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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 22.
Die Gießener Parteigenossen werden auf die am Samstag den 26. Mai bei Orbig stattfindende Versammlung des Wahl⸗ vereins aufmerksam gemacht und zu zahlreichen Besuche eingeladen. In der Versammlung wird das Wahlresultat der Reichstags wahl in Nürnberg, die am Samstag stattfindet, bekannt gegeben werden. Unternehmer⸗Versprechen.
Mit Befriedigung nahm die vor 14 Tagen in Gießen stattgefundene Maurer ver⸗ sammlung von der Zuschrift der Arbeitgeber Kenntniß, in welcher sich diese zur Unterhandlung mit der Arbeiterkommission behufs Regelung der Lohnfrage bereit erklärten. Auf Seiten der Arbeiter knüpfte man daran die Hoffnung auf baldige gütliche Beilegung der Differenzen und sie konnten dies umsomehr, als die gestellten Forderungen so mäßige sind, daß ihnen die Maurermeister ohne Weiteres zustimmen konnten. Diese Hoffnung hat sich als trügerisch erwiesen. Zu Unterhandlungen kam es nicht, weil die Unternehmer, die, wie es scheint von ihren Frank furter Kollegen„scharf“ gemacht wurden, jetzt auf einmal ablehnten. In der am 23. stattge⸗ sundenen wieder sehr zahlreich besuchten Maurer⸗ Versammlung konnte deshalb die Lohnkommision nur die völlige Ergebnißlosigkeit ihrer Be⸗ mühungen berichten. Von der Versammlung wurde angesichts dieser Sachlage einstimmig be⸗ schlossen, am 26. Mai Mittags allgemein die Arbeit einzustellen. Das Verhalten der Unternehmer wird bei jeden anständigen Menschen Verurteilung finden.
Zum Gießener Weiß binderstreik.
Eine vom Vorsitzenden des Gewerbegerichts auf Ansuchen der streikenden Weißbinder ein⸗ berufene Sitzung, an welcher Vertreter der Weiß⸗ bindermeister und Arbeiter teilnahmen, verhandelte über den Streik. Zu einer Einigung kam es leider nicht, da die Arbeitgeber sich zu gar keinen Zugeständnissen herbeiließen. Im Laufe der Verhandlungen hat der Herr Beigeordnete Wolff, Vorsitzender des Gewerbegerichts, wie uns glaub⸗ würdig mitgeteilt wird, die Forderung der Ar⸗ beiter als„sozialdemokratische“ bezeichnet. Wir verstehen nicht, wie der Herr Vorsitzende zu einer derartigen, von einseitigem Unternehmer⸗ standpunkt diktierten Aeußerung kommt, hätten vielmehr erwartet, daß er den wirtschaftlichen Kämpfen der Arbeiter etwas mehr Verständnis entgegengebracht und alles versucht hätte, um eine Einigung herbeizuführen und den Streik aus der Welt zu schaffen. Ein paar Pfennige mehr Lohn verdienen zu wollen— diese Forde⸗ rung kann ebenso gut von christlich-gläubigen oder konservativen und„königstreuen“ Arbeitern erhoben und vertreten werden, hat also nichts gemein mit den sozialdemokratischen Forderungen, die ja im Parteiprogramm der Reihe nach auf⸗ gezählt sind.
Sonnutagsruhe.
Die Handelskammer in Gießen hat dem Antrage, die Geschäftszeit an Sonntagen für die ganze Provinz Oberhessen einheitlich zu regeln, nicht zugestimmt. Bei einer vom Vorstande des Detaillistenvereins vorgenommenen Umfrage sprachen sich fast alle Ladenbesitzer gegen eine Verkürzung der Geschäftszeit aus. Namentlich die mit Landkundschaft arbeitenden befürchteten von einem früheren Geschäftsschlusse am Sonntag einen bedeutenden Einnahmeausfall. Wir sind der Ueberzeugung, daß sich das Publikum bald daran gewöhnt hätte.
Doktorenstreit in Wetzlar.
Eine Beleidigungsklage des Kreis⸗ physikus P. in Dillenburg gegen den Arzt Dr. F. in Wetzlar kam vor der dortigen Strafkammer vorige Woche zur Verhandlung. Im vorigen Jahre starb eine von Letzterem behandelte Wöch⸗ nerin an Schwächezuständen. Der Fall wurde von dem Kreisphysikus angezeigt und die Staats⸗ anwaltschaft beauftragte ihn mit der Sektion der Leiche, die er unter Zuziehung eines zweiten Arztes und eines Heilgehülfen ausführte. Nun fühlte sich Dr. F. beleidigt, weil er als vorher behandelnder Arzt von dem Kreisphysikus zur
Obduktion nicht zugezogen worden war, und hat verschiedenen Herren gegenüber von Konkurrenz⸗ neid gesprochen. Der Kreisphysikus hat dies als Beleidigung aufgefaßt, Klage eingereicht und anch die von dem Vorsitzenden vorgeschlagene Einigung abgelehnt, während Dr. F. unter ge⸗ wissen Umständen zu einer solchen bereit war. Nach dem„Wetzl. Anz.“ fand der Staatsanwalt in dem Worte Konkurrenzneid eine schwere Be⸗ leidigung des Kreisphysitus und beantragte gegen Dr. F. 800 Mark Geldstrafe. Das Gericht nahm an, daß Dr. F. in Wahrung berechtigter Interessen gehandelt habe,! erkannte jedoch auf 100 Mark Geldstrafe.
