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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
die Gedrückten zur richtigen Erkenntnis ihrer Lage gekommen sind, so mischen sich Lügen⸗ propheten unter sie, die sie von neuem irreführen.
Solche Lügenpropheten sind auch die Anti⸗ semitenführer. Sie lenken den kleineren Bauer und Bürger von dem ab, was ihm wirklich not thut, und hetzen sie einem kleinen Bruchteile der Bevölkerung auf den Hals. Sie benutzen dabei die Neigung der Menge, abenteuerlichen Ge⸗ schichten Glauben zu schenken. Das Schreckhafte, Geheimnisvolle hat einen besonderen Reiz, und und so sind alle geheimnisvollen Mordthaten für sie das dankbare Mittel, die Leidenschaften zu entflammen.
Die Knabenmorde in Kanten, in Galizien, in Konitz— wer anders kann sie begangen haben, als die Juden?„Deshalb steinigt sie!“ So lautet jetzt der Ruf der Antisemiten, und die Juden mögen Gott danken, daß Regierung, Polizei und Militär über sie wachen.
Aber sie haben noch eine andere Wache, die auf die Dauer wertvoller ist als Regierung, Polizei und Militär. Es ist der gesundende Geist großer Volksmassen, die durch die soziale Bewegung geschult genug sind, um die Lügen⸗ propheten von sich zu weisen.
Lessing sagt von diesen Führern: Sie reißen sich zum Pöbel, aber der Pöbel reißt sich von ihnen und will nichts von ihnen wissen. Aber immerhin ist die große Gefahr vorhauden, daß die antisemitischen Tollheiten durch das Blut⸗ märchen wieder fest Wurzel fassen, eben weil man noch nicht vermocht hat, den Schleier von geheimnisvollen Blutthaten, an Kindern begangen, zu lüften.
Da möchten wir doch einmal feststellen, daß zuerst nicht die Juden, sondern die Christen von den Heiden des Kindesmordes zu geheimnisvollen gottesdienstlichen Zwecken beschuldigt wurden. Die Christen haben sodann, als sie die Herrschaft erlangten, zunächst nicht die Juden dieses Verbrechens ge⸗ ziehen, sondern die als rechtgläubig geltenden Christen, welche die allgemeine(katholische) Kirche bildeten, schleuderten den Vorwurf gegen die als Irrgläubige ausgestoßene Sekte der Mon⸗ tanisten und andere Ketzer. Auch später wurde die Blutbeschuldigung gegen ketzerische christliche Gemeinschaften erhoben.
Nun haben Opferungen von Menschen, ins⸗ besondere von Kindern in heidnischen Religionen, besonders in Geheimgottesdiensten des Morgen⸗ landes(Syrien) eine große Rolle gespielt, sodann aber auch in abergläubischen Gebräuchen. Um einen Damm gegen das Meer, einen Bau zu befestigen, gruben Deutsche und Slaven einen Menschen lebendig in das Fundament ein. An die Stelle von Menschen traten später Tiere, insbesondere Pferde, Hennen. Selbst für die Gegenwart sind noch Beispiele nachzuweiseu, wo Sektengeist religiösen Wahnsinn und damit auch Menschenopferung verursacht.
Aber was haben damit Juden und Judentum zu thun?
Für uns giebt es keine Juden, Christen, Muhamedaner und Heiden. Für uns giebt es nur Arbeiter und Faulenzer, ehrliche und un⸗ ehrliche, selbstsüchtige und hilfsbereite Menschen. Die Juden sind Deutsche, wenn sie in ihrer Sprache, ihrem Geistesleben und in ihrer Arbeit deutsch sind, ob ihre Ahnen als Schacherer durch die Welt zogen, kommt für uns so wenig in Betracht als die Thatsache, daß die Ahnen vieler Alldeutscher Raubritter oder Leibeigene waren.
Die Judenverfolgungen sind eine Geburt des Kapitalismus, der Erwerbssucht. Im früheren Mittelalter ließ man die Juden in Ruhe. Sie durften sich nur den Geldgeschäften widmen, weil die Kirche jedem Christen jedes Geldgeschäft als fündhaft verbot. Von Gewerbe und Ackerbau waren sie ausgeschlossen. Jedes Zinsnehmen galt für sündig. Die eigentlichen systematischen Juden⸗ verfolgungen großen Stils begannen im 13. Jahr⸗ hundert. Da fing der Gelderwerb an eine Rolle zu spielen, die Städte traten in das Verkehrs⸗ wesen ein, es bildete sich der Handel in größerem Maßstabe in kapitalistischen Ansätzen aus. Die Kirche suchte vergeblich den Grundsätzen der frei⸗
willigen Armut, der Selbstentsagung, dem Ver⸗ zicht auf Gelderwerb die Geltung als Lebensideal zu bewahren. Jetzt erschienen die Juden als unbequeme Nebenbuhler, jetzt begannen die großen Judenschlachten und aus dieser Zeit stammt auch die erste Beschuldigung der Juden, daß sie Kinder mordeten zu rituellen Zwecken.
