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Nr. 5.
Gießen, Sonntag, den 28. Januar 1900.
7. Jahrg.
Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.
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Redaktionsschluß⸗ Donnerstag Nachmittag 4 Uh
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Wo ist der blinde Hödur?
el. In der Reichstagssitzung vom 19. Januar sprach der Staatssekretär Graf Posadowsky von der blinden Menge, welche Bismarck einst⸗ mals den blinden Hödur“ genannt habe. Diese blinde Menge lasse sich durch Schlagworte fangen. Er kam dann auf die Sozial demo— kratie zu sprechen und meinte, sie sei eine Folge der Großindustrie; die Konzentration der Arbeits⸗ kräfte habe das Zusammengehörigkeitsgefühl in den Arbeitern erregt, und die im Wachsen be— griffene Volksbildung habe naturgemäß die An⸗ sprüche an die Lebenshaltung erhöht. Das Selbstbewußtsein der Arbeitermassen sei gestiegen, und dieser Stimmung hätten sich die Agitatoren bemächtigt, indem sie vor der gläubigen Masse den roten Mantel ausbreiteten und ihr vor⸗ erzählten, sie, die Agitatoren, allein wären in der Lage, die Masse vor allem Ungemach zu schützen. Wenn auch nicht in so naiven Rede⸗ wendungen, wie sie uns der Herr Graf in den Mund legt, so doch an der Hand eines weit⸗ schichtigen Thatsachenmaterials suchen wir dem arbeitenden Volke klar zu machen, aus welchem Grunde ihm der gegenwärtige Klassenstaat, der das Lohnsystem und das Eigentum an den Produktionsmitteln unter keinen Umständen be⸗ seitigen lassen wird, niemals helfen kann, und warum nur der Sozialismus, der die Auf⸗ hebung aller Klassen zur Voraussetzung hat, die Beseitigung der Lohnsklaverei-und damit Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit ohne An⸗ sehen der Person bringen wird.
Der Herr Graf scheint übrigens gar nicht gemerkt zu haben, in welchen Widerspruch er sich verwickelte. Einerseits sprach er von der blinden, gläubigen Menge, andererseits hob er hervor, in welchem Grade das Selbstbewußtsein der Arbeiter gestiegen und die Volksbildung gewachsen sei. Wir sollten meinen, Bildung und Selbstbewußtsein förderten das Nachdenken und bewahrten vor blindem Glauben. Und das thun sie auch; freilich in einer, Herrn Posadowsky recht unliebsamen Weise. Je mehr die Arbeiterklasse an Selbstbewußtsein und Bildung gewinnt, um so mehr wächst auch die Anhängerzahl der Sozialdemokratie. Auch wir klagen über den„Unverstand der Massen“, als den am meisten gehaßten Feind, und deshalb arbeiten wir rastlos an der Aufklärung des Volkes. Herr Posadowsky und seinesgleichen suchen aber zu verhüten, daß Klarheit in die Köpfe gelange. Ein treffliches Beispiel liefert wieder die Gegenwart.
Mit einem ungeheuren Aufwand an Geld wird eine Reklame für die neue Flottenvorlage gemacht, wie wir sie seit 1887 nicht erlebt haben. Alles, was Orden, Titel, einflußreiche Stellungen oder fetten Profit zu erlangen hofft, arbeitet bei diesem Flottenrummel mit. Vor⸗ träge und Flugschriften über die Notwendigkeit der Flottenvermehrung werden in Unmasse ge⸗ halten und verbreitet. Die Agitation hat ihren Höhepunkt erreicht, und die Würfel werden in der nächsten Zeit fallen. Wenn nun in diesem allgemeinen Taumel die Arbeiter allein klaren
Nach der nordischen Götterlehre wurde Baldur, ein Gott der Skandinavier, von seinem blinden Bruder Hödur durch die List des Feu ergottes Loli gefötet.
