Seite J.
V itleldeutsche Sonntags Zeitung.
Nr. 9.
gehalten, davon 54 mit Beisitzern. Von den anhängig gewordenen Klagen waren 20 von Unternehmern, 116 von Arbeitern erhoben worden. Von den Klagen der Unternehmer waren gerichtet auf: Einhaltung der Kündi⸗ gungsfrist und Entschädigung deshalb 18, wegen Zahlung vereinnahmter Gelder usw. 2. Von den Arbeitern klagten wegen:
Zahlung rückständigen Lohnes 83
Entschädigung weg⸗n kündigungsloser
Entlassung
Herausgabe von Papieren 1
Ausstellung von Zeugnissen 3
Entschädigung wegen Nichteinstellung 2
Entschädigung wegen Zurückhaltung
von Papieren
Von den Unternehmerklagen wurden 9 durch Vergleich, 8 durch Zurücknahme und 3 durch Urteil erledigt. Von den Klagen der Arbeiter erledigten sich durch Vergleich 70, Zurücknahme und Beruhenlassen 29, Versäumnisurteil 9 und durch Endurteil 8. Die 1899 erwachsenen Kosten des Gewerbegerichts sind folgende: Ge⸗ bühren der Beisitzer 92,— Mk., Gebühren an Zeugen und Sachverständige 19,35 Mk., Ver⸗ bandsbeitrag 20,— Mk., Abonnementsbeitrag für die Zeitschrift„Das Gewerbegericht“(24 Exemplare für die. Beisitzer) 35,20 Mk., zu⸗ sammen 166,55 Mk. Davon wurden 35,35 Mark von verurteilten Beklagten eingebracht, sodaß die Stadt Gießen nur etwa 130 Mk. zuzuschießen braucht. Die Gewerbegerichte be— währen sich immer besser und es wird deshalb dringend Zeit, daß man sie obligatorisch ein⸗ führt und ihre Zuständigkeit auch für Nachbar⸗ gemeinden erweitert. Es ist ein großer Miß⸗ stand, daß das Gießener Gewerbegericht lediglich für den Stadtbezirk zuständig ist. Ein in Wieseck wohnhafter Arbeiter, der in einer Gießener Fabrik arbeitet, kann das Gießener Gewerbe⸗ gericht anrufen, aber ein in Gießen wohnhafter Arbeiter, der im benachbarten Wieseck oder Heuchelheim schafft, muß den zeit⸗ und geld⸗ raubenden Klageweg beim Amts gericht be⸗ schreiten, wenn er sein Recht sucht. Und dann ist er noch insofern im Nachteil, daß über seine, das Arbeitsverhältnis betreffende Klage, gelehrte Richter befinden, während im Gewerbegericht Arbeiter mit urteilen.
Ortsübliche Tagelöhne.
* Die Gießener Stadtverordnetenversamm⸗ lung hat beschlossen, die seit 1892 bestehenden Sätze des ortsüblichen Tagelohns nicht gelernter Arbeiter zu erhöhen. Der orts⸗ übliche Tagelohn beträgt danach 2,20 Mk. für erwachsene männliche Arbeiter, 1,80 Mk. für erwachsene weibliche Arbeiter, 1,20 Mk. für jugendliche männliche Arbeiter(unter 16 Jahren), 1,— Mk. für jugendliche weibliche Arbeiter.— Die Sätze für die den Dienstboten, Gehilfen usw., welche Wohnung und Kost im Hause der Arbeit⸗ geber haben, zu gewährenden Naturalbezüge wurden wie folgt normiert: Wohnung 48 Mk. jährlich(Familienwohnung 114 Mk.), Kost 300 — Mark jährlich, Heizung u. Beleuchtung 15 Mk.
Wir wollen diese Gelegenheit benutzen, ein⸗ mal darauf hinzuweisen, wie irreführend die„wissenschaftlichen“ Beweise für die „gestiegenen Löhne“ auf grund der„ortsüblichen Tagelöhne“ sind. Setzt sich da irgend ein Sozialpolitiker hin und vergleicht die von den Kommunalverwaltungen festgesetzten„ortsüb⸗ lichen Tagelöhne“ miteinander von 1880, 1890 und 1900. Er macht die unanfechtbare Ent⸗ deckung, daß die„ortsüblichen Tagelöhne“ ge⸗ stiegen sind und er hat damit den— Beweis, daß die Löhne der Arbeiter überhaupt in die Höhe gegangen sind. Wenn er dann z. B. vergleicht, daß man in Gießen noch bis 1899 als„ortsüblichen Tagelohn“ 1,80 Mk., 1900 aber 2,20 Mk. fixiert hatte, so teilt er der staunenden Menschheit mit, daß in Gießen die Löhne um 23% gestiegen sind!
