklung der Zähne zu fördern, indem du der Mutter von der Geburt und während des Stillens, dem Kinde selbst besonders in den ersten Lebensjahren kräftige, nährsalzhaltige Nahrung Milch, Eier, grüne Gemüse usw. verschaffst.

Dr. Schäfer schließt, unter Hinweis auf die in manchen Orten bereits erfolgte Anstellung von Schulzahnärzten, seinen Artikel:Mögen diese Anfänge von weiteren Erfolgen auf dem Gebiet der Zahnhygienie begleitet sein! Es ist ein großes Ziel, das zu erreichen ist. Gesunde

Zahn⸗ und Mundverhältnisse bei jedem Ein⸗

J

zelnen werden eine sere Gesundheit der ccc..

N

H. Schneider,

Buchholg. Gießen, Sonnenstr 25.

DBR rr

Schuljugend, eine Verminderung im Auflreten von Infektionskrankheiten, eine vermehrte Lei⸗ stungsfähigkeit der Erwachsenen erzielen. Die Zahnhygienie erstrebt die Verbesserung der Ge⸗ sundheit des ganzen Volkes. Möchte zur Errei⸗ chung dieses Zieles die Hilfe von Staat und Gemeinde, von Lehrer und Eltern nicht

fehlen! Wir sind Brüder!

Wir sind Brüder, aber jeden Morgen ver⸗ richtet mein Bruder oder meine Schwester mir die niedrigsten Dienstleistungen. Wir sind Brüder, aber ich muß meine Morgenzigarre, meinen Spiegel, Phosphorzündhölzchen und was sonst noch alles haben, Gegenstände, deren Her⸗ stellung oft die Gesundheit meiner Brüder und Schwestern gekostet hat, und doch gebe ich des⸗ halb nicht den Gebrauch derselben auf; im Gegentheil, ich verlange dieselben sogar.

Wir sind Brüder, und doch arbeite ich an einer Bank, einem Handelshause oder Laden und suche fortwährend den Preis für die Lebens⸗ bedürfnisse meiner Brüder und Schwestern zu erhöhen.

Wir sind Brüder, und ich beziehe mein Ge⸗ halt, um den Dieb oder die Prostituirte zu richten, zu verurtheilen und zu bestrafen, deren Existenz die natürliche Folge meines eigenen Lebenssyftems ist, und ich verstehe vollkommen, daß ich weder verurtheilen noch bestrafen sollte.

Wir sind alle Brüder, und doch gewinne ich meinen Unterhalt, indem ich von den Armen Steuern eintreibe, damit die Reichen in Luxus und Müßiggang leben können.

Wir sind Brüder, und doch beziehe ich mein Gehalt dafür, daß ich eine pseudo⸗christliche Doktrin predige, an welche ich selbst nicht glaube und so andere hindere, die wahre zu finden. Ich beziehe ein Gehalt als Priester oder Bischof, um das Volk darüber zu täuschen, was von der wesentlichsten Bedeutung für dasselbe ist.

Wir sind Brüder, aber ich zwinge meinen Bruder, mich für alle meine Dienste zu bezahlen, mag ich Bücher für ihn verfassen, ihn unter⸗ richten oder als Doktor eine Arznei ver⸗ schreiben.

Wir sind Brüder, aber ich beziehe Sold, um mich zum Mordhandwerk auszurüsten, um die Kriegskunst, die Herstellung von Waffen und Munition und den Bau von Festungen zu lernen.

Die ganze Existenz unserer oberen Klassen ist voll der unvereinbarsten Widersprüche.

Graf Tolstoi.

Lesefrüchte.

Durch zerlumpte Kleider sieht man die kleinsten Laster; aber lange Röcke und Pelz⸗ mäntel verbergen alles. Beschlagt die Sünde mit Gold, so wird die starke Lanze der Ge⸗ rechtigkeit brechen, ohne sie verwunden zu können. Kleidet sie dagegen in Lumpen, so ist ein Stroh- halm hinreichend, sie zu durchbohren.

Shakespeare.

Humoristisches. Onkel Chlodwig. (Frei nach Heine.) Anfangs mußte er sich plagen, Und er dacht', er trüg' es nie, Und sechs Jahr' hat er's getragen, Aber alle wißt ihr: wie. (B. V..)

Heuchelheim.

Sonntag, den 28. d. Mts., Abends 8 Uhr

bei K. Steinmüller

Oeffentliche olksversammlung.

Tagesordnung:

Der Parteitag in Mainz, Ref. Carel Orbig, Gießen.

Zahlreiches Erscheinen erwünscht!

.