Ausgabe 
22.7.1900
 
Einzelbild herunterladen

Seite 6.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Anterhaltungsteil.

In Fesseln. Novelle von Elise Schweichel.

Während er noch aus war, kam von Suschen ein Brief an Julius an. Er war aus Leipzig datiert und lautete:

Mein geliebtes Huschköpschen!

Wenn Du diese Zeilen erhältst, weißt Du schon alles. Ich hoffe, Du wirst Dich nicht zu sehr betrüben, denn im Grunde war ich doch eine Last, und ich, siehst Du, ich konnte das schrecklich mühselige und langweilige Leben nicht ertragen, ich konnte nicht, es zwickte mich an allen Gliedern, ich mußte fort. Es thut mir furchtbar leid um Dich und den Wurm, aber Johanna wird für Euch sorgen und besser, als ich es kann. Forsche nicht nach mir. Ich gehe wieder zum Theater, und wenn ich sehr viel Geld haben werde und ich werde haben, paß' nur auf dann laß ich Euch kommen und das soll dann ein anderes Leben werden, als wir es jetzt geführt. Eifersüchtig brauchst Du nicht zu sein. Die Begleitung, in der ich gehe, ist mir ganz schnuppe; die benutze ich nur, um fort⸗ zukommen, nachher schaffe ich sie mir vom Halse.

Nun sei nicht traurig, mein geliebtes Hinke⸗ beinchen. Ich werde immer an Dich denken, wie Du an Deinem Schreibtisch sitzest und spintisierst. Ach, ich hatte mir das nicht so schwer gedacht! Küsse Baby vieltausendmal und vergiß(aber nicht ganz)

Deine dumme, nichtsnutzige, kleine Frau

Susette Storbeck.

Julius gebärdete sich wie ein Rasender. Er raufte sich das Haar und schlug sich mit den Fäusten vor den Kopf, vor die Brust; bald stieß er die heftigsten Schmähungen gegen die Treulose aus, bald rief er sie mit den zärtlichsten Namen. Endlich warf er sich mit den Armen über den Tisch, legte den Kopf darauf und weinte wie ein Kind.

Als Johanna ihn in diesem Stadium sah, hielt sie es fürs beste, ihn allein zu lassen. Trost zuzusprechen wäre hier eine Undelikatesse gewesen und hätte nur Gift statt Balsam in seine Wunde geträufelt. Er mußte mit sich allein fertig werden. Sie ging daher hinaus; dann aber überkam sie die Angst, daß er sich ein Leid anthun lönnte. Ach, sie hatte ja schon einen ihrer Lieben diesen fürchterlichen Ausgang nehmen schen, und das Bild des seinem nassen Grabe entrissenen Vaters stand wieder in seiner ganzen unauslöschlichen Gräßlichkeit vor ihrer Seele.

Sie lauschte wiederholt an Julius Thür. Als drinnen fortdauernd alles still blieb, konnte sie sich nicht länger überwinden und trat ein.

Welche Ueberraschung!

Julius lag auf dem Sopha und rauchte.

Nun, Gott sei Dank! So wird auch der Schmerz verrauchen, dachte sie; unwillkürlich fiel ihr Frau Bartels Bild von dem Lindenbaum und der Palme ein.

Sie trat zu ihm, schaute ihm mit ihren ernsten, treuen Augen tief in die seinigen und drückte ihm fest und schweigend die Hand. Zum ersten Mal im Leben verstand Julius seine Schwester, auch ohne daß sie etwas sagte. Er erwiderte Händedruck und Blick.

1 Beruhigt entfernte sich Johanna wieder. Das Kind wollte sie Julius nicht eher vor die Augen bringen, als bis er selbst darnach verlangen würde. Vor allen Dingen aber galt es, ihm jenes materielle Behagen zu bereiten, auf welches er so großen Wert legte und welches er in seiner kurzen Ehe gänzlich hatte entbehren müssen.

IV.

Durch Herrn Bartels Ermittelung hatte man erfahren, daß eine junge Dame, die der Beschreibung nach keine andere als Julius Frau gewesen sein konnte, nach dem Theater in Be⸗ gleitung eines Herrn, der wie ein Kommis Voyageur ausgeseher, in ein bekanntes Restaurant gekommen wäre und sich Feder und Papier hätte

10

geben lassen, um einen Brief zu schreiben. Der Herr wäre in höchster Ungeduld gewesen und hätte seine Begleiterin fortwährend zur Elle ge⸗ mahnt, worüber diese sehr ungehalten gewesen wäre, sodaß es einen kleinen Streit zwischen ihnen gegeben hätte. Wohin sich das Paar beim Verlassen des Lokals gewendet, wußte nie⸗ mand anzugeben.

