Seite 6.
„Diese Aehnlichkeit“, brummt er,„aber nicht;
möglich, daß sie es ist, mit der ich damalsauf dem Kriegerball so flott tanzte und die ich als meine heimliche Liebe bis jetzt immer im Herzen getragen. Unmöglich! Ich habe meine schöne Tänzerin von damals für etwas„Höheres“ gehalten!“
Unter solchen Gedanken besteigt Fritz den Waggon der Pferdebahn und bald klettert er in einem Arbeiterquartier die vier Treppen zu seiner Wohnung empor. Erst seit wenigen Wochen wohnt er bei den Leuten, doch fühlt er sich recht wohl in seinem Logis. Sein Quartier werth, der Schneider Paul Held, der als Hausarbeiter für ein großes Schnei⸗ dermagazin arbeitete und nebenher etwas Pri⸗ vatkundschaft hatte, war ein seelengutes Kerl—⸗ chen, wenn auch zuweilen ein etwas wunder⸗ licher Kouz, besonders wenn er auf seine Hel⸗ denthaten im schleswig⸗holsteinischen Kriege zu sprechen kam, welchen er seiner Zeit mitgemacht hatte. Deshalb hatte er aber auch seinen neuen Einwohner ins Herz geschlossen, mit dem sich über militärische Dinge reden ließ und der zu⸗ weilen mit kindlicher Geduld, wenn auch nicht ohne den Schelm im Nacken, seinen Erzähl⸗ ungen Gehör schenkte. Seine getreue Ehehälfte hatte bald erkannt, daß der jetzige Einwohner ein braver Junge sei, wie sie sich einen besse⸗ ren als Hausgenossen nicht wünschen könne, und deßhalb suchte sie ihm die Mutter zu er⸗ setzen, wie und wo sie es irgend nur vermochte. Als jetzt Fritz Buchwald nach Hause kam, em⸗ pfing sie ihn allein, da ihr Mann noch fertige Arbeit abliefern gegangen war, und Murri sprang schmeichelnd an ihm empor, lüstern seine Taschen beschnuppernd.
Doch immer noch gedankenvoll ob der un⸗ erwarteten Begegnung achtete heute der junge Mann kaum des freundlichen Empfanges, son⸗ dern beschritt geradewegs sein sauberes und an⸗ heimelndes Zimmer.
„Na, laß ihn man“, heute ist Weihnachts⸗ abend. Er denkt wohl an seine Mutter zu Hause. da soll man ihn nicht stören.“ 5
Fritz aber ging unterdeß, immer noch nach⸗ denklich, in seiner Klause auf und ab, entledigte sich nach und nach seiner Arbeitskleider, nahm aus dem Schrank seine Sonntagskleider und begann sich zu schmücken wie zu einer beson⸗ deren Feier. Er wußte es selber nicht, warum, hatte er doch eigentlich gar nicht mehr die Ab⸗ sicht gehabt, heute noch auszugehen.
Lange saß er dann noch in Gedanken an eine frühere Zeit. Er erinnerte sich daran, daß er eigentlich nur deshalb sich dazu hergegeben hatte Unteroffizier zu werden, um in seiner Kom⸗ pagnie nicht einen andern, sogenannten Sol⸗ datenschinder obenauf kommen zu lassen, und wie er dann später allen Lockungen auf Weiter⸗ dienen aus dem Wege gegangen und es vorge⸗ zogen, lieber in die Reihen seiner Handwerks- kameraden zurückzukehren, um mit ihnen ge⸗ meinsam eine bessere Zukunft des Arbeiter⸗ standes zu erringen.
Mütterchen Held aber ging geschäftig hin und her, ihre Wohnung aufräumend, vor allen Dingen die. Spuren der Thätigkeit ihres Man⸗ nes beiseite zu schaffen, um dann ein kleines Abendbrot herzurichten; hatte sie doch sogar von ihrem Krämer, bei welchem sie einkaufte, zu Weihnachten nach guter alter Sitte eine Flasche Wein geschenkt erhalten.„Wenn nur der Alte bald nach Hause kommen möchte! Nicht wahr, mein Murri? Ja, der geht gewiß erst in die Kneipe. Na, es mag ihm ja auch ge⸗ gönnt sein, weenn er nur nicht zu lange bleibt.“
Doch horch, jetzt kommt jemand die tSiege herauf. Ter Pudel springt mit kurzem freu⸗ digen Bellen zur Thür. Doch das ist noch nicht der Schneidermeister Held, sondern jugendliche Schritte nähern sich und als die Thür geöffnet wird, begrüßt eine wohllautende Stimme die alte Frau mit einem herzlichen:
„Guten Abend, liebes Tantchen!“
„Sieh— sieh, Marie! Wie lieb und gut, daß Du uns heute besuchst!“ bewillkommnet Frau Held das hübsche Mädchen, welches soeben hereintritt.
und Betrachtungen
Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
Nr. 52.
