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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
suche ab. Lihungtschang theilte nach englischen
Berichten dem Gesandten Conger mit, Junglu werde nicht als Bevollmächtigter fungiren, da Einspruch dagegen erhoben worden sei.
Vom chine sischen Hofe. Der Kaiser und die Kaiserin trafen, wie aus Shanghai gemeldet wird, in Tungschau ein, eskortirt von den 30000 Mann Tungsuhsiangs. Prinz Tuanu ist wieder allmächtig, führt das kaiserl. Siegel und erläßt reaktionäre Edikte. Die Re⸗ bellen in den Südprovinzen rücken siegreich gegen Kanton vor. Der Vizekönig sandte ihnen ein Korps von 7000 Mann entgegen.
Waldersees Empfang. Der ameri⸗ kanische General Chaffee telegraphirte: Graf Waldersee werde am 20. Okt. in Peking erwar⸗ tet; bis dahin hätten alle amerikanischen Trup⸗ pen bis auf 1 200 Mann der Legationswache Peking geräumt. Chaffee ist instruirt, keine ame⸗ rikanischen Truppen am Empfange Waldersees theilnehmen zu lassen. Die russische Legations⸗ wache habe eine ähnliche Instruktion.
Der Krieg in Südafrika.
Ueberall tauchen zur größten Ueberraschung der Engländer wieder Burenkommandos auf. So wird aus Pretoria gemeldet, daß dort, also unter den Augen des Höchstkommandirenden, der Burengeneral Viljoen, den Botha wie⸗ der in der Befehligung des Hauptheeres abge⸗ löst hat, erschienen ist und sich, umgeben von einer großen Zahl Streiter, zwischen Preto⸗ ria und Johannisburg festsetzte. General Bul⸗ ler hat das Oberkommando niedergelegt und geht nach England zurück. Ein Armeebefehl des Lord Roberts spricht ihm den Dank für die geleisteten Dienste aus.
Präsident Krüger, der im Begriff steht, nach Europa zu reisen, richtete von Lorenzo⸗ Marquez aus an die portugiesische Regierung telegraphisch Beschwerde, weil die portugiesi⸗ schen Behörden im Auftrage des englischen Kon⸗ suls sein Gepäck beschlagnahmt hätten. Eine größere, ihm gehörige Summe werde ihm zu⸗ rückgehalten, sodaß er an der Abreise verhin⸗ dert sei.
palitisce Rundschau.
Gießen, 19. Oktober. Gießener Angelegenheiten.
Der neue Bürgermeister. Am Don⸗ nerstag wurde die Wahl eines Bürgermeisters von der Stadtverordneten⸗Versammlung vorge⸗ nommen. Gewählt wurde der bisherige Beige⸗ ordnete in Solingen Baurath Mekum mit 25 gegen 5 St. Diese 5 Zettel waren unbeschrie⸗ ben. Mekum wurde am 24. Jan. 1857 in Köln geboren, besuchte die technische Hochschule in Aachen, und wurde am 16. Jan. 1887 zum Re⸗ gierungsbaumeister ernannt. Hiernach war er im Staatsdienst beschäftigt und zwar bei den Kreisinspektionen zu Wesel und Beuthen und mehrere Jahre hindurch bei der Bauabtheilung des Polizeipräsidiums zu Berlin. Von 1892 bis 1898 war er Stadtbaurath in Königshütte und von da ab erster Beigeordneter in Solingen.
— Zum Stiftungsfest des Arbeiter-Gesang⸗ vereins„Eintracht“, das vergangenen Sams⸗ tag im Caffee Leib abgehalten wurde, hatten sich die Besucher ziemlich zahlreich eingefunden. Für Unterhaltung war genügend gesorgt, die Gesänge und die sonstigen Darbietungen befrie— digten allgemein. Würdig und gemüthlich, wie es sich für ein Fest aufgeklärter Arbeiter gehört, verlief das Fest ohne jede Störung. An Sanges⸗ kräften hat der Verein allerdings keinen Ueber⸗ fluß. Hoffentlich gelingt es ihm, seine aktive Mitgliederzahl recht bald zu erhöhen.