Julius verzichtete auf alle weiteren Schritte, den davongeflogenen Vogel wieder einzufangen. Er war in seiner Eitelkeit zu tief verletzt, um von den ihm gesetzlich zustehenden Mitteln Ge⸗ brauch zu machen. Ihm war vor allen Dingen darum zu thun, die Geschichte nicht öffentlich werden zu lassen, und so wurde auch keine An⸗ zeige bei der Polizei gemacht. Seine Frau galt im Hause für verreist, für ihn selbst schien sie nicht mehr zu existieren. Da er aber auch mit keiner Silbe des Kindes gedachte, so hielt Jo⸗ hanna es für ihre Pflicht, ihn daran zu erinnern und brachte es eines Tages in sein Zimmer, welches nun wieder still und sauber und sein unbestrittenes Terrain war.

Im ersten Augenblick zuckte er zusammen, und es prägte sich in seinen Mienen ein tiefer Unmut aus; dann aber sah er sein Töchterchen lange wehmütig an und sagte:Vielleicht war es für Dich ein Glück, armes Kind! Du hast es jetzt besser!

Die ihm von Suschen für dasselbe auf⸗ getragenen Küsse richtete er aber nicht aus, und es schien ihn zu erleichtern, als die Schwester sich mit dem Kinde wieder entfernte.

Johaana war es, als sei es jetzt ihr Eigen⸗ tum geworden, und drückte es mit mütterlicher Zärtuͤchkeit ans Herz Wie gut war es jetzt, daß sie in dem einzigen Brief, welchen sie Anton auf dessen Bitte nach Newyork geschrieben, nichts von Julius Heirat erwähnt hatte, weil, hätte sie es gethan, es so viel geheißen als: Komm zurück, ich bin frei! Was wäre nun geworden, wenn sie, weniger zartfühlend und entsagend, ihn von den veränderten Verhältnissen benachrichtigt hätte? Er wäre vielleicht nicht ohne Bedauern gekommen, um sie mit Bruder und Kind belastet zu finden und weniger denn je imstande, den Wünschen des eigenen Herzens Gehör zu geben.

Die vermehrten Pflichten rüttelten Johanna wieder zu voller Thatkraft auf. Sie nahm nicht nur alle Arbeit an, auch die geringer bezahlte, sie bemühte sich auch wieder um eine Stellung an einer Schule, die sich bald, und zwar unter günstigeren Bedingungen als die frühere, fand. In den Stunden ihrer Abwesenheit von Hause sorgte Frau Bartels für das Kind und später auch für Julius, als dessen Kränklichkeit gegen den Herbst zuzunehmen begann. Wenn er die jüngsten Ereignisse völlig vergessen zu haben schien, so hatten sie seinem schwächlichen Körper doch einen gewalligen Stoß gegeben. Zudem bohrte der Stachel verwundeter Eitelkeit fort und fort in ihm und untergrub den Rest von geistiger Widerstandsfähigkeit gegen den physischen Verfall. Gegen den Ausgang des Herbstes wurde Julius bettlägerig, und als der erste Schnee fiel, breitete er seine weiße Decke über einen frischen Grabhügel, unter dem ein armes, verkümmertes Menschendasein zur Ruhe ge⸗ gangen war.

Johannas liebesvolles, selbstloses Herz be⸗ trauerte den Verblichenen ebenso tief, als ob er ihre Stütze und nicht umgekehrt, sie die seinige gewesen wäre. Die Sorge um ihn war ihr zur zweiten Natur geworden, und je mehr er ihr dieselbe erschwert, je weniger er ihr Dank und Anerkennung gezollt hatte, um so mehr hatte sie ihn geliebt, wie eine leibliche Mutter ihr mit geistigen und leiblichen Gebrechen behaftetes Kind.

Und es schneite fort und fort. Seit jenem denkwürdigen Winter von 1813, wo die Natur den bei Leipzig Gefallenen ein so großartiges Leichentuch gewoben, hatte man nicht mehr solchen Schnee gesehen. Tag aus, Tag ein war es, als ob unendliche Spitzenschleier vom Himmel zur

Erde niedergezogen würden. Jeder Laut klang gedämpft, wie in einem von Teppichen und

Polstern überfüllten Gemach. Selbst der Sütm. des Weihnachtsmarktes erstarb in einem dumpfen

