Ausgabe 
28.1.1900
 
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Seite u.

itteldeutsche SonntagsZeitung.

Nr. 3.

Bedürfnisfrage für neue Wirtschaften wieder aufzuwerfen. Die Kommission war mit allen gegen eine Stimme für die Wieder⸗ einführung. Es war ein heißer Kampf, der namentlich von den Interessenten, den Stadtverordneten Reinemer, Geschäftsführer des Wirtevereins, und dem Vorsitzenden des⸗ selben Vereins Wirt Karl Müller im Sinne der Wiedereinführung der Bedürfnisfrage ge führt wurde, wodurch die Debatte einen ego⸗ istischen Beigeschmack erhielt. Trotzdem sich auch der Oberbürgermeister für die Wiederein⸗ führung ins Geschirr legte, wurde dieselbe doch mit 20 gegen 18 Stimmen abgelehnt.

Hessischer Landtag.

*Die Zweite Kammer wird am 10. oder 12. Februar zu einer kurzen Tagung einberufen, dann wieder für Ende Februar oder Anfang März. Sicherlich wird in einer der ersten Sitzungen das Mandat des Herrn Leun kassiert.

Aus der Seestadt Wetzlar.

* Helf, was helfen mag, haben wohl die Wetzlarer Ueberseeer gedacht, als sie für den 22. ds. Mts. sich den Korvettenkapitän a. D. v. Holleben für einen Vortrag über die Flotten⸗ bestrebungen verschrieben haͤtten. Außec der übrigen Reklame finden sich im Wetzl. Amts⸗ blatt nicht weniger als vier große Inserate, in denen zum Besuch des Vortrags aufgefordert wird. Im ersten Juserat fordern zum Besuch auf: Deutscher Flottenverein, Kolonialverein, Handelsverein, Deutscher Sprachverein. In den drei übrigen Inseraten ermuntern ihre Ge⸗ treuen: Evangelischer Gesellenverein, Krieger verein und Turnverein. Also nicht weniger als sieben patriotische Vereine machten mobil und doch muß das Amtsblatt über den Besuch des Flottenvortrags berichten:

Der Umstand, daß der Beginn des Vor⸗ trags auf eine ungewöhnlich frühe Zeit an⸗ gesetzt war, mochte Manchen an dem Besuche des Vortrags verhindert haben, doch hatten sich auch so schon mehrere Hundert Teil⸗ nehmer eingefunden.

Das heißt auf gut deutsch: die Versamm⸗ lung war trotz des großen Klimbims, der vor⸗ her gemacht wurde, kläglich besucht. Die Wetz⸗ larer Ueberseeer haben Schiffbruch gelitten.

Antisemitische Berichterstattung.

Was den Antisemiten unangenehm ist verschweigen sie ihren Lesern. So teilt jetzt Herr Hirschel seinen Gläubigen zwar mit, daß die Wahl Wolffs für gültig erklärt und die⸗ jenige Erks beanstandet wurde. Daß aber die Wahl Leuns von der Kommission ein- stimmig für ungültig erklärt wurde, ver⸗ schweigt der sonst so redselige Herr. Ebenso verschweigt er noch in seiner Nummer vom 24. Januar den für ihn so blamabel begonnenen Prozeß, den Erdmannsdörffer gegen ihn an⸗ gestrengt hat, und verschweigt den Rücktritt des Abg. Liebermaun v. Sonnenberg. Wenn in Südamerika oder Afrika ein armseliger jüdischer Händler zehn Mark Geldstrafe be⸗ kommen hätte, das hätte er nicht verschwiegen.

Herr Hirschel vor Gericht.

* In unserem Offenbacher Parteiblatt lesen wir:Eine interessante Privatklage beschäftigte am Freitag das hiesige Schöffengericht. Der Redatteur der antisemttischenDeutschen Volks⸗ wacht, Otto Hirschel, hatte einigen Artikeln Raum in seinem Blatte gegeben, in denen der nationalsoziale Redakteur derHessischen Laudes zeitung, Erdmannsdörffer, in scharfer Weise angegriffen und u. a. von ihm behauptet wurde, daß er sich durch den Herausgeber der Frankfurter Zeitung, Leopold Sonnemann, habe bestechen lassen, von der antisemitischen zur nationalsozialen Partei überzutreten. Ferner wird der Kläger beschuldigt, daß er in einer Versammlung zu Ungunsten der Antisemiten die Rednerliste gefalscht habe und gegen die von ihm redigierte Zeitung den Vorwurf er- hoben, daß sie sich von demJuden Sonnemann unterstützen lasse. Außer diesen Vorwürfen sollen die inkriminierten Artikel noch eine Reihe formeller Beleidigungen enthalten. Von Seiten

