Ausgabe 
21.10.1900
 
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Seite 6.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 43.

Unterhaltungs⸗Theil.

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Krieg und Christenthum.

Ihr mögt von Kriegs⸗ und Heldenruhm So viel und wie ihr wollt verkünden, Nur schweigt von eurem Christenthum, Gepredigt aus Kanonenschlünden!

So schlagt euch wie die Heiden weiland, Vergießt so viel ihr müßt des Bluts, Nur redet nicht dabei vom Heiland. Noch gläubig schlägt das Türkenheer Die Schlacht zum Ruhme seines Allah, Wir haben keinen Odin mehr,

Todt sind die Götter der Walhalla. Seid was ihr wollt, doch ganz und frei, Auf dieser Seite wie auf jener, Verhaßt ist mir die Heuchelei

Der kriegerischen Nazarener.

Friedrich v. Bodenstedt.

Dunkle Mächte.

9 Roman von Elise Langer.

Gnädige Frau, stammelte sie,wenn ich, wie ich annehmen muß, die geschiedene Frau Doktor Brandt's vor mir habe

Die geschiedene? Was soll das heißen? Wer hat Ihnen das gesagt? Doch nicht er selbst? Da hätte er sie einfach getäuscht. Von Scheidung ist zwischen uns nie die Rede ge⸗ wesen, und ich will wünschen, daß dieser Irr⸗ thum Ihrerseits sie betrachtete Helma von oben bis untenkeine Illussionen in Ihnen erweckt hat, die unrealisirbar sind.

Helma starrte die Sprecherin mit weitge⸗ öffneten Augen an.

Doktor Brandts Ehe ist nicht geschieden? keuchte sie.

Ganz sicher nicht. Wir haben uns gütlich getrennt, aus Gründen, die nun, die niemand etwas angehen. worden. Ich bedauere, Sie hätten sich besser

erkundigen sollen. N

Das war zu viel. Umsonst strebte Helma, sich aufrecht zu erhalten. Es wurde ihr dunkel vor den Augen. Bewußtlos sank sie zu Boden.

Als sie wieder zu sich kam, lag sie in ihrer Stube auf dem Bette, und Ida, das Dienst⸗ mädchen, stand daneben, ihre Schläfen mit Wasser benetzend.

Ach, Gott sei Dank, Fräulein, daß wieder erwachen, sagte sie.Es hat so lange ge⸗ dauert. Herr Gott, was ist das nur alles? Wer ist denn die fremde Dame, die so thut, als ob sie hier zum Hause gehört? Ach, liebes Fräulein, werden Sie nur nicht krank, sonst geht ja alles drunter und drüber.

Schon gut, schon gut, Ida, ich danke Ihnen. Mir ist ganz wohl jetzt. Wie spät ist es? Ist der Herr schon fort?

Ida bejahte. Die Dame wäre bei den Kindern, welche heftig zu weinen angefangen hätten, als das Fräulein in Ohnmacht gefallen sei. Ida wäre auf den Ruf der Dame herbei⸗ geeilt, und dann hätten sie sie zusammen auf das Bett getragen.

Helma sagte, es sei ihr zu dumpf im Kopfe, sie wolle aufstehen und ein wenig an die Luft gehen. Sie hielte es im Zimmer nicht aus. Ida half ihr sich ankleiden, dann verließ Helma das Haus.

Es war ein kalter, stürmischer Maitag. Schwere, fahle Wolken jagten am Himmel hin und spiegelten sich in dem von kurzen Regen⸗ güssen nassen Trottoir. Der Kampf gegen den Wind that Helma wohl. Diese physische Kraft- anstrengung zog sie eine Weile von allem Denken ab. Ohne Zweck und Ziel irrte sie eine Zeit lang in den einsameren Straßen umher. Dann kam ihr plötzlich der Gedanke, zu Frau Kolweit zu gehen. Die beiden hatten sich öfter kurze Besuche gemacht und eine herzliche Freundschaft für einander gefaßt. Der Weg war freilich weit, aber entschlossen schlug sie ihn ein.