Gebrause. f

Herrn Bartels machte die Abfuhr der täglich, sich erneuernden Berge von Schnee in seinem Hofe viel Last und Kosten, aber dennoch war er lange nicht bei so guter Laune gewesen. Die Anwesenheit Johannas und des Kindes, die seit Julius Tod ganz bei ihnen wohnten, erheiterte und verjüngte beide Gatten. Sie sahen sich plötzlich von einer Familie umgeben, über die sie die ganze Summe ihres aufgespeicherten Ge⸗ fühls ausschütten konnten, und Herr Bartels war, wie wir wissen, ein großer Kinderfreund. So war denn auch das Unerhörte geschehen, daß er, der sich sonst nicht von seinem Besitztum rührte, selbst zur Stadt gegangen war, um zur heutigen Christbescheerung allerhand einzukaufen. Mit Päcken und Päckchen beladen, einen Buben mit einem Tannenbaum hinter sich, war er in der Dunkelstunde heimgekehrt. Jetzt saß er vor dem lichte Glut ausstrahlenden Kamin, den er sich nach amerikanischem Muster in seiner Wohnstube hatte bauen lassen, behaglich in seinem Lehnstuhl. und schaukelte das Kind auf seinen Knieen, wäh⸗ rend die beiden Frauen die Tanne beputzten, welche in der gut durchwärmten Stube aromati⸗ schen Harzgeruch ausströmte, zu dem sich der Duft frischen Gepäcks aus der Küche gesellte.

Johannas Haare waren nun wieder so weit gewachsen, daß sie sie aufgesteckt tragen konnte. Nur hier und dort drängte sich ein unbändiges Löckchen hervor und umspielte die Schläfen oder den runden Hals, dessen Weiße die schwarze Trauerrüsche noch mehr hervorhob. Sanfte Wehmut lag in ihren stillen Zügen.

Das lustige Krähen des Kindes wurde jetzt. von der Glocke der zur Wohnung führenden Thür übertönt. Johanna wollte gehen, um zu öffnen, denn die rüstige Frau Bartels hielt sich

keine Magd. Jene aber legte ihr die Hand auf

den Arm und sagte:

Bleib nur, Hannchen, ich sehe gleich nach, meinen Stollen im Ofen; sie müssen jetzt beinahe fertig gebacken sein.(Schluß folgt.)

Ehe und Erziehung in der Zukunft. Ueber dieses interessante Thema sprach Dr.

Oppenheimer im Berliner Verein der Frauen und

Mädchen der Arbeiterklasse.

Ein Blick in die Zukunft bietet nur dann einige Aussicht auf Erfolg, wenn man die Ent⸗ wickelung der Menschen aus ihren Uranfängen betrachtet und hierauf seine Schlüsse baut. Dann erscheint uns die Gegenwart als Bindeglied zwischen den abgelebten Formen der Vergangenheit und

den höheren Gestaltungen, nach denen die Sehn⸗ sucht des Volkes sich wendet. Aber unsere heutige

Kultur bietet nicht die volle Gewähr für die Erfüllung dieser Sehnsucht, denn ihr Unterbau, die gegenwärtige Wirtschaftsform, ist in einer Umwandlung begriffen, welche das stolze Gebäude zu stürzen droht. Erdbeben wie die große französische Revolution oder die allgemeine Er⸗ hebung des Jahres 1848 schwingen im Geist der Zeit noch lange nach und unterwühlen den Boden, in den man sie als tot eingescharrt hat. Jeder kräftige Versuch, Ueberlebtes fortzusetzen, erweitert die Risse und Spalten, welche den Einsturz des stolzen Gebäudes ankündigen.

Am unberührtesten scheinen an dem gewaltigen Bau die Säulen von Sitte und Moral in ihrer altbewährten überlieferten Gestalt. Der Schlußstein aber, der das Ganze zusmmenfaßt, gerät ins Wanken; die Begriffe von Ehe und Kindererziehung genügen nicht mehr der ge⸗ läuterten Anschauung. Man rüttelt im Zorn. an den alten, rostigen Fesseln; nicht die Schlech⸗ testen sind es, welche den veralteten Geboten den Gehorsam kündigen. g

Die Ehe von heute stammt aus der Zeit

des neu geschaffenen Privateigentums. Die Einzelfamilie wollte ihr Gut behalten und wahren, dazu bedurfte es eines zweifellos legi- timen Erben. Deshalb mußte auch dessen Mutter im alleinigen Besitz eines Mannes sein. Und deshalb galt ihr Ehebruch als todes würdiges Verbrechen, während der Mann so viele Frauen

Nun gebrauch weben Un und til sihen, 0 halts wa be Ve Mit ause se die J in ungen dle n Vitlung eubbehtli ue wit Muann, nochte, feines G Nlchten it die! Mitarbe Weniger loch me schen M bietet da Kunst Sinne Luxus auch i ruhige Heziac W

überha Nit Denn kommen Liebe Aber d 1 iltsch In

chtenw

0 viele

nicht de 15

icht

de al 5

fsiehu

un

die En, Shile unter! lunge arm 100 0 sehune ug fal