Verstand behalten und sich von den Flotten— aposteln nicht bekehren lassen, was anders ist daran schuld, als die F Sozialdemokratie? Sie hat den Arbeitern„das nationale Denken und Fühlen“ aus dem Herzen gerissen, sie übt solchen„Terrorismus“ auf die Arb.iter aus, daß diese für die Flottenpolitik nicht einzutreten wagen. Solches und ähnliches thörichtes Zeug redet man den Arbeitern vor und beschwört ste, endlich abzulassen von den Verführern, die nur von den sauer verdienten Groschen der Arbeiter leben, und in den Schoß der Junker und Bourgeois, d. h. in den Gesindestall auf dem Lande und in das Zuchthaus, zurückzukehren.
Im Jahre 1887, unter dem Ausnahmegesetz, konnte Bismarck die Ueberrumpelung des deut⸗ schen Volkes noch gelingen. Aber seitdem sind 13 Jahre ins Land gegangen und die Arbeiter⸗ partei zählt 2¼ͤ Millionen Anhänger.
Keine Sirenenklänge werden die Arbeiter mehr bethören. Möge man noch so viel erzählen von dem in Aussicht stehenden Verdienst, von der Gefahr, welche unserem auswärtigen Handel und der Einfuhr im Falle eines Krieges droht; die Arbeiter bleiben taub gegen alle diese Schein⸗ gründe. Wer hat denn sm letzten Ende die Zeche zu begleichen? Das arbeitende Volk. Warum sträubt man sich denn, denjenigen die Kosten für die Flottenvermehrung aufzuerlegen, welchen die Kriegsschiffe zu gute kommen? Aber freilich, den Vorteil davon sollen ja die Arbeiter haben, also müssen sie auch zahlen.
Welche Arbeiter haben denn angeblich Vor⸗ teil? Die Werftarbeiter, wird man antworten. Aber der Schiffsbau steht augenblicklich in Blüte und bietet den Werftarbeitern Arbeitsgelegenheit genug. Die Arbeiter der Eisenindustrie? Nun, die Eisenwerke sind anch ohne Aufträge von Werften stark beschäftigt. Und wenn erst der wirtschaftliche Rückschlag wieder eintritt, dann vermag der Schiffsbau die Industrieen, welche ihm Material liefern, vor den Folgen der Krise nicht zu bewahren. Und nun all' die Arbeiter der übrigen Erwerbszweige— sie werden höhere Lebens mittelpreise zu zahlen haben; denn ohne Vermehrung von Steuern und Erhöhung von Zöllen ist der Flottenplan nicht ausführbar. Was man im günstigsten Falle einem kleinen Teil der Arbeiter giebt— und ob überhaupt eine Lohnerhöhung in den beteiligten Industrie⸗ zweigen eintritt, ist nach den bisherigen Er⸗ fahrungen mehr als fraglich— das nimmt man doppelt der Gesamtheit durch Zölle und Steuern. Würden wir zu gunsten einzelner Arbeiterschichten Gelder bewilligen, was unter⸗ schiede unsere Handlungsweise da von derjenigen der Agrarier, die auch nur für einen Teil des Volkes wirtschaftliche Vorteile verlangen?
Wenn unsere Bourgeoisie in den Handels⸗ stätten plötzlich von Flottenbegeisterung befallen wird, so hat das einen sehr realen Grund. Fürchtet man doch in Handelskreisen, daß der künftige Zolltarif hochschutzzöllnerisch ausfällt und ihre Profite dadurch schmälert. Durch lautes Eintreten für die Flottenvermehrung sucht man sich an maßgebender Stelle beliebt zu machen, damit sich die Regierung des Handels zur rechten Zeit erinnert. f
Der blinde Hödur lebt noch; gewiß. Allein er ist zu suchen nicht bei den selbstbewußten Arbeitern sozialistischer Gesinnung, sondern bei
jener trägen, gleichgiltigen Masse ohne Klassen⸗ bewußtsein. Diese läßt sich vielleicht noch ein⸗ mal für die Wasserpolitik begeistern. Endlich wird aber auch in diese Reihen, wenn auch langsam, die Fackel der Aufklärung Licht bringen und den blinden Hödur sehend machen.
Die Bergarbeiter im Kampf.
