Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
W
Nr. 9.
Seite 6.
Anterhältungs⸗CTeil. 5 Spatz und Spätzin. Auf dem Dache sitzt der Spatz Und die Spätzin sitzt daneben,
Und er spricht zu seinem Schatz: „Küsse mich, mein holdes Ceben!
Bald nun wird der Kirschbaum blühn, Frühlingszeit ist so vergnüglich; Ach, wie lieb ich junges Grün Und die Erbsen ganz vorzüglich!“
Spricht die Spätzin:„Teurer Mann, Denken wir der neuen Pflichten, Fangen wir noch heute an,
Uns ein Vestchen herzurichten!“
Spricht der Spatz:„Das Vesterbaun, Eier brüten, Junge füttern Und dem Mann den Kopf zu kraun— Liegt den Weibern ob und Müttern.“
Spricht die Spätzin:„Du Barbar! Soll ich bei der Arbeit schwitzen, Und du willst nur immerdar Switschern und herumstibitzen p“
Spricht der Spatz:„Ich will dich hier Mit zwei Worten kurz berichten: Für den Spatz ist das Plaisir, Für die Spätzin sind die Pflichten!“ Karl Mayer.
Das Abenteuer der Neujahrsnacht. Novelle von H. Zschokke.
(Schluß.)
„Laßt den Herrn um Gotteswillen gehen, Leute!“ rief Philipp.„Verlasset euch auf mein Wort, es ist ein großer Herr, der euch euern Eifer garstig versalzen kann. Es ist...“
„Schweig!“ rief Julian.„Es soll niemand aus Deinem Munde erfahren, wer ich bin, wenn Du es vielleicht erraten hättest. Hörst Du, niemand! Niemand, sage ich Dir, es komme, wie es wolle! Hörst Du?“
„Wir thun unsere Schuldigkeit!“ entgegnete ein Polizeidiener,„und dafür setzt uns keiner in den Turm! Das könnte aber am Ende wohl dem Herrn in der Maske selbst wieder⸗ fahren. Wir kennen dergleichen Sprachen schon und fürchten solche Drohungen nicht. Vorwärts, marsch!“
„Leute, nehmt Vernunft an!“ rief Philipp. „Es ist ein am Hofe angesehener Herr 5
„Und wenn's der König selber wäre, müßte er mit uns! das ist unsere Pflicht; er ist ver⸗ dächtig!“ gab einer zur Antwort.
„Ei ja!“ rief ein anderer,„große Herren am Hofe haben wohl mit Nachtwächtern und Euresgleichen heimliche Dinge abzuthun und, wie vorhin, einander in die Ohren zu zischeln!“
Während man des Prinzen wegen hin und her stritt, kam ein Wagen, achtspännig, mit brennenden Fackeln voran, an der Kirche vorbei, daher gefahren.„Halt!“ rief eine Stimme im Wagen, als dieser eben an dem Haufen der Polizeidiener war, welche den Prinzen umringt hielten.
Der Wagen hielt still. Der Kutschenschlag öffnete sich. Ein Herr sprang heraus im Ueberrock, mit einem glänzenden Stern darauf, und ging zu der Meuschengruppe. Er stieß die Polizeibeamten zurück, betrachtete den Prinzen von oben bis unten und sagte:„Richtig! er⸗ kannte ich doch gleich den Vogel an seinen Federn. Maske wer sind Sie?“
Julian wußte nicht, wohin sich in seiner Verlegenheit drehen und wenden, denn er er— kannte denn Herzog Hermann.
„Antworten Sie mir!“ rief der Herzog mit donnernder Stimme. Julian schüttelte den Kopf und winkte dem Herzoge, sich fort⸗ zubegeben. Dieser aber ward noch erpichter,
zu wissen, mit wem er es auf dem Balle zu thun gehabt habe. Er fragte die Polizeibeamten.
Diese standen mit entblößten Häuptern um den Herzog und sagten: sie hätten Befehl, den Nachtwächter unmittelbar zum Polizeiminister zu führen: der Wächter habe gottlose Verse gesungen, wie sie mit ihren eignen Ohren ge⸗ hört; sei ihnen aber durch Kreuz⸗ und Quer⸗ gassen entsprungen; hier nun, bei der Kirche, hätten sie ihn in vertraulichem Gespräche mit der Maske ertappt, die ihnen beinahe verdächtiger schiene, als der Nachtwächter. Die Maske habe sich für einen Herrn am Hofe ausgeben wollen, allein das sei offenbar Windbeutelei. Sie hätten daher für Schuldigkeit gehalten, die Maske zu arretieren.
