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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 30.
Blindheit des Urteilens, die sich selbst in auf⸗ geklärten Kreisen breit macht. Diese Verbindung von primit ivster Indianermoral mit dem Brust⸗ ton von kultureller Ueberlegenheit, diese Stimmung wilder Blutrache im Namen der Aus⸗ breitung christlicher Zivilisation— das ist wirklich die tiefste Erniedrigung Deutschlands seit den Tagen von Jena und Austerlitz. Daß man z. B. einem großen deutschen Publilum Auslassungen zu bieten wagt, wie sie das„Berliner Tageblatt“ von sich gegeben hat— das ist allein schon ein vernichtendes Zeugnis für das Niveau unserer öffentlichen Meinung. „Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt“— so heißt es da wirklich und buchstäblich, und mit dem„frommen Nach⸗ bar“ ist der Deutsche gemeint, der im tiefsten Frieden gegen alles Völkerrecht den Chinesen ein Stück Land weggenommen hat. Der Ruf nach glänzender Genugthuung für dieses Verbrechen wider alles Völkerrecht wird ausgestoßen mit Bezug auf die Ermordung unseres Gesandten— und kein Wort wird darüber verloren, daß wir die Mörder dieses Gesandten sind, indem wir zuerst die Chinesen außerhalb alles Völkerrechts stellten, ein friedliches Volk zum Aeußersten brachten durch Gewaltthätigkeiten, die kein De utscher so lange auf sich hätte sitzen lassen, und damit eben unsere diplomatischen Vitreter denselben wilden In⸗ stinkten preis gaben, die unsere Politik offiziell sanktioniert hatte. Man wende sich also mit dem Rufe der Genugthuung an den Minister, der damals für diese Dinge verantwortlich war, und an das Parla⸗ ment, das sie gebilligt, und an das Volk, das solche Volksvertreter zu Sprechern seiner Gesamtkult ur ge⸗ Wählt hat 5
„So wahr das alles ist, so wenig Eindruck wird es auf diejenigen machen, die sich immer so benehmen, wie es ihrer Ansicht nach oben gern gesehen wird.
Verbrecher als„Schutztruppe“.
Anläßlich der chinesischen Wirren ist die
Frage der Errichtung einer besonderen„Schutz⸗ truppe“ für unsere Kolonien lebhaft diskutiert worden. Für Schaffung einer solchen tritt auch das Hauptorgan der württembergischen National⸗ liberalen, der„Schwäb. Merkur“, ein. Wie sich dieser Weltmacht⸗Patriot eine solche„Schutz⸗ truppe“, die der deutschen Kultur, Gesittung und unter Umständen der christlichen Religion bei den„Wilden“ und„Heiden“ Eingang verschaffen soll, vorstellt, giebt er in folgenden, für seinen Geisteszustand höchst bezeichnenden Sätzen zu erkennen: „Der Abschaum unserer Bevölkerung ist immer noch gut genug, vor Chinesen oder Negern zu fallen, das Blut unserer Soldaten aber erscheint als zu heilig für solche Zwecke! Bilden wir starke Kolonial⸗ truppen aus der Hefe des Volkes, begnadigen wir geeignete Männer aus unseren Gefängnissen zum Dienst in dieser Truppe, öffnen wir verwegenen Ab enteurern den Eingang in sie, verwenden wir Offiziere, die in deutschen Garnisonen als nicht ganz fair erscheinen, zur Führung der Kolonialtruppe. Gewähren wir dieser Truppe, ent⸗ sprechend der hohen Gefahr ihres Dienstes, sehr hohen Sold, sorgenfreie Invalidität auf Kosten der Steuerkraft des betreffenden Landes, stellen wir sie unter dra⸗ konische militärische Disziplin und sehr ver⸗ schärfte Kriegsartikel, aber möglichste per⸗ sönliche Freiheit außer Dienst, öffnen wir der Tapferkeit und Klugheit den Eintritt in den Offiziers⸗ rang, decken wir vor allem über die europäische Vergangenheit jedes Einzelnen den dicksten Schleier, lassen wir ihn drüben ein neues Leben be⸗ ginnen, ein Leben, das nicht der Arbeit, nur dem Kampfe, nur dem Landslͤnechtstum gewidmet ist, und wir werden in kurzem in allen unseren Gebieten über eine Kolonialtruppe verfügen, die jeden Versuch einer Empörung so blutig erstickt, wie dies orientalischen Völkern gegenüber bedingungslos nötig ist. Die Pension allein aber bürgt schon für die stete An⸗ hänglichkeit und Treue an und für das Vaterland. Eine solche Kolonialtruppe wird un⸗ erläßlich sein zum Schutze unserer Weltmacht⸗ stellung, zum Schutze unserer heimischen Arbeit und Industrie. Die Gefahren des Klimas dürfen für eine Kolonialtruppe bei weiser Fernhaltung des Alkohols nicht überschätzt werden, denn der Mann soll drüben gar nicht arbeiten, für das ist er der Kriegsknecht, den Eingeborenen gegenüber der große Herr. Sein Dienst ist allein der Waffe geweiht. In die Kolonie gehört der Kaufmann, zu dessen Schutz der Fremdenlegionär, der Landsknecht, der unruhige Abenteurer“
Solche Ansichten finden sich in einem Blatte, das auf Bildung Anspruch macht! Eine Bande von Räubern, Mördern, Spitz⸗ buben und Zuhältern als Schutztruppe unter Führern vom Schlage der Leist, Wehlan, Peters und Konsorten ist also das Ideal dieses und sicher auch noch vieler anderer„Patrioten“.
