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Seite 6.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 22.
Anterhaltungsteil.
Nur stolz gestrebt!
Nur stolz gestrebt zum Edlen, Schönen, Nur stolz gestrebt, Du Menschenkind,
Wie sich's geziemt der Menschheit Söhnen, Die Kinder wahrer Freiheit sind.
Wie immer sich Dein Schicksal wende
In Leidenszeit, in Freud und Glück,
Dem Guten reiche stets die Hände,
Zum Schönen richte stets den Blick.
Nur stolz gestrebt trotz aller Mühen, Die Dir das Leben auferlegt,
Fürs Edle laß Dein Herz erglühen Und für die Freiheit unentwegt. Ihr sei mit Sinn und Herz ergeben, Für Freiheit opfere Dein Blut. Dem Guten weihe still Dein Leben, Gerechtigkeit Dein höchstes Gut.
Nur stolz gestrebt, halt ohne Zagen Zu allem dem, was recht und wahr, Halt nimmer Dich an alte Sagen
und zu der Dunkelmünner Schar. O reiß' Dich los vom Thorenwahne, Der freiem Denken Fesseln schlug, Kämpf' unter Wissens goldner Fahne, Licb' nur, was wahr, hass' allen Trug.
Und wenn Dich Menschen stolz auch neunen, Weil sie Dein Streben nicht verstehn, Und wenn Dich Freunde selbst verkennen Und achselzuckend von Dir gehn, Dein Herz darf denuoch nicht erbeben Trotz allet Lebenseinsamkeit, Denn nur in reinem, edlem Streben Liegt Tugend und Glückseligkeit. Eduard Rieger.
In Fesseln.
Novelle von Elise Schweichel.
Mutter und Schwester nahmen den innigsten Anteil an dem Fortschritt der Arbeit, die Julius ihnen kapitelweise bei der Familienlampe abends vorlas. Bei diesen Vorlesungen war häufig noch ein Dritter zugegen, Anton Eberhard, ein älterer Jugendgespiele der Geschwister und Sohn jenes Kompagnons des Herrn Storbeck, den dieser um die Früchte seines Fleißes gebracht hatte.
Anton, der bei dem plötzlichen Vermögens⸗ verlust seines Vaters sich genötigt gesehen, die polytechnische Hochschule, auf der er sich damals befand, zu verlassen und das Maschinenfach auf rein praktischem Wege zu erlernen, trug den Hinterbliebenen des unglücklichen Storbeck des⸗ halb keinen Groll nach. Sie konnten ja nichts dafür, und wenn Herr Storbeck an seinem Vater
leichtfertig gehandelt hatte, so war es nicht in
böser Absicht geschehen. Wären seine Spekula⸗ tionen eingeschlagen, so wie sie mißglückt waren, so hätte er ihn zum reichen Manne gemacht. Und konnte Anton die glücklichen Stunden ver⸗ gessen, die er, so weit er zurückdenken konnte, in diesem Hause verlebt? Die Güte Herrn Storbecks, der ihm als Knaben freundlich den dunklen Krauskopf zu streicheln gepflegt, ihm manches Markstück zugesteckt und auch später viel Gutes hatte zufließen lassen?
Als das Unglück über beide Familien herein⸗ brach, da hatten Antons Eltern im ersten Grimm dem Sohne verboten, das Storbecksche Haus wieder zu besuchen. Aber disser hatte dem Verbot nur kurze Zeit Folge beleistet. Als Johanna von jener traurigen Fahrt nach Grimma, die sie in Begleitung des Hausarztes gemacht, zurückkehrte, fand sie Anton bei Mutter und Bruder, der gebrochenen Frau die bangen, er⸗ wartungsvollen Stunden erleichternd. O, wie hatte sie ihm das gedankt!
Seitdem war er regelmäßig wiedergekommen, auch als Julius in schülerhaftem Düntel sich über den Jugendgenossen zu überheben begann. Der immer kräftiger und schöner sich entwickelnde
Arbeiter hatte über das schwächliche Studentlein gelacht und ihm deutlich gezeigt, daß seine Be⸗ suche nicht sowohl ihm als seiner Mutter und Schwester galten.