des Klägers waren als Zeugen geladen Pfarr⸗ amtskandidat Küchler⸗Marburg und Leopold Sonnemann⸗Frankfurt. Der Vertreter des nicht erschienenen Beklagten, Rechtsanwalt v. Brentano, beantragte im Namen Hirschels einen Veraleich, wonach sich Redakteur Hirschel verpflichtete, seine Beschuldigungen resp. Beleidigungen öffentlich zurückzunehmen und die Kosten zu tragen. Da der Kläger jeden Vergleich ablehnte, beantragte Rechtsanwalt v. Brentano die Vernehmung der Herren Redak⸗ teur Scheidemann⸗Gießen, stud. jur. Harmony⸗ Marburg und Dr. Häberlin-Göttingen. Die Klage wurde zwecks Bernehmung der zuletzt benannten Zeugen auf Freitag, den 2. März, vertagt.

Vom Bureaukratismus.

Ein richtiges Bureaukratenstücklein hat sich das Nürnberger Rentamt geleistet. Ein Ar⸗ beiter in Erlenstegen bezahlte im vorigen Früh⸗ jahr seine Einkommensteuer nebst Kreisumlage für das ganze Jahr und war der sicheren Meinung, seine Verpflichtungen gegen den Staat erfüllt zu haben. Aber der Mensch irrt sich oft gewatig. Am 10. ds. Mts. kam ein Rentamtsbote mit einer Grundsteuerforderung vonl, sage und schreibe: einem Pfennig. Die Mahnung war natürlich mit einer Ge bühr von 20 Pfg. belastet, also mit 2000 Prozent der Forderung! Man hätte doch diesen Pfennig gleich mit auf die Ein⸗ kommensteuer aufrechnen können, aber das ginge ja wieder den Geist des heiligen Bureau⸗ kratismus, der sich möglichst viel Schreibereien und dem Publikum recht viel Unannehmlich⸗ keiten und Kosten verschaffen muß.

Ein pfiffiger Gastwirt.

Wie ein Schankwirt sich ein volles Lokal verschaffte, kam in einer Verhandlung zur Sprache, die vor dem Landgericht J in Berlin in der Berufungsinstanz stattfand. Der Schank⸗ wiri Jünger stand wegen Betruges und Körperverletzung, sein Bruder, der Metallar⸗ beiter Paul Junger, wegen des letzeren Ver⸗ gehens vor dem Schöffengericht. Im August vorigen Jahres ließ der erste Angeklagte in einer Zeitung ein verlockendes Heiratsgesuch veröffentlichen. Danach suchte ein junges, hübsches Fräulein, welches im Besitze eines gutgehenden Geschäftes sei und sehr gut einen Mann mit ernähren könne, einen Lebensgefährten. Nach zwei Tagen hatte Jünger über 100 Offerten von heiratslustigen jungen Leuten zu lesen. Er beantwortete sie alle in gleicher Weise, indem er die Adressaten nach seinem Lokale, Manteuffelstraße 47, zum Sonnabend Abend, den 12. August, be⸗ stellte. Hier würde die junge Dame zu treffen sein. Als gegenseitiges Erkennungszeichen sollte eine weiße Nelke im Knopfloch dienen. Der Sonnabend Abend kam, das Jünger'sche Lokal war von jungen Leuten überfüllt. Diese sahen sich g genseitig mit mißtrauischen Blicken an, denn fast sämmtlich trugen sie eine weiße Nelke im Knopfloch. Die wenigen Stammgäste welche unterrichtet waren, ergötzten sich. Die Heiratskandidaten sahen schließlich ein, daß sie gefoppt worden waren. Als die Gemüther von den genossenen Getränken erregt wurden, kam es zwischen den mit der weißen Nelke Ge⸗ schmückten und dem Wirte, dem der Bruder und die übrigen Stammgäste zur Hülfe kamen, zu einer argen Schlägerei. Ein Teil der Heiratskandidaten erhielt erhebliche Verletzungen. Das Schöffengericht sprach den Angeklagten Emil Jünger von der Anklage des Betruges frei, da seine Behauptung, daß er sich nur einen Scherz haben machen wollen, nicht zu wider legen sei. Wegen der Körperverletzung wurden Emil Jünger zu 60 Mk., sein Bruder zu 40 Mk. Geldstrafe verurteilt. Hiergegen legten Beide Berufung ein. Da mehrere Zeugen nicht er⸗ schienen waren, verfiel der Termin der Ver⸗ tagung.

Kleine Mitteilungen. Gießen. Zwei Baumfreblern hat die hiesige Strafkammer einen gehörigen Denk⸗ zettel gegeben. Die Arbeiter J. K. Kohl aus

Göttingen und Ph. Schneider aus Straßburg hatten an der Ober⸗Erlenbach-Petterweiler Straße 30 Obstbäumchen umgebrochen. Jeder erhielt Jahre Gefängnis.