Diese glücklichen Gießener. Die Lohnauf⸗ besserung wird ihnen„wissenschaftlich“ nach⸗ gewiesen und dennoch merken sie nichts davon im— Portemonnaie. Die Arbeiter sind gern damit einverstanden, wenn die„ortsüblichen Tagelöhne“ von den kommunalen Körperschaften in die Höhe getrieben werden, weil bei ver—
schledenen sozialpolitischen Gesetzen die Höhe derselben eine gewisse Rolle spielt. Aber da⸗ gegen müssen sich die Arbeiter verwahren, daß die durch Abstimmung in Stadtverordnetenver⸗ sammlungen fixierten ortsüblichen Tagelöhne als Beweismittel für allgemeine Lohn⸗ aufbesserung oder gar als Beweismittel gegen den Sozialismus angeführt werden.
Sozialdemokratische Landboten⸗ Konferenz.
* Eine vertrauliche Konferenz der vier süddeutschen Landtagsfraktionen der Sozialdemokratie tagte am Samstag und Sonntag in Würzburg. An derselben nahmen 20 Abgeordnete und der Sekretär der bayerischen Fraktion theil. Nachdem jede Fraktion über ihre Stellung gegenüber Regierung und Parteien sowie über ihren Einfluß auf die Landespolitik Bericht erstattet hatte, fand ein eingehender Meinungsaustausch über die in den Landtagen und in der Reichspolitik ein⸗ zuhaltende Taktik statt. Die Einhelligkeit der Auffassung welche sich hierbei ergab, bietet eine erfreuliche Aussicht auf die weitere parlamen⸗ tarische Wirksamkeit im Interesse der Gesammt⸗ partei. Das bayerische Fraktionssekretariat wurde als Zentralstelle zur Sammlung der amtlichen Drucksachen der süddeutschen Land⸗ tage und sonstigen Materials bestimmt, bei welcher die Fraktionen und Abgeortneten Aus⸗ künfte einholen können; die übrigen Fraktionen leisten Gegendienste. Auch anderen Landtags- abgeordneten der Partei steht diese Einrichtung zur Verfügung. Es wurde beschlossen, dieser ersten Konferenz in entsprechenden Zeitab⸗ schnitten weitere folgen zu lassen.
Auf dem Holzwege.
* Ein sogenanntes Aktionskomitee im Kreise Wetzlar hat an den Kreistag folgende Ein⸗ gabe gerichtet:
Der Kreistag wolle thunlichst bald Schritte thun, die Aufstellung eines Projektes zu einem Kleinbahnnetz für den ganzen Kreis Wetzlar in die Wege zu leiten und erst dann, wenn dieses Projekt feststeht, an die Begutachtung oder Finanzierung einzelner Teilstrecken dieses Netzes herantreten.
So vernünftig das Bestreben nach weiterem Eisenbahnbau im Kreise Wetzlar ist, so lächerlich ist teilweise die Begründung, die dem Antrag beigegeben ist. Man lese nur folgende Sätze:
„Durch Beschaffung von Arbeit und Verdienst für arme Gegenden wird deren Bevölkerung nicht mehr zur Auswanderung oder zum Wegzug in Industrie⸗ Orte gezwungen, der bäuerliche Besitz bleibt erhalten und dadurch wird der Zunahme der Sozial⸗ demokratie auf dem Lande gesteuert.“
Und weiter:
„Der Bauer, der oft mehr Kinder hat, als er mit seiner Landwirtschaft ernähren kann, wird, wie oben angedeutet, bei Besserung seiner Verhältnisse nicht mehr gezwungen sein, seine Kinder in ferne Fabriken zu schicken, sondern er wird Mittel gewinnen, sie besser als bisher ausbilden zu lassen und ihre Arbeits⸗ kraft daheim zu verwerten. Die in auswärtigen Fabriken arbeitenden, ihrer Heimat, der Familie und auch ihrem Könige mit der Zeit untreu werdenden Söhne der Bauern kommen leider oft genug als soztaldemokratische Sendboten in ihr Dorf zurück und helfen, das Heer der Unzufriedenen zu vergrößern, Zwist und Gehässigkeit zu verbreiten und dadurch den Bauernstand, der den Lockungen der roten Inter⸗ nationale bisher mannhaft widerstanden hat und dadurch eine feste Stütze des Staates geblieben ist, in seiner Gediegenheit zu erschüttern.“
Wir waren lange im Zweifel: glauben die Herren das selbst, was sie da in der Begründung ihres Antrages schreiben, oder wollen sie dadurch nur den Kreistag ge⸗ neigter machen, auf das Projekt einzugehen? Sei dem, wie ihm wolle. Wir halten uns an das, was schwarz auf weiß in der Begründung steht. Die Herren wollen die Bahn, weil sie glauben, daß damit neben anderen Zwecken auch der erreicht wird: die Sozialdemo⸗ kratie fernzuhalten. Wir wünschen den Herren Erfolg mit ihrem Antrag, weil wir wir wissen, daß die Eisenbahnen außer ihrer allgemeinen Nützlichkeit als Verkehrsein⸗ richtungen die besten Revolutionäre für
das flache Land sind. Was die Auseinander- setzungen über die„rote Internationale“ an⸗ langt, so schenken wir diese dem Aktionskomitee. Ihm hat's wohl Vergnügen gemacht und uns thuts nicht weh. Guten Erfolg, Ihr Herren, mit dem gewünschten Schienenweg, wenn Ihr mit der Begründung auch auf dem Hol z⸗ weg seid.
