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Mitieldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 3.
nicht ausnützen, so versäumten sie eine Gele genheit, wie sie so günstig nicht so bald wiederkommen wird. Ent⸗ weder ist dte Achtstundenschicht und der Minimallohn jetzt zu erobern, oder der Kampf ist auf Jahre hinaus wieder zu Ungunsten der Arbeiter entschieden. Aus diesem instinktiven Gefühl heraus hat sich der Streik wie Feuer verbreitet; was ihm an Organisation fehlt, das wird ersetzt durch eine fieberhafte Entschlossenheit, die das größte wagt, wenn der Augenblick es verlangt. Es giebt keinen anständigen Menschen in Oestreich— die Nutznießer des Bergarbeiterelends und ihre Sold⸗ knechte ausgenommen— dessen Herz bei diesem gewaltigen Kampfe nicht erbebte und der den Arbeitern in ihrem Todes ringen nicht den vollsten Erfolg heiß und sehn— süchtig wünschte. Der Streik der Bergarbeiter hat aber auch die größte internationale Bedeutung, speciell für die deutsche Bergarbeiterschaft, deren Lebenslage durch den Tiefstand, in dem ihre östreichischen Brüder leben, unaufhörlich bedroht wird. Die kämpfenden Arbeiter blicken deshalb mit Vertrauen auf ihre deutschen Brüder, wohl wissend, daß ihnen nicht nur herzliche Sympathie, sondern auch werkthätige Unterstützung werden wird.“
Gerade im Bergbau offenbart sich die kapi— talistische Mißwirtschaft mit am deutlichsten. Die Mutter Erde, die uns allen gehören sollte, ist von einer Handvoll reicher Leute in Besitz genommen. Sie lassen ununterbrochen, Tag und Nacht, Schätze aus dem Schacht herausbefördern, die sie immer reicher machen. Die armen Arbeiter aber, die kaum das Sonnen⸗ licht zu sehen bekommen, die Tag für Tag das Totenhemd tragen, nie wissen, ob sie wieder aus dem Schacht herauskommen, ob sie jemals Frau und Kinder wiedersehen, sie läßt man im tiefsten Elend verkommen.
Wer unter unseren Lesern wüßte nicht, wie die Kohlenpreise fortwährend gestiegen sind und noch steigen. Wie viele Tausende Familien zählen jede Kohle einzeln in den Ofen, wenn sie für 35 oder 40 Pfg. sich einen Viertelzentner im kleinen Henkelkorb beim Kohlenhändler ge⸗ holt haben? Und wenn sie dann über den kaum erschwinglichen Preis klagen, wird ihnen wohl auch noch gesagt, die Bergarbeiter ver— haben! zu viel und wollten immer noch mehr
aben!
Elende Lügen das. Die Bergleute werden ganz erbärmlich bezahlt, aber die reichen Grubenbarone sind nnersättlich. Ihr Profithunger steigert sich fortgesetzt. Kann man es da den unglücklichen Bergarbeitern verdenken, wenn sie verzweifelt die Arbeit niederlegen? Gewiß nicht.
Das Kapitel vom Bergbau ist so recht ge⸗ eignet, zum Nachdenken zu veranlassen. Das Nachdenken empfehlen wir speziell allen Gegnern des demokratischen Sozialismus. Wem gehört die Welt? Uns allen oder nur einem kleinen Häuflein? Steckt die unentbehrliche Kohle im Innern der Erde, um der ganzen Menschheit zu nützen, oder soll sie dazu dienen, einige Dutzend unermeßlich reiche Leute immer reicher, die große Masse der Menschheit von diesen Geldfürsten immer abhängiger zu machen?
Ein Glück, daß die Sonne für den Kapi⸗ talismus unerreichbar ist, sonst schiene sie für uns Armen schon längst nicht mehr, sicherlich spendete sie uns das Licht und die Wärme nicht mehr umsonst.
Politische Rundschau.