* Die Ruhr in Oberhessen. Nach amtlichen Mittheilungen ist Ende vorigen Jahres die fast seit zwei Jahrzehnten im Großherzog⸗ tum Hessen unbekannte epidemische Ruhr in dem Kreise Alsfeld und zwar in der Gemeinde Elbenrod aufgetreten. Von 25 daselbst an dieser Seuche erkrankten Personen sind 5 ver⸗ storben. Die Krankheit wurde eingeschleppt und zwar aller Wahrscheinlichkeit nach durch eine aus Bremen zugereiste, in Elbenrod sich vor übergehend aufhaltende Person. Die Krankheit trat aber auch in dem Orte Brauerschwend in demselben Kreise auf, dort erkrankten 17 Per⸗ sonen, von welchen 3 verstorben sind; von hier wurde die Seuche nachweislich wieder nach Alsfeld verschleppt, doch wurden nur 3 Per⸗ sonen von der Krankheit ergriffen.

** Die Lose der hessischen Landes- lotterie sind am Diefststag durch die Lotterie⸗ direktion zur Ausgabe gelangt. Die Regierung scheint auch auf eine rege Beteiligung des Aus⸗ landes bei dem Absatz der Lose zu rechnen. Auf der Rückseite jedes einzelnen Loses ist eine Empfehlung in französischer, dänischer, russischer, italienischer und holländischer Sprache aufgedruckt.

Wetzlar. Die Wahlprüfungskommission des Reichstags hat die Wahl des Reichstags⸗ abgeordneten Kraemer für gültig erklärt. Die Wahl war von Seiten der Antisemiten angefochten.

* Bieber b. Rodheim. Im hiesigen Kalksteinbruch wurde der Arbeiter Philipp Gerlach von Rodheim von einer herabstürzen Steinmasse derartig verletzt, daß er in die Klinik zu Gießen gebracht werden mußte.

** Ein Handwerksburschen-Begräb⸗ nis fand dieser Tage in Wiesbaden von dem dortigen Krankenhause aus nach dem Friedhof statt. Der Verstorbene war schon seit einiger Zeit krank und schließlich seinen Leiden erlegen. Daß den mit Not und Eatbehrungen, Obdach losigkeit und behördlichen Verfolgungen kämpfen⸗ denStromern undVagabunden, wie man die arbeitslosen Handwerksgesellen selbst in sog. christlichen Blättern oft bezeichnet, nicht das Ge⸗ fühl der Menschlichkeit abhanden gekommen ist, bewies die Beerdigung des Toten, denn elf Mann im Handwerksburschenkostüm folgten dem Sarge, auch hatten sie ihre letzten Pfennige zusammen⸗ gelegt und einen Kranz gekauft. Sie gingen hinter dem Sarge her, wohl darüber nach⸗ denkend, ob ihnen nicht ebenfalls, fern von der Heimat, das gleiche Los beschieden sein werde, wie dem Verblichenen, dem sie die letzte Ehre erwiesen.

** Gifmordprozeß. Im Liegnitzer Gif. mordprozeß Berndt wurde Markwitz, der Ge⸗ liebte der Rittergutsbesttzersgattin Berndt, zu 5 Jahren Zuchthaus und ebensoviel Jahren Ehrverlust verurteilt, die Frau Berndt wurde freigesprochen. Markwitz machte einen Flucht⸗ versuch, wurde aber sofort wieder eingefangen. Es handelt fich um einen in der Presse breit⸗ spurig behandelten Skandalprozeß. Der Gatte, Rittergutsbesitzer und Stallmeister v. d. Berndt, wurde von seiner Gattin und seinem Verwalter, einem hysterischen verbrecherischen Wüstling be⸗ trogen. Der Zuhälter der Frau Berndt hatte den geduldigen Ehemann dann noch mit Strychnin zu vergiften versucht.

* Ein Mittel gegen den Keuch husten. Gegen den Keuchhusten, diesen Quäl⸗

geist der Kinder, ein wirksames Heilmittel zu

finden, ist der Wissenschaft jetzt endlich ge⸗ lungen.(2) Dieses neue Mittel, das schon nach seiner ersten Anwendung die Hustenanfälle in ihrer Heftigkeit und Anzahl ganz erheblich vermindert und hierdurch den kleinen Patienten schnell Linderung und dadurch die ihnen so nötige Nachtruhe verschafft, ist kein Geheim⸗ mittel, sondern eine von den Aerzten verordnete Salbe, die auf die Haut gerieben, in die Poren eindringt und vermöge ihrer Zusammensetzung (Difluordiphenil) eine derartig rasche Wirkung auf alle Hals⸗ und Rachenkrankheiten ausübt,

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