Kleine Mitteilungen.
Gießen. Die Strafkammer sprach die Gräfin Margarethe zu Altleiningen⸗Westerburg, verwittwete Gräfin Ilchio, im Wiederaufnahme⸗ Verfahren wegen eines ihr zur Last gelegten, mit ihrem Schwager, dem Grafen Friedrich zu Altleiningen⸗Westerburg begangenen Ehebruchs, von Strafe und Kosten frei. Das Landgericht Gießen hatte im Jahre 1897 auf eine Gefäng⸗ nisstrafe von vier Wochen erkannt.
** Eine nationalsoziale Ortsgruppe hat sich in Gießen gebildet. Laut Bericht der Hess. Landesztg. traten in der konstituierenden Sitzung als Taufpathen resp. als Geburtshelfer auf: Repetent Herrmann, Kandidat Vogt und Pfarrer Schlosser von Gießen, sowie Herr Privatgelehrter Scheffer von Mar⸗ burg. Jetzt wird natürlich die flottensoziale Sache in Gießen einen ungeahnten Aufschwung nehmen. Die Arbeiter werden den Kandidaten, Repetenten und Pastoren nun zu Hunderten zulaufen. Heilo, Cholerabazillino!
** Die flottentollen Gimpelfänger haben ihre Leimruten in Gestalt von Broschüren nun auch in Gießen gelegt. Von Haus zu Haus werden 32 Seiten starke Heftchen ge⸗ tragen, in denen den Arbeitern Honig um den Mund geschmiert wird, damit sie ja für die Flottenvergrößerung eintreten. Dieselben Ar⸗ beiter werden nun poussiert, die man sonst schuhriegelt, ausbeutet und unter Ausnahme⸗ gesetze stellte. Wer bezahlt denn die Bro⸗ schüren? Die Geldbeutel patrioten, die Millionen verdienen würden an dem Schiffsbau, Millionen, die sie den Arbeitern in Gestalt von neuen Steuern aus den Taschen stibitzen würden, wenn diese so dumm wären, sich von den größenwahnsinnigen Flotten⸗ spektakelmachern einfangen zu lassen.
1. Wieseck. Am vergangenen Samstag fand bei Wirt Heinrich Keller eine Versammlung der Hilfsarbeiter statt, in der der Beschluß gefaßt wurde, dem Verbande der Hilfs⸗ arbeiter beizutreten und eine Zahlstelle an hiesigem Orte zu errichten. Es traten 17 Mann bei und wurde sofort die Vorstandswahl vor⸗ genommen. Gewählt wurden: Wilh. Luh zum 1., Heinrich Schmitt zum 2. Bevollmächtigten, Wilh. Reeh zum Kassierer. Nächsten Sonntag findet eine weitere Versammlung bei Wirt H. Keller statt, wozu wir alle Hilfsarbeiter, die
noch keinem Verbande angehören, hiermit einladen. W. Marburg. Seit Sonntag ist die
Lahn aus ihren Ufern getreten und hat weite Strecken Landes überschwemmt.— Die Revolveraffaire in der Neu⸗ jahrs nacht, über die wir seiner Zeit be⸗ richteten, beschäftigte die Strafnsammer. Damals erschoß der Kaufmann Houy aus Hanau im Verlauf einer Rauferei den Kutscher Möhl. Houy ist 28 Jahre alt und hat eine recht interessante Vergangenheit. Nachdem er bis zum 17. Jahre höhere Lehranstalten besucht hatte, ging er nach Australien, wo er sich auch verheiratete. Acht Jahre später kehrte er nach Deutschland zurück und lebte einige Zeit als Unterdirektor der Versicherungsanstalt Wilhelma in Kassel. Kurz vor Neujahr wollte er nach Transvaal und kam, um von einigen befreun⸗ deten Studenten Abschied zu nehmen, nach Marburg. Der leichtfertige Schütze wurde zu einem Jahr Gefängnis verurteilt.
** Marburg. Einen gediegenen Witz hat sich entweder der Bäckermeister Georg Schott oder die„Hess. Ldsztg.“ geleistet. Letztere be⸗
richtet nämlich über eine Rede Schotts, die dieser in einer Bürgerversammlung hielt, in der gegen die Verstadtlichung der jetzt könig⸗
ung gel Cigentül in 1 oliz bal Die ki Cigentün wäre ja schichte del 1860 den in der Jö Aubedingt müse, 5 igen Ne einen 15 scheint det Marburg Hess. Ode einer Verf „Joch in der? dahin ke Natürl baut sind, maunsdör und Fran zwingen Weztg.“ W. W̃ Belanntm Amtablat „Der Lokalabth halb gew ländlich glieder de mitteln. Auträg der gewil Mägde) f deichneten Vetzla
Vir s die Besch thensowen, fats geh die wir ki buder dez
We Leute al davor, che shr Saleuten i das de f hg
l** Of mädchen. uu Ofen ber t g ermittlt.


