Ausgabe 
26.8.1900
 
Einzelbild herunterladen

Wagram 39, Paris, statt. Von der provisorischen Tagesordnung heben wir hervor: Ausführung der Beschlüsse der intern. Kongresse. Internatio⸗ nale Gesetzgebung behufs Begrenzung des Arbeits⸗ tages. Notwendige Bedingungen für die Be⸗ freiung der Arbeit. Völkerfriede, Militarismus, Beseitigung der stehenden Heere. Die Kolonial⸗ politik. Der Kampf um das allgemeine Stimm⸗ recht. Der Sozialismus in den Gemeinden. Eroberung der staatlichen Macht und die Bünd⸗ nisse mit bürgerlichen Parteien. Der 1. Mai. Die Trust's.

Vor Eröffnung des Kongresses findet ein Kongreß sozialistischer Studenten statt, der folgende Gegenstände verhandeln soll: Sozialistische Propaganda in Universitätskreisen; Aufgaben der sozialistischen Studenten in der Arbeiterbewegung; die Lage des intellektuellen (akademisch gebildeten) Proletariats. Studierende aller Kulturländer haben ihre Beteiligung zugesagt.

Die Einberufung des Reichstags

die bei Beginn der China⸗Wirren sofort von sozialdemokratischer Seite verlangt wurde, sordern jetzt die Blätter aller Parteien. Heute ist seine Einberufung nötiger als je. Das Volk, das die Kosten des Rachezuges bezahlen muß, hat das Recht, aufs Entschiedenste zu verlangen, daß ihm über die Chinapolitik der Regierung volle Aufklärung gegeben werde. Deutschland ist jetzt schon seines stürmischen Vorgehens wegen, dem Spott des Auslandes preisgegeben. Jetzt nachdem Peking gefallen und die Gesandten befreit sind, noch weitere Truppen absenden zu wollen, ist geradezu lächerlich, heißt mit dem Gelde der Steuerzahler selbst für deutsche Verhält⸗ nisse zu tollen Mißbrauch treiben.

Ursachen der Unruhen in China.

Schon wiederholt wurde in der letzten Zeit behauptet, daß die christlichen Missionare in China durch ihr Verhalten den Fremdenhaß her⸗ vorgerufen und schließlich den Aufstand in erster Linie verschuldet hätten. Dies wird von Ken⸗ nern der dortigen Verhältnisse bestätigt. So sagt der frühere preußische Gesandte in China, v. Brandt in einer Abhandlung der christlichen Welt unter anderem:

Was würden Ew. Hochwürden und Ihre Herren Amtsbrüder thun, wennn buddhistischen Missiona ren das Recht eingeräumt worden wäre, sich überall in Deutschland niederzulassen, ihre Häuser und Kirchen auf den besten, durch Volksglauben und Aberg'auben geheiligten Stellen zu errichten und an allen Straßenecken oft in recht mangelhaftem Deutsch zu predigen? Würden wir nicht täglich und stündlich erleben müssen, daß die Bevölkerung gegen die fremden Ein dringlinge Front machte, und würden Sie, Herr Pfarrer, und Ihre Herren Amtsbrüder nicht mit Feder und Wort gegen die gelben Missionare eifern? Und wenn wir wissen wollen, zu welchen Ausschreitungen das führen könnte und müßte, so brauchen wir doch nur an die Blüten zu denken, die der Antisemitismus in Deutschland und anderen Ländern so herrlich treibt?... Es ist eine Thorheit gewesen, dem chinesischen Volke die Duldung christlicher Missionen zuzumuten.

Außerdem stellt Herr v. Brandt fest, daß die Missionare die Chinesen oft genug durch Vorspiegelung falscher Thatsachen bei Grundstücksverkäufen betrügen, was natürlich bei den Chinesen durchaus keine sreundschaftlichen Gefühle erweckt.

Schwere Anklagen gegen die Missionare werden auch von einem Bremer Kaufmann, der in Canton lebt und über das Missionswesen genau unterrichtet ist, erhoben. Derselbe schreibt in

einem Privatbriefe an seine deutschen Verwandten:

Die Wurzel aller Unruhen in China ist in dem Treiben der Missiouare zu suchen, die fast aus⸗ schließlich die ihnen zustehenden Schranken in ihrem Beruf überschreiten. Wenn ich sage Missionare, so meine ich damit sowohl katholische wie protestantische, denn in ihrem Auftreten herrscht kein Unterschied bei den verschiedenen Konfessionen. Es ist wirklich ein Jammer, wenn man bedenkt, wie viel Geld, welches zuhause wirklich besser angewendet werden könnte, für Missionszwecke ausgegeben wird, für eine Sache, welche nicht nur nutzlos ist, sondern im Gegenteil den in China lebenden Kaufleuten ꝛc. Schaden bereitet. Der Chinese ist, obgleich er im Durchschnitt drei ver⸗ schiedene Religionen besitzt(die Chinesen sind zum größten Teil Buddhisten, Confuzianer und Taoisten), nichts weniger als religiös angelegt, und das Christentum als solches macht auf ihn nicht viel Eindruck. Wenn nun aber sogar die Missionare der verschiedenen Konfessionen kommen und sich gegenseitig so schlecht machen,

dllch ohr kane zu derdenken, daß sie bei ihrer alten Religion bleiben und von dem Christentum nichis wissen wollen.

