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Nr. 9.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Seite 3.
lichen Polizei Stellung genommen wurde, wie
125 N
5„Eine Anfrage um Gewährung einer Audienz(beim Kaiser) könne nie etwas schaden. Denn man werde diese Anfrage begründen und auf das Patent der Ein⸗ verleibung Kurhessens in Preußen vom 3. Oktober 1866 hinweisen, in welchem vom Großvater des jetzigen Kaisers die Versiche⸗ rung gegeben worden sei, daß die Kubesens Eigentümlichkeiten des ehemaligen Kurhessens in Kraft bleiben sollten. Die königliche Polizei sei eine derartige berechtigte Eigen⸗ tümlichkeit.“ a
Die königliche Polizei war eine berechtigte Eigentümlichkeit des Kur fürsten tums? Das wäre ja ein neuer wichtiger Beitrag zur Ge⸗ schichte der armen Kurhessen, denen die Preußen 1866 den angestammten Fürsten verjagten und in der Folge plaufibel machten, daß es nicht unbedingt ein Fürst von Gottes Gnaden sein müsse, der regiere, sondern daß es auch unter einem Regierungspräsidenten gehe.
* Ein Ueberseeer gefährlicher Sorte scheint der nationalsoziale Herr Scheffer in Marburg zu sein. Nach einem Referat in der „Hess. Odsztg.“ meinte der genannte Herr in einer Versammlung in Cölbe bei Marburg:
„Noch stehe Deutschland nicht über allen in der Welt, aber unser Wunsch sei, daß es dahin komme.“
Natürlich, wenn erst die neuen Schiffe ge⸗ baut sind, ziehen die Herren Scheffer und Erd⸗ mannsdörffer hinaus, machen die Engländer und Franzosen zu unseren Hausknechten und zwingen ihnen ein Abonnement der„Hess. Ldsztg.“ auf. f i
** Wetzlar. Unter der Rubrik:„Amtliche Bekanntmachungen“ veröffentlicht das hiesige Amtsblatt folgendes: f
„Der Vorstand der landwirtschaftlichen Lokalabtheilung hat sich bereit erklärt, inner⸗ halb gewisser Grenzen die Beschaffung von ländlichen Arbeitskräften für die Mit⸗ glieder des landwirtschaftlichen Vereins zu ver⸗ mitteln.
Anträge unter Angabe der Zahl und Art der gewünschten Arbeitskräfte(Knechte oder Mägde) sind sobald als möglich an den Unter⸗ zeichneten zu richten.
Wetzlar, den 13. Februar 1900. a
Der Vorsitzende der Lokalabteilung. Goedecke, Landrat.“
Wir sind der unmaßgeblichen Meinung, daß die Beschaffung von Knechten und Mägden ebensowenig zu den Obliegenheiten eines Lan d⸗ rats gehört, wie die Vermittelung von Oefen, die wir kürzlich bei einem Westerwälder Amts⸗ bruder des Herrn Goedecke tadelten.
Wetzlar. Im hiesigen Amtsblatt wird Stimmung gemacht für die Anmeldung junger Leute als Schiffsjungen. Wir warnen davor. Auf Bildern macht sich das Schiffs⸗ leben sehr nett, in Wirklichkeit blüht den Seeleuten ein sehr trauriges Los. Ihr Leben ist das denkbar arbeits⸗ und gefahrenreichste und für ihre Zukunft ist so gut wie gar nicht gesorgt.
Offenbach. Hier wurde ein Dienst⸗ mädchen verhaftet, das sein neu geborenes stind im Ofen verbrannt hat. Ob das Kind lebend oder tot geboren worden ist, konnte noch nicht ermittelt werden.
Arbeiterbewegung.
n. Ueberall regen sich die Bergarbeiter und kämpfen um bessere Lebensbedingungen. Die Arbeiter des Gießener Braunstein⸗ bergwerks schlafen anscheinend weiter. Die Löhne bleiben die alten, niedrigen, die Anforde⸗ rungen an die Arbeitskraft werden dagegen immer höher. Die höchsten Tagelöhne betragen 2,30 Mk. bis 2,40 Mk. Es kann auch nicht gesagt werden: wir sehen weniger auf hohen Lohn, als auf gute Behandlung. Die letztere läßt nämlich auch zu wünschen übrig. Daß die Profite der Eigentümer unter diesen Ver⸗ jältnissen außerordentlich hohe sind, ist bekannt. Und die Aeußerungen, die alljährlich zur Weih- hachtszeit fallen, wenn mit mathematischer Gewißheit jeden dritten oder vierten Tag in
den Zeitungen berichtet wird, daß der Direktor Pascoe der Kinderschule dieses Ortes 50, jenes Ortes 100 Mark usw. zugewiesen hat, lauten zumeist dahin: es ist keine Hexerei, von einem Rieseneinkommen jährlich einige Hundert Mark zu spenden. Doch das nur nebenbei. Wir wollten die Arbeiter auf dem Braunsteinberg⸗ werk lediglich daran erinnern, daß es an der Zeit wäre, wenn auch sie sich endlich einmal organisterten, um dann auf bessere Löhne dringen zu können. So lanze die Arbeiter nicht organisiert sind, infolgedessen auch nicht auf die Unterstützung anderer Organisationen rechnen können, so lange dürfen sie nicht daran denken, daß ihnen ein höherer Lohn zuteil wird. Wir möchten hiermit die Anregung geben, zu⸗ nächst einmal eine Versammlung abzuhalten, in der sich die Arbeiter gegenseitig aussprechen können. Das Gießener Gewerkschaftskartell wäre gewiß sofort bereit, die Versammlung zu arrangieren und auch einen Referenten zu stellen. Also, aufgewacht, Ihr Arbeiter des Braunsteinbergwerks. Ihr müßt Euch selbst regen, wenn es besser werden soll.