Karl Marx sagt einmal:„manchmal werde die Gesellschaft in den Zustand momentaner Barbarei versetzt“. Das Kovitzer Blutmärchen ist geeignet, manche Kreise in den Zustand solcher Barbarei zu versetzen.„Etwas muß dran sein“, sagt der Spießbürger und blickt schaudernd nach seinen Sprößlingen, ob sie noch nicht in die Hände blutdürstiger Juden gefallen,„etwas muß dran sein“, sagt beifällig der Antisemitenführer und reibt sich schmunzelnd die Hände, daß seine Herde, die ihm schon untreu zu werden drohte, sich wieder blökend um ihn sammelt.—— Die niedrigsten Leidenschaften werden wachge⸗ rufen, die wildesten Stürme sucht man zu ent⸗ fesseln, und in den meisten Fällen nur, um sich und sein kleines Antisemitenblättchen am elenden Leben zu erhalten. Sich selbst gesteht der Anti⸗ semitenführer, daß er die Welt belügt, daß das Blutmärchen von ihm aus der Vergessenheit her⸗ vorgeholt werden mußte, weil andere Mittel nicht mehr ziehen— thut nichts, der Jude wird verbrannt.
—— Der Krieg in Südafrika.
Von englischer Seite ist über die Niederlage von Meerkatzfontein, noch nichts gemeldet worden. In englischen Blättern wird die Hoff⸗ nung ausgesprochen, daß die von der Burenseite stammende Meldung übertrieben sei.— Die Meldung von dem Falle Mafekings, die wir in der letzten Nummer wiedergegeben haben, hat sich nicht bestätigt.— In Wepen er sind die Engländer unter General Brabant von den Buren eingeschlossen. Heftige Kämpfe mit beider⸗ seitigen Verlusten haben um diesen Ort stattge⸗ funden. Die Buren sollen hierbei 500 Ochsen, sowie Pferde und Maultiere erbeutet haben. Die englischen Verluste bei Wepener werden auf 18 Tode und 132 Verwundete angegeben. Unterdeß ist eine Burengesandtschaft nach Europa gekommen, die den Auftrag haben soll, eine Großmacht um freundschaftliche Vermittelung auf der Basis der Unabhängigkeit der beiden Republiken zu er⸗ suchen. Die Gesandtschaft hat sich nach Holland begeben.
Von Nah und Fern.
Arbeitsverhältnisse der Bergarbeiter.
In der letzten Zeit sind lebhaste Klagen über die Zustände in dem Gießener Braunstein⸗ Bergwerk laut geworden. Eine Anzahl Ar⸗ beiter wollte das Arbeitsverhältnis auf der Grube zu Ostern lösen und hatten regelmäßig gekündigt. Als die Betreffenden nun ihren rückständigen Lohn verlangten, wurde ihnen der⸗ selbe auf grund der Arbeitsordnung verweigert. Auch eine Abschlagszahlung wurde nicht gegeben. Für die Leute war dies um so empfindlicher, als in jeder Familie vor dem Osterfeste größere Ausgaben notwendig sind. Fast unverständlich ist es, daß die Arbeiter eine Arbeitsordnung unterschrieben, auf grund deren der sauer⸗ verdiente Arbeitslohn bei Lösung des Arbeits⸗ verhältnisses noch einbehalten werden kann. Viel⸗ fach unterschreiben sie aber, ohne vorher gelesen zu haben. Eine Aenderung dieser famosen Arbeitsordnung erscheint uns im Inter⸗ esse der Arbeiter dringend notwendig.
Liberales aus Offenbach!
-. 24„Offenbacher Männer“ lassen ein längeres Schreiben vom Stapel, in welchem sie den Beigeordneten Offenbachs, Herrn Wolff als den„schwarzen Mann“ gegen eine „geordnete, segensreiche“ Verwaltung der Stadt hinstellen. Es würde zuweit führen, in einem
Wochenblatt das ganze unerquickliche Verhältniß dorten darzustellen nur folgendes können wir kurz feststellen:
1) Herr Wolf wurde als der ungerate Sohn angesehen, als er es wagte gegen den nationalliberalen Schützling Koch vor⸗ zugehen. K. hat, wie vor Gericht nachgewiesen wurde, sich für eine beschleunigte Thätig⸗ keit in Ortsgerichtssachen, Geschenke nicht uner⸗ heblichen Wertes machen lassen und hatte Herr Wolff vollständig recht, ihn aus seiner Stellung zu entfernen.
