Ausgabe 
28.1.1900
 
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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 8.

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Ganz im Geheimen.

Stehn vor den Leuten wir, Sprichst Du kein Wort zu mir, Bleibst ach so stolz und fern Und hast mich doch so gern Ganz im Geheimen.

Kommst Du doch jede Nacht Su mir im Traum und sacht Schlingst Deinen Arm um mich Und ich, ich küsse Dich

Ganz im Geheimen.

Wenn's auch ein Traum nur ist,

Daß Du mein Liebchen bist,

Bleib nur im Traume mein

Und ich will selig sein

Ganz im Geheimen. Königsbrun⸗Schaup.

Das Abenteuer der Neufahrsnacht. Novelle von H. Zschokke.

(Fortsetzung.)

Kein Wort mehr davon! rief Philipp grimmig, so grimmig er mit gedämpfter Stimme an diesem Orte und in der Nähe der tanzenden, lärmenden, schwärmenden und lauernden Masken rufen durfte, um sich nicht zu verraten.Kein Wort mehr!

Nein, Thaten! fiel der Holländer fröhlich ein.Schon morgen sollen die Laufgräben gegen die Festung eröffnet werden. Dann rücken Ste vor. Sie sind gewohnt, zu siegen. Mit den lauernden Vorposten werden wir bald fertig. Den Gärtner nehme ich auf mich; das Mütter⸗ chen geht zu Ihren goldenen Fahnen über. Dann Sturmschrit!

Philipp konnte sich kaum mehr mäßigen. Er packte mit seiner Faust den Arm des Hol⸗ länders und sagte:Herr, wenn Sie sich unter⸗ stehen

Um Gottes willen, gnädiger Herr, mäßigen Sie sich in Ihrer Freude! Ich muß laut auf⸗ schreien. Sie zerquetschen mir den Arm.

Wenn Sie sich unterstehen, fuhr Philipp fort,und stellen diesem unschuldigen Mädchen uach, so zerquelsche ich Ihnen, so wahr ich lebe, alle Knochen im Leibe!

Gut, gut! seufzte der Holländer in schmerz⸗ licher Angst.Geruhen Sie nur, mich los zulassen!

5Finde ich Sie jemals auf das Mädchen hinschielend, nur in der Nahe des Mil chgäßchens, so sind Sie ein Kind des Todes von meiner Hand. Danach richten Sie sich!

Der Holländer stand ganz verblüfft da. Königliche Hoheit, sagte er zitternd,ich konnte nicht wissen, daß Sie das herrliche Mädchen so ernsthaft liebten, wie es scheint!

Sehr ernsthaft, das will ich vor der ganzen Welt gestehen!

Und werden wieder geliebt?

Was geht Sie das an? Reden Sie mir nie wieder davon! Denken Sie nie wieder an das Mädchen! Ihr Gedanke schon besudelt. Nun wissen Sie meine Meinung. Packen Sie sich!

Mit diesen Worten wandte ihm Philipp den Rücken, und der Holländer ging, sich hinter die Ohren kratzend, davon.

VIII.

Anterdessen hatte auch Philipps Stellver⸗ treter, als Nachtwächter, auf den Straßen der Stadt seine Rolle gespielt. Es ist wohl nicht erst nötig, zu sagen, was jeder von selbst weiß, daß dies kein anderer, als Prinz Julian war, der, des süßen Weines voll, auf den Einfall gekommen, in die Nachtwächterei hineinzu⸗ pfuschen.

Sobald er den Philipp verlassen hatte, rief und blies er von Straßenecke zu Straßenecke die Stunden nach Herzenslust, machte zu seinem

Gesang allerlei komische Zusätze, und bekümmerte sich wenig um das vorgeschriebene Revier, das er zu behüten und zu beblasen hatte.

Indem er auf einen neuen Vers sann, ging seitwärts eine Hausthür auf; ein wohlgekleidetes Mädchen trat hervor und winkte mit einem lockenden Pst! Pst! Dann zog es sich in die Dunkelheit des Hausgangs zurück.

