Ausgabe 
27.5.1900
 
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Nr. 22.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Seite 5.

Zum Konitzer Mord.

Unter großer Beteiligung der Bevölkerung wurden am Sonntag die Leichenteile des Gym⸗ nasiasten Winter bestattet. Auf dem Kirchhof waren ein Kriminalinspektor und zahlreiche Po⸗ lizeibeamte in Civil erschienen. Man hoffte, der wirkliche Mörder werde sich, in der Menge verborgen, bei der Beerdigung einfinden und sich verraten, doch ging diese Erwartung nicht in Erfüllung. a f f

Das Justizministerium entsandte hierher eine Kommission, bestehend aus dem Ministerialdirektor Lucas und dem Geh. Oberjustizrat Przewaloka, zwecks Orientierung in der Mordsache. Trotz der eingehensten Untersuchung hat man vom Thäter noch nicht die geringste Spur entdeckt. Die ausgesetzte Belohnung ist auf 32 000 Mark erhöht worden.

Scheusal im Priesterkleid.

Vom Schwurgricht zu Biterbo(Ital.) wurde der Priester Don Gratiliano Pezi von Bassano zu 22 Jahren drei Monaten Zuchthaus verurteilt, weil er durch Mein⸗ eid und Anstiftung zum Meineid im Jahre 1894 drei Unschuldige auf je zehn Jahre ins Zuchthaus gebracht hat. Die eine der damals unschuldig Angeklagten versiel in Wahnsinn und wurde beim Urteil vom Schlag gerührt, eine Zeugin, die wegen angeblichen Meineids zu 6 Jahren Zuchthaus verurteilt worden war, starb während der Strafverbüßung mit Hinterlassung dreier Waisen. Don Gratiliano war das Haupt der klerikalen Partei in Bassano, eine parteipolitische Größe, ein gefürchteter Gegner der Liberalen, ein Almosenspender großen Stils, ein fruchtbarer klerikaler Schriftsteller, kurz ein Mann, dem eine glänzende Karriere bevorstand. So sah der gefürchtete und gefeierte Priester im öffentlichen Leben aus; sein Privatleben zeigt ihn als Generalschurken und Wüstling. Bei der Haussuchung fand man mekerhohe Stöße obscöner Bilder selbstgefertigter Zeichnungen, Schandgedichte, schamlose Illuftrationen zu den trockenen Texten des Breviers und der Liturgie, alles so toll, daß davor nach dem drastischen Aus spruch des Staatsanwaltsselb st eine Kasernenlatrine erröten würde.

Aus dem Wahlkreise Marburg⸗ Kirchhain.

Marburg, 24. Mai.

W. Parteiversammlung. Auf die am Samstag Abend bei C. Müller, Hirschberg 12, stattfindende Parteiversammlung wird hiermit nochmals aufmerksam gemacht und um zahlreiches Erscheinen gebeten. Genosse Vetters wird einen Vortrag halten überZum 25 jährigen Partei⸗ jubiläum. a

Hinter Schloß und Riegel wurde ein Buchbinder gebracht, welcher in einer hiesigen Herberge einem zugereisten Buchdrucker, der sein Reisegeld erhoben hatte, das Portemonnaie mit zirka 12 Mark Inhalt entwendete. Hoffentlich wird dem Gauner für seine Gemeinheit eine exemplarische Strafe zuteil. b g

** Zu einer äußerst harten Strafe verurteilte die Strafkammer Marburg den Stationsvorsteher eines Nachbarortes. Der Beamte hatte einer Verwandten, um ihr den Weg nach Hause zu sparen, 24 Mk. aus der Stationskasse ausgelegt. Die Kasse wurde kurz darauf revidiert. Er er⸗ hielt wegen Unterschlagung im Amt drei Monate Gefängnis.

Kleine Mitteilungen.

* Gießen. Die Cementwaren⸗Fa⸗ brikanten in Gießen⸗Wetzlar und Umgebung haben sich zusammengeschlossen um für ihre Pro⸗ duckte einen Preisaufschlag durchzusetzen. Und die Löhne? Die werden die Herren recht bald noch mehr herunterdrucken, wenn die Arbeiter nicht ihrem Beispiel folgen und sich ebenfalls organisiren.

* Alsfeld. Die Nachtfröste in der ver⸗ angenen Woche haben doch auch in unserer

Gegend bedeutenderen Schaden an den Obst⸗ bäumen und Beerensträuchern angerichtet als vorher angenommen wurde. An manchen Stellen ist die Hoffnung auf eine auch nur mittelmäßige Obsternte vernichtet.