Streik der Berliner Straßenbahner.
Die geplagten Kutscher und Schaffner der „Großen Berliner Straßen bahngesellschaft“ sahen sich vor einiger Zeit veranlaßt, zur Verbesserung ihrer wenig beneidenswerten Lage ihrer Direktion einige Forderungen zu unterbreiten. Und nötig hatten sie es; die Arbeitsverhältnisse muß man im Vergleich mit denen der meisten Berliner Arbeiter als sehr un günstige bezeichnen. Wenn überhaupt bei den Straßenbahnern von einer geregelten Arbeitszeit die Rede sein kann, so ist sie eine bedeutend längere als in anderen Berufen. Schon im Januar beschloß die städtische Verkehrsdeputation auf Antrag des Stadtverordneten Singer, die Straßenbahngesell⸗ schaft aufzufordern, bis zum 1. April die zehn⸗ stündige Arbeitszeit einzuführen, diese Auf⸗ forderung hat von Seiten der Direktion keine Beachtung gefunden, es wurde vielmehr festge⸗ stellt, daß die Leute wiederholt 14 bis 17 Stunden im Dienst waren. Und die Löhne? Die müssen als kläglich für Berliner Ver⸗ hältnisse bezeichnet werden. Die neu Angestellten erhielten bisher nach den Mitteilungen der Di⸗ rektion ein Monatsgehalt von 81 Mark, welches von Jahr zu Jahr um 3—5 Mark bis zur Höchstgrenze von 100 Mark steigt, wozu noch ein geringer Betrag an Kilometergeldern kommt. Dies bei äußerst anstrengender und verantwortungsvoller Thätigkeit! Demgegenüber sackt die Gesellschaft 10 ¼„% Dividende ein! Im vergangenen Geschäftsjahr hatte sie einen Ueberschuß von 9½ Millionen Mark zu verzeichnen, ein Gewinn, der doch auch den profitgierigsten Aktionär befriedigen sollte. Von der Gesellschaft ist aber trotz der Riesenprofite nie an eine Verbesserung der traurigen Arbeitslöhne gedacht worden, während die Direktion und Gesellschaftsbeamten hohe Tantiemen erhielten. Im Jahre 1899 sind da⸗ für 419087 Mark aufgewendet worden; für Tantiemen und Dividenden zusammen über 5½ Millionen Mark! Das ist beinahe eine halbe Million mehr, als an Arbeits- löhnen und Gehältern ausbezahlt wurde, also die Masse der Arbeiter und Angestellten, die doch den Gewinn erzeugen, erhalten zusammen weniger, als die paar höheren Beamten und Aktionäre einstecken.
So sahen sich denn die Angestellten veran⸗ laßt, vorzugehen, wie es andere Lohnproletarier auch müssen, Forderungen zu stellen und diesen durch eine umfassende Organisation Nachdruck zu verschaffen. Daran haben es denn auch die Straßenbahner nicht fehlen lassen. In einer Versammlung am 11. Mai wurde mitge⸗ theilt, daß über 3000 dem Verbande angehören. — Die Forderungen, die auf ein Aafangsge⸗ halt von 100 Mark, das im Laufe von 5 Jahren bis 150 Mark steigen sollte und zehnstündige Arbeitszeit lauteten, wurden von der Direktion abgewiesen, worauf in zwei von zusammen mehr als 5000 Personen besuchten Versammlungen der Streik beschlossen wurde, der am Morgen des 19. allgemein begann. Kein Einziger trat den Dienst an, so daß die Direktion nach vergeblichen Versuchen, durch einige von Kon⸗ trolleuren und alten Leuten bediente Wagen den Verkehr aufrecht zu erhalten, den Betrieb gä n z⸗ lich einstellen mußte. Die Sympathie des Publikums war ganz allgemein auf Seite der Streikenden. Die ungeübten Leute, die auf den wenigen verkehrenden Wagen Streikbrecherdienste leisteten, wurden von der Menge ob ihres Ver⸗
haltens verhöhnt und mehrfach thätlich ange⸗ griffen. Häufig kam es vor, daß Wagen ent⸗ gleisten oder sonst Unfälle eintraten, die den Verkehr zum Stocken brachten. Die Stimmung des Publikums wurde noch erregter, als durch einen des Fahrens unkundigen Streikbrecher ein älterer Mann überfahren und leben gefährlich verstümmelt wurde und machte sich in ver⸗ schiedenen Ausschreitun gen Luft. Geriet, was sehr häufig vorkam, ein Wagen aus den Geleisen, so rührte sich keine Hand, um das zum Still⸗ stand gekommene Vehikel wieder fahrbar zu machen, während sonst Hunderte ohne weiteres zugriffen. Da blieb regelmäßig nichts weiter übrig, als die Feuerwehr zur Hilfe herbeizurufen. Ueberall nahm das Publikum in einer Weise und mit solcher Energie Partei für die Steeiken⸗ den, wie es wohl noch bei keinem Ausstand zu verzeichnen war. Die Empörung gegenüber der Gesellschaft und den Streikbrechern war so groß, daß das Publikum zu Angriffen überging.
