Nr. 52
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
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dem Abgeordneten Köhler⸗Langs⸗ dorf. Er, der sich offenbar auf eine Konitz⸗ debatte größeren Umfangs präparirt hatte, griff die Antisemiten aufs schärfste an, wobei es schließlich zwischen ihm und Köhler zu„Dis- harmonien“ kam, die, wie wir hören, vor Gericht fortgesetzt werden sollen.— Unter all⸗ gemeiner Aufmerksamkeit vertrat nun Genosse Krumm den Standpunkt unserer Partei. Mit Herrn Dr. Vogel erklärte er sich einverstanden über die Gründerperiode, wo aber nicht allein Sternbergs, sondern Herzöge, Fürstenhäuser ꝛe. den Tanz ums goldene Kalb mitmachten. Aber die„sozialdemokratischen Juden“ seien ehrenwerthe Leute, denen auch Dr. Vogel nichts nachsagen könne, und uns sind sie brave Freunde und Genossen, nebenbei giebt es ja auch bei den Antisemiten Juden. Entbehrlich— keit des Unternehmerthums sei bei den Aktien- gesellschaften bereits glänzend bewiesen; nicht den einzelnen Unternehmer greifen wir an, son⸗ dern die ganze Klasse, welche doch für ihre Arbeit einen ungebührlich hohen Gewinn ein⸗ stecke. Er hoffe, daß Dr. Vogel seine Liebe zum Genossenschaftswesen auch seinen Parteige—⸗ nossen, namentlich den sächsischen, beibringe, die die blühenden genossenschaftlichen Betriebe der Arbeiter mit allen Mitteln des Neides und Hasses verfolgten und drangsalirten. Die schwierige Lage der Landwirthschaft verkennen wir nicht; aber die Mittel, die uns die Agra⸗ rier vorschlagen, sind untauglich. Nur 23 Pro⸗ zent der Landwirthe, die über 5 Hektar be—⸗ sitzen, haben Nutzen von Schutzzöllen; die üb⸗ rigen 77 Prozent, die„Kleinen“, haben alle Ursache, in Gemeinschaft mit den Arbeitern das ganze indirekte Steuersystem zu bekämpfen. Was Einzelne von ihnen durch höhere Zölle gewin⸗ nen, haben sie längst doppelt und dreifach an indirekten Steuern bezahlt. Wolle man den kleinen Bauern helfen, so solle man, wie es unsere Partei schon seit 30 Jahren verfechte, die indirekten Steuern aufheben oder wenigstens herabsetzen. Verkürzung der Militärzeit sei wirkliche Hülfe. Wolle Herr Dr. Vogel die Waarenhäuser besteuern, so müsse er die übrigen Großbetriebe ebenso behandeln; diese, wie z. B. die Bierbrauereien,„schlachten“ seit Jahren die „Kleinen“.— Die meisten Arbeiter haben unter 900 Mark Jahresverdienst. Da wirken die Zölle doch schmerzhafter, wie Herr Dr. Vogel glaubt. — Allerdings müssen wir exportiren, dazu brauchen wir aber weder Kriegsschiffe noch Ko⸗ lonien, und das sage ich Herrn Erdmannsdörffer auch: mit 1000 Kriegsschiffen holen Sie nicht einen einzigen Abnehmer unserer Pro⸗ dukte herbei; der Handel braucht Frieden und keine abenteuerliche Irrfahrt wie die nach China. Nebenbei bemerke ich, daß die„Räuber“ in Transvaal und China keine Juden sind.(Heiter⸗ keit.) Es sei schön, daß man in Deutschland so Antheil nehme an dem Schicksal der Buren; es stecke aber bei denen, die England verurtheilen und den Chinakrieg billigen, ein gut Stück Heuchelei. Als vor 12 Jahren meine Partei mit Hülfe eines ungerechten Gesetzes verfolgt wurde, da haben wir von dem Gerechtigkeitssinn ver— dammt wenig gespürt und ich schließe mit der Hoffnung, daß die bürgerlichen Parteien bei Wiederkehr eines solchen Gesetzes den deutschen Arbeiter ebenso unterstützen wie heute die unter⸗ drückten Buren! Nachdem Herr Dr. Vogel ge— antwortet und die Gen. Krumm und Linden⸗ struth nochmals replizirten, schloß Herr Köhler die Versammlung mit der Anerkennung, daß unsere Genossen sachlich und würdig den so— zialdemokratischen Standpunkt gewahrt hätten. Herrn Erdmannsdörffer-Marburg hat unser Genosse Krumm zu„harmonieduselig“ gesprochen, wie er in der„Hess. Landesztg.“ schreibt. Sollte er etwa den Gegner, der sich im Allgemeinen einer anständigen Kampfesweise befleißigte, persönlich herunterreißen? Uns kommt es nicht auf persönliche Auseinan⸗ dersetzung an, uns ist es um die Sache zu thun. — Erfolg für die Antisemiten dürfte die Ver- sammlung kaum gebracht haben.
