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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 38.
und bittet unter Heiterkeit des Parteitags um weitere. Er schließt: Euch, den leuchtenden Vorbildern der sozialistischen Bewegung der ganzen Welt, Euch brüderlichen Gruß aus Oesterreich.(Stürmischer Beifall.) Nemec⸗Prag überbringt die Grüße der czechischen Genossen.. Nunmehr wird in die Tagesordnung ein⸗ getreten. Parteisekretär Pfannkuch gibt den Geschäftsbericht des Vorstandes; Kassirer Gerisch den Kassenbericht und Abg. Meister den Bericht der Kontrolleure. In der darauf
folgenden Debatte dreht es sich hauptsächlich um
das Gehalt des Leiters der Buchhandlung „Vorwärts“ Fischer, das von 4000 auf 5000 Mk. erhöht wurde. Dagegen wenden sich namentlich die Berliner. Weniger wegen der Höhe des Gehalts, als darum, weil die Berliner Genossen nicht gefragt wurden. Gegen diese Forderung der Berliner wendet sich in scharfer Weise Ulrich⸗Offenbach. Die Buchhandlung Vorwärts unterstehe der Gesam mt partei. Hauptsache sei, daß der richtige Mann am richtigen Platze stehe. Auch Dietz⸗Stuttgart meint: Die Buchhandlung„Vorwärts“ ist ein großes Geschäft und das Gehalt von 5000 Mk. ist nicht zu hoch. In bürgerlichen Geschäften werden höhere Gehälter in Buchhandlungen von ähnlichem Umfange gezahlt. Fischer hat bei einem Umsatz von 187,000 Mk. einen Gewinn von 10 Proz. herausgewirthschaftet, er hat eine große Arbeitslast und ich kann Ihnen empfehlen, dem Vorstand Decharge zu ertheilen.
Rosa Luxemburg beklagt es, daß die Partei keine planmäßige Agitation gegen die Chinapolitik eingeleitet hat. Gegen die Zucht⸗ hausvorlage, gegen das Löbtauer Urtheil sind große Protest-Agitationen entfaltet worden. Warum nicht gegen die noch viel wichtigere Chinaweltpolitik?
Nachdem der Berliner Antrag bezüglich der Gehaltsfrage Fischers zurückgezogen, wird dem Vorstand und den Kontrolleuren Decharge ertheilt.
Es folgt der Bericht über die parlamen⸗ tarische Thätigkeit, von Singer er⸗ stattet. Er weißt auf den gedruckt vorliegenden Bericht hin und geht auf die einzelnen hierzu gestellten Anträge ein. Ein solcher verlange z. B. wieder die Betheiligung des Impf⸗ zwanges. Diese Frage sei keine Partei⸗ frage. Der beste Sozialdemokrat kann Impf⸗ freund oder Impfgegner sein. Solche hygienische Fragen können nicht zu Parteifragen gemacht werden. Für unseren Parteitag liegt keine Veranlassung vor, in dieser Frage eine Ent⸗ scheidung zu treffen. Einverstanden sei er je⸗ doch mit dem Antrage, der die Fraktion beauf⸗ tragt, auf's neue die Beseitigung des Majestäts⸗ beleidigungs⸗Paragraphen zu beantragen. Früher trat der Monarch nicht in die Oeffentlichkeit, jetzt thut das der Kaiser fast täglich. Fast alle politischen Parteien bedenkt er mit Lob oder Tadel. Seine Bemerkungen beruhen oft auf gänzlich falschen Berichten. Es ist nöthig, daß wir das Recht der Abwehr haben. Das geht unter dem heutigen Strafgesetz nicht, deßhalb muß es geändert werden. Doch müsse ein weiterer Antrag, die Namen unserer Abgeord— neten, die bei der Abstimmung über die Zucht- hausvorlage fehlten, bekannt zu geben und im Wiederholungsfalle zur Niederlegung des Man⸗ dats zu veranlassen, entschieden bekämpft werden. Die Präsenz in unseren Reihen ist immer noch die beste, trotz der vielen Arbeit, die uaseren Reichstagskollegen sonst obliegt. Außerdem
konnte kem Mensch annehmen, daß es am ersten!
Tage der Berathung der Zuchthausvorlage schon zur Abstimmung kommen würde.
„Die Fraktion wird es nach wie vor als ihre Aufgabe betrachten, das Doppeljoch der kapitalistischen und absolutischen Reaktion zu brechen.
In der Diskussion über den Bericht kam es zu einer Polendebatte. Rosa Luxemburg be⸗ antragte, die Fraktion möge im Reichstage die Maßnahmen der preußischen Regierung gegen den Gebrauch der polnischen Sprache einmal zur Sprache bringen.
