Ausgabe 
22.4.1900
 
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Seite 6. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. Nr. 17. 4 eitlem Mammon gelüstet! Er schwor zwar, daß, wann hatten wir solchen Schatz im Hause? 1 5 1 teil wenn Sie ihm nicht den größten Teil Ihres Siehe, die Vorsehung wacht über uns und unsre n A A UngsVermögens vermachen würden, er Ihr Testament Kinder. Wir sind für den Winter geborgen. 8 umstoßen wolle; und namentlich bedrohte er mich[Alle Not hat ein Ende. Warum weinst Du 8 5 mit einem Prozeß von zwanzig Jahren und hieß denn?

Der Minister.

Alles um des Volkes willen! Seht, ich lache selbst im Stillen Dieser Bibeln und Postillen Und daß man so gläubig ist: Ich, für mich, bin Atheist!! Doch das Volk, das Volk muß glauben! Glauben heißt der Talisman, Dem die Erde unterthan. Wir die Adler, sie die Tauben! Und das Volk, das Volk wuß glauben, Glauben oder doch so thun.

Täglich in die Kirche laufen, Himmlische Traktätchen kaufen Und mit Jordanwasser taufen, Samt dem christlichen Verein Nun, für mich sind's Faselein. Doch das Volk, das Volk muß beten! Denkt, o denkt nur den Skandal, Wenn die Bürger auch einmal Gottlos, wie der Adel thäten! Nein, das Volk, das Volk muß beten, Beten oder doch so thun.

Ja, wenn ich es recht ermesse, Kann vielleicht sogar die Presse Für Beamte und Noblesse Schon ein wenig freier sein. Aber für die Andern? Nein! Nein fürwahr, das Volk muß schweigen, Wer gehorchen will, sei stumm; Schweigend wird das Publikum Stets sich am loyalsten zeigen. Drum, das Volk, das Volk muß schweigen,

2 0 N. Schweigen oder doch so thun. Prutz.

Das blaue Wunder. Novelle von H. Zschokke. (Fortsetzung)

Die letzten Worte der Jungfer Sarah er⸗ schreckten den hoffnungsvollen Herrn Zange ebenso sehr, als ihn die ersten entzückten. Er deutete zwar von ferne auf ihr seliges Ende hin, sehr behutsam, sehr zart, aber vergebens. Sie ver⸗ sicherte ganz unbehutsam und unzart, daß sie noch Luft habe, einige Dutzend Jährchen in diesem irdischen Jammerthal ihr Kreuz zu tragen. Von Testamentmachen dürfte gar keine Rede sein. Der Advokat, untröstlich und verzweiflungsvoll, lief endlich davon.

Bald nach ihm kam der Oberprediger Wald⸗ horn, von Schweiß triefend, atemlos. Die Tante, vor Aerger in einem wahren Fieber, hatte sich zu Bett begeben. Als sie den Pastor sah, wandte sie das Gesicht weg und mochte, eingedenk seiner Leichenrede, nicht einmal seinen Gruß erwidern. Der Geistliche wurde dadurch noch mehr über⸗ zeugt, daß die Tante den letzten Zügen nahe sei, und fing ohne weitere Umstände ein kräftiges Gebet an, das endlich ganz unvermerkt in die Nutzanwendung überging: Mensch, bestelle dein Haus, denn du mußt sterben! Unter Haus⸗ bestellung verstand er aber ein Testament.

Es ist noch nicht so weit! schrie ihn Sarah mit jener hellgellenden Stimme an, die der Fa⸗ milie Waldhorn erb und eigen ist.

Aber der Herr Zange hat mir's doch erst versichert, als er mir bei der Heiligen⸗Geistkirche begegnete! erwiderte der Pastor mit Entsetzen, denn solchen gesunden Waldhornklang von einer Kranken hatte er gar nicht mehr erwartet.

Was, versichert? rief Sarah unwillig.

Wie ich sage, versetzte der Prediger.Hat er Sie denn nicht mit dem Testament bedroht?

Er? Mich bedroht?

Nun, Tante, lassen Sie sich auch von diesem Weltkinde gar nicht erschrecken, dem nur nach

* Atheist= Gottesleugner, der das Dasein eines Gottes nicht anerkennt.