m. k. Bezirks⸗Versammlung der Buchdrucker. Zu der am Sonntag in der „Stadt Cassel“ stattgefundenen regelmäßigen Versammlung des Verbandes deutscher Buch— drucker, Bezirk Gießen, waren von Grün⸗ berg 4, Fulda 3, Friedberg 2, Schotten 1, Gie— ßen 28 Mitglieder erschienen. Die Gehülfen einer hiesigen Druckerei waren nicht vertreten. Zunächst begrüßte der Vorsitzende die von aus⸗ wärts erschienenen Kollegen und hofft, daß auch die heutigen Verhandlungen den Kollegen zum Vortheil gereichen möchten. Er schildert die
Thätigteit des Vorstandes im verflossenen Halb⸗ jahr, konstatirt eine, wenn auch geringe Mit⸗ gliederzunahme und beklagt den Verlust unse⸗ res verstorbenen Mitgliedes E. Leib. Dem Kassenbericht zufolge war der Stand der Be⸗ zirkskasse am 1. April Mk. 343,48, am 30. Sep⸗ tember Mk. 380,62; zeigt mithin eine Zunahme von Mk. 37,14, trotzdem außer den laufenden Ausgaben Mk. 50 für die hiesigen streikenden Weißbinder aus der Kasse verausgabt wurden. Dem Gehilfenvertreter des 3. Kreises wurden, unter Anerkennung seiner Thätigkeit für die Gesammtgehilfenschaft, Mk. 10 für das laufende Jahr bewilligt. Die Vorstandswahl ergab, daß M. Keßler zum Vorsitzenden, H. Ziegler zum Kassirer, B. Strohwig zum Schriftführer und die Mitglieder V. Köthe und H. Neu zu Beisitzern gewählt wurden. Zu Revisoren wur⸗ den die Mitglieder F. Helmer und P. Moritz bestimmt. Die nun folgende Berichterstattung über die Druckereiverhältnisse in den einzelnen Orten des Bezirks ließ erkennen, daß noch manches besserungsbedürftig ist und daß nur dort einigermaßen befriedigende Zustände herr⸗ schen, wo Verbandsmitglieder dauernd konditio⸗ niren. Die im nächsten Jahre stattfindende Ta⸗ rifrevision gab Anlaß zu einer eingehen⸗ den Besprechung. Man einigte sich zu folgendem Antrage:„Mit Rücksicht auf die allgemeinen Theuerungsverhältnisse beauftragt die heutige Bezirksversammlung den Gehilfen⸗ vertreter des dritten Kreises, bei der nächstjäh⸗ rigen Tarifrevision für eine 15prozentige Er⸗ höhung der Grundpositionen einzutreten.“— Kurz vor 3 Uhr schloß der Vorsitzende die Ver⸗ sammlung mit einem dreifachen Hoch auf unse⸗ ren Hort und Schutz in allen Lebenslagen: Den Verband deutscher Buchdrucker. Die noch übrigen Stunden des Tages wurden mit den auswär⸗ tigen Kollegen in gemüthlichster Weise verlebt.