* Unter den Bergarbeitern gärt es seit langem ganz gewaltig. Nun ist in Oberschlesten und in Oesterreich der Kampf ausgebrochen. Dem„Vorwärts“ wird aus Wien von vorigem Sonntag berichtet:
„Die Bewegung der Bergarbeiter gleicht einem reißenden Strom, den keine Kraft mehr aufzuhalten vermag. Im mährisch⸗schlesischen Revier ist der Aus⸗ stand fast allgemein, in Kladno müssen schon die Eisen⸗ werke den Betrieb einstellen, und morgen wird in Böhmen der allgemeine Streik im nordwestlichen und westlichen Kohlenrevier beginnen. Es ist weitaus der größte Streik, den Oesterreich je erlebt; an neunzig⸗ tausend Arbeiter, fast die gesamte Menschheit, die die Kohle aus der Tiefe fördert, wird morgen die Arbeit eingestellt haben. Die Kohlennot wächst, der gesamten Industrie von Nordböhmen droht eine fürchterliche Stockung; es ist ein Ausstand, der die kapitalistische Gesellschaft an dem empfindlichsten Punkte packt. In seiner grauenhaften Größe offenbart uns der Streik der Bergarbeiter, was die Arbeiter für die mo⸗ derne Gesellschaft bedeuten. Auf der Kohle, die Wärme und Kraft giebt, ruht das Gebäude unserer Zivilisation; da die Menschen feiern, die das erwärmende und kräfte⸗spendende Material aus der Erd⸗ tiefe holen, ist es, als ob die Grundlagen des gesamten Schaffens ins Wanken geraten wären. Und auch den ganzen Wahnsinn der kapitalistischen Ordnung bringt uns der Streik der Bergarbeiter zum Bewußtsein. Auf der einen Seite ist es eine ganze Welt von Menschen, leidender und darbender Menschen, die um ein kleines Stückchen Fortschritt, um ein bischen Freiheit kämpfen und die die grausige Not des Streiks auf sich genommen haben, um sich die primitivsten Menschenforderungen zu erkäwpfen. Und auf der an⸗ deren Seite stehen eine Handvoll Ausbeuter, zehn, zwanzig Leute, deren Reichtum uner- meßlich ist, und deren Behagen nie getrübt wird von dem Gedanken, daß Generation um Generation dahin⸗ sinkt, damit ihr Profit wachse, ihr Reichtum ins gigantische steige! Und die Größe des Elends, das um Abhilfe schreit, der unschätzbare Schaden, den der Bergarbeiterstreik hervorruft: all' das prallt an dem hochmütigen, grausam gleichgültigen Machtbewußtsein der Unternehmer wirkungslos ab!
Der Streik, der heute fast die gesamte Kohlenförderung ergriffen hat, ist aus einem kleinen Zwischenfall ent⸗ standen. Ursprünglich war es nur ein Ausstand in zwei kleinen Schächten in Mährisch⸗Ostrau, der überdies am 10. Januar durch eine Reihe kleiner Zugeständnisse beendet schien. Die sozialdemokratischen Vertrauens⸗ männer haben auch lange abgeraten, denn die Or- ganisation der Arbeiter im mährisch-schlesischen Revier, dem Centrum des östreichischen Kohleubergbaus, läßt alles zu wünschen übrig. Trotzdem mußte der Streik ausbrechen, denn er ist einfach eine wirtschaftliche Not⸗ wendigkeit. Der östreichische Kohlenbergbau steht in Hochkonjunktur(günstigste Geschäftslage), wie sie noch nie da war. Der Preis der Kohle ist innerhalb eines dreiviertel Jahres um fast zwanzig Prozent gestiegen, die Gewinne der Unternehmer wachsen um Mil- lionen; den Arbeitern aber, deren Hände all diesen Reichtum schaffen, deckt ihre Arbeit kaum die nackte Notdurft. Der durchnittliche Jahresverdienst eines östereichischen Bergarbeiters ist 300— 360 Gulden, also kaum einen Gulden pro Tag! Es ist klar: Wenn die Arbeiter diese Zeit des riesenhaften Aufschwungs