„Ach, seid mir nur nicht böse, daß ichso lange nicht bei Euch war. Da aber meine Gnädige immer krank war, konnte ich gar nicht abkommen. Jetzt geht es ja gottlob besser. Sie sind heute Abend zu ihren Kindern gefahren und so habe ich Erlaubniß, auszugehen, und siehst Du, liebes Tantchen, mein erster Gang ist zu Euch!“
„Und das ist Du hättest einen Du immer noch zier?“
„Mein Unteroffizier? Ach ich habe ja nur einen Abend mit ihm getanzt, auf dem Ball, wo meine Freundin mich eingeführt.“
„Hast Du ihn denn nie wiedergesehen?“
„Ach, Tante, denke Dir meinen Schrecken! Vorhin hatte ich noch etwas zu besorgen für meine Herrschaft und als ich wieder nach Hause will, renne ich an der Ecke mit einem Maurer zusammen und der sah„ihm“ so ähnlich! Ich bin schnell fortgelaufen, aber ich glaube, er hat mir noch nachgesehen!“
„Pst, Kind, nicht so laut! Warum kein Mau⸗ rer? Das sind ebenso brave Leute als Andere, und unser jetziger Einwohner ist auch einer. Ach, den hast Du noch gar nicht gesehen! Besser wünsche ich mir keinen! Aber jetzt komm, Marie, nimm Deinen Mantel ab. So! Ei der Tausend, heute hast Du Dich aber schön gemacht— ganz wie eine kleine Dame!“
In diesem Augenblicke verkündet ein Ge⸗ räusch, daß Herr Held in höchsteigener Person sich seiner erhabenen Behausung nähert und ein fröhliches:„Guten Abend, Alte!“ zeigt an, daß sich der gestrenge Hausherr in heiterster Laune befindet.„Potz Bombenelement!“ fügt er hinzu,„da soll mir doch einer die Kanone gleich mit zehn Preßgeschirren auf einmal la⸗ den! Das ist ja unsere Marie! Na, willkom⸗ men, freue mich, daß Du Dich auch wieder ein⸗ mal und gerade heute sehen läßt, dachte schon, müßte mit Mutter allein den Heiligenabend verbringen.“
Marie packte jetzt ihre kleinen Geschenke aus, die sie den beiden Alten mitgebracht hatte. Mit freundlichem Lachen wies sie die Dankesworte der guten Leute zurück.
Der treue Pudel Murri hat unterdeß immer an der Thür geschnuppert, welche zum Zimmer führt, in welchem wir unsern Fritz Buchwald seinen Betrachtungen und Vorbereitungen zum Weihnachtsfeste überlassen haben.
Jetzt erscheint er selber auf der Schwelle, in der Hand einen Weihnachtsbaum. Aber wie angewurzelt bleibt er stehen und vergißt ganz seine Anrede, als er die junge Dame gewahr wird, welche verwirrt und verlegen Miene macht, sich hinter ihre Tante zu flüchten.
„Nun, Kinder“, meint diese,„was ist denn das mit Euch?“
„Ich,“ stottert dieser,„ich wollte nur unserm Murri etwas bringen.“
„So? Einen Weihnachtsbaum gar? Na, na“, meinte der Meister,„stille Wasser haben tiefen Grund, und mit Euch beiden ist entweder etwas nicht in Ordnung oder es ist bereits in Ordnung. Aber jetzt, Kinder, setzt Euch, kommt nun und laßt uns fröhlich sein!“
Bald ist die kleine Runde vereint und Tante Held weiß es natürlich so zu machen, daß das junge Paar nicht getrennt bleibt. Die Unter⸗ haltung unserer Freunde, zuerst noch etwas
brav von Dir, ich dachte schon, heimlichren Schatz, oder denkst an Deinen hübschen Unteroffi⸗
einsilbig, belebt sich allmälig, als man ein Gläs⸗
chen auf egenseitiges Wohl getrunken.
Marie wagt es zuweilen, verstohlen den
Einwohner ihrer Tante zu mustern und dieser erlaubt sich endlich die Frage:
„Mein Fräulein, ich glaube, ich habe be⸗ reits früher das Vergnügen gehabt, Sie zu se⸗ Hei
Marie, bis unter die Haare erröthend, meint, verschämt vor sich nieder blickend:„Ach, Herr Buchwald, ich bin ja gar kein Fräulein, ich bin ja nur ein Dienstmädchen.“
„O, ist's möglich! Da haben wir uns schon heute Abend getroffen? Und ich Ungeschickter hätte Sie bald umgerannt!“
„Du, Marie“, sagte die Tante neckend,„ist das wohl gar der schneidige Unteroffizier?“
„Gar kein Unteroffizier, schon lange nicht mehr, nur schlichter Maurergeselle,“ versetzte Fritz, indem sein Blick das schöne Auge seiner lieblichen Nachbarin sucht.
