Ausgabe 
23.12.1900
 
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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 52.

wollte ebenfalls Herrn von Zengen seine Auf⸗ wartungen machen und begab sich zum Fest⸗ essen. Er hat aber die unangenehme Eigenschaft, seiner Meinung über Dinge und Personen, na⸗ mentlich über die letzteren, in drastischer, ja beleidigender Weise Ausdruck zu geben, gleich⸗ giltig, ob diese seine Meinung richtig oder falsch ist. So etwas verträgt man aber nicht inguter Gesellschaft. Ob man nun dem lästigen Pa⸗ tron auf unsanfte Art die Thüre wies oder ob er im Rausche stolperte, das weiß man nicht, kurz, die Nachtwächter gabelten ihn auf der Straße auf, wo er mit zerbroche nen Glie⸗ dern lag und transportirten ihn nach Hause. Da liegt er nun! Erst nach vielen sauren Wo⸗ chen wird er sich wieder auf die Beine stellen können. Wir wünschen ihm gute Besserung, sind nicht so unchristlich, wie ein Theil seiner christlichen Mitbürger, die ihm sein Mißgeschick gönnen. Kein Wort des Beileids spenden sie ihm im Wetzlarer Anzeiger! Wir Sozialdemo⸗ kraten sind doch viel bessere Menschen. Wel⸗ chen Eindruck derEmpfang auf den neuen Bürgermeister gemacht hat, wissen wir nicht, können es uns aber ungefähr denken. Er muß sich wie auf einer Kirmeß vorgekommen sein Untergang des SchulschiffesGneisenau. An der spanischen Südküste im Mittelmeer, angesichts der Rhede von Malaga, strandete am Sonntag das deutsche SchulschiffGneisenau. Ein großer Theil der 460 Mann starken Be⸗ satzung des Schiffes, über 100 Personen kamen ums Leben. Ganz Malaga wetteifert in Hilfeleistungen. Alle Vereine und Gesellschaften sowie Aerzte boten ihre Hilfe an. Das Schiff lag seit November vor Malaga und hatte den Auftrag, sich zur Abholung des deutschen Ge⸗ sandten Freiherrn von Mentzingen von Maza⸗ gan bereit zu halten. Den dortigen Aufenthalt benutzte das Schiff, um Schießversuche vorzu⸗ nehmen Sonntag Vormittag erhob sich, wäh⸗ rend der Kommandant eine Parade über die See⸗ kadetten abnahm, ein heftiger Sturm. Der Kommandant gab Befehl, so schnell als möglich die Kessel zu heizen. Die wüthende See riß die Anker derGneisenau fort. Sie ver⸗ lor die Anker und die Ankertaue und strandete gegen den Hafeneingang. Die Besatzung stürzte sich ins Meer und klammerte sich an die Schiffs- trümmer. Sie wurde von den Wogen bedeckt und verschwand zum größten Theil. Das Schiff blieb bis Mitte des Mastenreckes unter Wasser. DieLeipz. Volksztg. fragt: Wer trägt nun aber die Schuld an dem schrecklichen Unglück? Ist der Sturm wirklich mit so außer⸗ ordentlicher unerwarteter Schnelligkeit herein gebrochen, daß keine Maßregeln zum Schutze des Schiffes und seiner Mannschaft vorgekehrt werden konnten? Privatmeldungen aus Ma- laga sagen, daß der Hafenkommandant dem Ka⸗ pitän Kretschmann angesichts der nahenden Gefahr gerathen habe, sein Schiff in den Hafen schleppen zu lassen. Kretschmann be folgte diesen Rath nicht! Im Prozeß Sternberg beantragte der Staatsanwalt gegen Sternberg 3 Jahre Zuchthaus und 5 Jahre Ehrverlust. Eine Reihe Verhaftungen hat noch stattgefunden.

Wahlkreis Marburg⸗Kirchhain.