Die Wohnung, welche das junge Paar inne hatte, bestand aus drei freundlichen, geräumigen

Ich sehe, Sie sind betrogen

Stuben in einem hübschen neuen Hause. Die Gegend war noch wenig bebaut, aber man hatte eine freie Aussicht fast bis an den Horizont und dafür nahm man manche Unbequewlichkeit gern in den Kauf. Das letzte Tageslicht war im Schwinden, als Helma anlangte. Die stillen, teppichbelegten Treppen, von hellen Gasflammen beleuchtet, machten bei dem Sturm, der in ihr und draußen tobte, einen fast feierlichen Ein⸗ druck auf sie. Doch langsamer und langsamer stieg sie die drei Treppen hinauf. Auf der letzten war sie noch ungewiß, ob sie klingeln sollte, aber wie von einer geheimen Macht ge⸗ trieben, zog sie die Glocke.

Ein junges Dienstmädchen mit weißem Ten⸗ delschürzchen öffnete ihr und führte sie in das Wohnzimmer. Welch' Bild des Friedens bot sich ihr hier! Mit einer Handarbeit beschäftigt, saß die junge Frau bei der bereits angezündeten Lampe auf dem Sopha, neben sich den kleinen Bruder, dessen Schularbeiten überwachend, wäh⸗ rend in der Mitte des Zimmers der Tisch zum Abendbrot gedeckt stand und vor den Fenstern Blattpflanzen und Topfgewächse aller Art sich auf den sturmroten Abendhimmel abzeichneten. Auf dem Tische summte schon die Theemaschine, deren Spiritusflamme hier und da ein Glanz⸗ licht auf das hübsche neue Service warf. Der Hausherr blieb heute ungewöhnlich lange aus. Frau Käte wartete schon mit einiger Ungeduld auf ihn. Helmas Erscheinen zu dieser Stunde und ihr blasses Aussehen verursachten ihr da⸗ her ein wenig Unruhe, besonders da die Freun⸗ din sie mit großer Hast allein zu sprechen verlangte.

Käte führte den Gast in ihres Mannes Ar⸗ beitsstube.

Es ist doch nichts Schlimmes vorgefallen? fragte sie, indem sie mit unsicheren Händen die Lampe anzündete.

Helma antwortete nicht sogleich. Dann sagte sie leise:

Seine Frau ist heute angekommen.

Käte wußte nicht, was sie meinte.

Wessen Frau? Dr. Brandts Frau, von der er geschieden ist?

O nicht wahr? Sie haben das auch ge⸗ glaubt? Das mußte man nach seinen Reden glauben. Aber er ist es nicht. Sie leben nur getrennt voneinander separirt, wie er gesagt hat. Aber für den Nicht⸗Juristen heißt sepa⸗ riert soviel wie geschieden. Wer denkt sich etwas anderes darunter? Und da er beide Kinder hat, wurde man in dieser Auffassung bestärkt; man mußte glauben, daß sie als der schuldige Theil befunden worden sei. Dieses unglückse⸗ lige Mißverständniß! Seine Frau ist jetzt da, um Emmy zurückzuholen.

Nun, und weiter?

Weiter? Ich weiß es nicht.

Frau Käte war vor Helma stehen geblieben, die sich erschöpft auf dem Sopha niedergelassen hatte. Jetzt legte sie ihre beiden Hände auf die Schultern und sah sie eine Weile liebevoll forschend an.

Die Sache ist Ihnen nicht gleichgiltig, ich verstehe. Es ist mir nicht entgangen, daß Doktor Brandt eine warme Zuneigung für Sie hat, und ich glaube, sie ist nicht unerwidert ge⸗ blieben. Arme Helma, fuhr sie leiser fort und nahm sie in ihre Arme, als sie sah, daß jene mit Thränen kämpfte.Aber es ist ja nichts verloren. Seine Frau kann doch nichts gegen einer Scheidung haben, wenn sie aus eigener Wahl getrennt von ihm lebt. Hat er Ihnen denn seine Liebe gestanden?

Helma zuckte zusammen und blieb stumm.

Er hat es gethan, nicht wahr? ohne Ihnen reinen Wein einzuschenken. Das war unehr⸗ lich von ihm aber vielleicht wollte er alles ebnen, sobald er Ihrer Gegenliebe gewiß war. Und hat er sie in böser Absicht getäuscht nun, so können Sie froh sein, noch rechtzeitig aufgeklärt worden zu sein. Sie werden es über⸗ winden freilich, das Haus werden Sie ver⸗ lassen müssen.

Helma fiel ihr aufschluchzend um den Hals. Ach, wenn ich es könnte=

Wie ein Blitz die nächtliche Landschaft er⸗ hellt, so jäh wurde Käten bei diesen Worten Helmas Lage klar. Im ersten Moment wich sie ein wenig von der Freundin zurück; aber

schon siegte ihr menschenfreundliches, mitfüh⸗

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lendes Herz. Zu sagen vermochte sie einige

Sekunden lang nichts, aber sie drückte das un⸗ glückliche Mädchen fester an sich.