Der Prinz ließ seine Verse fahren und folgte der angenehmen Erscheinung. In der Finsternis ergriff ihn eine zarte Hand und eine weiche Stimme lispelte:Guten Abend, lieber Philipp! Sprich leise, daß uns niemand hört! Ich habe mich nur auf ein Augenblickchen von der Gesellschaft weggeschlichen, um Dich im Vorübergehen zu gruͤßen. Bist Du vergnügt?

Wie ein Gott vergnügt, Du Engel! sagte sen 2Wer könnte bei Dir auch traurig ein?

Philipp, ich habe Dir etwas Gutes zu sagen! Du sollst morgen Abend bei uns essen. Die Mutter hat es erlaubt. Kommst Du auch?

Alle Abend, alle Abend! rief Julian,und so lange Du willst. Ich wollte, Du könntest beständig bei mir sein oder ich bei Dir, bis an der Welt Ende. Das wäre ein Götterleben!

Höre, Philipp, in einer halben Stunde bin ich bei der Gregorienkirche! Da erwarte ich Dich. Du fehlst doch nicht? Laß mich nicht lange warten! Dann machen wir noch einen Gang durch die Stadt. Nun geh, damit uns niemand überrascht!

Sie wollte gehen. Julian aber zog sie in seinen Arm zurück.Willst Du mich so kalt von Dir scheiden lassen? fragte er, und drückte seinen Mund auf ihre Lippen.

Röschen wußte nicht, was sie zu Philipps Keckheit sagen sollte. Denn Philipp war immer so bescheiden und zärtlich gewesen, daß er höchstens einen Kuß auf ihre Hand gewagt hatte, ausgenommen einmal, da ihnen beiden die Mutter allen und jeden Umgang hatte ver⸗ bieten wollen. Damals war von ihnen im Gefühl der höchsten Liebe und des höchsten Schmerzes der erste Kuß gewechselt worden, seitdem nie wieder. Röschen sträubte sich; allein der vermeinte Philipp war so ungestüm, daß man, um kein verräterisches Geräusch zu machen, wohl das Sträuben aufgeben mußte. Sie vergalt den Kuß und sagte dann:So, Philipp, nun geh!

Er aber ging nicht, sondern sagte:Da wäre ich wohl ein Narr! Meinst Du, ich hätte mein Nachtwächterhorn lieber, als Dich? Mit⸗ nichten, Du Herzchen!

Ach, seufzte Röschen,es ist aber doch nicht recht!

Warum denn nicht, Du Närrchen? Ist denn das Küssen in Deinen zehn Geboten untersagt?

Ja, versetzte das Röschen,wenn wir uns einander haben dürften, dann wär' es etwas anderes.

Haben? Wenn es nichts anderes ist, alle Tage kannst Du mich haben, wenn Du willst.

Ach, Philipp, sprichst Du auch heute so wunderlich! Wir können ja daran noch nicht denken.

Wahrhaftig, ich denke aber ganz ernstlich daran! Wenn Du nur willst. 5

Philipp, hast Du ein Räuschchen? Ob ich will? Geh, Du beleidigst mich! Höre, Philipp, mir hat die letzte Nocht von Dir geträumt!

War's was schönes?

Du habest in der Lotterie gewonnen! Da hatten wir einen Jubel! Du hattest Dir einen prächtigen Garten gekauft. Kein schönerer Garten ist in und außer der Stadt. Alles hatten wir da vollauf; Blumen an Blumen, wie ein Paradies, und große Beete voll des feinsten Gemüses, und die Räume hingen schwer von Obst. Ich ward beim Erwachen recht traurig, daß mich der Traum nur geneckt hatte. Sage mir, Philipp, hast Du etwa in die Lotterie gesetzt? Haft Du etwas gewonnen? Heute war ja Ziehung. 5 N

Wenn ich bei Dir, Du schönes Kind, das große Los gewänne, wer weiß, was geschähe? Wieviel müßte ich dann für Dich gewinnen?

Wenn Du auch nur so glücklich wärst, tansend Gulden zu gewinnen! Dann könntest Du schon einen hübschen Garten kaufen.

Tausend Gulden? Und wenn es mehr wäre?