Gießen, 26. Januar. Ein Manifest gegen den Krieg
haben die englischen Sozialdemokraten er⸗ lassen. Sie wenden sich an das englische Volk, um ihm klar zu machen, daß das Volk selbst keinerlei Interesse an dem menschenmordenden Kriege in Südafrika hat. In scharfen Worten wird das gewissenlose Treiben der Rhodes, Jameson und Chamberlain gegeißelt. Mit kraftvoller Offenheit werden die wahren Motive aufgewiesen, die eine kleine, einflußreiche Klique veranlaßten, zum Kriege zu hetzen. Das Mani⸗ fest fordert auf zur Teilnahme an den Friedens⸗ bestrebungen:
„„Arbeitsbrüder! Eure Feinde, das sind nicht die holländischen Bauern Transvaals, sondern die Aristokraten und Plutokraten Groß⸗ britanniens. Wir beschwören Euch denn, laßt keinen der Eurigen für eine Sache kämpfen,
die nicht die Eure ist. Schließt Euch uns an in unserem Bestreben, den Frieden herbeizu⸗ führen.“ l
Des weiteren werden die großen Kriegs⸗ kosten augeführt, die etwa auf 1¼ Milliarde Mark einzuschätzen seien. Diese werden aus dem Volke gepreßt und wandern zum größen Teil in die Taschen der Großkapitalisten, Bankiers und Kapitalisten aller Art.
„Der wahre Patriotismus“, so schließt das Manifest,„besteht nicht darin, zu dominieren, andere Nationen zu unterdrücken, sondern in der moralischen, intellektuellen und materiellen Hebung der eignen Nation.“
Die Flotte auf Pump.
Ueber die„Flotte auf Pump“, wie sie von der„Kölnischen Volkszeitung“ treffend getauft worden ist, stellt die„Volksztg.“ folgende an⸗ schauliche Rechnung auf:
„Nach den Berechnungen des Reichsschatz⸗ amtes beträgt die 3¼ prozentige Reichsschuld zur Zeit
1240 Millionen Mark, sie erfordert an Zinsen 43,4 Millionen Mark. Die Zprozentige Reichsschuld beträgt 961 Millionen Mark, Zinsen 32,56 Millionen Mark. Dazu kommt die neue Anleihe für 1900 mit 76 Millionen Mark
Zinsen 870000 Mark, ferner weitere Zinsen 575000 Mark, ergiebt als
Schuld 2277 Millionen Mark,
an Zinsbedürfnis 77 405 000 Mark. Das ist die alte Rechnung, wie sie besteht.
Die Flottenvorlage soll kosten an
Anleihe
769 Millionen Mark, macht Zinsen zu 4 Prozent, denn anders wird's zur Zeit nicht gehen, 30 760 000 Mark.
Wir erhalten also eine Reichsschuld von
3016 Millionen Mark mit einem Zinsbedürfnis von 108 165 000 Mark.
Von diesen Ziffern ist offiziös nichts weg⸗ zuleugnen. Voraussichtlich langen sie aber nicht, und es kommt, wenn überhaupt, auch der alljährliche Mehrbedarf von 11 Millionen Mark auf dasselbe Konto. Dieser Mehrbedarf beziffert sich auf
176 Millionen Mark, die sonach zu der Reichsschuld hinzuzuschlagen sind, sodaß diese allein durch diese Aufwendungen, von anderen Aaleihen, die nicht ausbleiben
werden, ganz zu schweigen, auf die enorme Summe von
3222 Millionen Mark, also 3¼ Milliarde kommt, und ein Zinsbedürf⸗ nis von 113 205 000 Mark zeitigt.
Wir wollen diese Ziffern durch weitere Ver— mutungen gar nicht belasten. Da aber mit aller Sicherheit vorauszusehen ist, daß stch die Anleihewirtschaft fortsetzt, daß diese Anleihe⸗ wirtschaft im Falle einer ökonomischen Krisis sich noch erweitert, so kann man, ohne irgend welcher Uebertreibung bezichtigt zu werden, rechnen, daß mit dem Ausban der Flotte, falls wir das je erleben, das Reich eine Schuldenlast von 4— 5000 Millionen Mark zu verzinsen haben wird.
Diese schwindelerweckenden Zahlen machen bloß solchen Leuten Unruhe, die wie der in Scharfmacherei gegen die Arbeiter und Patrio⸗ tismus gleich hervorragende Abg. Möller in einer Flottenrede gesagt hat, an„Portemonnaie⸗ ängstlichkeit“ kranken. Herr Möller und alle Flottenenthusiasten sind erhaben über derartige Menschlichkeiten. Sie haben zwar ein größeres Portemoenaie als ungezählte Sterbliche, aber sie wissen als geriebene Geschäftsleute, daß es die Masse thun muß. Soll heißen: daß die Portemonnaies der großen Mehrzahl für jene ungeheuren Summen aufkommen müssen.— Selbstverständlich müßte das Volk die ent⸗ stehenden Kosten für die Flotte zahlen. Die „vornehmen“ Leute begnügen sich damit, die
neuen Schiffe zu bewilligen und ihr Geschäft⸗ chen dabei zu machen. Das Zahlen über⸗ lassen sie großmütig dem arbeitenden Volk.
Die Schiffsbau Patrioten.
