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Seite 2.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 43.
Belastung nach, von der ihr Gewerbe betroffen würde, wenn der in landwirthschaft⸗ lichen Kreisen aufgestellten Forderung, der Gleichstellung der Zölle für Roggen und Gerste, entsprochen würde. Da der Gerstenzoll jetzt nur 2 Mk., der Roggenzoll nach dem be⸗ stehenden autonomen Tarif aber 5 Mk. per Doppelcentner beträgt, so müßte eine Erhöhung um 3 Mk. per Doppelcentner Gerste eintreten, was bei einem Gersteverbrauch von beinahe 20 Millionen Doppelcentnern für die Brauereien eine Mehrbelastung von nahezu 60 Millionen Mark bedeuten würde. Eine derartige Mehrbelastung würden die Brauereien aber nicht tragen können. Die Großbetriebe würden sie naturgemäß in irgend einer Form auf ihre Abnehmer, und diese ihrerseits wieder auf die Konsumenten abwälzen, während die kleineren Brauereien, deren Zahl ohnedies fort⸗ während abnimmt, zur Einstellung des Betriebes gezwungen sein würden. Die Sachverständigen heben ferner hervor, daß von einer Gerstenzollerhöhung auch ein großer Theil der deutschen Landwirthe betroffen würde; zwei Drittel der ausländischen Gerste dienen für Futterzwecke ꝛc., ein Drittel für Brauzwecke. Noch nicht genug Panzerkähne.
Für den Umbau von sieben Küsten⸗ panzerschiffen nach dem Muster der„Ha⸗ gen“ sollen, wie die Nationalzeitung berichtet, im nächsten Marineetat erste Raten in Ansatz gebracht werden. Die Kosten hierfür würden im Ganzen zwanzig Millionen Mark betragen.
Nur immerzu! Wir haben ja keine dringen⸗ deren Aufgaben zu erfüllen, als Milliarden ins Wasser zu werfen. Für Kulturaufgaben ist bekanntlich kein Geld da.
Ursache des Gesandtenmordes.
Ueber die Ermordung des deutschen Ge⸗ sandten in Peking, v. Ketteler, liegen jetzt genauere Nachrichten vor. Ein Bericht des Dolmeischers Cordes, der die näheren Um⸗ stände bei diesem traurigen Ereigniß schildert, wurde veröffentlicht. Aus diesem Berichte geht klar hervor, daß der Gesandtenmord eine Folge der Bombardirung und Einnahme der Takuforts gewesen ist. Das Völkerrecht ist zuer st von den vereinigten Mächten Europas gebrochen worden und erst danach ist das Blut des Gesandten derjenigen Nation geflossen, die durch die „Pachtung“ Kiautschous und durch das Evan⸗ gelium von der gepanzerten Fauft den Chinesen die verhaßteste geworden war.— Weiter läßt der Bericht erkennen, daß der deutsche Gesandte unter all' seinen Kollegen derjenige gewesen ist, der über die Stimmung seiner chinesischen Um⸗ gebung, über die Wandlung, die sich vollzogen, am wenigsten unterrichtet gewesen ist. Er hielt es nicht für möglich, daß die chinesische Regierung den Muth haben kann, die Gesandten des Landes zu verweisen, trotzdem die Takuforts nieder⸗ geschossen und der Kriegszustand durch die That proklamirt worden ist. Will man also gerecht sein, so muß man bei Zusammenfassung aller Umstände die europäischen Mächte eben⸗ falls völkerrechtswidriger Thaten beschuldigen, und man hat kein Recht, von China für diesen bedauerlichen Fall eine besondere Sühne zu verlangen.
Proteste gegen den China- Kreuzzug.
Zahlreiche, von unsern Genossen veranstaltete Versammlungen fanden in Südbayern statt. Sämmtliche Versammlungen waren gut besucht und nahmen einen würdigen Verlauf. Den Ausführungen der Referenten über die deutsche Weltpolitik und ihre Folgen wurde allgemein zugestimmt und energisch gegen die deutsche Chinapolitik und den Rachezug protestirt.
Wo bleiben die Liebesgaben?