Arme Helma. Verzweifeln Sie nicht. Es wird Rath geschafft werden.

Ach, wie ist mir zu helfen? Wie ich die Frau kennen gelernt habe, willigt sie nicht in die Scheidung.

Das müssen wir abwarten. Auf mich kön⸗ nen Sie aber zählen. Ich will zu Ihnen stehen,

Sie nicht verlassen. Das sind wir armen Frauen

einander schuldig. Helma ergriff Frau Kätens Hand und drückte sie, ehe diese es hinden konnte, an ihre Lippen.

In demselben Augenblick ließen sich männ⸗

liche Tritte im Koridor hören.

Um Gotteswillen, Ihr Gatte, rief Hel⸗ ma.Ich kann ihm heute nicht begegnen. Las⸗ sen Sie mich ungesehen hinaus.

Käte begriff Helmas Scheu. Sie führte sie rasch in ihr Schlafgemach und durch dieses zur Korridorthür, die sie nach einem festen Hände⸗ druck und einem Blick, in dem die ganze Zu⸗ verlässigkeit ihrer treuen Seele spiegelte, hin⸗ ter der Freundin schloß.

Guten Abend, Weib. Nun, ich habe Dir eine schöne Geschichte zu erzählen, rief Kol⸗

weit seiner Frau entgegen, die er zärtlich um⸗

armte und küßte.

Was, noch eine Geschichte? fragte Frau Käte, sich zu einem heiteren Tone zwingen.

Noch eine? Darnach scheint's, als ob auch Du eine in Petto hast. Na, dann schieß los.

Nein, erst Deine.

Weißt Du was, ich denke wir essen erst. Vielleicht hören sich unsere Geschichten dann besser an. Ich habe einen riesigen Hunger.

Beide Gatten waren bei Tisch ziemlich ein⸗ silbig und ließen Fritz die Kosten der Unterhal⸗ tung bestreiten. Nachdem der Knabe zu Bett geschickt worden, und Frau Käte ihre Wirtschaft besorgt hatte, ging sie in das Arbeitszimmer ihres Gatten, in dem das Paar die Abende zu⸗ brachte. Bei ihrem Eintritt fand sie ihn ge⸗ dankenvoll auf seinem Arbeitsstuhle sitzend.

Was, keine Pfeife? rief sie.Nein, das ist ungemütlich. Nur erst die Stambulka ge⸗ stopft, ehe Du Deine Geschichte beginnst. Ich hoffe, sie ist nicht allzu tragisch.

Ja, Herz, sie ist leider tragisch genug. Was ich schon einige Zeit geargwöhnt, hat sich heute bestätigt.

bDaß die Brandtsche Ehe nicht geschieden ist? 3

Kolweit sah sie verwundert an.Wie kommst Du darauf? Gott im Himmel, Ihr Frauen habt auch immer gleich so was im Kopf. Nein, die Sache ist die: ich habe jetzt die bündigsten Be⸗ weise, daß Brandt im Solde der Regierung steht. Und nun erzählte er seiner gespannt aufhorchenden Gattin sein heutiges Erlebnis.

Ich war etwas später als sonst fertig ge⸗ worden, und im Begriff nach Hause zu gehen. Als ich auf die Straße trete, kommt ein Mann, der ein Pferd am Zügel führt, auf mich zu der Hand hielt, abgeben könnte. Er wäre vom Ministerium des Innern an die Redaktion des Norddeutschen Beobachters geschickt, und der Ich gehöre zur Redaktion, ich werde den Brief abgeben, sagte ich Oh er auch ganz sicher sein könnte, daß der Brief in die rechten Hände käme. Ich sagte, ja, er könnte ganz sicher sein. Er dankte und schwang sich wieder auf sein Pferd. Ich nun hinauf. Brandt saß noch über seinem Leitartikel, der ihm heute nicht aus der Feder schlechter Laune. Hier, sagte ich, ein Brief aus dem Ministerium, den ein reitender Bote ge⸗ bracht hat. Der Artikel muß muß noch heute in Satz. Nun wird das Bündnis mit der Regie⸗ rung wohl nicht mehr abzuleugnen sein. Damit empfahl ich mich. Ich sah nur noch, daß er puterroth wurde, und daß ihm die Stirnadern fingerdick anschwollen.(Forts. folgt.)

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