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Nr. 3.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Seite 3.

angekommen sei, dürfte seine Freunde ebenfalls verschnupft haben. Unter diesen Umständen ist der Entschluß des Herrn Liebermann von Sonnenberg, den Parteivorsitz niederzulegen, sehr leicht erklärlich: man wird sich nicht viel Mühe gegeben haben, ihn davon abzubringen. Wer die Erbschaft des glorreichen Mannes übernehmen wird, darüber verlautet in der antisemitischen Presse noch nichts. Noble Geschäftspraktiken.

Die sozialdemokratische Presse ist natürlich verjudet, die Yankees sind die geborenen Re⸗ volverjournalisten das ist für jeden teutschen Antisemiten eine ausgemachte Thatsache. Nur in der echtteutschen antisemitischen Presse ist natürlich alles schön, ehrlich und gut. Aber Eine große Berliner Kunsthandlung erhielt kürzlich das folgende Schreiben, das dem Kunstwart im Original vorliegt:

(Briefkopf, Datum, Adressatenfirma.) Das ganze Jahr über machen wir für

Sie durch Besprechung Ihrer Ausstellungen

Reklame, die uns schweres Geld kostet.

Uns dafür hin und wieder durch Inserate

zu entschädigen, das fällt Ihnen aber nicht

ein. Hand wird aber nur von Hand ge⸗ waschen und wenn Sie uns nicht berücksich⸗ tigen, dann stellen wir eben die Referate über

Ihre Ausstellungen auch ein.

Hochachtungsvoll Staatsbürger⸗Zeitung.

Die Staatsbürgerzeitung ist bekanntlich ein durch und durchteutsches Blatt; in den Adern seiner Redakteure fließt kein Tropfen Blut jener verabscheuten Juden, jener scheuß⸗ lichen Gesellen, die christliches Kinderblut zum Kuchenbacken verwenden, die aller Uebel Ur⸗ sprung sind, die unsere deutschen Sitten so gar sehr verderben. Es lebe die deutsche Moral der Antisemiten.

Staatsbetriebe sollen Musterbetriebe

sein.

Die Dienst⸗ und Ruhezeiten der Eisen bahnbetriebsbeamten sind vom preußischen Minister der öffentlichen Arbeiten durch Erlaß vom 5. d. M. generell folgendermaßen geregelt worden:

1. für Stationsbeamte, Telegraphisten, Rangier⸗ meister, Haltestellenaufseher und Weichensteller. Wenn der Dienst eine ununterbrochene, angestrengte Thätigkeit erfordert, soll die durchschnittliche tägliche Dauer acht Stunden, die Dauer einer einzelnen Dienstschicht zehn Stunden nicht überschreiten. Im übrigen kann die durchschnittliche tägliche Dienstdauer bis zu zwölf Stunden, die Dauer einer einfachen Dienstschicht bis zu 14(bei einfachen Betriebsverhältnissen mit längeren Pausen in der Dienstschicht bis zu 16) Stunden betragen;.

2. für Bahnwärter und Haltepunktwärter soll die Dauer der täglichen Dienstschicht 14 Stunden nicht überschreiten; nur bei einfachen Betriebsverhältnisten ist eine Ausdehnung bis zu 16 Stunden zulässig;

3. für das Zugbegleitungspersonal soll die tägliche Dienstdauer im monatlichen Durchschnitt nicht mehr als 11 Stunden und

4. für das Lokomotippersonal nicht mehr als 10 Stunden(bei einfachen Betriebsverhältnissen bis zu 11 Stunden) betragen. Bei letzteren beiden Beamten⸗ kategorien darf die einzelne Dienstschicht 16 Stunden nicht überschreiten; überdies müssen derartig lange Schichten durch ausgiebige Pausen unterbrochen werden.