Tapezierer⸗Versammlung. Ver⸗ gangenen Montag hielt die hiesige Filiale des Tapezierer⸗Venbandes in Lokale„Wiener Hof“ ihre General⸗Versammlung ab. Erfreulicher⸗ weise waren dazu die Gießener Kollegen in ziem⸗ licher Anzahl erschienen und nur wenige der hier Beschäftigten fehlten. 7 Neuaufnahmen wa⸗
ren zu verzeichnen. Ein Theil der reichhaltigen Tagesordnung konnte nicht erlledigt und mußte auf die nächste Versammlung verschoben werden. Diese findet am Montag den 29. Okt. in dem⸗ selben Lokale statt. Auf der Tagesordnung steht u. A.: Vortrag über„Rechte und Pflichten aus dem gewerblichen Arbeitsvertrage.“
Gewerkschaftsversammlung und Vortrag. Am Sonntag Nachm. 4 Uhr findet im Lokal Orbig die regelm. Generalver⸗ sammlung der Gewerkschaften statt, die zu⸗ nächst Berichte des Kartellvorsitzenden entge⸗ gen nehmen wird.— Dann wird Herr Gewerbe⸗ Inspektor Engeln in einem Vortrage schil⸗ dern, was von dem auf der Pariser Weltaus⸗ stellung auf technischem, fachgewerblichem und sozialpolitischem Gebiete Dargebotene, das be— sondere Interesse der Arbeiter beansprucht. Be⸗ kanntlich haben die hessischen Gewerberäthe die Ausstellung im Auftrage der Regierung besucht. Mehrfachen, von Arbeitern geäußerten Wün⸗ schen entsprechend trat das Gewerkschaftskar⸗ tell mit dem Herrn Gewerbeinspektor wegen eines derartigen Vortrages in Verbindung und fand bereitwilliges Entgegenkommen. Wir zwei⸗ feln nicht daran, daß dieser Vortrag für jeden Arbeiter eine Fülle des Lehrreichen, Anregen⸗ den und Interessanten bringen wird. Zahlrei⸗ cher Besuch ist also sehr wünschenswerth.
Ein merkwürdiger Grund für Ab⸗ lehnung einer Wirthschafts⸗Konzession wurde von Seiten des Polizeiamtes in der letzten Sitz⸗ ung des Provinzialausschusses ins Treffen ge⸗ führt. Es handelte sich um die Konzessionirung eines weiteren Zimmers, um welche der Wirth Amend für sein Caffee eingekommen war. Dazu hatte sich die Polizei ablehnend ausge⸗ sprochen, weil in diesem Falle eine besonders scharfe Aufsicht nöthig sei, die aber nicht durch⸗ geführt werden könne, weil, wie u. a. angeführt wurde, die Fenster zu hoch gelegen sind, um durch sie die Vorgänge in der Wirthschaft beobachten zu können. Ob für die betr. Wirth⸗ schaft eine scharfe Aufsicht nothwendig ist, wol⸗ len wir dahingestellt sein lassen, obwohl uns mitgetheilt wird, daß dort nie etwas Ungehöri⸗ ges vorgekommen sei. Wenn aber verlangt wird, es soll die Möglichkeit gegeben sein, durch die Fenster der Lokale Beobachtungen anstellen zu können, so ist das eine Forderung, die unseres Erachtens zu weit geht und die kein Wirth er⸗ füllen kann. Es dürften ja dann auch keine Vorhänge ꝛc. angebracht werden! Wird da von die Ertheilung der Konzession zum Wirthschafts⸗ betrieb abhängig gemacht, dann kann sie einem Jeden verweigert werden. Wenn in diesem Falle der Rekurs verworfen wurde, müssen wohl noch triftigere Gründe vorgelegen haben.
Aus Wetzlar.
Die Kreiskonferenz für den Wahl⸗ kreis Wetzlar⸗Altenkirchen findet am Sonntag 21. Okt. im Lokale von Löb(Wiener Hof) in Gießen statt. Auf der Tagesordnung steht Bericht des Vertrauensmannes und Neu- wahl desselben, sowie Bericht des Delegir⸗ ten über den Mainzer Parteitag.
Mit der Handwerksrettung beschäf⸗ tigte sich am Sonntag eine Handwerkerversamm— lung im„Schützengarten“, zu welcher auch der Vorsitzende und der Sekretär der Handwerks- kammer aus Coblenz erschienen waren, auch der stellvertretende Landrath war anwesend.— Zu⸗ erst legte sich, wie das seine Pflicht und sein „Handwerk“ ist, der Sekretär Köpper für die Zwangsinnung gehörig ins Zeug. Er bestritt, daß das Handwerk durch die Entwickelung der Produktion zerrieben würde. Für ihn scheint also die jeden Tag wahrzunehmende That⸗ sache, daß die Großindustrie sich immer wei— terer Gebiete bemächtigt und damit das Hand- werk mehr und mehr zurückdrängt, nicht zu existiren. In der Schlosserei, Schuhmacherei und einer Reihe anderer Berufsarten ist das Klein⸗ handwerk so gut wie vernichtet, kein künstliches Mittel wird im Stande sein, die Großindustrie von der Eroberung weiterer Gebiete abzuhalten. Das haben die Handwerksmeister schon vielfach eingesehen; aus vielen Orten kam schon die Nachricht von der Auflösung der Zwangs⸗
innungen— der bsedere Dekrefar der Hand werkskammer stört sich nicht daran, er entwirft vor den Anwesenden ein glänzendes Bild von den Herrlichkeiten des zünftigen Zukunfts⸗ staates, in dem wieder„patriarchalische“ Ver⸗ hältnisse existiren würden und von Sozialdemo⸗
kratie keine Rede mehr sei. Natürlich, Be⸗ kämpfung der Sozialdemokratie ist doch immer die Hauptsache, das haben wir von vornherein als eine Hauptaufgabe der Zünftlerei erkannt. In der Diskussion wurden denn auch Bedenken über den Nutzen der Zwangsinnung laut. Mit Recht hob Herr Bäckermeister Kyrmse⸗Wetzlar hervor, daß dem Handwerker die Maschinen so lange nichts nützen, als er kein Kapital habe, solche anzuschaffen. Auch der Meistertitel könne eine Hebung der Lage der Handwerker nicht bewirken. Auch Herr Waldschmidt ver⸗ spricht sich keinen Erfolg von den zünftlerischen Bestrebungen. Weilburg.