** Ein Sohn Robert Blums, der Bezirksingenieur Richard Blum, wurde in Leipzig wegen Wechselsälschung verhaftet. Im Gefängnis soll er einen Selbstmordversuch ge⸗ macht haben. Die Söhne machen ihren für die

* Pfäffische Unverschämtheit. Ein in Stuttgart in Arbeit stehender Schreiner hatte in Frickenhofen Hochzeit. Als sein Schwieger⸗ vater beim dortigen(levangelischen) Pfarrer die Gebühren für die Trauung bezahlte, fragte dieser, warum er seine Tochter in die Stadt heiraten lasse und warum auch noch ein Schreiner. Diese seien die lüderlichsten Gesellen in der Stadt. Der Aufhetzer Kloß stehe bei dieser Gesellschaft an der Spitze. Wie eigentlich seine Tochter mit dem Menschen zusammengekommen sei und wie lange sie schon mit ihm gehe. Hoffentlich hat der anmaßende Prediger christlicher Liebe und Duldsamkeit die gebührende Antwort erhalten.

»Volkssache gefallenen Vater keine Ehre.

Arbeiterbewegung.

T Die Steinmetzen in Gießen erreichten durch Vereinbarung mit ihren Arbeitgebern die 10 stündige Arbeitszeit mit entsprechender Erhö⸗ hung des Stundenlohnes. Die Abmachungen treten im Juni in Kraft. 5

Im Streik der Holzarbeiter in Frankfurt a. M. ist eine Aenderung nur insofern einge⸗ treten, als einige Werkstellen die Forderungen der Arbeiter bewilligten. Von den Unternehmer⸗ organisationen wurde jedoch die Haupt⸗ forderung, die neunstündige Arbeitszeit, abgelehnt, weshalb an eine Beendigung des Streiks noch nicht zu denken ist.

Wiesbaden. Aeußerst hartnäckig ist der nun schon fünf Wochen andauernde Kampf, den die Maurer in Wiesbaden zu führen haben. Aber trotzdem allerlei verdächtige Gestalten sowie auch Polen und Italiener als Streikbrecher von dem Unternehmerthum herangezogen sind und trozdem die Polizei letzteren alle nur mögliche Hilfe angedeihen läßt, harren die Arbeiter tapfer aus, so daß der Kampf hoffentlich bald zu ihren Gunsten beendigt ist. eee

Wiesbaden. Die hiesige organisiertezAr⸗ beiterschaft erwarb mit Hilfe der Schöfferbrauerei in Mainz die Turnhalle in der Hellmundstraße zur Errichtung eines Gewerkschaftshauses. Der Preis beträgt 207 500

Aus denchristlichen Arbeiter⸗ organisationen. Der Fuldaer Zeitung geht aus Geisa folgende Meldung zu:Korken⸗Fabri⸗ kant Kuno Kammandel hat denjenigen Arbeitern seiner Fabrik, die sich bis jetzt dem christlichen Arbeiterverbande angeschlossen haben, die Wahl gestellt, innerhalb vierzehn Tagen entweder aus dem christlichen Arbeiterverbande oder aus seiner Fabrik auszutreten. Es läßt dieser Schritt des des Herrn Kammandel darauf schließen, daß er im Einverständniß mit den Bau- und sonstigen Unternehmern Fuldas unternommen wurde.

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Partei- Hachrichten.

Versammlungs⸗Kalender. Samstag, 26. Mai: Gießen. Weißbinderversammlung nachmittags 3 Uhr bei Orbig, Rittergasse. Sonntag, 27. Mai: 1 SparklubVorwärts abends 8 Uhr bei rbig. Gießen. Verband der Kutscher, Fuhrleute und Handels⸗ hilfsarbeiter abends 9 Uhr bei Orbig. Großen⸗Linden. Verband der Fabrik-, Land⸗ und Hilfsarbeiter nachmittags 4 Uhr Versammlung bei Schaum. Die Bergarbeiter und die Arbeiter der Dampfziegeleien in Großen⸗Linden, Leihgestern und Umgegend sind gebeten, zahlreich zu erscheinen.

Partei⸗Jubiläum. Am 26. Mai sind es 25 Jahre, seitdem die Einigung der deutschen Sozial- demokratie vollzogen wurde. Der Vereinigungs⸗ kongreß fand vom 22. bis 27. Mai 1875 in Gotha statt, Derselbe war von 129 Delegierten, von denen 73

zumAllgemeinen Deutschen Arbeiterverein und 56 zur Sozialdemokratischen Arbeiterpartei gehörten, besucht. Die Verhandlungen gingen glatt vor sich. Am 27. Mai, Abends 11 Uhr, konnte der Vorsitzende Hasenelever die Verhandlungen schließen, indem er das Gelingen des des Einigungswerks konstatierte und auf die hohe Be⸗ deutung desselben für die gesamte Arbeiterpartei hinwies. Die Vereinigung war ein großer Triumph der sozial⸗ demokratischen Sache in Deutschland. Daß der bis dahin bestandene Bruderzwist schließlich so schnell, so alldgemein und so ohne allen Widerspruch der Einigung weichen mußte, das war wesentlich eine Folge der von dem Staatsanwalt Tessendorf resp. seinen Auftraggebern eingeleiteten Ver⸗ Verfolgungen, die beide Fraktionen gleich hart betrafen und die schließlich die Kämpfenden eng zusammenführte zu einer einzigen, achtunggebietenden Kampfpartei. In einer Reihe von Städten wird die 25 jährige Wieder⸗ kehr des Einigungskongresses seitens der Parteigenossen durch eine Feier begangen.