Jeder im Betriebsdienste ständig beschäftigte Beamte soll monatlich mindestens zwei Ruhetage von je 24 Stunden(III) erhalten. Bei einfachen Betriebs⸗ verhältnissen, wie namentlich auf Nebenbahnen, kann die Zahl der Ruhetage des unter 1 und 2 aufgeführten Personals auf einen im Monat eingeschränkt werden. Im Nachtdienst darf kein Beamter mehr als 7 Nächte hintereinander beschäftigt werden. Hinsichtlich des Kirchenbesuchs bleibt es bei den bis⸗ herigen Vorschriften. Hiernach ist dem Betriebspersonal an jedem zweiten, mindestens aber an jedem dritten Sonntage Gelegenheit zur Teilnahme am Gottesdienste zu geben und die dazu erforderliche dienstfreie Zeit zu gewähren, ohne daß es der Nachsuchung eines besonderen Urlaubes zu diesem Zwecke bedarf, und auch ohne daß eine Beeinträchtigung der Ruhezeit eintritt.

Dieser Erlaß kennzeichnet die hochtönenden Tiraden von dem Staat, der an der Spitze der Sozialreform marschiert, ganz vortrefflich. Schichten bis zu 16 Stunden in einem auf⸗

reibenden Dienst und alle Monat nicht einmal ein dienstfreier Tag gesichert! Denn 24 Stunden machen wohl nach Adam Riese einen Tag aus, aber für einen Eisenbahner bedeuten sie keinen dienstfreien Tag. Wenn so ein abgerackerter Eisenbahner abends um 6 Uhr aus dem Dienst kommt, dann endet sein dienstfreier Tag bereits am andern Tag nachmittags 6 Uhr. Die Ruhetage müßten auf mindestens 36 Stunden normiert werden; so lange das nicht geschieht, kann von dienstfreien Tagen keine Rede sein.

Der Krieg in Südafrika.

Die englischen Gesamtverluste betragen bis zum vorigen Samstag: Offiziere getötet 92, verwundet 303, vermißt bezw. gefangen 102; Unteroffiziere und Mannschaften getötet 894, verwundet 3801, vermißt bezw. gefangen 2287, zusammen 7479. Dazu kommen noch 260 Soldaten, die an Krankheiten ge⸗ storben sind.

Wie derStandard and Diggers News vom 14. Dezember meldet, ist ein Enkel des Präsidenten Paul Krüger bei einem der Angriffe auf die Forts von Mafeking am 13. Dezember gefallen.

In London herrschte am Mittwoch die ängstlichste Stimmung, da unbedingt ein aus⸗ schlaggebender Zusammenstoß stattgefunden haben muß, aber keinerlei Nachrichten eingelaufen sind

Aus dem Reichstag. Eine Komödie.

Am Freitag wurde die längst angekündigte Inter⸗ pellationskomödie im Reichstag gespielt. Der Abgeord⸗ nete Müller(natlib.) fragte die Regierung, was sie gethan habe in Sachen der Beschlagnahme deutscher Schiffe durch England. Und der Staats sekretär v. Bül o w antwortete, daß alles im Blei sei, England zahle Ent⸗ schädigung und wolle verhüten, daß wieder solche Miß⸗ griffe vorkämen.

Damit war die Geschichte erledigt, denn als der Abg. Liebermann von Sonnenberg die Besprechung der Interpellation beantragte, erhoben sich dafür noch keine 30 Mann, obwohl die Interpellation von 300 Abgeordneten unterzeichnet war. 270 hatten also genug von dem Hokuspokus, den die Sozialdemokratie von vornherein nicht mitgemacht hatte.

Das Nachspiel.

Direkt an das vereinbarte Frage⸗ und Antwortspiel schloß sich die Etats beratung, Titel: Reichskanzlei Interessant waren zwei Aeußerungen des Fürsten Hohenlohe, der dem berühmten Gründer Herrn v. Kardorff auf allerlei Anzapfungen antsortete, Onkel Chlodwig erklärte erstens:Ich halte an der Goldwährung fest und bin der Meinung, daß das Aufgeben unserer bestehenden Währung zu Kalamitäten ersten Ranges führen könnte. Und zweitens:Ich halte den Ausspruch für sehr weise, daß die Sozial⸗ demokratie eine vorübergehende Erscheinung sei(Hört, hört!), die sich austoben werde.