„Der Mensch ist nicht am Hofe!“ erwiderte der Herzog;„darauf könnet ihr sicher gehen; ich gebe euch mein Wort. Er hat sich un⸗ glaublicherweise zu dem Balle eingeschlichen und jeden glauben gemacht, er sei Prinz Julian. Er hat sich mir endlich entlarven müssen, da er auch mich betrogen, und mir entwischte. Es ist ein unbekannter Mensch ein Abenteurer. Ich habe es dem Oberhof— meister gemeldet. Ihr Leute, führet ihn fort zum königlichen Palast, ihr habt einen guten Fang gemacht!“
Mit diesen Worten drehte sich der Herzog um, stieg in den Wagen, rief noch einmal zurück:„Laßt ihn nicht entkommen!“ und fuhr davon.
Der Prinz sah sich verloren. Den Polizei⸗ dienern sein Gesicht zu zeigen, hielt es für unschicklich; durch diese wären seine Genie⸗ streiche allzu stadtkundig geworden. Minder Gefahr lief er, wenn er vor dem Oberhofmeister oder dem Polizeiminister die Larve abzog. Also rief er entschlossen:„Meinethalben! Kommt!“
Er und Philipp gingen. Röschen sah ihnen weinend nach.
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Philipp hätte beinahe an Hexerei glauben mögen, oder daß er träume. Denn so ver⸗ worten und bunt es in dieser Nacht zuging, war's ihm in seinem Leben noch nie ergangen. Er hätte sich eigentlich keine Vorwürfe zu machen, als daß er mit dem Prinzen die Kleider getauscht und dann, wider seinen Willen, dessen Rolle auf dem Balle gespielt hatte. Da aber der Prinz vermutlich die Nacht⸗ wächterolle ebenfalls nicht ordnungsgemäßig gespielt haben mochte— denn warum mußte er sich als Nachtwächter verhaften lassen?— hoffte er, bei diesem Gnade zu finden.
Beim Palaste schlug dem armen Philipp daß Herz stärker. Maͤn nahm ihm Mantel, Horn und Spieß ab. Der Prinz sprach mit einem vornehmen Herrn einige Worte. So⸗ gleich wurden die Poltzeidiener weggeschickt; der Prinz ging die Treppe hinauf, und der Philipp mußte folgen.„Habe keine Angst!“ sagte Julian und verließ ihn. Philipp wurde in ein kleines Vorzimmer geführt, wo er lange allein blieb.
Endlich kam ein königlicher Kammerdiener und sagte:„Kommt mit mir, der König will Euch sehen!“
Philipp war fast außer sich vor Schrecken. Seine Kniee wurden schwach. Er ward in ein schönes Zimmer geführt. Da saß der alte König lachend an einem kleinen Tische. Neben ihm stand der Prinz Julian ohne Larve. Sonst war niemand im Zimmer.
Der König betrachtete den jungen Menschen eine Zeitlang, wie es schien mit einer Art Wohl⸗ gefallen.
„Erzähle mir alles genau“, sagte der König zu ihm, was Du in dieser Nacht ge⸗ than hast!“
Philipp gewann durch die leutselige Anrede wieder Mut, und beichtete haarklein, was er gethan und erlebt hatte, von Anfang bis zu Ende. Doch war er klug und bescheiden genug, das zu verschweigen, was er in seiner Prinzen⸗ rolle von den Höflingen gehört hatte, und wodurch Julian hätte in Verlegenheit gesetzt werden können.— Der König lachte bei der Erzählung einige Male laut auf; dann that er noch einige Fragen über Philipps Herkunft
und Beschäftigung, nahm ein paar Goldstücke
vom Tische, gab sie ihm und sagte:„Nun geh Du, mein Sohn, und warte deines Berufs! Es soll Dir nichts Leides geschehen. Aber ent⸗ decke keinem Menschen, was Du in dieser Nacht getrieben und erfahren hast! Das befehle ich Dir. Nun geh!“
Philipp fiel dem König zu Füßen und küßte dessen Hand, indem er einige Worte des Dankes stammelte. Als er wieder aufstand, um fortzugehen, sagte Prinz Julian:„Ich bitte unterthänigst, daß Eure Majestät dem jungen Menschen erlauben wolle, draußen zu warten! Ich habe ihm für das Ungemach, das ich ihm diese Nacht verursachte, noch eine kleine Schuld abzutragen.“
Der König nickte lächelnd mit dem Kopfe, und Philipp entfernte sich.