St. Marburg, den 21. Dezember 1900. Kommunales. In der am Dienstag statt⸗ gefundenen Sitzung der Stadtverord⸗ neten, welche acht Punkte umfaßte, erregte hauptsächlich der erste,Mittheilungen zur Kenntnißnahme, größeres Interesse. Es han⸗ delte sich hierbei um die in voriger Nummer schon erwähnte Niederlegung der abständig ge wordenen Bäume in der Schwanallee und der Frankfurter Straße. Verleitet durch einen irrthümlichen Bericht derOberhess. Ztg.(es war darin gesagt, der Oberbürgermeister habe geäußert:Leider Gottes habe das traurige Geschick nicht einen jenerNaturfreunde 85 damit sind die Unterzeichner jenes Protestes an den Reg.⸗Präsidenten gemeint sondern einen Andern ereilt) hatten die sog.Natur⸗ reunde eine geharnischte Erklärung in der Oberhess. Ztg. gegen den Bürgermeister los⸗ gelassen. Vor Eintritt in die eigentliche Tages-

ordnung gab deshalb der Stadtverordneten⸗ vorsteher Dörffler eine längere Erklärung ab, in welcher er die maßlosen Angriffe gegen die Stadtverordneten und den Oberbürgermei⸗ ster auf das Entschiedenste zurückwies. Weiter theilte er die Antwort des Reg.⸗Präsidenten auf den Bericht des Oberbürgermeisters mit, worin derselbe gegen die Fällung der betr. Bäume nichts einzuwenden habe und mittheilt, daß der erwähnte Protest abgelehnt sei. Die für Regelung des Nachtwachtdienstes ein⸗ gesetzte Kommission hat getagt. Es wurde jedoch vorläufig kein Beschluß in dieser Sache gefaßt. r ĩͤve

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..... Versammlungs⸗Kalender.

Samstag, 22. Dezember.

Gießen. Soz.⸗dem. Wahlverein. Abends 9 Uhr, Versammlung bei Orbis. Fortsetzung des Vortrags überHeinrich Heine.

Sonntag, den 23. Dezember.

Wieseck. Tabakarbeiter. Versammlung. mittags 4 Uhr bei Balth. Wacker.

Mittwoch, den 26. Dezember.(2. Feiertag.)

Alsfeld. Soz⸗dem. Wahlverein. Nachmittags 3 Ubr. Versammlung bei Gastwirth Pfeffer. Voll⸗ zähliches und pünktliches Erscheinen nothwendig.

Gießen. Metallarbeiter. Ausflug nach Heuchelheim. Treffpunkt 2 Uhr bei Orbig; in Heuchelheim bei Volkmann.

Nach⸗

Briefkasten.

An verschiedene Adressen. Jittung en werden in nächster Nummer veröffentlicht.

Gießener Stadttheater

Sonntag den 23. Dezember, 4 Uhr, Kinder⸗Vor⸗ stellung Märchenzauber.

Abends 8 Uhr: Letztes Gastspiel des berühmten Affendarstellers Mr. J. Johnson: Jockos Abenteuer.

Donnerstag den 27. Dezember Wie die Alten sungen.

Freitag den 28. Dezember

Volksvorst.: Der Probe Kandidat.

heutigen Auflage liegt ein; von Gebrüder Berdux

2 Unserer Preis⸗Verzeichniß f Gießen bei, worauf wir aufmerksam machen.

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Weihngehten.

Altes Fest der Sonnenwende, Kindlich⸗süßer Weihnachtszauber, Wieder flimmern, leuchten, schimmern Deine Millionen Kerzen

Durch die Winternacht, die schwarze, Und die frommen Melodien

Und die sanften Glockenklänge Dringen durch die Stürme Tosen Bis zum Ohr des Proletariers,