Ebenso interessant waren einige Aeußerungen des Grafen Posadowsky, die in unserem heutigen Leit⸗ artikel gewürdigt werden.

Abg. Liebermann v. Sonnenberg, der sich ärgerte, daß er im ersten Akt der Komödie aus den Koulissen nicht heraus durfte, hielt dann eine große Panke über England, das er in Grund und Boden verdonnerte. Er, der Antisemiten Oberster, schwärmte für das zarische und verknutete Rußland:Rußland ist eine große kolonisatorische Potenz. England hat nur ein Interesse daran, die Völker durch Opium und Branntwein zu demoralisieren; Rußland dient einer großen Kulturmission, England schädigt dieselbe.

Mit der Erklärung des Grafen Oriola, daß er wohl im Hause auf allseitiges Einverständnis rechnen könne, wenn er auf die Rede des Abg. Liebermann nicht eingehe, schloß die denkwürdige Freitagssitzung, die einen sogroßartigen und imposanten Verlauf nehmen sollte, aber so kläglich verpuffte.

Eine Sozialistendebatte.

Am Samstag setzte der Reichstag die Beratung des Etats des Reichskanzlers fort. Regierungsmän ner und Konservative unterhielten sich über die Frage, ob die Sozialdemokratie eine vorübergehende oder eine dauernde Erscheinung sei, ob sich mehr die Politik des Zugreifens oder die des Abwartens empfehle. Aus diesem häuslichen Zwist im Lager der Herrschenden ent⸗ wickelte sich allmählich eine regelrechte Sozialistendebatte.

Im Namen unserer Fraktion hob Genosse Bebel mit Recht hervor, daß dieser Austausch von Liebens⸗

würdigkeiten zwischen Agrarieru und Gouvernementalen uns im Grunde sehr kalt lasse. Dle Sozialdemokratie habe kein Interesse daran, ob man ihr so oder so, auf dem Wege der milden Praxis oder dem des Aus nahme⸗ gesetzes begegne; als notwendige Begleiterscheinung der kapitalistischen Gesellschaft sie als solche bezeichnet zu haben zeuge von der fortschreitenden Einsicht des Grafen Posadowsky werde sie erst mit dieser ver⸗ schwinden; nicht später, aber auch nicht eher. Ob Sie ein Sozialistengesetz machen oder nicht, ist uns gleich⸗ giltig, ja es giebt sogar eine große Anzahl unter meinen Parteigenossen, die nach der Zeit des Sozialistengesetzes eine gewisse Sehnsucht empfinden(Lachen rechts), denn jene Zeit stachelte ihren Mut und ihre Opferwilligkeit ganz besonders an. Machen Sie wieder ein Sozialisten⸗ gesetz, so gebe ich Ihnen die Versicherung: in drei Tagen ist die ganze Sozialdemokratie im Kriegszustand organisiert, und den Kampf werden wir mit größerer Energie gegen Sie aufnehmen als jemals. Wenn's Ihnen beliebt, das Tänzlein zu wagen, wir sind bereit, Ihnen aufzuspielen.(Sehr gut! bei den Sozialdemo⸗ kraten.)