Bei Besprechung dieses!
Antrages griff Haa se-Berlin Frl. Luxemburg in heftiger Weise und wohl auch unberechtigt an. Sie sei schuld, daß in den polnischen Gegenden die sozialistische Bewegung so geringe Fortschritte gemacht habe. Diese Angriffe wies Genossin Luxemburg mit viel Geschick zurück und auch von Bruhns Breslau und von Singer wurde ihr erfolgreiches Wirken voll an⸗ erkannt, während Haase nichts geleistet habe.
Nach Singer's Schlußwort wird der Antrag auf Beseitigung des Majestätsbeleidigungs⸗Para⸗ graphen sowie derjenige der Genossin Luxem⸗ burg einstimmig angenommen. Die Anträge auf Aufhebung des Impfzwanges und auf Er⸗ theilung eines Mißtrauensvotums werden gegen vereinzelte Stimmen abgelehnt.
Nun kam das„Neue Organisations⸗ statut an die Reihe. In einem sehr aus⸗ führlichen Referat führte Abg. Auer die Einzel⸗ heiten vor, die zu einer Aenderung des Statuts nöthigen und legte dar, in welcher Richtung sich diese Aenderungen bewegen müßten. In dem langen Referate erregten vielfach die humo⸗ ristischen Wendungen des Redners die Heiterkeit des Parteitags. Nach einer langen Debatte wird der Entwurf einer Kommission von 25 Mitgliedern überwiesen.
Ueber„Weltpolitik“ spricht hierauf Singer und legt dem Parteitag eine längere Resolution zur Annahme vor, in welcher gegen die Raub⸗ und Eroberungspolitik, die zu den verwerflichsten Mitteln greift, entschieden pro⸗ testirt wird. Unter anderem heißt es in der Resolution:
„Die überseeische Eroberungs⸗ und Raub⸗ politik führt ferner zu Eifersüchteleien und Reibungen der rivalisirenden Mächte, und in Folge dessen zu unerträglichen Rüstungen zu Wasser und zu Lande; sie enthält den Keim zu gefährlichen internationalen Konflikten, welche die auf friedlichem Wege mühsam errungenen Kultur⸗ und Verkehrsbeziehungen in Frage stellen und schließlich eine allgemeine Katastrophe wahrscheinlich machen
Die sozialdemokratische Partei Deutschlands hält diese Politik für verwerflich und erhebt den entschiedensten Widerspruch gegen die abenteuer⸗ liche gewaltsame Chinapolitik der Regierung, welche für das Volk schwere Gefahren herbei⸗ führt und ungeheure Opfer an Gut und Blut erfordert.“
Eine längere Debatte, an der sich Adler⸗ Kiel, Dr. Quarck, Dr. Schönlank, Ledebaur u. A. betheiligten, folgte auf Singer's Referat, worauf die Resolution ein⸗ stimmig angenommen wird.
Auf dem Parteitag anwesend sind 198 Dele⸗ girte, die 226 Mandate haben. Ein Delegirter fehlt entschuldigt. Außerdem sind 5 Mitglieder des Parteivorstandes, die Kontroleure und 30 Abgeordnete aawesend. Als Gäste vom Ausland sind 3 Genossen aus Oesterreich und einer aus England erschienen. Alle Mandate wurden für gültig erklärt.
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Politische Rundschau. Gießen, 21. September.
Zur Einberufung des Reichstags wird jetzt berichtet, daß sie nicht früher als gewöhnlich, also im November erfolgen soll. Weiter heißt es, der Reichskanzler wird persön⸗ lich beim Zusammentritt des Reichstages die Gründe darlegen, die für die späte Einberufung der Abgeordneten zur diesjährigen Session maßgebend waren.
Unterdessen hat die Reichsregierung ohne den Reichstag zu fragen einen Pump von 80 Millionen in Amerika angelegt.
Ein neuer Raubzug.
Um die Ausfuhr auf Kosten einer Preis⸗ steigerung im Inlande zu erhöhen, soll ein Syndikat der Graupenmüller ge⸗ gründet werden. Ebenso wollen sich die Schäl⸗ mühlen Deutschlands zu einem Verbande zu⸗ sammenschließen.