Berlin, 20. Febr. Ein Generalstreik der Tischler, woran 6000 Bau⸗, Möbel⸗ und Kunsttischler beteiligt sind, ist ausgebrochen. Es wird u. a. ein Mindestlohn von 24 Mk. wöchent⸗ lich verlangt.
Partei ⸗Nachrichten.
Versammlungs⸗ Kalender. Samstag, den 24. Februar:
Heuchelheim. Arb.⸗Bild.⸗Verein um 1½9 Uhr bei K. Steinmüller.
Sonntag, den 25. Februar:
Wieseck. Hilfsarbeiter ꝛc. 3 Uhr bei Wirt Heinrich Keller.
Alsfeld. Wahlverein. Nachmittags 3 Uhr auf der Pfefferhöhe. Tagesordnung: Flugblattverteilung. Vollzähliges Erscheinen notwendig.
Samstag, den 3. März:
Gießener Wahlverein abends pünktlich 9 Uhr bei Orbig.
Parteipresse. Die Redaktion der„Mitteldeutschen Sonntags⸗Ztg.“ übernimmt vom 1. April ab Genosse F. A. Vetters aus Frankfurt a. M., der zahlreichen Lesern unseres Blattes bereits persönlich bekannt ist. Ph. Scheidemann tritt an Stelle des Genossen Dr. Südekum, der nach Paris übersiedelt, in die Redaktion der„Fränkischen Tagespost“ zu Nürnberg ein.
* AUnser Parteigenosse August Bebel feierte am Donnerstag, den 22. Februar, seinen 60. Geburtstag. Von nah und fern ist er von heißen Glückwünschen überschüttet worden, und auch das klassen⸗ bewußte Proletariat in beiden Oberhessen schließt fich der Schar der Gratulanten freudigen Herzens an: mögen dem kühnen und begeisterten Vorkämpfer der deutschen Sozialdemokratie noch viele Jahre fruchtbarer und segens⸗ reicher Wirksamkeit zum Nutzen und Heil der deutschen Arbeiterschaft, des ganzen deutschen Volkes beschieden 1
August Bebel wurde zu Köln als der Sohn eines preußischen Unteroffiziers geboren. Als sein Vater kaum zwei Jahre später starb und auch eine neue Ehe der Mutter bald durch den Tod gelöst worden war, kehrte die Frau mit ihrem Knaben in gedrückten Verhältnissen nach Wetzlar, ihrer Heimat, zurück. Das schwere Dasein des Proletarierkindes wurde diesem Knaben durch seine Verwaisung noch mehr erschwert. Nach in Wetzlar beendeter Lehrzeit als Drechsler wanderte Bebel von 1858- 1860 als Handwerksbursche, vielfach mit den damals bestehenden Gesellenvereinen Beziehungen suchend.
Wie er in Leipzig, wohin er übersiedelte und wo er auch später ein eigenes blühendes Drechslergeschäft gründete, durch Vahlteich und Fritzsche in die Anfänge der modernen Arbeiterbewegung hineingeriet, wie er ein Sozialist und Sozialdemokrat wurde, das gehört der Geschichte an. Heute kann das Lebenswerk des be⸗ deutenden Mannes nicht im Einzelnen verfolgt werden: es ist unauflöslich verknüpft mit der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Seit 1867 war er Mit⸗ glied des norddeutschen, von 1871— 1881 und seit 1883 Mitglied des deutschen Reichstages, daneben ge⸗ hörte er auch noch 1881 bis 1891 der zweiten Kammer des sächfischen Landtages an. Ein eigenartiger, tempe⸗ ramentvoller Redner und schlagfertiger Debatter, ein Meister des Ausdrucks und der Stimmung, gehört Bebel zu den Parlamentariern, denen niemals die Aufmerksam⸗ keit des Hauses fehlt. Was aber seine vielgerühmte
und oft bewunderte Redekunst in der That so unbe⸗ zwinglich macht, das ist die starke Persönlichkeit, die dahintersteckt.