O Philipp, was sagst Du? Ist's wahr? Nein, betrüge mich nicht, wie mein Traum! Du hast gesetzt, Du hast gewonnen. Gestehe es nur!

So viel Du willst!

O Gott! rief Röschen, und fiel ihm freudetrunken um den Hals und küßte ihn mit glühender Freude.Mehr als tausend Gulden? 8 Dir auch das viele Geld wohl geben?

Unter ihren Küssen vergaß der Prinz das Antworten. Es war ihm ganz wunderbar, die zarte, edle Gestalt in seinen Armen zu halten, deren Liebkosungen ihm doch nicht galten, und die er doch so gern für seine Rechnung ge⸗ nommen hätte.

Antworte doch, antworte doch! rief Rös⸗ chen ungeduldig.Wird man Dir auch die Menge Geldes geben wollen?

Ich habe es schon; und macht Dir's Freude, so geb' ich's Dir!

Wie, Philipp, Du trägst es bei Dir?

Der Prinz nahm seine Börse hervor, die er, schwer von Gold, zu sich gesteckt hatte, um sie beim Spieltisch anzuwenden.Nimm und wäge, Mädchen! sagte er, und legte sie, indem er die kleinen zarten Lippen küßte, in Röschens Hand.Bleibst Du mir dafür hold 24

Nein, Philipp, für Dein vieles Geld nicht, wenn Du nicht mein Philipp wärst!

Und wie, zum Beispiel, wenn ich Dir noch einmal so viel geben würde, und nicht Dein Philipp wäre?

So würf' ich Dir Deine Schätze vor die Füße und machte Dir einen höflichen Knicks! sagte Röschen.

Indem ging eine Thür oben auf und man hörte Mädchenstimmen und Gelächter. Der Schimmer eines Lichtes fiel auf die Treppe hinab. 8 b Röschen erschrak und flüsterte:In einer halben Stunde bei der Gregorienkirche! Dann sprang sie die Treppe hinauf.

Der Prinz staud wieder im Finstern. Er ging zum Hause hinaus und betrachtete das Gebäude und die erleuchteten Fenster. Die plötzliche Trennung war ihm zur ungelegenen Zeit gekommen. Zwar gereute ihn die Geld⸗ dörse nicht, mit der das Mädchen davon geflogen war; wohl aber, daß er das Gesicht der un⸗ bekannten Schönen nicht beim Lichte gesehen hatte; daß er nicht einmal ihren Namen wußte, und noch weniger, ob ste aus der Drohung, ihm das Geld vor die Füße zu werfen, Ernst

machen würde, wenn er ihr in seiner wahren

Gestalt erschiene. Inzwischen vertröstete er sich auf das Stelldichein bei der Gregorienkirche. Eben dies Plätzchen hatte ihm auch der Nacht⸗ wächter angewiesen. Julian verstand bald, daß er sein glückliches Abenteuer nur diesem, doch ohne dessen Willen, zu danken hatte.

IX.

Sei es, daß der Geist des Weines durch die. wachsende Kälte der Neujahrsnacht, oder durch Röschens Täuschung, in seiner Wirkung gesteigert war; der Mutwille des fürstlichen Nachtwächters nahm überhand. AB

Mitten in einem Haufen von Spaziergängern blieb er an einer Straßenecke stehen und stieß mit solcher Kraft ins Horn, daß alle Frauen⸗ zimmer mit lautem Schrei zurücksprangen und die Männer vor Schrecken steif wurden. Dann rief Julian die Stunde und sang dazu:

Der Handel unsrer lieben Stadt Gewaltig abgenommen hat,

Selbst unsre Mädchen, weiß und braun, Sucht man nicht mehr zu Ehefraun.

Die Ware putzt sich, wie sie kann,

Und bringt sich doch nicht an den Mann!

Das ist doch unverschämt! riefen einige weibliche Stimmen im Haufen,uns mit Waren zu vergleichen! Von den anwesenden Männern aber lachten viele aus vollem Halse.Da capo! schrieen einige lustige Brüder.Bravo, Nacht⸗

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