In Frankfurt findet am 26. Mai ein Festlom⸗ mers im Saale zur Conkordia statt, wozu alle Partei⸗ veteranen der Umgebung eingeladen sind. Genosse Dr. Quarck wird die Festrede halten.

Die Verlags- Buchhandlung und Buchdruckerei von Wörlein und Co. (Besitzerin Witwe Marie Oertel) in Nürnberg ist nunmehr mit sämtlichen Aktiven und Passiven und allen Verlagsrechten an die Firma Fränkische Verlagsanstalt und Buch- druckerei Hermann Sydow u. Co., offene Handelsgesellschaft, übergegangen. Damit ist nun diese Sache, an der die die Gegner noch recht 1 zu zehren gedachten, zur Zufrieden⸗ heit der dortigen Genossen und der Oertelschen Erben in aller Kürze geregelt worden.

Briefkasten der Expedition. H. S. G. Hygiama hat in der ärztlichen Praxis als ein über⸗ aus schätzenswertes Mittel bei allen

Namentlich bei Blutarmut, bei Ver⸗

5 dauungsstörungen leichterer und ganz schwerer Art, z. B. nach überstandenem Magenge⸗ schwür, bei fieberhaften Erkrankungen wie Typhus, ins⸗ besondere auch bei Nierenleiden, hat sich Dr. med. Theinhardt's Hygiama als reizlose, sehr leicht verdauliche, sehr nahrhafte und nicht zu Verstopfung führende Nahrung bewährt. Es ist aber auch für Kinder, die im Wachs⸗ tum und Gedeihen zurückgeblieben sind, ein ganz besonders wertvolles Stärkungs⸗ und Kräftigungsmittel und für stillende Frauen und ältere Leute als täglich zu nehmende Nahrung aufe wärmste zu empfehlen.

Quittuugen. Schm. G. 34.60. Wtr. Obch. 7.20.

H. Hbch. 3.. Hp. Bohm. 6.. Mdlr. Kzbch. 12.. Wtr. Wwe.⸗Lbch. 2.. Krft. Angbch. 7.40. Rg. Etbch. 27.. Fr.⸗G. 1.. Wch. Bst. 3.. Wtzl. Wtzh. 12. Zht.-⸗Fda. 1.. Oestr. Alt. 1.. Sch. G..75. Sgr. Abck. 9.40. Bgm. G. 6.. Ccht. Gbg. 6.. Wb. Alsf. 20.60. Ptr. Grßl. 8.. R. Hchhm. 27.. Sch. Wbg.

1.. Bolte⸗Lollar, 1. Quart. 33.60. Str. G. 3.80. Schfr. Stbg. 13.80. Pths. Lllr. 4.80. Fellgsh. 1.60.

Bsr. Rdgn. 1.. Leihg. Dthfr. 5.. Kch. Kfd. 42.. Sztk. Sch. 1.40. Pz. G..75. Gge. Hobgn. 8.. Wgnr. Grdl. 12.. Schld. Ffm. 1. Bck. G. 1.20. Ichs. Dbgn. 9.40. Dsch. Bgs. 11.. Krgr.⸗G. 39.. Schub. Hsn. 10.60. 3. Nöh. 7.. Schr. Tr. 2.20. Br. Rogn. 1.. Hdch. Kzbch. 4.20. Mllr. Mbg. 143.20. Krg. Mbg. 32.60. Wtr.⸗Lbch. 7.. Dgs. Bloch. 6.. Lst. Wek. 25.20. Z. Ndh. 3.. Sg. Hst. 2.. Mths. Eckh. 3.. Sgl. G. 3.. Ltzw. 100.. M. V. G. 1.. Gew.⸗Kart. 8.. B. Hchh. 6.. S. V. G. 3.. Mbg. P. 8.. Mbg. G.⸗K. 4.70. P. Mbg. 7.20. Frend. Mbg. 10.. Lth. G. 45.. Met.⸗Arb. Verb. 2.. Kch. G. 15. Bo. G. 25.. Alsf. Part. 3.. Ft. Lur. 18.. Br.⸗Verb. 3.. St. G. 10..

Cetzte Nachrichten.

Zu den am Sonntag in Belgien statt⸗ findenden Wahlen zum Senat beschlossen die Sozialdemokraten in Brüssel für die Progressisten zu stimmen, als der einzigen bürgerlichen Partei, welche mit den Arbeitern das allgemeine, gleiche Wahlrecht fordere. Vandervelde's Aufforderung in diesem Sinne wurde von einer sozialistischen Wahlversammlung in Ixelles mit tosendem Beifall aufgenommen.

(Fr. Ztg.)

Allgemeine Kranken- und gterbe⸗

kasse der Metallarbeiter.

Sonntag, den 27. Mai, Nachmittag 4 Uhr, bei Orbig, Rittergasse:

Witglieder-⸗Versammlung. Tagesordnung: Anträge zur General⸗Versammlung. Die Mitgieder von Lollar, Alten⸗Buseck, Gleiberg und Wieseck sind freundlichst eingeladen.

Die Ortsverwaltung.