Man wird daher kaum irgend welchen guten Charakter unter den getauften chinesischen Christen finden, diejenigen, die sich zum Christentum bekennen, thun solches lediglich um äußerer Vorteile halber. Diese äußeren Vorteile sind in dem Schutz, den die getauften Christen indirekt von den europäischen Regierungen durch die Missionare genießen, zu suchen. Wenn ein unter dem Schutze einer Mission stehender Chinese irgend einen Streit⸗ oder Rechtsfall hat, so trägt er seine Sache in seiger Weise dem Missionar vor. Da nun der Chinese als Christ nach Ansicht der Missionare doch nicht lügen kann(1), so glaubt man ihm und der Missionar macht die Sache zur seinigen, er appelliert an das Konsulat seines Landes und beschwert sich bitter über das Unrecht, das den armen chin⸗sischen Christen zugefügt wird. Das Konsulat wird in den meisten Fällen kaum umhin können, irgend etwas in der Sache zu thun, und dies hat in den meisten Fällen einen solchen Einfluß auf die chinesischen Behörden, daß der christliche Chinese Recht bekommt, ein wie großer Gauner er auch immer sein mag und wenn auch das Recht vielleicht auf einer anderen Seite zu suchen ist.

Ich will zur Ehre der Missionare annehmen, daß sie wirklich davon überzeugt sind, daß ihre Schäfchen die frommen Leute sind(2 Red.), welche sie vorgeben zu sein, andernfalls würde das Treiben einfach skandalös Fin

Durch das jetzige System wird einfach das Recht in China verdreht, ganz abgesehen davon, daß es absolut nicht die Sache der Missionare ist, sich um die Streitigkeiten und Prozesse zwischen den Chinesen, seien solche Christen oder nicht, zu bekümm rn.

Wir wären wirklich besser daran wenn wir keine Missionare in China härten. Helfen thun sie uns in keiner Weise, sie machen uns nur durch das Aufwiegeln und ungerechtfertigte Beschützen ihrer Anhänger zum Schaden der anderen Bevölkerung das Leben schwer.

Ergänzt wird diese Darstellung noch durch die Aeußerung des japanischen Gesandtschafts⸗ sekretärs, der in der Zeitschrift Ostasien, wie wir derM. P. entnehmen sich dahin aus⸗ spricht:Der Haupthaß der Boxer richtet sich gegen die Katholiken, und zwar aus folgenden Gründen:.

Wenn irgend ein Strolch oder Verbrecher in eine katholische Kirche geht und die Priester um Schutz anfleht, so wird ihm derselbe gewährt. Es ist dann sicher, daß er recht behält, weil alles Unrecht durch die katholischen Missionare in Recht verwandelt wird.

Diese Thatsache habe bei den Boxern einen unauslöschlichen Haß gegen die Christen und schließlich gegen alle Fremden hervorgerufen. In Friedenszeiten wären die Boxer ein gutes, aber leicht erregbares Volk; wolle man sie unterdrücken, müsse man den größten Teil des Volkes vernichten.

Ein Brief an dieFrkf. Ztg. aus Schanghai spricht sich ähnlich aus. Es sei nur der Fried⸗ fertigkeit des chinesischen Volkes zu verdanken, daß infolge des Treibens der Missionare nicht schon viel häufiger Menschenleben verloren ge⸗ gangen sind, als es thatsächlich der Fall gewesen. Trotz der Menge solcher Auslassungen, die jetzt von allen Seiten vorliegen und die bestätigen, daß die Missionare nur im Sinne kapitalistischer Ausbeutung und politischer Knechtung wirken, soll den Chinesenchristliche Kultur und Ge sittung auf Hunnenart beigebracht werden.

Schlimmer wie die Hunnen haben in Tientsin die Truppen der Ver⸗ bündeten, namentlich Russen, gehaust. Der Frankf. Ztg. wird darüber aus New-York berichtet:

Mehrere Amerikaner, die auf dem soeben angekommenen Bundes-Transportdampfer Logan aus China in San Franzisko eingetroffen sind, berichten über scheußliche Ausschrei⸗ tungen der verbündeten Truppen, namentlich der Russen, sobald Tientsin genommen war. Professor O. D. Cliffort von der kaiser⸗ lichen Universität in diesem Orte sagte:Sobald die Alliirten in die Stadt eindrangen, begannen sie ihr Plünderungswerk. Die Russen waren die ersten, welche sich daran machten. Ich sah mit meinen eigenen Augen, wie acht alte und gebrechliche Chinesen mit kaltem Blut niedergestochen wurden. Die Russen stahlen Alles, was sie erlangen konnten, auch in der Fremden⸗Niederlassung. Frau E. B. Drew, die Gattin des britischen Zollkommissars in Ti⸗ entsin, die ebenfalls auf der Logan eintraf, sagte: Die Russen schlachteten sogar die Kinder

