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Nr. 43.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Seite 5.

photographirte. Ein Gleiches hatte er bezüg⸗ lich der Dienstmädchen gethan. Der Angeklagte

aber räumte auch diesen Verkehr und Alles, was

an unfläthigem Beiwerk ihm anhaftete, zer⸗ knirscht ein, offenbar, weil er nur auf diese Weise seine Lage einigermaßen glaubte verbessern zu zu können. Nachdem die Geschworenen die

Schuldfragen bejaht und die Frage nach mil⸗

dernden Umständen verneint hatten, verurtheilte der Gerichtshof den Angeklagten kostenpflichtig zu fünf Jahren Zuchthaus und fünf⸗ jährigem Ehrverlust.

Ferner: Vom Chemnitzer Landgericht wurde der erste Bürgerschullehrer Rosenberg, ein fa⸗ natischer Gegner der Sozialdemoka⸗ tie, wegen an ihm anvertrauten Schülerinnen begangenen Sittlichkeitsverbrechen zu 2 Jahren 4 Monaten Gefängniß verurtheilt. Wir hatten seiner Zeit über seine Verhaftung berichtet.

Noch einer: Vor der Strafkammer des Zwickauer Landgerichtes wurde gegen den frü⸗ heren Vorsitzenden des königl, sächs. Militär⸗ vereins für Niederhaßlau und Umgegend, den Kranlenkassenexpedienten Friedrich Poller, der sich alsSozialistenfresser besonders hervorgethan hat, wegen Unterschlagung ihm an⸗ vertrauter Kassensterbegelder in Höhe von über 3000 Mark verhandelt. Der Angeklagte, der auf etwas großem Fuße lebte, sodaß er mit seinem Gehalte nicht auskam, wurde des ihm zur Last gelegten Deliktes für schuldig erachtet und zu einer Gefängnißstrafe von einem Jahr und 10 Monaten und dreijährigem Ehrenrechtsverlust verurtheilt. f 0

Aus Bamberg melden die Blätter:Ge⸗ gen den Pfarrer Schüpferling in Breitengüßbach, der vor wenigen Tagen vor dem Bayreuther Schwurgericht gelegentlich der Verhandlung einer Meineidsaffaire eine so überaus traurige Rolle spielte, ist nunmehr von Seiten der Staatsanwaltschaft das Untersuch⸗ ungsverfahren wegen Meineids bezw. An⸗ stiftung zum Meineid eingeleitet worden.

Das ist schon eine ganz nette Sammlung! Vorläufig wollen wir es dabei bewenden lassen.

Religiöser Wahnsinn.

Aus Breitenbach im Kreise Wetzlar wird be⸗ richtet: Das Dorf wird von einer ziemlichen Anzahl Frommer bewohnt. Eine Familie, be⸗ stehend aus der Mutter, zwei erwachsenen Töch⸗ tern und einem Sohne, setzte es sich in den Kopf, in den Himmel fahren zu wollen. Sie bereiteten sich durch Fasten, Beten und sonstige fromme Uebungen gehörig vor, dann verschenkten sie ihre bewegliche Habe, schnitten sich die Haare ab und erwarteten das Zeichen zur Auffahrt. Der Schäfer des Dorfes, der um die 1 wußte, wollte denn auch einen hellen Schein über dem Hause wahrgenommen haben und ver⸗ breitete die Mär von der vollbrachten Himmel⸗ fahrt. Besonnene Nachbarn, die durch das Brüllen des hungernden Viehes aufmerksam ge⸗ macht waren, fanden die vier Himmelfahrer voll⸗ ständig erschöpft und völlig entkleidet zusam⸗ men in einem Bette liegend in einer e e nen Dachkammer vor. Derartige Verrückt⸗ heiten sind in dieser Gegend kaum zu verwun⸗ dern. Die Muckerei greift in der Umgegend 15 Wetzlar in erschreckendem Maße um sich. Zahl⸗ reiche Sekten haben sich gebildet, in denen fana⸗ tisirte Pfaffen tollen Aberglauben verbreiten.

Auch religiöse Schriften(Sonntagsblätter) leisten darin Erkleckliches.

In Konitz begann diese Woche ein auf acht

Tage berechneter Landfriedensbruchsprozeß vor dem Schwurgericht. Es handelt sich um die tu⸗ multuarischen Vorgänge am 1 und e ee gen derer folgende Personen unter Anklage ge⸗ stellt sind: Arbeiter Pittarski, Kniewel, Gatz und Schulz und ferner der Schlosserlehrling Gierschewski, der Besitzer Kath, der Schneider⸗ lehrling Werner, der Knecht Gohr und der Ar⸗ beitersohn Frydrychowicz. Die Anklagebehörde vertritt Staatsanwalt Assessor Schulz, die Ver⸗ theidigung führen die Berliner Rechtsanwälte Hunrath und Zielowski. f Noch einige entgleiste Seelenhirten.

