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Nr. 26.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Seite 5.

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Die Feststimmung wurde selbst durch einen Regenschauer nicht getrübt, auch sonst störte kein Mißton das Fest. Während die auswärtigen Festteilnehmer schon frühzeitig aufbrechen mußten, konnten sich die Dietzenbacher und die in der näheren Umgebung wohnenden Genossen bis in die Mitternachtsstunde anregender Unterhaltung hingeben. Für de Entwickelung der Partei und den Zusammenschluß der Genossen sind diese Feste zweifellos von großer Bedeutung. Die Genossen anderer Wahlkreise, namentlich die des Gießener sollten versuchen, derartige Arrangements ebenfalls zu Stande zu bringen.

Nationalsozialer Führer bei Lohnkä mpfen. Ueber das Verhalten des nationalsozialen

Führers Werkmeister Bärrn in Frankfurt bei

dem dortigen Holzarbeiterstreik lesen wir in der Volkst.:

Ferner ist höchst bemerkenswert, daß der technische Leiter bei der Firma Holzmann, Herr Bärrn, obwohl derselbe Mitzlied des christlichen Holzarbeiter⸗Verbandes ist, sich bemüht, die Arbeitswilligen zu schützen und damit den Streik zu stören. Man darf gespannt darauf sein, was die christlichen Verbandskollegen zu diesem Verhalten ihres Mitgliedes Bärrn sagen werden. Hoffentlich sind nun schon Manchem derChristlichen die Augen aufgegangen. Der Vorgang beweist übrigens auch, daß man höchst vorsichtig bei der Aufnahme solcher Betriebsleiter seitens der Organisationen sein muß.

Gewiß; beweist aber auch weiter, was es damit auf sich hat, wenn Herr Bärrn öffentlich für Verbesserung der Lage der Arbeiter eintritt. So scheint dieser Christ dieNeutralität der Gewerkschaften zu verstehen.

Konitzer Mord.

Der Matrose Hellmuth Wranke, der sich am Tage des Mordes in Gesellschaft des Ernst Winter befunden haben soll, ist aus Baltimore in Bremerhaven angekommen. Er ist dort ver⸗ nommen worden und hat erklärt, Winter nicht

10 gesehen zu haben. Bei den letzten durch den achsat,

Untersuchungsrichter vorgenommenen Verneh⸗

mungen handelte es sich in der Hauptsache um

das eingeleitete Verfahren wegen Meineids gegen

den Arbeiter Maslow und dessen Schwieger⸗

mutter. Der Verdacht der Thäterschaft an dem

Morde Winters hat sich neuerdings auf den

vor einiger Zeit nach Berlin übergesiedelten

Fabrikanten Schrauer(?) gelenkt.

Einige Wochen nach dem Morde waren aus

Konitz zwei jüngere Knaben verschwunden. Na⸗ türlich wurden auch hieran allerlei Alarm⸗Nach⸗

richten angeknüpft. Amtlich wird jetzt festgestellt, daß die beiden Knaben mehrsach in ländlichen Orten der Kreise Konitz, Tuchel und Flatow ge⸗ sehen worden sind. Der ältere Knabe hat sich auch schon früher einmal einige Tage bummelnd herumgetrieben. Die Mutter der Knaben ist selbst der Meinung, daß nur Lust am Herum⸗

treiben und Scheu vor der Schule die Ursache

des Verschwindens der Knaben ist.

Medizinische Folter.

DerVorwärts berichtet nach demArchiv für klinische Medizin über Versuche, die der erste Assistent der Klinik in Jena, Dr. Stubell, an Kranken, die an Diabetis insipidus leiden, torgenommen hat, und die nicht anders denn als Menschenquälerei bezeichnet werden können. Diese Krankheit, eine Art Harnruhr, hat ein hochgradig gesteigertes Durstgefühl im Ge⸗ folge, da die Ausscheidung eine sehr bedeutende ist. Dr. Stubell nun wollte feststellen, ob bei verminderter Zufuhr von Flüssigkeit auch die

Lusscheiduug abnehme, und ließ solche Patienten

unter Einsperrung dursten. Dies führte dazu, daß der eine Patient seinen eigenen Urin trank, der andere wie ein Verbrecher aus brach

und über Dächer balancierte, um zu dem er⸗ lösenden Wasser zu gelangen. Gegen

solche Experimente, die nicht einmal einen Heil⸗ zveck verfolgen, muß entschieden Protest einge- gt werden, und es ist zu wünschen, daß Dr. Stubell gehörig zur Verantwortung gezogen werde.