2) Jahrelang wurde Herr W. in der der libe⸗ ralen Klique nahrstehenden Presse, wider besseres Wissen als Sozial⸗ demokrat denunziert. Noch in den letzten Tagen wird er in Beziehung zur sozialdemokra⸗ tischen Stadtverordnetenfraktion gebracht, alles nur um W. zu verdächtigen.
3) Gegen W. ist die gesellschaftliche Aechtung in einer Art und Weise betrieben worden, daß es schon ans diesem Grund be⸗ greiflich und verzeihlich wäre, wenn er in einigen Fällen, auch unserer Ansicht nach, zu nervös und schroff auftrat.
4) Auch gegen den hoch verdienten Di⸗ rector des Krankenhauses hat Herr W. nur korrect gehandelt, wie durch den Kreisaus⸗ schuß festgestellt wurde, auch hier hatte der „Klüngel“ aus einer Mücke einen Elefanten gemacht.
5) Wer in Offenbach unverträglich ist, der Oberbürgermeister oder der Beigeordnete, — darüber sind die Meinungen in Offenbach sehr geteilt; uns ist die„Comerzienrat⸗ partei“ nicht zuverlässig genug, um sie als kompetente Beurteiler ansehen zu können.
6) Es wiegt nicht schwer, daß die 24 Männer W. ein Mißtrauensvotum erteilen, die Offen⸗ bacher Bürgerschaft hat der liberalen Gesellschaft mit samt ihrem Ober⸗ bürgermeister bei den letzten Stadtverord⸗ netenwahlen ein so unzweiteutiges Mißtrauen ausgesprochen, daß uns der Aerger dieser Herrn und ihres Anhangs nicht wunderbar ist, alles begreifen heißt aber auch hier alles verzeihen.—
Dem ist noch hinzuzufügen, daß der Kreis⸗ ausschuß nunmehr entschieden hat, den Be⸗ schluß der Stadtverordneten⸗Versammlung vom 13. Oktober 1898 in welchem dem Beigeordneten Wolf ein Mißtrauensvotum ausgesprochen war, aufzuheben und die Kosten der Stadtkasse zur Last zu legen. Darnach wird also das Ver⸗ halten des Herrn Wolf vom Kreisausschusse als korrekt anerkannt.
Als charakteristisch wollen wir noch hervor⸗ heben, daß ein großer Teil der Amtsblätter (auch das Gießener) sich redlich bemüht hat, die Machinationen der Comerzienratspartei gegen W. zu unterstützen, umsomehr freut es uns, daß ein charakterfester Mann wie W. bei diesem Kesselereiben nicht unterlegen ist.
Berliner Bürgermeisterfrage.
Vor kurzem hatte die Berliner Stadtverorde netenversammlung die Neuwahl eines Bürger⸗ meisters an Stelle des Herrn Kirschner, dessen Bestätigung als Oberburgermeister so lange auf sich warten ließ, vorzunehmen. Als Kandidaten kamen nur in Frage der Bürger⸗ meister von Königsberg, Brinkmann, und der Stadtsyndikus Meubrink in Berlin. Für die Wahl des letzteren, der keiner politi⸗ schen Partei angehört, der es aber immer ängst⸗ lich vermieden hat,„oben“ anzustoßen, traten die Konservativen, Antisemiten und freisinnigen Wadenstrümpfler ein, während die entschieden freisinnigen Elemente und unsere Parteigenossen für den zur freisinnigen Volkspartei sich zählen⸗ den Künigsberger Bürgermeister stimmten. Dieser
wurde dann auch mit knapper Mehrheit ge⸗ 0
wählt. Jetzt meldet der„Vorwärts“, der Minister des Innern v. Rheinbaben werde beim Kaiser die Nichtbestätigung Brinkmanns beantragen. Das Organ Stumms, die„Post“, hatte schon vor der Wahl die Regierung ersucht, Brinkmann die Bestätigung zu versagen. Künftig⸗ hin werden die Berliner Stadtverordneten, wenn sie eine Wahl vorzunehmen haben, sich erst ver⸗ gewissern müssen, ob Herr Stumm die Wah billigt!
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