Wegen des Verbrechens der Schänd ung und der Verführung zur Unzucht wurde zu achtzehn Monaten schweren Kerkers, ver⸗ schärft durch einen Fasttag im Monat, der Pater Leo Hinterhölzer in Eidenberg(Nieder- österreich) verurtheilt. Es hatte den Eiden⸗ bergern bekanntlich große Mühe gekostet, den

Sittlichkeitsverbrecher als Geistlichen loszuwer⸗ den. Als nämlich die Schulmädchen nach Hause kamen und erzählten, daß der saubere Herr sie in die Sakristei gelockt und dort an ihnen Sitt⸗ lichkeitsverbrechen begangen habe, gingen die Bauern zum Pfarrer von Gramastetten und verlangten die Entfernung des Pater Leo. Der Pfarrer erwiderte, daß er die Anzeige nicht glaube, ein Priester thue so etwas nicht. Der Abt Gratböck wieder tröstete die Angehörigen der mißbrauchten Kinder damit, Pater Leo werde ohnehin bald Pfar⸗

rer und kommewo anders hin. Als alle

Beschwerden vergeblich blieben und die Vor⸗ gesetzten des Pater Leo nicht einschreiten woll⸗ ten, kamen die Bauern in die Redaktion des Linzer Partei⸗Organs, und baten, diese möge etwas un um den Pater von Eidenberg fort zubringen. Mittlerweile hatte ein Bauer auch die Anzeige bei der Gendarmerie erstattet, und diese hatte den sauberen Religionslehrer ver⸗ haftet.

Wegen Unterschlagung von 7000 Mark hatte sich vor dem Augsburger Landgericht der Pfar⸗ rer Augustin Weber zu verantworten. Weber ist Pfarrer in der Marktgemeinde Schwabmün⸗ chen, einer ziemlich reichen Pfründe, auf der er nicht nur auf das geistige Wohl seiner Schäf⸗ chen, sondern auch auf das eigene pekuniäre be⸗ dacht war. Der Staatsanwalt beantragte zwei Jahre Gefängniß, wogegen das Urtheil auf 7 Monate lautete. Welch' eine Sittenlosigkeit.

Aus dem Wahlkreise Marburg⸗ Kirchhain.

W. Marburg, 18. Oktbr.

Aus Kirchhain. Im August ds. Is. wurde in der Nähe von Großkarben ein Arbeiter ermordet und seiner Habseligkeiten beraubt. Trotz unablässiger Nachforschungen und trotz⸗ dem eine Belohnung von 400 Mark ausgesetzt war, wurde man des Thäters nicht habhaft. Vor einigen Tagen kehrte nun ein Handwerks- bursche in der Herberge zu Kirchhain ein, der sich durch auffälliges Benehmen bemerkbar machte und auch Aeußerungen in Bezug auf den Mord verlauten ließ. Der Besitzer der Her- berge verständigte den Gendarm hiervon und verhörte unterdeß den Verdächtigen, der nach anfänglichem Leugnen seine Mitschuld an dem Morde eingestand. Seine Verhaftung folgte auf dem Fuße. Die Staatsanwaltschaft in Gießen wurde sofort von dem Vorgefallenen benach richtigt.

(Einem Anderen an dem Mord Betheiligten scheint man ebenfalls auf der Spur zu sein. Derselbe, Namens Erner, suchte in Seck⸗ bach Arbeit und bediente sich der Invaliden Karte des ermordeten Möller. Er wird steck⸗ brieflich verfolgt.)

Kindesmord. In Rauisch-Holzhausen bei Kirchhain hat die 42 Jahre alte Katharina Rauch, welche seit neun Jahren von ihrem Manne ge trennt lebt, geboren und das Kind sofort ver brannt. Von Hausbewohnern wurde der Vorfall der Polizei angezeigt. Eine sofort vorgenommene Untersuchung, an der auch Herr Kreisphisikus Klingelhöfer aus Kirchhain theilnahm, bestätigte den Verdacht, indem noch ein Beinchen, sowie verschiedene Knochenüberreste gefunden wurden. Die Staatsanwaltschaft in Marburg erhielt so fort Nachricht. Die Frau bestreitet die Thäter⸗ schaft. Die Untersuchung wird ja bald das Nähere zu Tage fördern. Was mag die Frau wohl zu diesem Verzweiflungsschritt getrieben haben? Jedenfalls hat sie das Leben auch nur von der schlimmen Seite kennen gelernt. Ver- brechen dieser Art, die kaum verschwiegen bleiben können und mit der schwersten Strafe bedroht sind, stellen sich bei genauerem Zusehen als Thaten der Verzweiflung heraus, für die man die Thäterin kaum verantwortlich machen kann. Viele solcher Verbrechen sind als Symptome des herrschenden sozialen Elends aufzufassen.

Arbeiterbewegung.

Der Saalbau zu Offenbach, der der dortigen Arbeiterschaft zum künftigen Heim dienen wird, geht seiner Vollendung entgegen und die feierliche Eröffnung steht für Anfang November bevor.