Was August Bebel für unsere Partei gethan, ge⸗ stritten und gelitten, gearbeitet, gewacht und gesorgt hat, das braucht man deutschen Arbeitern wahrlich nicht zu schildern. Fünf Jahre seines Lebens— einen Monat von jedem seiner sechzig Lebensjahre— mußte Bebel hinter Kerkermauern verbringen. Das war der Lohn von oben für seine unermüdliche Arbeit im Dienste des Volkes. Die Liebe und Verehrung, die ihm aus Millionen Herzen entgegenströmen, das ist der Lohn von unten, der Lohn des arbeitenden Volkes.
Briefkasten der Redaktion.
C. Sch.⸗N. Kündigung ist in geschildertem Falle zulässig. Jedoch läuft die Kündigungsfrist erst 14 Tage nach Zustellung des Schriftstücks ab.
G. H.⸗Mbg. Bin einverstanden; jedoch bitte ich, wenn irgend möglich, die Geschichte auf den Sonntag zu beschränken, 2 Tage wäre doch wohl des Guten zu viel. Die Verslg. könnte ja vorm. stattfinden, dann bliebe noch Zeit genug, um Euren Wunsch zu erfüllen. Gruß!
Die Kreiskonferenz ist laut Vereinbarung zwischen dem Vertrauensmann und dem Vorsitzenden des Kr.⸗W.⸗V. vorläufig vertagt worden.
W.⸗M. 1. Eignet sich nicht zur Besprechung an dieser Stelle. Sie können bei mir die Materialien ein⸗ sehen. 2. Ist gelogen, was Ihnen jeder Gießener Ge⸗ nosse bestätigen kann. Ich habe nie eine Versammlung abgehalten, zu der die politischen Gegner nicht aus⸗ drücklich eingeladen worden wären. Wenn die Helden nicht kamen, habe ich sie, soweit das möglich, in ihren Versammlungen aufgesucht. In Gießen hat seit fünf Jahren kein politischer Gegner, der Diskusston zuließ, gesprochen, dem ich nicht entgegengetreten wäre. Einer einzigen Versammlung mußte ich leider fern⸗ bleiben; aber auch da handelte es sich um einen Redner, mit dem ich schon die Klingen gekreuzt hatte. 3. Auch das ist unwahr. In jener Versammlung, die der Nationalsoziale Lorenz in Marburg abhielt, sprachen neben dem Konservativen Hartmann noch Bader und ich.„Die Zeit“ des Pfarrers Naumann berichtete da⸗ mals:„Die Sozialdemokraten hatten sich Redakteur Sch. aus Gießen verschrieben. Er redete gewandt und sachlich.“„Das Volk“ des Hofpredigers a. D. Stöcker schrieb über dieselbe Versammlung:„Sehr gewandt sprach der Sozialdemokrat, der u. a. einen vor zwei Jahren von Lorenz in der„Münchener Post“ geschrie⸗ benen Artikel verlas, in dem Lorenz sehr scharf gegen den nationalen Gedanken Front gemacht hatte.“ 4. Ueber die Gerlach⸗Versammlung schrieb dessen eigenes Blatt: „Herr Sch. sprach, das muß man ihm lassen, gewandt und geschickt, auch sachlich...“— Das möge genügen. Wenn Sie der Hanswurst nochmals belästigt, dann sagen Sie ihm, er sei ein Esel; und wenn er das nicht glauben will, bin ich gern bereit, es ihm schriftlich zu geben.
Letzte Nachrichten.
Berlin. Im Reichstag geißelte Bebel am Donnerstag die Auswüchse des Mllitaris⸗ mus in scharfer Weise. Er führte wieder zahl⸗ reiche Fälle von Soldatenmißhandlungen und Duellen an, auch brachte er den Harmlosen⸗ prozeß zur Sprache.— Der Kriegsminister
antwortete in längerer Rede.
— Unserer heutigen Auflage für Gießen und Umgebung liegt ein Preisverzeichnis
der Kölner Kousum⸗Austalt(G. F. Hacken⸗
berg Nachfolger) bei, worauf wir hiermit hin⸗
weisen.
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Achim. Tabak-Arbeiter und Arbeiterinnen. Sountag, 25. Februar, nachm. 3 Uhr:
Große
Oeffentl. Versammlung
im Saale des Herrn Reeker
Alten-Buseckh
abends 3 Uhr: im Saale des„Gambrinus“(WII) in
— Wieseck. S
Tages⸗Ordnung: Warum organisieren wir uns? Referent: Frau Tröger aus Offenbach a. M. Der Einberufer.