„Prinz!“ sagte der König, und warnte
Glück für Sie, daß Sie mir die Wahrheit sagten! Ich will auch diesmal noch Ihren wilden, albernen Possen Verzeihung wieder⸗ fahren lassen. Sie hätten Strafe verdient. Noch einmal solch einen Pagenstreich, und ich werde unerbitterlich sein. Nichts wird Sie dann entschuldigen. Die Geschichte vom Herzog Hermaun muß ich noch näher kennen. Gut, wenn er fortgeht; ich mag ihn nicht! Von dem, was Sie über den Polizei- und Finanzminister sagten, erwarte ich ebenfalls Beweise. Gehen Sie jetzt und geben Sie dem jungen Gärtner ein Trinkgeld! Er hat in Ihrer Maske ver⸗ nünftiger gehandelt, als Sie in der seinigen.“
Der Prinz verließ den König. Er legte in einem Nebenzimmer den Ballanzug ab, den Ueberrock an, ließ Philippen rufen und befahl ihm, mit ihm in seinen Palast zu gehen. Hier mußte Philipp alles, was er als Stellvertreter Julians auf dem Ball vernommen und ge⸗ sprochen, Wort für Wort erzählen. Philipp gehorchte. Julian klopfte ihm auf die Schulter und sagte:„Höre Philipp, Du bist ein ge⸗ scheiter Bursche. Dich kann ich gebrauchen. Ich bin zufrieden mit Dir. Was Du in meinem Namen dem Kammerherrn Pilzow, der Gräfin Bonau, dem Marschall und seiner Fran, dem Oberst Kalt, dem Finanzminister und den übrigen gesagt, finde ich ganz ver⸗ nünftig, und ich will es ansehen und es halten,
Du zu den Versen stehen, die ich in Deinem Namen als Nachtwächter gesungen habe. Du wirst zur Strafe Deines Nachtwächterdienstes entsetzt werden; das laß Dir gefallen! Dafür mache ich Dich zum Schloßgärtner bei mir. Ich übergebe Dir die Gärten von meinen Schlössern Heimleben und Quellenthal. Das Geld, welches ich Deiner Braut gegeben, soll ihre Aussteuer bleiben, und den Wechsel des Marschalls Blankenschwerd löse ich auf der Stelle bei Dir mit fünftausend Gulden ein. Jetzt geh, diene mir treu und führe Dich gut
auf!“ 5
Wer war glücklicher als Philipp! Er flog in vollem Sprung zu Röschens Haus. Noch war Röschen nicht zu Bette; sie saß mit ihrer Mutter am Tische und weinte. Er warf die volle Börse auf den Tisch und sagte atemlos: „Röschen, das ist Deine Aussteuer! und hier fünftausend Gulden, die sind mein. Ich habe als Nachtwächter Fehler gemacht; dafür ver⸗ liere ich die Anwartschaft auf des Vaters Dienst, und übermorgen ziehe ich als Schloß⸗ gärtner des Prinzen Julian nach Heimleben. Und Ihr, Mutter und Röschen müsset mit mir nach Heimleben. Mein Vater und meine Mutter müssen auch mit mir. Ich kann euch nun wohl alle ernähren. Juchhe! Gott gebe allen Leuten ein solch gutes Neujahr!“
Mutter Bittner wußte nicht, ob sie ihren Ohren trauen sollte bei Philipps eiliger Er⸗ zählung, und ihren Augen beim Anblick des vielen Geldes. Aber als Philipp ihr alles und wie es gekommen, doch eben nicht mehr als zu wissen nötig war, erzählt hatte, stand sie schluchzend auf, umarmte ihn mit Freuden und legte dann ihre Tochter an sein Herz. Nun lief oder tanzte die freudetrunkene Frau
im Zimmer herum, fragte:„Wissen das alles
drohend mit dem aufgehobenen Finger,„ein
als hätte ich es selber gesagt. Dagegen mußt
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