Säuglinge auf den Bajonetten auf, sie hoch in die Luft, um sie wieder auf den Ba⸗ jonetten aufzufangen. n Kinder wurden in das Wasser ge⸗ trieben wo sie elendlich ertranken We ich höre, hatten die Kommandeure der Ver⸗ vundeten eine besondere Abteilung von 20 Mann damit beauftragt, alle weißen Frauen zu töten, sobald die Chinesen die Oberhand gewinnen würden, und ein Entkommen nicht mehr möglich sei. Wie lautete doch des deutschen Kaisers Mahnung:Betrachtet Euch alle ohne Unter⸗ schied der Nation als Vorkämpfer der Zi⸗ vilisation!

Sein Kaiserwort vom 6. Juli einzulösen, ist Wilhelm II. nun in der frohen Lage. Bekanntlich hatte der deutsche Kaiser eine Belohnung von 1000 Taels fürjeden geretteten Europäer, welcher lebend einer kaiserlich deutschen oder sonstigen fremden Behörde übergeben wird, versprochen. Da nach einer Zusammenstellung des Ostasiatischen Lloyd rund 1000 Europäer sich in Peking befunden haben und die bisherigen Verluste an Toten nur insgesamt 60 Mean betragen, so dürften die zur Zeit in Peking befindlichen Fremden immer noch 800 bis 900 Köpfe zählen. Danach würde sich die Belohnungssumme auf 8 bis 900,000 Taels belaufen, d. h. den Tael rund zu 6 Mark ge⸗ rechnet auf 4,800,000 5,400,000 Mark. Chinesen haben auf die Summe nicht den ge⸗ ringsten Anspruch, vielmehr dürfte sie zur Ver⸗ theilung unter die Mannschaften der inter⸗ nationalen Ersatzarmee kommen. Deren Stärke wird gewöhnlich auf 18,000 Mann angegeben. Dann würde jeder einzelne Mann 266 bis 300 Mark erhalten, eine Belohnung, die den Sol⸗ daten Angesichts der ausgestandenen Mühsale und Strapazen sehr wohl zu gönnen wäre und für die sie dem deutschen Kaiser gewiß dankbar sein würden.

Zu der Seepredigt Wilhelm II. plaudert der frumbeReichsbote aus, daß in der Predigt, die der Hofprediger Keßler am 26. Juli in der Potsdamer Garnisionkirche gehalten hat sich Sätze befinden, die wörtlich auch in der Seepredigt des Kaisers stehen. Demnach scheint es sich nach dem Reichsboten zu bestätigen, daß auch diese Predigt von dem Hofprediger Keßler verfaßt ist.

Es ist früher schon behauptet worden, daß Wilhelm II. Reden, besonders diejenigen, die historische Vorgänge behandeln, im Zivilkabinet verfaßt werden. Gelegenheitsreden, wie die von Oeynhausen oder die jüngste Rede von den

vaterlandslosen Agitatoren und ehrlosen Gesellen

sind dagegen vorher sicher nicht zu Papier ge⸗ bracht worden.

Die Stützen der Gesellschaft.

Weil sie ihr Einkommen bei der Steuerein⸗ schätzung zu niedrig angegeben hatten, wurden vom 1. Oktober 1896 dis zum 30. Sept. 1899, also in drei Jahren, in Preußen 3986 ͤ ver⸗ mögende Bürger bestraft und zwar mit der Gesamtsumme von 1 191161 Mark. Daneben mußten 443 659 Mark Steuern nachbezahlt werden. Was für Bevölkerungsklassen es sind, die in ihrer Vaterlandsliebe den eigenen Beutel schonen, erhellt aus der folgenden kleinen Zu⸗ sammenstellung:

Ein Gewerbetreibender, welcher sein Ein⸗ kommen für zwei Steuerjahre auf 13061 Mark angegeben hatte, während dasselbe in Wirklichkeit 66 264 Mk. betrug, führte neben den eigentlichen Geschäftsbüchern drei kleinere Bücher mit unrichtigen Angaben, lediglich zur Begrün⸗ dung der von ihm alljährlich erhobenen Einkommensteuer- Berufungen. Ek ist zu 11964 Mark Strafe verurteilt worden. Aehnliche Buchführungsmanöver sind wiederholt aufgedeckt worden.

Zwei Viehhändler wurden mit je 4000 Mark Strafe belegt, weil sie in vier Steuer⸗ jahren 80 000 Mk. Einkommen zu wenig deklariert hatten.

Gegen zwei Bierbrauereien wurden

Viele Frauen und

1 1