** Gegenstand, der seinen Besitzer gegen Böses schützen soll.

mich einen Erbschleicher. Aber der Herr wolle ihm die Sünde nicht behalten; er weiß nicht, was er redet! Aber umstoßen will er Ihr

Testament. Umstoßen? Der? Allerdings! Ich machte ihm zwar Vor⸗

stellungen in christlicher Liebe. Allein er sagte: Er betrachte Ihr Hab' und Gut schon als sein Eigentum, das er durch die Prozesse redlich ge⸗ wonnen, die er zu Ihrem Besten geführt habe. Ohne seinen Beistand hätten Sie, trotz alles Wuchers, heute keinen Gulden mehr und säßen im Armenhause! sagte er mir. Ich schlug an mein Herz und seufzte zum Himmel: Der Men⸗ schen Dichten und Trachten ist sündlich von Jugend auf!

Und Ihre Leichenpredigt dazu, Vetter! schrie die Tante erbost, und gab ihm das Zeichen, sie zu verlassen.

Kaum war er fort, so meldete sich der Pro⸗ fessor der Philosophie. Nach den ersten philo⸗ sophischen Leidbezeichungen sprach er von Seelen⸗ größe; dann von einem Krankensüppchen, das er in seiner Küche nach einem ganz neuen Rezept für sie bereiten lasse, und damit wollte er den Uebergang auf seine Liebe machen, die er ihr thätiger als irgend einer bis zum Tode bewiesen habe. Allein die Tante, welche vor Gift und Galle kaum reden konnte, unterbrach ihn kreischend:Herr Vetter, sparen Sie Ihre Krankensuppe nur zum Leichenschmause nach meinem Tode auf! Er wollte sein Erstaunen bezeigen(wiewohl ihm doch das rote Gesicht vor Scham und Wut noch röter ward, daß man seinen Scherz verraten hatte). Doch alles um⸗ sonst. Sarah wies ihm endlich ziemlich unphilo⸗ sophisch die Thür.

7. Abermals ein blaues Wunder.

So hatten es alle vier Fakultäten mit der Jungfrau in Grund und Boden verdorben. Die Neffen waren in Verzweiflung, mit Ausnahme des Doktors Falk. Er lachte dazu. Sein Sus⸗ chen aber keineswegs. Suschen machte ihrem Manne noch am andern Tage viele Vorwürfe, wiewohl sie anfangs über seinen unbesonnenen Einfall selbst hatte lachen müssen. Er nahm sie in den Arm und küßte ihr den Mund zu und sagte:Du hast recht! Ich hätte der tugend⸗ samen Jungfrau nicht so Arges sagen sollen; aber wahrhaftig, ich wußte gestern nicht, wie mir der Kopf stand, als ich Dich verließ!

Ich würde nichts dagegen haben, liebes Männchen, wenn ich nicht überzeugt wäre, die Tante werde lebenslänglich unversöhnlich sein! Denn so etwas verzeiht keine Jungfrau. Und das ist schlimm für uns, zumal jetzt. Der Winter währt noch lange; ich heize den Ofen so schwach, daß den ganzen Tag die Fenster nicht auftauen, und doch geht unser Holzvorrat auf die Neige. Du weißt es ja selbst. Und in der Kasse haben wir sieh nur her! Sie klimperte ihm mit einigen Geldstücken im leeren Beutel dicht vor den Ohren.

Da ward an die Thür gepocht. Sarahs alte Magd trat herein, brachte einen versiegelten Zettel und die dringende Bitte der Tante, daß sich der Herr Doktor unfehlbar nach dem Essen mit dem Glockenschlag ein Uhr bei ihr einfinden möge. Sie liege im Bette, doch scheine sie sich etwas besser zu befinden als gestern.

Gut, ich komme! sagte Falk, nahm den Zettel und entließ die Magd. Er wog den Zettel in der Hand, schüttelte lächelnd den Kopf und sagte:Fühle doch, Suschen! Das ist ja schwer wie Blei. Er öffnete. In einer Spiel⸗ karte eingeklemmt blitzten ihm zehn neue, schön geränderte Dukaten entgegen. Er betrachtete die Adresse. Sie war an den Doktor Falk und an keinen anderen Menschen gerichtet. Solche un⸗ erhörte Freigebigkeit der Jungfrau Sarah erregte die gerechte Verwunderung des Ehepaars.Das ist das blaueste von allen blauen Wundern der Tante! rief Falk.Nun Herz, mein Herz, seit

Ach! schluchzte Suschen, und fiel ihrem Manne um den Hals,vor Freuden wein' ich! Aber, setzte sie leise hinzu,ich habe auch die ganze Nacht gebetet, oenn schlafen konnt' ich doch nicht viel.

