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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 20—
mehr den Charakter eines Bandenkrieges anzu⸗ nehmen. Bei den Buren scheint man zur weiteren Fortsetzung entschlossen zu sein, offenbar haben dieselben aus den Ereignissen in China, die Eng⸗ land in neue Verwickelungen treiben können, neuen Mut geschöpft. Die Buren haben zudem bei den Operationen nach dem Fall von Pretoria nirgends besonders Unglück gehabt, zum Teil aber den Engländern erhebliche Schwierigkeiten bereitet. Sie ziehen sich in vollkommenster Ord⸗ nung mit allen Geschützen, ihrem ganzen Trans⸗ portpark, mit einem Teil der englischen Gefangenen u. s. w. von Pretoria in nördlicher Richtung zurück, nehmen dort eine für Lord Roberts sehr bedrohliche Stellung ein, aus der er sie trotz großen Truppenaufg botes bis jetzt noch nicht vertrieben hat, und zwingen den englischen Oberkommandierenden immer aufs neue zu frischer Thätigkeit. Die Buren zerstören ferner die englischen Verbindungslinien in größere oder kleinerer Ausdehnung in empfindlicher Weise und verlängern also die Kriegsoperationen immer aufs neue.
Die gesammten englischen Verluste betragen bisher nach einer vom englischen Kriegs⸗ ministerium veröffentlichten revidierten Liste 32 374 Offiziere und Manschaften, von denen jedoch die von Lord Roberts befreiten Gefangenen (150 Offiziere und 3500 Mann) abzuziehen sind. Außerdem sind 8843 Mann und viele Offiziere, die als Invaliden nach der Heimat entlassen sind, in die Zahl nicht eingeschlossen, so daß die Gesammtzahl über 32 000 beträgt.
Genossen! Agitiert aller orts für die Par teipresse!
Von Nah und Fern.
Gutenberg⸗Jubiläum.
Zum fünfhundertsten Geburtstage Johannes Gutenbergs, des Erfinders der Buchdrucker⸗ kunst, findet am Samstag den 23. d. M. be⸗ ginnend, in Mainz, der Geburtsstadt des Er⸗ finders eine große Feier statt, die vier Tage dauern wird. Schon seit Wochen rüstet sich die Stadt, diese Feier zu einer äußerst imposanten zu gestalten. Am Montag findet ein großer historischer Festzug statt; eine Gutenberg⸗Aus⸗ stellung ist mit der Feier verbunden. Auch die Arbeiterklasse steht der Feier sympathisch gegen⸗ über, und die Mainzer Arbeiter werden ihrer⸗ seits zur Ehrung Gutenbergs in gebührender Weise beitragen. Und gewiß hat auch der „vierte Stand“, in dessen Befreiungskampf das gedruckte Wort eine mächtige Waffe darstellt, allen Anlaß, des großen Erfinders dankbar zu gedenken. Allerdings wird seine Kunst auch heute noch und sehr viel in den Dienst des Rückschritts und der Barbarei gestellt, zur Unter⸗ drückung und Verdummung der Massen mißbraucht; an uns muß es sein, sie im Interesse des Fortschritts, der Aufklärung, der Humanität und wahrer Freiheit anzuwenden! Und das thun wir, indem wir den sozialistischen Druck— werken die weiteste Verbreitung verschaffen! Auf die prächtig ausgestattete Gutenberg-Fest⸗ nummer des„Wahren Jakob“ machen wir bei dieser Gelegenheit aufmerksam und empfehlen sie den Genossen aufs Wärmste!
K. Der Buchdrucker⸗Verband,
Bezirk Gießen, hielt am vergangenen Sonntag seine erste diesjährige Bezirksvecsammlung in Grünberg ab, die von Mitgliedern aus Gießen— von hier mit 24 Mann— Grün⸗ berg, Fulda, Friedberg und Lauterbach besucht war. Der erstattete Kassenbericht weist eine Zunahme des Vermögens auf. Die vom Vor⸗ stande an das Gewerkschaftskartell geleistete Zahlung von 25 Mk. für die in Gießen streiken⸗ den Maurer und Weißbinder wurde gutgeheißen, eine zweite Rate in gleicher Höhe bewilligt und der Vorstand ermächtigt, im Bedarfsfalle eine dritte Rate bis zum selben Betrage abzuführen. An den wöchentlichen freiwilligen Sammlungen zum gleichen Zwecke beteiligten sich alle Gießener Mitglieder mit einer einzigen Ausnahme.—
Eine Debatte über die Schreibweise des„Korre⸗ spondent“ gegen einen Teil der Parteipresse zeitigte nachstehende Resolution, welche ein⸗ stimmig angenommen wurde:„Die heutige Versammlung des Bezirkes Gießen, abgehalten am 17. Juni in Grünberg, erklärt sich mit der seither geübten Abwehr seitens des Kollegen Rexhäuser einverstanden. Die Versammlung würde es aber freudig begrüßen, wenn der Streit ein Ende nehme, da es für keinen Arbeiter an⸗ genehm sein kann, solchen nur den Gegnern der Arbeiterbewegung willkommenen Streit zwischen den nach gleichen Zielen strebenden Arbe tern entstehen und sich fortentwickeln zu sehen. Wenn von beiden Seiten Nachsicht geübt wird, ist ein Ausgleich sehr gut möglich.“— Nach Erledigung einiger Interna wurden noch einige Stunden der Gemütlichkeit gewidmet; galten sie doch dem Scheiden eines bewährten Grünberger Kollegen.