Ein erfreuliches Wachsthum zei⸗ gen die beiden größten Gewerkschaften, die der Metallarbeiter⸗ und der Holzarbeiterverband. Die Mitgliederzahl des ersteren beträgt nahe an Hunderttausend; während der Holz⸗ arbeiterverband die seine auf über 80 000 stei⸗ gern konnte. Das sind sehr schöne Erfolge; im Verhältniß zu der Zahl der in den beiden In⸗ dustrien Beschäftigten aber, sind sie noch immer gering und die Agitationsarbeit muß nachhal⸗ tig fortgesetzt werden.

Bei den Gewerbegerichtswahlen in Hagen herrschte eine ungemein große Bethei⸗ ligung, indem ca. 2000 Berechtigte an denselben theilnahmen. Die Beisitzer der Arbeitnehmer aus den Fabrik- und Handwerkbetrieben wurden ausschließlich und glatt nach der Liste der Ge⸗ werkschasten gewählt. In der Gruppe der Hand⸗ werk-Arbeitgeber drang die Liste der Hirsch⸗ Dunkerschen Gewerkvereine und der vereinten Bauhandwerker durch.

Bei den Ortskrankenkassen⸗Wah⸗ len in Schöneberg siegte die Liste der or⸗ ganisirten Arbeiter mit 1084 gegen 207 Stimmen.

Bei den Gewerbegerichtswahlen in Kostheim bei Mainz siegte die Liste unserer Genossen mit großer Mehrheit über die katho⸗ lische Liste. Trotz ungeheurer Agitation brachte es letztere nur auf 73 Stimmen, während für die Liste des Gewerkschaftskartell 212 abgegeben wurden. Auch die sozialistische Liste der Arbeitgeber siegte mit 26 Stimmen, die⸗ jenige der Zentrumspartei erhielt nur 19 Stimmen.

Partei⸗Nachrichten.

Das Parteitags-Protokoll ist er⸗ schienen. Auf 264 Druckseiten enthält es die fast wörtliche Wiedergabe der Verhandlungen des Mainzer Parteitags, den Bericht über die Frauenkonferenz, sowie den Bericht des Par⸗ teivorstandes und der Reichstagsfraktion. Für jeden Genossen, der sich über die Fragen, welche die Partei bewegen, unterrichten will, bildet das Protokoll eine ebenso nothwendige, wie anregende und interessante Lektüre. Der Preis beträgt 50 Pfg.

Wahlkreis Wetzlar⸗Altenkirchen. Sountag, den 21. Oktosber, Nachmittags 4 Uhr, im Lokale des Herrn Löb,Zum

Wiener Hof, Johannesstraße 3, in Gießen. Parteiversammlung. Tagesordnung: 1. Jahres- und Kassenbericht des

Kreisvertrauensmannes. 2. Berichterstattung vom Parteitag in Mainz. 3. Neuwahl des Kreisver⸗ trouensmannes. 4. Verschiedenes.

Zahlreichen Besuch erwartet Der Einberufer.

Versammlungs⸗Kalender. Samstag, 20. Oktober:

Gießen. Holzarbeiter abends 9 Uhr bei Löb, Wiener Hof. Gießen. Metallarbeiter abends 9 Uhr bei Orbig Montag, 22. Oktober.

Gießen. Schneider abends ½9 Uhr bei Orbig.

Qittungen. R Hchhm. 27.. Sch. Fellgh. 1.60. Tgd.⸗S..40. Schr.⸗The. 1.80. Br. Rdgn. 1.40. Wklr. Röhm. 12.. F;. Ech. 9.. Ntr.⸗Lbch. 7.20. Sg. Hchst. 2.40. Rs. Lllr. 3.60. Pz. S. 1. Grgr. Mog. 27.60. Ptr. Gßl. 3.80. Dhl. G. 25. Kft. Wßmr. 7.20. Leost. Weck. 24.40 3. Nh. 4.20. Sgfr. Abck. 8. Ccht. Gbg. 6.. Br. Rögn. 2.. L. G. 1.. Strck. G. 5.. Schmdt. G. 23.50 Wtr. Wwe. Ebch. 2.. Dthfr. Egstrn 4.20. Hdch. Kzbch. 4.20. Th. Rod. 1.20. Sch. Fllgh. 1.60. Ly. G. 6.50. Von Lollar für Parteitag: Mk. 7. A. Bck

Letzte Nachrichten.

Bei der Reichstagsersatzwahl im Kreise Wanzleben wurden bis jetzt abgege ben für Gerlach(soz.) 6048, für Schmidt(na⸗ tionallib.) 5116, v. Kotze(kons.) 3751 Stimmen. (1898 erhielt Gerlach im Ganzen 64078t.)

Im Kreise Westhaveland wurden bis jetzt gezählt für Peus(soz.) 9511; für Loebe) (kons.) 7067; Bode(freis.) 3426 Stimmen.

1898 wurden nur 9 263 soz. Stimmen ab- gegeben.

Vgl. Or. 18.60. Schld. Fim. 1. Ach. Kid. 7.60. Ml. G. 22.00.

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