Unfreiwillige Freiwillige für das Korps der Rache.
Für den Chinazug sollen sich nach den bürger⸗ lichen Blättern viel mehr Freiwillige melden,
als man brauchen kann. Wie es aber in vielen Fällen mit der„Freiwilligkeit“ aussehen mag, läßt eine Zuschrift erkennen, welche der„Münch. Post“ zuging. Da heißt es:
„Auch beim 1. Schweren Reiterregiment wurde die Werbetrommel gerührt für den Ch na⸗ krieg. Aber die flotten Jungens vom Reiter⸗ regiment sahen nicht ein, warum sie sich mit den Boxern herumschlagen und für eine höchst an⸗ rüchige und zudem verlorene Sache bluten sollen. „Nach China sollen nur die Preußen gehen, die haben mit China ang' fangt“, so und ähnlich redeten die Schweren Reiter unter sich, und das Resultat davon war, daß kein einziger Mann sich als Freiwilliger meldete. Das schien an hoher Stelle nicht gefallen zu haben, denn man schritt zur Auslosung der sogenannten Freiwilligen. Acht Mann wurden auf diese Art„gepreßt“, ohne daß ein einziger davon auch nur die mindeste Lust verspürte, wirklich nach China zu gehen, haben sie doch hier schon genug auszuhalten.“
Vom bayerischen Kriegsministerium, das sonst immer schnell mit Berichtigungen bei der Hand ist, wurde diese Nachricht bisher nicht bestritten.— Einen ähnlichen Fall berichtet unser Augs⸗ burger Parteiblatt:
„Ein Soldat des 3. Infanterieregiments, der in den nächsten Tagen mit anderen nach China verfrachtet werden soll, hat jetzt vollauf zu thun, von seinen Angehörigen, Freunden und Bekannten Abschied zu nehmen, konnte dabei jedoch nicht die Gefühlsäußerung unterdrücken, daß er nur sehr ungern nach China gehe. Auf den Einwurf, daß er sich dann nicht hätte melden sollen, erwiderte er, er habe sich gar nicht freiwillig gemeldet, er sei gar nicht befragt worden.“
Wir sind begierig, wie die Regierung ein solches Verfahren vor dem Lande verantworten will.— Auf eigentümliche Art wurden auch in Tübingen Freiwillige„geworben“. Dort wurde das Regiment nachts alarmiert und die Soldaten, noch halb im Schlafe, befragt, wer von ihnen sich„freiwillig“ nach China melden wolle. Dabei sollen sich Leute gemeldet haben, die im Augenblick gar nicht wußten, um was es sich eigentlich handelte.— Ein„gelinder Zwang“ wurde auch in Wilhelmshaven den Ein⸗ und Vierjährig⸗ Freiwilligen des Maschinen⸗ personals gegenüber ausgeübt. Von den ca. 70 Einjährigen meldeten sich alle bis auf 17. Die 17 Unlustigen mußten am andern Tage vor dem Kapitänleutnant v. Oriola antreten, der sie ob ihres Mangels an Vaterlandsliebe und Mut in der sattsam bekannten Weise heruntermachte. Erfolg war, daß auch die renitenten 17 sich nun „freiwillig“ nach China meldeten und kapitulierten. Sie bekamen eben noch soviel Zeit, um diesen heroischen„eigenen Entschluß“ ihren Eltern zu melden
Sind die gemeldeten Fälle richtig, so dürfte das verfassungswidrige Vorgehen der Militär⸗ verwaltung im Lan de nicht geringe Aufregung hervorrufen. Den Eltern der jungen Leute wird es nicht gleichgültig sein, ob ihre Söhne ihrer Militärpflicht hier in Deutschland genügen oder in China dem beinahe sicheren Tode entgegen⸗ geführt werden.
Wirtschaftliche Folgen des Chinakrieges.
Welche unheilvollen Wirkungen der Kriegs⸗ zustand in China und Südafrika auf unsere Industrie ausübt, dafür brachten wir schon in der vorigen Nummer einige Beispiele. Jetzt wird der Frkftr. Ztg. aus Iserlohn gemeldet, daß die Schädigung der dortigen Nadelindustrie durch die chinesischen Wirren einen derartigen Umfang an⸗ genommen hat, daß mehrere Fabriken ihren Betrieb einstellen und die anderen nur noch einige Stunden am Tage arbeiten lassen. Man befürchtet eine dauernde Schädigung der gesamten Iserlohner Industrie. Auch benachbarte Gebiete, wie Dort⸗
munder und Essener Firmen, leiden empfindlich unter dem chinesischen Aufstand.