Am Dienstag starb im Alter von 76 Jahren der Rechtsanwalt Justizrath Raht, früher Führer der nassauischen Fortschrittspartei und von 1862 bis 1866 Präsident der nassauischen Zweiten Kammer. Raht, ein hochangesehener Jurist, war später noch langjähriges Mitglied des Bezirksausschusses und Kommunalland⸗ tags, trat jedoch nach der Annexion Nassaus po⸗ litisch wenig hervor.
Keine Durchbrenner.
Durch die Zeitungen ging Anfangs der Woche eine Notiz des Inhalts, daß der Kassirer der Zahlstelle des Schuhmacherverbandes in Offen- bach, Hoffmann, mit einigen hundert Mark Kassengeldern flüchtig geworden sei. In einem Briefe habe er die Absicht ausgesprochen, in's Ausland zu gehen, jedoch fehle jede Angabe, die seine verwerfliche Handlungsweise irgend⸗ wie erklären könnte. H., der eine Frau und vier Kinder zurückgelassen hätte, würde steck⸗ brieflich verfolgt.— Nachträglich stellte sich her⸗ aus, daß sich es hier um einen unüberlegten Streich des betreffenden Kassirers handelte, der Kassenbestand wurde noch in seiner Wohnung vorgefunden.— So ist der reaktionären Presse der fette Bissen entgangen.— Ungetreue Kassirer gab es ja auch in unseren Reihen; glücklicher⸗ weise sind aber derartige Fälle ziemlich selten. Kommt aber wirklich einmal ein Durchbrenner vor, so kann man sicher sein, daß die arbeiter⸗ feindliche Presse mit Gier darüber herfällt, sich bekreuzt und nicht müde wird, darauf hin⸗ zuweisen, zu was für schlechte Kerle die Ar⸗ beiter durch die„sozialdemokratischen Lehren“ erzogen werden. Schade nur, daß wir auf jeden derartigen in unseren Reihen vorkommenden Fall wenigstens hundert geborstene „Ordnungssäulen“ anführen können!
Hier sind gleich Einige.
In Friedeberg am Queis(Schlesien) er⸗ folgte die Amtssuspension des Pastors Pri⸗ marius Voigt wegen schwerer Sittlich⸗ keits verbrechen.
Weiter wird berichtet: Tiefe Einblicke in einen wahren Abgrund sittlicher Ver⸗ kommenheit gewährte eine Verhandlung, die kürzlich vor dem Schwurgerichte zu Saar⸗ brücken stattfand. Auf der Anklagebank saß der ehemalige protestantische Pfarrer und Schulinspektor Pieper aus Elversberg, ein 51jähriger verheiratheter Mann, der Vater zweier Kinder im Alter von 15 und 18 Jahren ist. Der Angeklagte war beschuldigt, zum Kir- chenvermögen gehörige Gelder im Gesammtbe— trage von mindestens 31400 Mark unter⸗ schlagen und, um den Fehlbetrag zu ver⸗ decken, Quittungen des Presbyteriums in der gleichen Höhe gefälscht zu haben. Pieper be⸗ kannte sich der ihm zur Last gelegten Verbrechen, im Allgemeinen schuldig, behauptete aber, daß und die Nothlage ihn zu diesen Handlungen ver⸗ leitet habe. Die Beweisaufnahme förderte aber ferner noch über den sittlichen Lebens- wandel des Angeklagten ganz ungeheuerliche Dinge zu Tage. So wurde unter Anderem be⸗ wiesen, daß Pfarrer Pieper Jahre hindurch im ehelichen Domizil mit zwei Dienstmädchen, die er verführt hatte, nicht nur ein ehebrecherisches Verhältniß unterhielt, sondern sie auch zu wider⸗ natürlichem Unzuchtsverkehr verleitete. Sehr be⸗ zeichnend ist es, daß er beiden Mädchen die Ehe versprach, mit dem Hinzufügen, seine Frau habe nicht mehr lange zu leben! Auch mit zwei Lehrerinnen unterhielt der An⸗ geklagte einen fortgesetzten ehebrecherischen
Verkehr, wobei er die Damen ohne alle Be⸗ kleidung in den denkbar unzüchtigsten Stellungen