Herr Bürgermeister Mecum wurde
vorige Woche mit den üblichen Feierlichkeiten
in sein Amt eingeführt und hat von da ab die Leitung der Geschäfte übernommen.
Getäuschte Hoffnungen! In diesen Tagen findet die Ziehung der hessischen Landes⸗ lotterie statt. Wie Mancher, der seine müh⸗ sam erarbeiteten Groschen zum An⸗ kauf eines Looses verwandte, um womöglich da⸗ durch auf leichte Art zu Reichthum und Wohl⸗ stand, na, sagen wir wenigstens zu ein paar Mark Geld zu kommen, legt bitter enttäuscht die Ziehungsliste aus der Hand! Er hat nur dem Staat freiwillig eine erhebliche Steuer gezahlt, eine Dummheitssteuer! Viel ver⸗ nünftiger hätte er das Geld zur Verbesserung seiner Lebenshaltung oder, falls er Lohnarbeiter ist, zu Zwecken verwendet, die geeignet sind, seine Lage dauernd zu verbessern! In diesem Falle tragen die Opfer reichlich Zinsen; in der Spekulation auf das Lotterieglück haben bekannt⸗ lich gerade die Aermsten das meiste Pech! Schiedsgericht für Arbeiter versich⸗ erung. Nach§ 3 der neuen Unfallversiche⸗ rungsgesetzes sollen zukünftig die Entscheid⸗ ungen über Entschädigungen nicht mehr, wie bisher von den Schiedsgerichten für Unfallversicherung gefällt, sondern den Schieds⸗ gerichten für Invaliditätsversicherung übertra- gen werden. Diese heißen nunmehr„Schieds⸗ gerichte für Arbeiterversiche rung“ und treten mit dem 1. Jan. 1901 in Kraft.— Die Wahl der Beisitzer für das Schieds⸗ gericht Ober-Hessen fand am 14. Dez. in Darmstadt statt. Dabei erhielt die von der Ortskrankenkasse Gießen vorgeschlagene Liste die Mehrheit und sind demnach folgende Bei— sitzer gewählt: a) Arbeitnehmer: A. Lenz, Steinhauer; W. Schmidt, Gaswerk; H. Männ⸗ che, Schreiner; H. Klingelhöfer, Weißbinder; M. Keßler, Buchdrucker; G. Holtberg, Bier⸗ brauer; W. Sickert, Glaser; G. H. Wagner, Maurer; W. Lotz, Dreher; sämmtlich in Gie⸗ ßen und F. Bechtold, Taglöhner Gr. Buseck. b) Arbeitgeber: F. Kraßmann, K. Schäfer; H. Schaffstädt; A. Denninghof; C. Rübsamen; Ph. Euler; J. Bornaß; H. Winn; W. Löber, ebenfalls sämmtlich in Gießen.
An beiden Weihnachtsfeiertagen finden von Arbeiterorganisationen veranstaltete Vergnügungen statt. Der Schneider ver⸗ band hält am ersten Weihnachtstage im Lokale Orbig eine Weihnachtsfeier ab; während der Gesangverein„Eintracht“ und der Hol z⸗ arbeiterverband sich am zweiten Feier⸗ tage im Saale„Zu den vier Jahres⸗
zeiten“ zu gemüthlicher Unterhaltung zu sammenfinden. Natürlich sind bei beiden Ver⸗ anstaltungen alle Genossen und Freunde der
Arbeiterbewegung willkommen. Man wird alles aufbieten, um jeden Besucher zufrieden zu stellen. Wir wünschen Allen von Herzen recht vergnügte Feiertage! a
Unangenehme Weihnachtsüber⸗ raschungen. Das Gespenst der Arbeits⸗ losigkeit bedroht in diesem Jahre mehr als sonst die ohnehin geplagten Arbeiter. So er⸗ hielten in der Möbelfabrik von Reiber vor acht Tagen vier Mann die Kündigung. Einer derselben arbeitete schon zwölf, ein anderer vier Jahre in dem genannten Geschäft. Fälle dieser Art sollten den Arbeitern eine Mah⸗ nung sein, sich der Organisation anzuschließen und alles zu thun, dieselbe auszugestalten. Nur eine machtvolle Vereinigung kann durch ihren Einfluß auf das Erwerbsleben und die Arbeits⸗ bedingungen ihre Mitglieder vor materieller Nothlage schützen!