Wir müssen neue Schiffe bauen zu dem Zwecke natürlich, damit unsere Marine den andern überlegen ist. So behaupten die von den Schiffsunternehmern besoldeten Agi⸗ tatoren. Die Auftraggeber selber aber handeln nach etwas anderen Grundsätzen: Im Jahre 1899 wurden für das Ausland auf drei deutschen Werften 23 Kriegsschisse erbaut, nämlich 1 Panzerkreuzer, 3 Geschütz⸗ kreuzer, 11 Torpedokreuzer und Torpedoboot⸗ zerstörer und 8 Torpedoboote. Davon entfallen auf Japan 9, auf Rußland 7, auf Italien 6 Schiffe und auf Brastlien 1 Schiff.
Wo irgend einmal deutsche Kriegsschiffe in Kampf geraten würden, so würden sie mit den vorzüglichsten Schiffen, Waffen und Geschossen, die aus Deutschland von deutschen Unter⸗ nehmern geliefert werden, bekämpft werden. Der Patriotismus der Krupp und Konsorten ist ein einträgliches Geschaͤft.
Bestellte Beschlagnahme?
Wir schrieben in voriger Nummer: Wenn die Sache nicht gar zu unmöglich erschien, hätte man annehmen können, der„Bundesrat“ sei auf Bestellung beschlagnahmt worden, um den deutschen Flottenaposteln ein zugkräftiges Agitationsmittel für ihre Wasserpolitik zu ver⸗ schaffen. Wir scheinen thatsächlich richtig vermutet zu haben. Als Opfer bedenklicher Spione bezeichnet jetzt auch die„Kölnische Zeitung“ die englischen Marinebehörden. Solche Spione hätten sich an Bord der einzelnen Schiffe eingeschmuggelt und in den verschiedenen Hafenstädten die unglaublichsten Gerüchte(über an Bord befindliche Konterbande) weiter ver⸗ breitet. Die„Kölnische Volkszeitung“ knüpft daran den Verdacht, daß diese Spitzel Hinte r— männern dienten, welche an dem neuen Flottenplan schwerwiegende materielle(ge⸗ schäftliche) Interessen hätten und deshalb aus vollem Halse schreien ließen:„Seht, wie rück⸗ sichtslos die Engländer auftreten! Da kaun nur eine starke, der englischen ebenbürtige Flotte helfen!“ f
Diese Vermutung hat eine große Wahr⸗ scheinlichkeit für sich. Immer hat man politische Zwecke in der Weise zu fördern gesucht, daß man die„Fälle“ arrangierte, deren man be⸗ durfte, um die öffentliche Meinung mit Ent⸗ rüstung zu erfüllen und sie in dieser Stimmung für Alles gefügig zu machen. Noch uavergessen ist das Spitzelwerk der Alexandrinischen Bomben⸗ verschwörung, die inszeniert wurde, um die Reise Wilhelms II. nach Aegypten zu verhindern. Warum sollte man da nicht auch„Material für Flottenverstärkungen“ auf diese bewährte Weise erzeugen?
Aus dem autisemitischen Lager.
Das Unglück schreitet schnell. Vor wenigen Tagen erst hat Herr Liebermann v. Sonnen⸗ berg im Reichstag als„einziger“ deutscher Mann bei der Interpellationsdebatte über die Beschlagnahme deutscher Dampfer die Ehre und das Ansehen Deutschlands gerettet, die von den schwächlichen„Sammet⸗Handschuh⸗Poli⸗ tikern“, von„verjudelten“ Freisinnigen, Demo⸗ kraten, Sozialdemokraten, auch vom ebenfalls bereits stark„angejüdelten“ Centrum bekannt⸗ lich bei jeder Gelegenheit schmählich in den Staub getreten werden. Und wenige Tage nach dieser vaterlandsretterischen That, ist das Unheil bereits über den Retter hereingebrochen: in einer am Sonntag abtehaltenen Sitzung des „Gesammtvorstandes der deutsch-sozialen Reform⸗ partei“ hat Herr Liebermann v. Sonnenberg den Parteivorsitz niedergelegt und zwar der„Staatsbürger ⸗Ztg.“ zufolge mit der Be⸗ gründung,„daß seiner Ansicht nach diejenige Politik, die er anderen Parteien und Richtungen gegenüber für nötig hält, durch die Wahl der Parteileitung nicht gewährleistet sei.“ Lieber⸗ mann war wegen seiner Hinneigung zu den Konservativen dem„radikalen“ Flügel der Partei schon längst unbequem, sein offenes Wort, daß der Antisemitismus auf dem toten Punkt
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