So fragt ein Chinafreiwilliger sei⸗ nen Bruder in einem Briefe, aus dem das „Hamb. Fremdenblatt“ Auszüge bringt. Er be⸗ klagt sich darüber, daß die Mannschaften der „Sardinia“, auf der er eingeschifft war, von
den Liebesgaben, von denen man ihnen schon vor ihrer Abreise so viel erzählt hatte, nichts zu sohen und noch viel weniger zu essen bekamen. An Bord sei alles theuer. Es heißt in dem Briefe:„Für eine Flasche Rothwein mußten wir 3,50—4 Mark geben. Der Koch gab zu wenig zu essen, daher wir immer Hunger hatten und zu hohen Preisen Fleisch und Kartoffeln beim Koch kau⸗ fen mußten. Da möchte ich Dich, lieber Bru⸗ der, doch mal fragen, wie eigentlich die allge⸗ meine Ansicht in Deutschland in Betreff der Liebesgaben ist. Da hat es doch geheißen, wie wir abfuhren, daß wir keinen Pfennig Geld an Bord brauchten, da so reichlich Liebesgaben an Bord seien, wie Bier, Tabak und Cigarren usw. Wir haben aber bis jetzt von Alledem nichts gesehen. Bier haben wir in den ersten vierzehn Tagen nicht bekommen, und jetzt wollte man uns etwas geben. Da war aber Alles: verdorben, und werden jeden Tagfünf bis sechs Faß über Bord geschüttet. Fla⸗ schenbier vom Brauhaus Altona und von der Hammoniabrauerei ist noch genug da, aber wir müssen die Flasche mit 60 Pfg. bezahlen. Von Liebesgaben hört und sieht man nichts. Im Gegentheil, Alles müssen wir theuer bezahlen. Und da hat man uns jetzt. noch Postanweisungen angeboten, daß wir un⸗ ser Geld nach Hause schicken können. Vielleicht kannst Du erfahren, welche Liebesgaben an „Sardinia“ sind.— Wie mancher Hunnenkrie⸗ ger wird dadurch und durch noch vieles Andere von seiner Chinabegeisterung kurirt werden! Römisches.
Vorige Woche war die Saalburg bei Homburg v. d. H. der Schauplatz eines römischen Cäsarenfestes. Bei der Grundsteinlegung zu einem Reichslimesmuseum, das in dem alten Römerkastell Saalburg errichtet wird, fanden auf Anregung Wilhelms II. Feierlichkeiten statt, die den im alten Rom üblichen getreulich nachgeahmt waren. Kostümirte Schauspieler und biedere, natürlich eben⸗ falls in römische Masken gesteckte Taunus⸗ bewohner traten als Krieger, Priester, Konsuln ꝛc. auf. An dem Eingange des Kastells empfing den Kaiser ein als römischer Präfekt verkleideter Schauspieler mit folgender Ansprache:
„Unter glückverheißenden Zeichen tritt ein, erlauchter Kaiser, mit Deiner hohen Gemahlin, in das auf Deinen Befehl erneuerte Kastell Saalburg! Nichts Schöneres, nichts Größeres, nichts Erwünschteres als Deine Ankunft konnte uns zu Theil werden. Einen glücklichen Aus⸗ gang mögen alle Deine Unterneh⸗ mungen zu Wasser und zu Lande haben, die Du zur Mehrung des Ruhms des Reichs planst.“
In diesem Tone ging es noch eine Weile fort. Schließlich schwur der edle Römer, daß der Kaiser nirgends ihm ergebenere Menschen finden könne, als im Taunus. Ein anderer Schauspieler sprach dann einen von dem Hospoeten Major Lauff gedichteten Prolog, der von Byzantinismus trieft und in dem es von Adlern, Schildern und Schwertern wimmelt. Nach dem erfolgte die Grundsteinlegung unter„Trompeten⸗ und Posaunengeschmetter“.(So berichten bürgerliche Blätter.) Bei den Hammerschlägen hielt der Kaiser eine Rede, in der er seines Vaters gedachte, der die Wiederherstellung der Saalburg angeregt habe— des alten Römer⸗ kastells: 5
„Ein Zeuge der römischen Macht und ein Glied in der gewaltigen Kette, die einst die Legionen um das gewaltige Reich legten, die auf das Geheiß des einen römischen Im⸗ perators, des Cäsar Augustus, der Welt ihren Willen aufzwangen und die gesammte Welt der römischen Kultur eröffneten, die befruchtend vor allem auf die Germanen fiel. So weihe ich diesen Stein mit dem ersten Schlage der Erinnerung an den Kaiser Friedrich III., mit dem zweiten Schlage der deutschen Jugend und den herauwachseuden Ge⸗ schlechtern, die hier in diesem neuerstandenen Museum lerneu mögen, was das Weltreich bedeutet, und dem dritten der Zukunft unseres deutschen Vaterlandes, dem es beschieden sein möge, in den künftigen Zeiten durch das einheitliche Zu⸗ sammenwirken der Fürsten und Völker, ihrer Heeze
und ihrer Bürger so gewaltig, so fest geeint und so maßgebend zu werden, wie es einst das römische Weltreich war, damit es auch in Zu⸗ kunft dereinst heizen möge wie in alter Zeit: Civis romanus sum“, nunmehr: Ich bin ein deutscher Bürger“.