Generalversammlung der Gießener Orts⸗ krankenkasse.
r. In der am 19. d. M. stattgefundenen Gencralversammlung, welche von 64 Vertretern der Kassenmitglieder und 14 Arbeit gebervertretern besucht war, referierte zum 1. Punkt:„Rech⸗ nungsablage“ Herr Holdberg. Derselbe erwähnte einige Rechenfehler, konstatierte aber im übrigen, daß die jetzige Geschäftsleitung eine viel über⸗ sichtlichere, korrektere und bessere als früher sei. Der Antrag, der gesamten Geschäftsleitung Decharge zu erteilen, wurde einstimmig ange⸗ nommen.— Eine lebhaftere Debatte entspann sich über den Antrag Beckmann, den Vorstand zu ermächtigen, gegen den früheren Vorsitzenden, Bauunternehmer Winn, Klage auf Schaden- ersatz zu erheben. Herr Winn hatte nämlich als Vorsitzender Staatspapiere zum Reservefond an⸗ gekauft, welche der gesetzlichen Vorschrist nicht entsprechen, und zwar ohne den Gesamtvorstand etwas mitzuteilen. Auf Verlangen der Aussichts⸗ behörde mußten diese Papiere verkauft werden, was einen Verlust von 862,30 Mark herbeiführte. Zum Ersatz dieser Summe war Herr Winn nalülrlich nicht bereit, erklärte viel⸗ mehr mit sehr zuversichtlicher Miene, die wohl kaum mit seinen innersten Gedanken harmonierte, er nehme einen eventuellen Prozeß mit Freuden auf. Der Antrag Beckmann wurde mit großer Mehrheit angenommen. Beim zweiten Punkt: „Hausverkauf“ wurde dem Beschlusse des Vor⸗ standes, das Haus Ludwigsstraße 12 anzukaufen, zugestimmt. Zum dritten Punkte berichtete der Kontrolleur Beckmann über die Generalversamm⸗ lung der freien Vereinigung der hessischen Kranken⸗ kassen, die hier stattfand und über die wir in der letzten Nummer berichtet haben. Nach einer kurzen Debatte hierüber schloß der Vorsitzende die Versammlung.
Gewerbegerichtswahl in Wetzlar.
Zum Gewerbegericht Wetzlar findet demnächst laut Bekanntmachung des Vorsitzenden desselben eine Ergänzungswahl statt. Es scheiden je vier Beisitzer der Arbeitgeber und Arbeiter aus und sind ebensoviel neu zu wählen. Der erste Wahlbezirk(Stadt Wetzlar, Rechten⸗ bach, Schöffengrund, Niedergirmes, Garbenheim) wählt am 9. Juli im Kreishause in Wetzlar je einen Arbeitgeber und Arbeiter; der zweite Wahlbezirk(Braunfels, Greifenstein) wählt am 10. Juli im Bürgermeisteramt zu Braun- fels je zwei Arbeiter und Arbeitgeber; der dritte Wahlbezirk(Aßlar, Daubhausen, Greifen⸗ thal, Greifenstein, Edingen, Oberlemp, Bermoll, Bellersdorf, Altenkirchen) wählt am 10. Juli im Bürgermeisteramt zu Ehringshausen einen Arbeiter; und der vierte Wahlbezirk (Atzbach, Launsbach, Ahrdt, Groß-Altenstädten, Blasbach, Erda, Hohensolms, Mudersbach) wählt am 10. Juli im Bürgermeisteramt zu Krof⸗ dorf einen Arbeitgeber. Die Wahl- zeit ist Vormittags von 9 bis Mittags 1 Uhr und Nachmittags von 5 bis 8 Uhr festgesetzt. Jeder Wähler muß sich in die Wählerliste ein⸗ tragen lassen. Die Anmeldung ist auf dem
Bürgermeister⸗-Amte des Wohnorts in der Zeit
vom 21. Juni bis 5. Juli zu bewirken.— Wir ersuchen unsere Genossen, sich zunächst
selbst zur Wahlliste anzumelden und ihre wahl⸗
berechtigten Freunde und Kollegen ebenfalls da-
zu aufzufor)ern. Wahlberechtigt ist, wer das 25. Lebensjahr vollendet hat und innerhalb des Gewerbegerichtsbezirkes mindest ens seit einem Jahre wohnt oder beschäftigt ist.