Geschichtslügen. Vom„Gießener Anzeiger“ wurde vorige
Woche an den Jahrestag der Kriegserklärung von 1870(13. Juli) erinnert und dabei der
Emser Vorfall zwischen Wilhelm I. und dem französischen Gesandten Grafen Benedetti in der bekannten Weise erzählt, nämlich, daß letzterer
eiren ausdrücklichen schriftlichen Verzicht für alle
Mitglieder des preußischen Königshauses auf den spanischen Königsthron, der damals einem Prinzen von Hohenzollern angeboten war, vom König verlangt habe. Hierauf hätte ihm Wilhelm I. durch den Flügeladjutanten sagen lassen, daß er ihm in der Angelegenheit der spanischen Thron⸗ kandidatur nichts mehr zu sagen habe. Diese Mitteilung habe Frankreich den erwünschten An⸗ laß zur Kriegserklärung gegeben. Diese Erzählung ist ein Märchen und wird dadurch nicht wahrer, daß sie immer von neuem wiederholt wird. Thatsache ist, daß Bis marck die Depesche an die Vertreter Preußens bei den Regierun zen über jene Emser Verhandlungen fäl schte, daß er nach seinem eigenen späteren Eingeständnis aus der„Chamade eine Fanfare“ machte— wie Moltke sich ausdrückte—, wodurch die französische Regierung zum Kriege moralisch ge⸗ zwungen wurde. Bismarck war der allein Schuldige an diesem mörderischen Kriege, der, wie alle, dem Volke nicht den geringsten Vorteil gebracht hat.
Wer bezahlt die Warenhaussteuer?
Zur Beantwortung dieser Frage brachten wir schon in der vorletzten Nummer einen Beitrag, indem wir auf das Rundschreiben eines Dresdener Warenhauses hinwiesen, das von seinem Liefe⸗ ranten bei allen Bezügen 2½ pCt. Vergütung für die Umsatzsteuer verlangte. Eine ähnliche Forderung stellt die Firma Tietz in Köln, die in einer ganzen Reihe Städte große Warenhäuser besitzt, an ihre Lieferanten. Sie schreibt letzteren:
„Sie belieben gefl. Kenntnis zu nehmen und mir dies durch Rückgabe des beigefügten Koupons durch Ihre Unterschrift versehen zu bestätigen, daß Sie mir vom 1. Oktober 1901 ab für meine sämtlichen Geschäfte bei franko Lieferung und franko Emballage zwei Prozent Warenskonto(die von Ihnen an der Endsumme der Faktura zu kürzen sind) und zwei Prozent Kassaskonto (die von mir bei der Regulierung in Abzug gebracht werden) anerkennen. Offerten werden schon von heute ab nur zu vorstehenden Konditionen entgegen- genommen.“
Die Firma Tietz denkt also gar nicht daran, infolge der Warenhaussteuer zu gunsten des „Mittelstandes“ ihren Betrieb einzustellen, sie vergrößert ihn vielmehr und wälzt die durch die neue Besteuerung ihr anwachsende Ueberausgabe auf ihre Lieferanten ab. Ihrem Beispiel werden die anderen großen Warenhausfirmen folgen. Diese Lieferanten, unter denen sich ebenso große Fabriken wie kleine Gewerbetreibende befinden, werden sich wohl oder übel dem Verlangen ihres Abnehmers, des Warenhauses, fügen müssen. Sie werden aber natürlich ebenfalls auf Mittel und Wege sinnen, um den ihnen bevorstehenden Verlust wieder einzubringen. Zwei Wege stehen ihnen dazu offen. Sie werden die Preise ihrer Erzeugnisse, soweit dieselben nicht an Warenhäuser geliefert werden, zu erhöhen suchen und den Arbeitern niedrigere Löhne zahlen. Aussicht auf Erfolg bei diesem Vor⸗ gehen haben freilich nur die großen Fabriken, die ein wirtschaftlicher Machtfaktor sind. Der kleine Handwerksmeister, der mit wenigen Ge⸗ sellen arbeitet, darf einen solchen Schritt nicht wagen. Auf ihn, dem durch das Warenhaus steuergesetz geholfen werden sollte, fällt also dessen Last, daneben auf den Arbeiter und das kaufende Publikum, soweit es seine Einkäufe nicht in Warenhäusern besorgt. Denn diese werden sich hüten, die Preise ihrer Waren direkt zu erhöhen.
Vorteil von dem Gesetz hat nur der Steuer⸗ fiskus, Herr Miquel und die übrigen Finanz⸗ minister, denen es ziemlich gleichgültig sein dürfte, aus wessen Taschen die Warenhaussteuer fließt. Die wirklich von dem Gesetz Betroffenen, die wirklich Geschädigten, als da sind der kleine Handwerker, der Arbeiter, das kaufende Publikum mögen sich bei dem reaktionären preußischen Landtage und den Schürern der„Mittelstands⸗ bewegung“, den Innungsfexen, bedanken, die wieder einmal etwas Schönes zusammengebraut und genau das Gegenteil von dem erreicht haben, was sie erreichen wollten.
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