Und sie stimmen ihn elegisch,

Wecken eine weiche Rührung

In dem kampfgestählten Busen,

Und er spricht: Bin nicht gewohnt zwar, Mitzufeiern jene Feste,

Wo die Kirche führend waltet,

Wo der Staat und die Gesellschaft Freudigkeit dem Volk verordnen

Aber wenn in dunklen Tagen Solch' ein heller Lichtstrom flammet, Freut's auch uns, darum, ihr Brüder, Soll auch uns einChristbaum leuchten, Denn das Licht kann niemals schaden. Auf! den Tannenbaum ins Zimmer; Waldesduft erfrischt die Seele, Und in unsrer kleinen Hütte Sollen hell die Lichter strahlen, Sollen unser Herz erheben, Daß daraus der Kummer weichet Einer frohen Zukunftshoffnung. Und als Weihnachtslied erschalle Kräft'gen Tons die Marseillaise. Mögen dazu Glocken klingen, Mögen dazu Orgeln brausen, Unser Lied und unsre Feier Gilt der kommenden Etlösung Aus des Mammons Eisenketten. Uud in diesem hehren Sinne Einen wir auch uns zur frohen Proletarier⸗Weihnachtsfeier.

M. Kegel.

Frühling im winter.

Es war Weihnachten. Von den Thürmen ver⸗ kündeten die Glocken die siebende Stunde. Dich⸗ ter Nebel hatte sich in den Straßen herniederge⸗ senkt, sodaß die Laternen gespenstisch wie große feurige Augen aus dem grauen Dunst hervor⸗ leuchteten. In den Verkaufsläden drängten sich noch die Käufer, um alsbald beladen mit aller⸗ lei Packeten nach Hause zu eilen. Auch zwi⸗ schen den Krambuden des Weihnachtsmarktes ging es noch ziemlich lebhaft her, wo der Prole⸗ tarier seine kleinen Einkäufe macht, um der Frau und den Kindern noch eine bescheidene Freude zu bereiten. Die Verkäufer priesen, manche freilich schon mit heiserer Stimme, die Mannigfaltigkeit und die Preiswürdigkeit ihrer Waare, und das disharmonische Geräusch der verschiedenen Kinderspielzeuge, dazu hie und da der würzige Geruch der zum Verkaufe aus⸗ gestellten Tannen bildeten das seltsame Etwas, welches auch in unserem Gemüthe, als wir Kin⸗ der waren, alle jene unbestimmten Hoffnun⸗ gen rege machte, mit welchem wir in jedem Jahre dem Weihnachtsfeste entgegengingen.

Durch die sich schon mehr lichtende Menge der Käufer oder Neugierigen schritt bedächtig

die wohlgebaute kräftige Gestalt eines noch jun⸗ gen Mannes in Arbeiterkleidung. Der breit⸗

krämpige, schwarze Filzhut, ein joviales Gesicht mit wohlgepflegtem dunklem Schnurrbart, das kurze Wams und die hellen, vom Kalkstaub

weißgefärbten Beinkleider ließen in ihrem Trä⸗ ger sofort einen Angehörigen des ehrsamen Maurerhandwerks erkennen.

Fritz Buchwald, so heißt unser neuer Be⸗ kannter, dachte seinen Logisleuten, einem schon bejahrten kinderlosen Ehepaare, eine kleine

Freude zu bereiten. Für die beiden Alten hatte

Unterhaltungs⸗Theil.

er schon seine Gaben in der Tasche, doch auch der alte Pudel Murri, auf den die guten Leute so viel hielten, sollte seine Freude haben, des⸗

halb wurde in eeiner Bude noch ein neues Halsband gekauft.

Mit rüstigen Schritten vorwärts strebend

und im Begriff, um die nächste Straßenecke

zu biegen, rennt er plötzlich mit einem weiblichen Wesen zusammen, in welchem er auf den ersten Blick ein hübsches, gleichfalls mit Sachen ver- schiedener Art bepacktes Dienstmädchen erkennt. Beide blicken sich erschreckt einen Augenblick an,

aber als siee ihm in das freundlich wie um

Entschuldigung bittende Auge geschaut, schreit sie leicht auf und eilt flüchtigen Fußes quer über die, Straße, als wolle sie einem Schreckens⸗

bilde eentfliehen.

Erstaunt und etwas verblüfft zugleich schaut Fritz ihr nach. Freilich sieht er nur noch, soweit der Schein der Laterne reicht, etwas von ihrem weißen Strumpfe, dann entschwindet die flüch tige Gestalt seinen Augen.

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