Der fleißige Schmied in Krofdorf.
-d. Wer als Maurer oder Weißbinder im Kampfe um Verbesserung seiner Lage genötigt war, zu dem letzten Mittel, das ihm zu Gebote steht— Einstellung der Arbeit— zu greifen, hat außer materiellen Beschwerden auch noch solche anderer Art zu überwinden. Kommt so ein armer Teufel, der gewiß alles thut, was ein vernünftiger Mensch im Interesse seiner selbst und seiner Angehörigen nur thun kann, in sein heimatliches Dorf und spielt nun nicht den Streik⸗ brecher, sondern bleibt zuhause, so kann er sicher sein, von einem guten Teile seiner christlichen Mitbürger als„Faulenzer“ angesehen und auch tituliert zu werden. Oft muß man den Leuten das nachsehen; sie verstehen es nicht besser und können sich vielleicht als Bauers leute auch nicht so recht in die Verhältnisse eines Lohnarbeiters hineindenken, wenn es ihnen auch sonst recht angenehm sein mag, für ihre Produkte einen höheren Preis zu erzielen.— Auch der biedere Schmiedemeister in Krofdorf wird nicht müde, von der überaus großen Faulheit der Maurer zu erzählen. Er will sogar ganz genau aus⸗ gerechnet haben, daß bei seinem Neubau ein Maurer nur 47 Steine im Tag verarbeitet habe und ein Forstziegel aufzustecken auf 13 Pfg. gekommen sei.— Ob diese Berechnung richtig ist, wollen wir nicht untersuchen. Viel Zeit muß aber der Bruder Schmied übrig haben, um solche Berechnungen aufzustellen!——
Nein, es erhält kein Arbeiter seinen Lohn ohne entsprechende Gegenleistung; im Gegenteil, die durchschnittliche Arbeitsleistung der Arbeiter aller Berufe ist gegen früher er⸗ heblich gestiegen. Das kann ziffernmäßig nachgewiesen werden. Den Vorwurf der Faul⸗ heit muß man also schon andern Kreisen, nicht den Arbeitern machen.— Uebrigens stehen hier in unserem Falle die Maurer, denen der Krofdorfer Schmiedemeister Faulheit nachsagt, schon 18 Jahre bei demselben Arbeitgeber in Arbeit, jedenfalls ein Beweis, daß der Schmied
geflunkert hat.
Das sozialdemokratische Bezirksfest,
das am vergangenen Sonntag in Dietzen bach (bei Offenbach) stattfand, erfreute sich einer überaus zahlreichen Beteiligung der Genossen aus dem Offenbacher Wahlkreise. An dem im⸗ posanten Festzuge, der sich am Sonntage durch die dekorierten Straßen bewegte, beteiligten sich nach dem„Offenb. Abendbl.“ 49 Vereine darunter eine Anzahl mit ihren Bannern und Fahnen. Genosse Abg. Ulrich hielt die oft von Beifall unterbrochene Festrede in der er konstatierte, daß die Bezirksfeste immer mehr die Zusammenge⸗ hörigkeit der Arbeiterschaft fördern und sich in⸗ folgedessen als eine Notwendigkeit erwiesen hätten. Im Weiteren fordert Redner die Fest⸗ teilnehmer auf, unermüdlich für die Aus⸗ breitung der sozialistischen Ideen zu wirken und vor allem sich zu organisieren, um so dem Unternehmertum gewappnet gegenüberzustehen, wenn es gelte, die berechtigten Forderungen zur Verbesserung der Lebenslage durchzukämpfen. An der Hand von Beispielen beweist Redner, daß durch einen festen Zusammenschluß des Proletariats die Möglichkeit erschwert werde, daß der Unternehmer den einzelnen Arbeiter bei Geltendmachung seiner Forderungen auf die Straße wirft und ihn mit seiner Familie dem Hunger überantwortet. Ganz besonders an die Frauen und Mädchen richtet er die Mahnung, die Männer und Jünglinge nicht vom Besuch der Organisations⸗Versammlungen abzuhalten; sie möchten vielmehr im Gegenteil dieselben hierzu anfeuern. Die für die Organisation geleisteten Beiträge seien nicht nutzlos ausgegeben, sondern sie trügen reiche Früchte in Gestalt der durch die Gewerkschaften erzielten Lohnerhöhungen ꝛc. Aber auch erzieherisch wirke das Organisations⸗ leben, denn wer ein tüchtiges Gewerkshaftmitglied
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