Ein Pfarrer als Revolverheld.

In Leéchelle bei Lille begegnete der Orts⸗ pfarrer Vallier abends spät in der Nähe seiner Wohnung vier Arbeitern, die ein Lied gegen die Geistlichkeit sangen. Hierüber aufge⸗ bracht, eilte Vallier ins Pfarrhaus, holte e i nen Revolver und schoß zweimal auf die Sänger. Einer von diesen stürzte sich auf ihn und entriß ihn den Revolver. Dem Pfarrer gelang es, sich zu befreien und seine Wohnung zu ereichen. Auf der Schwelle aber drehte er sich nochmals um und suchte wieder in dem Be⸗ sitz seiner Waffe zu gelangen. Hiebei krachte ein Schuß und verwundete den Pfarrer derart, daß er nach einigen Stunden im Hospital starb. Die vier Arbeiter wurden verhaftet.

Aus dem Wahlkreise Marburg⸗ Kirchhain. W. Marburg, 21. Juni.

Lohnerhöhung. Die Zimmerer Mar⸗ burgs, welche sich erst kürzlich organisierten, haben eine Eingabe an die Meister gerichtet betreffs Lohnerhöhung. Die Meister haben daraufhin den Lohn um zrei bis fünf Pfennig pro Stunde erhöht.

Schlägerei und Radau. Gelegentlich der hier abgehaltenen General⸗Musterung fanden am Samstag, 16. Juni zwischen Musterungs⸗ pflichtigen in der Barfüßerstraße und auf dem Markte wüfte Lärmszenen statt, sodaß die Polizei einschreiten mußte und eine Anzahl angehender Vaterlandsverteidiger in Nummer Sicher brachte. Auch von Studenten wurde in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch auf dem Markte ein Höllenlärm aufgeführt. Auch hier mußte die Polizei einschreiten und die Radaubrüder wurden auf die Wache gebracht.

Hausagrarier⸗Verein. Eine Anzahl Hausbesitzer hielten vergangene Woche im Re⸗ staurantSchloßgarten eine Versammlung ab. Beschlossen wurde die Gründung eines Haus⸗ besitzer⸗Vereins, welchem annähernd 150 Haus⸗ besitzer beitraten,

Jedenfalls bezweckt der Verein Hera b⸗ setzung der Mietpreise und sonstige Förderung der Mieterinteressen!

Kleine Mitteilungen.

** Wetzlar. Wiederum ist beim Baden in der Dill ein Schulknabe ertrunken und zwar der Sohn des Fuhrmanns Kögel in Niedergirmes. Die Leiche wurde erst am andern Tage dem Wasser entrissen. Verhaftet wurde ein Taglöhner Namens Müller in Nieder⸗ girmes, des eines Sittlichkeitsvergehens beschuldigt wird.

* Blatterner krankungen. Mehrere Erkrankungen an den Blattern kamen in dem Untersuchungsgefängniß am Klapperfeld in Frankfurt a. M. vor. Der am schwersten Erkrankte, ein Taglöhner aus Sprendlingen, ist im städtischen Krankenhause gestorben.

* Wertlose Künste. Auf eigentümliche Weise ist in Oberlahnstein ein Schneider ver⸗ unglückt. Er überanstrengte sich bei der bekannten Kraftübung, einen Stuhl am hinteren Stuhlende mit einer Hand in die Luft zu heben und zog sich dabei eine Eingeweidezerreißung zu, die inzwischen den Tod zur Folge hatte.

** In Cassel wurde der Fabrikarbeiter Pläging wegen Mordes, begangen an seiner Schwägerin, zum Tode verurteilt.

** Mordprozeß Gönczi. Vom Reichs- gericht wurde die Revision des wegen Raub⸗ mordes zum Tode verurteilten Gönczi ver- worfen.

Arbeiterbewegung.

E In Gießen dauern die Streiks der Maurer und Weißbinder noch immer fort. Eine Anzahl Italiener, welche von dem Bau⸗ unternehmer Abermann am Friedhof beschäftigt wurden, stellten die Arbeit ein, nachdem sie von den Differenzen unterrichtet waren.

Der Holzarbeiterstreik in Frank⸗ furt ist noch immer nicht beendet. Versuche

der Arbeitgeber, Arbeiten außerhalb anfertigen zu lassen, sind an der Solidarität der Kollegen gescheitert.