„Da haben Sie Recht“, nimmt der Hausherr das Wort, daß Sie den Kommisrock an den Nagel gehängt haben. Was kommt bei dem Weiterdienen heraus? Gensdarm oder Schutz⸗ mann, selten etwas Besseres! Und dann die Kriegervereine von heute, die machen sich wich⸗ tig und die meisten wissen gar nicht, was Krieg heißt. Das lauft alles nur so mit, weil irgend ein Reserveoffizier sie zuweilen mit einer An⸗ rede beglückt. Ja, als ich noch mit dabei war, und wir die Düppler Schanzen stürmten, da ging es anders her. Als das Kommando hieß „zum Sturm“, da sagte ich:„Na, Kinder, nun macht man den Rockkragen hoch“, denn die blauen Bohnen pfiffen nur so um die Ohren! Und dann gings los! Pardautz, schlug ich so einen armen Dänen nieder, und dann noch einen und noch einen. Die todten Menscher und Pferde lagen in Haufen um mich her. Mit einem male kommt so ein junger Kerl von Leutnant als Staffette angesprengt und fragt mit seiner piepzigen Stimme:„Na, Held, hier giebt es wohl Krieg?“ Denkt Euch, mir steht das Blut schon in den Stiefeln und der Kerl fragt noch, ob da Krieg ist!“
Ein heiter schallendes Gelächter der jungen Leute unterbricht hier den begeisterten Rede⸗ strom des tapferen Schneidermeisters, und die⸗ ser mit einem schalkhaften Zwinkern der kleinen freundlichen Aeuglein meint, mit einem wie um Entschuldigung bittenden Blick auf seine liebe Ehehälfte:„Na, wenn Ihr's nicht glaubt, da wollen wir lieber anstoßen auf das Wohl des jungen Paares!“
„Aber, Held, Mann, Du sprichst ja heute lauter Dummheiten“, ruft die Tante, als sie sieht, daß Marie sich schnell erhebt, vor⸗ schützend, sie müsse nun doch nach Hause.
Fritz erhebt sich gleichfalls und nähert sich. dem Mädchen mit der fast schüchternen Frage: „Erlauben Sie mir, daß ich Sie begleite?“
Eine Antwort erfolgte freilich nicht, indem Marie an ihrem Mantel herumnestelte, aber
Frau Held winkt ihm verständnißinnig zu und
er beeilt sich, dem Winke Folge zu seisten.
die bereits menschenleeren Straßen. Feine Schneeflocken wirbelten jetzt hernieder, den Be⸗ ginn des Winters verkündend und der Stadt das echte Weihnachtskleid bescheerend. Hier und da erglänzten die Fenster noch hell vom Kerzenschein der Weihnachtsbäume.
Nach und nach durchdrang jedoch der Drang nach Mittheilung die erste Scheu und er erzählte, daß er daheim nur noch eine alte Mutter habe, und wie er bisher immer so einsam gelebt. Und
der Weg viel zu kurz zu sein, als sie unter das Portal des herrschaftlichen Hauses traten, um für heute Abschied von einander zu nehmen.
Einen Augenblick standen sich hier die jungen Leute im Halbdunkel stumm gegenüber. Dann flüsterte Fritz: N
„Marie, möchten Sie mir nicht auch etwas zu Weihnachten schenken?“ Das Mädchen stieg stillschweigend eine Stufe Wohnung empor, dann sich plötzlich um⸗ rehend legte sie einen Arm um den Nacken. des längst Geliebten und er fühlte zwei süße Lippen sich mit den seinigen vereinigen. Hierauf ein„Auf Wiedersehen“ und er stand allein in der winterlichen Nacht. Fröhlich schwang der Beglückte seinen Hut, ein schöneres Weihnachts⸗ geschenk konnte ihm nicht zu Theil werden.
Die Glocken ein, zwei treue,
7
15 3 1
halten.
Das junge Paar schritt stillschweigend durch
dann kamen sie auf den Ball zu sprechen und er 1 konnte nicht umhin, zu gestehen, daß er seit 4 der Zeit immer an sie gedacht. Beiden schien
läuteten das bevorstehende Fest
redliche, liebende Menschen⸗ kinder hatten sich für's Leben gefunden und der 5 Liebesfrühling hatte Einzug in ihre Herzen ge⸗
M
Lt cer
.
.
——
lg fl die! funtte wudlenst el bung Mice
eee eee
1 1
S
alete abzun aum de d 26. Jalch z besung