Ganz besonders interessant war es mir bei den Aus⸗ führungen des Herrn Reichskanzlers, daß er sich auf die Aeußerung des Kaisers bezog, die Sozial⸗ demokratie wäre eine vorübergehende Erschei⸗ nung, sie müsse sich austoben. Auszutoben brauchen wir uns nicht, weil wir noch nie getobt haben. Daß die Sozialdemokratie eine vorübergehende Erscheinung ist, das ist gewiß richtig, denn das einzig Dauernde in der Welt ist der Wechsel und die Sozialdemokratie ist ebenso eine vorübergehende Erscheinung, wie die Hohenzollernsche Dynastie.(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Die Sozialdemokratie wird aber erst dann verschwinden, wenn sie ihr Endziel erreicht hat, denn dann hat ihre Existenzberechtigung aufgehört. Immerhin will ich zugeben, daß diese Aeuße⸗ rung, die Sozialdemokratie ist eine vorübergehende Er⸗ scheinung, erträglicher ist, als wenn es heißt:Die Sozialdemokraten sind eine Rotte von Menschen, nicht wert, den Namen Deutscher zu tragen undjeder Sozialdemokrat ist ein Reichs- und Vaterlandsfeind. Nachdem der Reichskanzler das Wort von dervorüber⸗ gehenden Erscheinung acceptiert habe, sei wohl anzu⸗ nehmen, gaß auch die Zeit vorbei ist, wo er mit Um⸗ sturzvorlagen operiert. Er wird erkennen, daß eine solche Politik eine staatsmännische Ban ausenpolttik ist. Zum Schluß nahm dann Bebel noch eine grün d⸗ liche Abrechnung mit Herrn v. Kardorff vor, der sich Tags zuvor wieder, wie schon oft, mausig ge⸗ macht hatte. Herr v. Kardorff ist einer der wütendsten Krautjunker und als Freund des Königs Stumm An⸗ hänger der Gewaltmaßregeln gegen die Sozial⸗ demokratie.

Es sprachen u. a. noch der konservative Herr v. Kröcher, der es bedauert, daß aus der Zuchthaus⸗ vorlage nichts geworden ist, Fürst Herbert Bismarck, der seinem im Kampfe mit der Sozialdemokratie unter⸗ legenen Vater ein Loblied sang, und einige andere mehr.

Unter stürmischer Heiterkeit des Hauses suchte sich Herr von Kardorff von den wuchtigen Anklagen rein⸗ zuwaschen, was ihm nicht gelang.

Dem Reichskanzler wurde schließlich das Gehalt und der Reichskanzlei die angeforderten Summen bewilligt.

Novelle zur Unfallversicherung.

Am Montag und Dienstag wurde vor leeren Bänken es handelt sich ja um ein Gesetz für Ar⸗ beiter die erste Lesung der Novelle zur Unfall⸗ versicherungerledigt. Unsererseits sprachen in treff⸗ licher Weise die Genossen Stadthagen und Molken- buhr. Letzterer führte namentlich den Freisinnigen Fischbeck ab, der die sozialdemokratische Forderung auf volle Entschädigung der verunglückten Arbeiter für unerfüllbar erklärte und als echter Freisinniger das große Wort gelassen aussprach, es würden zu viel Renten gezahlt. Die Vorlage wurde einer Kom⸗ mission von 24 Mitgliedern überwiesen.

In der Mittwochs sitzung brachten unsere Genossen Thiele und Sachse wieder die schlimmen Zustände im Bergbau zur Sprache. Thiele schilderte nament lich, wie die Steiger im Mansfelder Becken hausen. Es gebe darunter Leute, die sogar die Frauen der Bergleute als ihr Eigentum betrachteten.

Von Nah und Lern.

Mitteilungen aus unserem Leserkreise sind jederzeit willkommen Die Ehre unserer Sache gebietet naturlich streugste Gewissen⸗ haftigteit bei Uebermittelung von Nachrichten. Wir bitten alle

zum Druck bestimmten Einsendungen nur auf ener Sele gu beschreiben.

Zünftlerische Wirte.

* Was den Gastwirten in Gießen mit Unterstützung der liberalen Stadtverordneten gelang, ist ihnen in Darmstadt nicht ge⸗ lungen. Auch dort beschäftigten sich die Stadt verordneten mit dem Gesuch der Wirte, die