In verschiedenen Stadtbezirken kam es zu Exzessen, über welche die bürgerlichen Blätter übertriebene Meldungen verbreiteten. Nir am Rosenthaler Thor kam es zu einem bedeutenden Auflaufe, wobei die Polizei eingriff und mehrere Personen verletzt wurden. Die Schutzmannschaft enthielt sich im Allgemeinen allzu großer Schneidig⸗ keit und eine einseitige Stellungnahme für die Protzen der Gesellschaft wurde nicht bemerkt, doch wäre ein polizeiliches Einschreiten gegen den ge⸗ fahrvollen Straßenbahnverkehr unbedingt nötig gewesen.
Inzwischen hatten die Streikenden das Ge⸗ werbegericht als Einigungsamt angerufen und zugleich ihre Forderungen in der Lohnfrage auf 90 Mark Anfangsgehalt, das sich bis 130 Mark steigern soll, ermäßigt. Auch auf die Versetzung des Oberbeamten wurde verzichtet. Die Direktion lehnte jedoch die ermäßigte For⸗ derung sowohl, als auch das Gewerbegericht als Einigungsamt ab. Für ihre Kampfes weise ist noch bezeichnend, daß sie in einer Bekanntmachung die Streikenden für die Ausschreitungen verant⸗ wortlich machte, obgleich Letztere zu dieser Zeit einen Ausflug unternommen und Berlin ver⸗ lassen hatten.
Die Versammlung der Streikenden am Montag beschloß nun, den Oberbürgermeister Kirschner um Vermittelung zu ersuchen. Derselbe erklärte sich hierzu bereit und auch die Direktion sah sich zu Unterhandlungen genötigt. Vorher hatte sie den Ukas zurückgezogen, wonach jeder, der den Dienst nicht bis Montag Mittag auf⸗ genommen hätte, entlassen sei. Die Verhand⸗ lungen führten zu einem günstigen Ergebnis. Die Kommission konnte der Versammlung, welche immer noch tagte, verkünden, daß der Kampf zu Ende sei. Die Einigung erfolgte auf folgen⸗ der Grundlage: Errichtung einer Pensions⸗ kasse; die Gehälter betragen: beim Eintritt 85 Mk., nach sechsmonatlicher Probezeit 90 Mk., nach drei Jahren 95 Mk., nach zehn Jahren 100 Mk., nach fünfzehn Jahren 115 Mk., nach zwanzig Jahren 120 Mk.; Ueberstunden werden mit 50 Pfg. bezahlt; neunstündige Arbeitszeit; Einsetzung einer Beschwerdekommission; Maß⸗ regelungen finden nicht statt.— Montag Abend wurde die Arbeit wieder aufgenommen. — Durch ihre gute Organisation und festes Zusammenhalten haben die Berliner Straßen⸗ bahner in kurzer Zeit eine Verbesserung ihrer Lage erreicht. Möchten sich alle Arbeiter daran ein Beispiel nehmen! Darum hinein in die Ocganisationen!
Ein schlimmes Ende hätte die Flottenbegeisterung beinahe in Oppen⸗ heim gefunden. Als nämlich dort die Torpedoboote angelegt hatten, drängte das Publikum sich in Masse auf die Landungsbrücke, wodurch sich diese auf die Seite neigte und eine große Anzahl Personen in's Wasser fielen. Es sollen indeß alle durch die Matrosen gerettet worden sein. Bei der allgemeinen Flucht nach dem Lande kamen auf der Landungsbrücke mehrere Personen zu Fall und erlitten Verletzungen. Wie berichtet
wird, kam sonst alles mit dem Schrecken und im schlimmsten Falle mit einem kalten Bade davon
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