Hegte Anton für die erstere, deren Charakter- und Verstandesschwäche er früh durchschaut, deren Herzensgüte diesen Mangel aber in seinen Augen wieder gut machte, eine Art mitleidiger Zuneigung, so hing er der letzteren mit leidenschaftlicher Ver⸗ ehrung an. Schon als Knabe hatte sie ihm durch ihre ruhige Ueberlegenheit, ihre Langmut mit den Schwächen der Mutter, mit der Un⸗ gebärdigkeit und Selbstsucht des Bruders imponiert. Er hatte zu ihr wie zu einem höheren Wesen aufgeblickt, und als später auch das Wohlgefallen on der lieblichen jungfräulichen Blüte noch hinzu⸗ kam, was Wunder, daß sich da auch das Herz einzumischen begann!
Wenn Frau Storbeck, in Anbetung ihres Sohnes versunken, kaum auf den Sinn der Ge⸗ schichte, die dieser vorlas, achtete, so waren Johanna und Anton um so kritischere Zuhörer. Die Erstere freilich, die ihre Arbeit keinen Augen⸗ blick ruhen ließ, verhielt sich durchaus schweigend und und drückte ihren Beifall oder ihr Mißfallen nur durch eine leise Bewegung des Kopfes oder ein Zucken der Lugenbrauen aus. Anton hin⸗ gegen gab ganz ungeniert seine Meinung ab, und sie stimmte merkwürdigerweise immer mit der Johannas überein. Merkwürdig war das freilich nur für diese, welche sich gar kein Urteil zutraute und es nicht zu begründen verstand. Sonst war diese Uebereinstimmung sehr natürlich, denn Johanna, wie Anton Eberhard, besaßen einen gesunden, unverfälschten Sinn und ein an⸗ geborenes Feingefühl, welches sie ebenso richtig leitete, wie der ausgebildetste ästhetische Geschmack.
Julius fühlte sich durch die offene Meinungs⸗ äußerung des Jugendgespielen keineswegs an⸗ genehm berührt. Er gehörte zu den empfind⸗ lichen Autoren, die keinen Tadel vertragen können, und jener anmaßende Bursche nahm sich heraus, ihm geradezu zu sagen, daß die Verhältnisse, die er schildecte, geschraubt, die Menschen unwahr seien. Es kam darüber öfter zwischen ihnen zu Steeitigkeiten, welche mit dem wütenden Abgang des beleidigten Autors endigten.
Wie triumphierte dieser daher, als sein Werk trotz der gerügten Mängel einen Verleger fand! Es war zwar nichts Natürliches, nichts Nor⸗ males, nichts psychologisch Wahres in dem Ro⸗ man, aber er erregte bei leichter, anmutiger Er⸗ zählungsweise einen sinnlich prickelnden Reiz, der, ohne daß der Autor sich dessen bewußt sein mochte, der Geschmacksrichtung des größeren Lese⸗ publikums entgegenkam. Hierin besonders lag das Geheimnis seiner ersten Erfolge.
Kurze Zeit danach starb die Mutter, die mit der Ueberzeugung von dem Genie ihres Sohnes aus der Welt schied. Johanna war durch die kindische Frau sehr in Anspruch genommen worden; jetzt hatte sie mehr freie Zeit, und so bewarb sie sich um eine Stelle als Handarbeits⸗ lehrerin an einer von frommen Damen geleiteten Privatschule. Dank ihrer Geschicklichkeit erhielt sie dieselbe, nachdem man zuerst wegen des Mangels an der in jenen Kreisen geschätzten Frömmigkeit Umstände gemacht hatte.
Dieses kleine, feste Einkommen war ein großer Segen für die Geschwister, denn Julius hatte viele Bedürfnisse, und seine Einnahmen waren sehr unregelmäßig und stockten bisweilen ganz. Es mangelte ihm, wie er sagte, die Stimmung zum Schaffen. Und woher hätte sie ihm auch kommen sollen, eingepfercht, wie er früher gewesen, in ein enges Stübchen, das auf die himmelhohen, grauen Mauern eines Hofes hinaussah? Er brauchte Licht und Luft und Raum zur freien Entfaltung seiner Geistes⸗ schwingen. Johanna hatte ihm hierin vollkommen recht gegeben. Ja, ein Dichter konnte nicht leben, wie die arbeitenden und schaffenden Alltags- menschen, und so hatte sie nicht eher geruht, als bis sie diese, alle jene Bedingungen erfüllende Wohnung auf dem Grundstück des Herrn Bartels für ihren Liebling gefunden.