Da schlug Falk beide Arme um die Geliebte und sagte nichts; aber er weinte heimlich, denn seiue Rührung zeigte er ihr nicht gern.

8. Das blaueste von allen.

Mit dem Glockenschlage ein Uhr stand er vor dem Bette der Tante. Er nahm mit innerer Bewegung, voller Dankbarkeit ihre Hand er hatte es Suschen gelobt, küßte diese wohl⸗ thätige Hand und sagte:Beste Tante, Ihr Ge⸗ schenk hat mich und Suschen sehr glücklich gemacht!

Lieber Vetter, sagte die Kranke holdselig, denn ein Kuß auf die Hand war ihr lange nicht widerfahren,ich bin schon seit Jahr und Tag Ihre Schuldnerin!

Und verzeihen Sie meine gestrige Unart! fuhr der Doktor fort.

Die Tante bedeckte sich schamhaft das Gesicht mit der Hand und Schnupftuch. Nach einer Weile sagte sie, ohne sie anzusehen:Vetter, ich, setze mein ganzes Vertraues in Sie mein Leben hängt von ihnen ab! Können Sie schweigen? Wollen Sie?

Falk versprach alles. Sie beruhigte sich damit noch nicht. Sie gelobte ihm ihr ganzes Vermögen, wenn er reinen Mund hielte. Er that den feierlichsten Schwur.

Ich weiß, Ihr beiden jungen Leute seid oft. in Not und Mangel. Ich will mich zu Euch in die Kost geben, denn meine alte Magd, die mir so lange treu gedient, hier fing sie laut an zu schluchzenmuß ich doch abschaffen. Solange Sie aber mein Geheimnis verschweigen, geb' ich Ihnen jährlich tausend Gulden Kostgeld und, sollt' ich einst sterben, mein ganzes Ver⸗ mögen!

Der Doktor fiel auf die Kniee und schwor.

Aber Sie müssen außer der Stadt wohnen, denn in der Stadt bleib' ich nicht. Ich trete Ihnen erb- und eigentümlich mein großes Haus vor dem Thor nebst Garten und Aeckern ab. Sie wissen, mein Haus neben dem großen Gast⸗ hofe zur Schlacht von Abukir, das ich vor einem halben Jahre von meiner Mutter Bruder, dem Accisedirektor, erbte.

Der Doktor schwor mit einer hochaufgestreckten Hand: er wolle, trotz Winterfrost und Schnee, folgenden Tages hinausziehen.

Ich will, solange Sie schweigen, Vetter, Ihnen mein Kostgeld halbjährlich vorausbezahlen: und für die ersten Einrichtungen für Sie und mich liegen im Wandschränkchen dort hinter der Thür vier Rollen mit neuen Thalern.

Der Doktor streckte beide Hände und alle zehn Finger in die Luft und schwor Verschwiegen⸗ heit bis ins Grab, dachte aber bei sich: die glaubt gewiß, der jüngfte Tag oder das tausend⸗ jährige Reich sei vor der Thür, daß sie sich so schnell bekehrt.

Nach allem diesem aber kam Sarah nie zum Bekennen des großen Geheimnisses. Und so oft sie versuchte anzufangen, erstarb ihr das Wort auf den Lippen, indem sie das Gesicht verbarg und schluchzte. Dies Anfangen und Abbrechen und Jammern währte ziemlich lange. Der Doktor stand auf, setzte sich vor das Bett, wischte mit dem Rockärmel seine Kniee, nahm eine Prise und dachte: wenn man einen Brunnen endlich trocken pumpen kann, werden die Thränendrüsen. einer beklommenen Jungfrau doch auch einmal versiegen.

9. Es wird immer blauer.

Er hatte recht. Als sie nicht mehr weinen konnte, hielt sie es für christliche Fassung des Gemüts, und sagte mit zitternder Stimme: Vetter, als Sie gestern mit dem entsetzlichen Ausdruck von mir weggingen.

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