Auf dem städtischen Gaswerke in Mainz sind die Arbeiter in den Ausstand ge⸗ treten. Von der Bürgermeisterei wurden vor⸗ läufig 20 Pfg. pro Tag Lohnerhöhung zuge⸗ sichert, doch lehnten die Streikenden diesen Vor⸗ schlag ab. Frank wurden Vermittelungsversuche gemacht. Durch den Streick dürfte die am Sonntag statt⸗ findende Gutenbergfeier in Mitleidenschaft ge⸗ zogen werden, falls inzwischen keine Einigung stattfindet.

Sämmtliche Kupferschmiede in Frank⸗ furt a. M. traten am Montag nach ror auf⸗ gegangener Versammlung in den Ausstand. Am 12. Juni wurden Lohnforderungen eingereicht und die Antwort hierauf bis Samstag, den 16. ds. Mts. von den Arbeitgebern erbeten. Da jedoch die Meister eine Besprechung erst auf den 20. ds. anberaumten, so beschloß die imRebstock stattgefundene Versammlung einstimmig die Ar⸗ beitsniederlegung. In Anbetracht der günstigen Geschäftskonjunktur war dies auch das einzig Richtige. Die Stimmung unter den beteiligten Arbeitern ist eine vorzügliche. Das Streiklokal befindet sich imErlanger Hof.

ARechtssprechung.

§ Teilnahme an der Maifeier ist kein Grund zur sofortigen Ent⸗ lassung! Die beiden Maurer Appelt und Zindel in Dortmund waren von dem Bauunter⸗ nehmer Beckmann sofort entlassen worden, weil sie am 1. Mai nicht zur Arbeit erschienen waren. Sie verlangten von ihrem Arbeitgeber eine Ent⸗ schädigung von je Mk. 15. wegen kündigungs⸗ loser Entlassung. Das Gewerbegericht in Dort⸗ mund entschied zu gunsten der Kläger unter der Begründung: das einmalige Feiern sei weder als eine beharrliche Weigerung der den Kläger obliegenden Verpflichtungen anzusehen noch als ein unbefugtes Verlassen der Arbeit befunden worden. In Halle hat das Gewerbegericht kürzlich ganz entgegengesetzt entschieden.

§ Majestätsbeleidigung und Ehr⸗ verlust. Im April hatte das Landgericht Dresden einen Arbeiter wegen Majestätsbe⸗ leidigung zu einem Jahre Gefängniß und fünf Jahren Ehr verlust verurteilt. Der Angeklagte selbst hatte das Urteil nicht angefochten, sondern nur der Staats anwalt zu gunsten des Angeklagten. Gemäß dem Revisionsantrage hob das Reichsgericht das Urteil bezüglich der Nebenstrafe auf und brachte den Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte in Wegfall.

Das Reichsgericht hat damit zwar den un⸗ glaublichen Rechtirrtum aufgehoben, nachdem sogar die Staatsanwaltschaft das Bedürfnis empfunden hatte zu Gunsten des Verurteilten einzuschreiten.

Welches Vertrauen aber soll man zu solchen Richtern haben, die nicht die einfachsten That⸗ sachen des Strafgesetzbuchs beherrschen, die nicht wissen, daß der Majestätsbeleidigungsprozeß die Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte nicht zuläßt. Wie soll man sicher sein, daß das Ge⸗ richt die Höhe der Strafe ein Jahr Gefäng⸗ nis halbwegs abzuschätzen verstanden habe, wenn es in seinem Urteil von einem thatsäch⸗ lichen krassen Irrtum über den Inhalt des§ 98 ausging!

Partei⸗achrichten.

Versammlungs⸗Kalender. Samstag, 23. Juni:

Gießen. Sozialdemokratischer Wahlverein abends ½9 Uhr Versammlung bei Orbig: Sitzung der Vertrauensmänner. 9 Uhr: Versamm⸗ lung. Vortrag: Politische oder neutrale Gewerkschaften.

Sonutag, 24. Inni:

Steinberg. Arbeiter⸗Bildungs⸗Verein nachm. 4 Uhr Versammlung bei K. Philipp. Um pünktliches und zahlreiches Erscheinen wird gebeten.

Friedberg. Wahlverein vormittags Uhr Ver⸗ sammlung in derStadt Newyork.

Von dem Stadtverordneten Dr.

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