Böse Weihnachten. Eine wahre Un⸗ glücksstätte ist doch der Abbruch des Hinterhauses Schloßgasse 9. Kaum hat sich das Grab über dem dort am vorigen Donnerstag abgestürzten Dachdecker geschlossen, ist abermals ein schwerer Unglücksfall zu berichten. Am Mittwoch kam der Kollege des tödtlich Verunglückten, der ver⸗ heirathete Dachdecker Meier zu Fall und mußte schwer verletzt in seine Wohnung gebracht wer⸗ den. Bei derartigen Arbeiten sollten doch die weitgehendsten Vorsichtsmaßregeln getroffen werden. ueber unsere Kalender⸗Agitation in Oberhessen äußerte sich ein Korrespondent aus Nidda in der amtlichen„Darmstädter Ztg.“ Nachdem er den hauptsächlichsten Inhalt des Kalenders mit⸗ getheilt hat, sagt er: N
„Der Kalender ist geschickt ge⸗
schrieben, kann aber nur bei politisch und
religiös gänzlich unreifen Leuten etwas scha⸗ den. Freude wird er nur den Genossen be⸗ reiten. Wo weltliche und kirchliche Obrigkeit auf dem Posten sind, prallt das Gesagte ab.“ Was der gute Mann mit dem letzten Satze sagen will, ist eigentlich nicht recht verständlich. Denn wenn auch die„weltlichen und kirchlichen Behörden“ auf dem Posten sind, so sind doch da⸗ durch die wirthschaftlichen und sozialen Miß⸗ stände noch lange nicht aus der Welt geschafft! — Hindernisse wurden den Kalender-Verthei⸗ lern am Sonntag in Gedern in den Weg gelegt, indem einer unserer Genossen von dem Polizisten verhaftet und auf das Bürger⸗ meisteramt geführt wurde. Dort stellte man seine Personalien fest und entließ ihn wieder. Offenbar glaubt der dortige Bürgermeister, das Verbreiten der Druckschriften sei nicht erlaubt. Damit befindet er sich im Irrthum. Wieseck.
Arbeiterbildungsverein. Am ersten Weihnachts⸗Feiertage Zusammen⸗ kunft der Mitglieder bei Wirth Hch. Keller „zum besten Bier“. Seine Weihnachts⸗ feier hält der Verein Samstag den 29. Dez. abends 8 Uhr im Saale des Herrn B. Wacker ab. Dieselbe besteht in Konzert, Vorträgen und Tanz. Hoffentlich betheiligen sich die Mitglie⸗ der recht zahlreich an diesen Veranstaltungen! Auch bei unseren geselligen Zusammenkünften dürfen wir niemals das Wirken für unsere Sache vergessen!“
Aus Wetzlar.
⸗th. Frohe Feste— sau re Wochen. Unser früherer Bürgermeister, Herr Moritz, hat jede Feierlichkeit anläßlich seines Rück⸗ trittes von seinem Posten abgelehnt. Das halten wir für sehr vernünftig, weise und be— scheiden. Feste feiern ist ja ganz hübsch, manch⸗ mal verlaufen sie aber nicht ganz nach Wunsch, die Weingeister verursachen oft genug erheb⸗ liche Differenzen, und trüben so die Festes⸗ stimmung, von dem nachfolgenden Katzenjam⸗ mer abgesehen. So hat das Festmahl, das zur Einführung des neuen Bürgermeisters arran⸗ girt wurde, für die Theilnehmer nicht gerade die angenehmsten Erinnerungen hinterlassen. Besonders einer wird, mit Schmerzen im Bette liegend, der Bürgermeisterfeier oft verwünschend gedenken. Dieser, der Gastwirth Michel,
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