Eine Erhöhung der Kohlenpreise
ist durch das rheinisch⸗westfälische Syndikat, den mächtigen Gmbengerren beschlossen worden. Das Syndikat setzt im Herbst die Kohlenpreise für das nächste Geschäftsjahr fest, für die Zeit vom 1. April 1901 bis Ende März 1902. Wie die„Vossische Zeitung“ aus Essen meldet, will man zwar von einer Er⸗ höhung des Preises der Industriekohle absehen. indessen für die Gas⸗ und Hausbrand⸗ kohle den Preis um 25 bis 50 Pfg. für die Tonne( 10 Doppelzentner) erhöhen. Daß der Industrie gnädigst die jetzigen hohen Kohlenpreise bis März 1902 erhalten bleiben, erklärt sich aus der Abnahme der Pro⸗ duktion und daher auch des Kohlenbedarfs in der rheinisch⸗westfälischen Geoßeisenindustrie. Ein Attentat aber gegen die kleinen
Leute und die Arbeiterschaft, gegen
die große Masse der Verbraucher, ist die Er⸗ höhung des Preises für Gas- und Hausbrand— kohle bis zu fünf Prozent ab Zeche.
Der endgiltige Beschluß über die Vertheue⸗ rung soll Mitte Oktober auf der Generalver⸗ sammlung des Syndikats gefaßt werden.
Das moderne Militärchristenthum,
das Kreuz und Schwert in einer Hand zu tragen weiß, ward kaum je so eifrig verkündigt als in diesen Tagen des chinesischen Kreuzzugs. Aehnlich dem Berliner Militärgeistlichen, der jüngst bei der Fahnenweihe den„heiligen Krieg“ in China gefeiert hat, faßte jetzt auch der Militäroberpfarrer Cäsar vom 2. Armeekorps bei einem Feldgottesdienst der Manövertruppen in Stettin— unter Anwesenheit des Kaisers und der Kaiserin— sein Christenthum auf. Der Oberpfarrer Cäsar sagte in seiner Predigt:
„.. Ja, wenn selbst Dein Leben in Gefahr stünde, dann blicke betend auf zum Himmel mit der Zu bersicht: „In Gottes Hand steht unser Leben“, dann denle der Christen, welche Gott in der Hauptstadt Chinas so wunderbar geschützt und errettet (Frhr. v. Ketteler ward dieser Rettung nicht theil⸗ hastig. D. Red.), dann rühme den hohen Namen Deß, der so große Wunder tyut— und Du wirst mit dem gekrönten Sänger des alten Bundes sprechen können: „Ih fürchte kein Unglück, denn Gott ist bei mit.“ Wenn Du Dich auch als guter Kamerad all Derer be⸗ weisen willst, welche für uns jetzt Gefechten und Gefahren entgegenziehen, oder schon den heidnischen Feinden gegenüberstehen, dann schließe sie ein in das tägliche Gebet:„Gott sei mit euch und streite für euch!“ Denn mit Hilfe dieses all⸗ mächtigen Bundesgenossen werden sie wie die kleine Heldenschaar in Peking auch mannhaft auf schwierigem Posten ausharren und gleich den Tapfern von Taku und Tientsin allen Widerstand der Feinde brechen, um dem christlichen Glauben wie echt christlicher Kultur, will's Gott, für alle Zeiten freie Bahn zu machen, so daß auch die Hunderte von Millionen Heiden es bekennen müssen: Der Herr Zebaoth war mit den Christenstreitern, der dreieinige Gott war ihr Schutz. Gebt diesem Gott die Ehre!“ 5 ö 5 95
Fürwahr, eine eigenartige Religion der Nächstenliebe, der mit blutigem Kriegsschwert freie Bahn gemacht werden soll!
Lieber zwei Tage„Kasten“ als Hunnen⸗ krieger sagte sich ein Reservist, der kürzlich eine Vor⸗ ladung erhielt, am Bezirkskommando 1 München, zu erscheinen. Mit militärischer Pünktlichkeit meldete sich der Mann zur be⸗ stimmten Stunde. Dem Herrn Oberst vor⸗ gestellt, diktirte ihm dieser zwei Tage Arrest, weil er seinen Wohnungswechsel nicht vorschrifts⸗ mäßig angezeigt hatte. Dabei bemerkte der Herr Oberst in feeundlichstem Tone, daß ihm die zwei Tage geschenkt würden, wenn er sich freiwillig nach China melde, im anderen Falle aber müsse er die 2 Tage brummen. Der Reservist zog es aber doch vor, nicht freiwillig nach China zu gehen und seine 2 Tage abzusitzen. Der Kaiser als Feldmarschall.
Der Kaiser hat Blättermeldungen zufolge zum ersten Mal bei einem Manöver einen Marschallstab getragen. In den Potsdamer Läden lagen Photographien aus, die den Kaiser darstellen, neben ihm auf einem Kissen die
Reichsinsignien und dazu auch den Marschall⸗ stab. Die Kaiserkrone fehlt unter den Reichs⸗
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