Von dem Lärm des Hofes drang kein Ton in die nach vorn gelegene zweifenstrige Stube!
des Poeten, die einen freien Blick auf die vom
Flusse durchschlängelten Wiesen bis an den wald?
begrenzten Horizont gewährte. Waren die Reize dieser Landschaft auch anspruchslos zu nennen, so boten sie doch bei der zu allen Tageszeiten wechselnden Beleuchtung ein immer neues, stim⸗ mungsvolles Bild, wie es zu einem Dichtergemüt zu sprechen pflegt. Dazu hatte ihm Johanna mit allem, was die Geschwister aus dem elter⸗ lichen Hausstand noch an bequemen Möbel- und Kunstgegenständen besaßen, sein Zimmer behaglich eingerichtet und geschmückt. Ein kleineres Zimmer daneben war sein Schlafgemach.
Johanna bewohnte ein durch die Küche von. Julius Räumen getrenntes Stübchen, dessen einziges Fenster nach dem Hofe hinausging, und an diesem sahen die Handwerker, wenn sie in der Frühe an ihre Arbeit gingen, sie schon über ihren Stick ahmen gebeugt sitzen. Die Arbeit strengte das kräftige Mädchen nicht an. Die Natur hatte sie zu ihrer Lebensaufgabe mit hin⸗ reichenden Kräften ausgerüstet.
„Ja, Du mit Deinem gesunden Schlaf, Deiner Brust und Deinem Magen, Du kannst lachen!“ pflegte Julius bisweilen zu sagen, wenn er sich über die mangelhaften Funktionen seiner Organe beklagte und die Schwester ihm ausreden wollte, daß dieselben so mangelhaft seien.
Indessen befand sich Julius Storbeck in der halbländlichen Wohnung um vieles besser, als in dem engen Stadtlogis, das sie früher inne gehabt. Er begann nach langer Unterbrechung auch wieder zu arbeiten, und Johanna atmete, wie von einem Alp befreit, erleichtert auf.
Anton Eberhard, der seit ungefähr einem Jahre in einer größeren Maschinenfabrik erster Monteur war, hatte sich in der neuen Wohnung bei den Geschwistern noch nicht sehen lassen, denn seine Thätigkeit war eine sehr anstrengende und die Fabrik lag am entgegengesetzten Ende der Stadt. Julius bemerkte sein längeres Fort⸗ bleiben mit Befriedigung. Anton war ihm durch seine unumwundene Kritik und noch mehr wegen der offenkundigen Huldigung, welche er seiner Schwester darbrachte. Daß diese Antons Neigung erwidern oder überhaupt an Liebe und Heirat denken könnte, kam ihm freilich nicht in den Sinn. Der Egoismus seiner Natur, den die
beiden Frauen durch die Verhätschelung des
Knaben großgezogen hatten, stand in voller Blüte und ließ keinen Gedanken an die Ansprüche und Bedürfnisse eines Wesens außer ihm aufkommen. Er nahm es als selbstverständlich hin, daß seine Schwester für ihn lebte, für ihn arbeitete. Gab er ihr doch dafür seinen Schutz, den Abglanz seines Dichterruhms.
Johanna hatte ihr Tagewerk beendigt. Nach einem Blick auf das Stückchen des nördliche Himmels, das man aus ihrem Fenster sehe konnte, und über das sich ein rötlicher Schimme verbreitete, besteckte sie ihren Stickrahmen mit einem sauberen weißen Tuch und stellte ihn auf ein Tischchen, welches vor ihr stand. Dann er⸗ hob sie sich. Hut und Shawl, die noch von dem Nachmittagsgang zur Schule auf dem weiß⸗ bedeckten Bette lagen, ergreifend, schritt sie durch die kleine, mit peinlicher Sauberkeit gehaltene Küche und steckte den Kopf in Julius Stube.
„Herz, bist Du bereit, ein wenig auszugehen? Der Abend scheint prächtig.“ i
Julius lag auf den Sofa und las. Lässig schaute er nach dem Fenster, welches Johanna, die mittlerweile hereingetreten war, mit einem leisen Ausruf des Entzückens öffnete. Der Abendhimmel, den man von hier aus überschaute, strahlte in seiner ganzen herbstlichen Pracht. Es war, als ob die Sonne in einem Meer von flüssigem Gold versunken sei, das jetzt in Flammen aussprühte und den Horizont mit Purpurglut übergoß. Zugleich drang ein kräftiger Heugeruch von den Flußwiesen berauschend herein. Julius sprang auf. Seine reizbaren Nerven waren aufs angenehmste berührt.
„Ja, komm', laß uns gehen“, rief er plötz⸗ lich ganz belebt.
„Daß Du auch das Fenster nicht früher öffnetest! Diese herrliche Luft auszuschließen 2 sagte Johanna ein wenig vorwurfsvoll.
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