Nach abermaligem Fanfaren⸗ geschmetter und nachdem die Römer und Germanen die Schilder mit den Schwertern geschlagen und ihrem Imperator gehuldigt hatten, verließ der Kaiser die Saalburg.
Der Kaiser stellt hier das römische Staats⸗ wesen uns als ein erstrebenswerthes Ziel hin. Wir aber haben ein anderes Ideal. Selbst äußerlich soll unser Volk, wenn es nach uns geht, nicht dem römischen gleichen.
Gewiß, das römische Reich war„angesehen“,
aber es war ein Koloß auf thönernen Füßen, innerlich zermorscht und ver fault gerade zu iener Zeit, als es nach außen am anspruchsvollsten auftrat. Sklaven⸗ wirthschaft, Raubpolitik, Milita⸗ rismus— das war das Fundament, auf dem sich Roms Größe erhob; wir aber wollen Freiheit der Arbeit, Gleichheit der Bürger, Brüder lich eit 9 Völker. Unsere Ideale sind den römischen gerade entgegengesetzt. And ere Zeiten geben uns andere Aufgaben. Und die wahre Größe unseres Vaterlandes sehen wir dann am besten gesichert, wenn tiefgehende Wandlungen uns von den Resten des Ueberlebten frei gemacht haben.
Vielen monarchischen Blättern hat das Cäsarenfest durchaus nicht gefallen; so spricht sich die„Nationalzeitung“ ziemlich abfällig über die Maskerade aus. Der Feier habe ein anachronistischer(zeitwidriger) Zug angehaftet, Theater und Wirklichkeit sei zu sehr ineinander⸗ gelaufen. Wenn ein als römischer Legat verkleideteter Schauspieler den von Herren in Frack und Uniform umgebenen deutschen Kaiser mit den deutschen Versen des Majors Lauff be⸗ grüße, so sei das ein wunderliches Durcheinander.
Polizeimaßregeln bei Kaiserbesuchen.
Dem königstreuen Volke gegenüber, scheint die Polizei bei Kaiserbesuchen eine ganz außer⸗ gewöhnliche Vorsicht für nothwendig zu hal⸗ ten. Nach Barmen⸗Elberfeld, das der Kaiser jetzt besuchen sollte, sind von verschiedenen west⸗ phälischen und rheinischen Städten aus zahl⸗ reiche Geheimpolizisten entsandt worden. Des⸗ halb müssen dort die Leute sehr vorsichtig in ihren Reden sein, ein einziges unbedachtes Wort
kann zur Verhaftung führen. So wurden zwei
Fabrikarbeiterinnen, die den Ausschmückungs⸗ arbeiten zusahen und dabei eine unehrerbie⸗ tige Aeußerung über den Kaiser machten, von zwei auswärtigen Polizeibeamten verhaftet.
Auch die Polizei in Hildesheim übt die größte Vorsicht. Sie versendet an die Polizei⸗ behörden anderer Orte folgendes schreiben:
Hildesheim, den 6. Oktober 1900. Polizei⸗Direktion. T. BNr. Geheim.
Aus Anlaß der Anwesenheit Sr. Majestät des Kaisers und Ihrer Majestät der Kaiserin hierselbst am 15. d. M. ersuche ich, sofortige, wenn nöthig telegraphische Mittheilung hierher gelangen zu lassen, falls dort wohnende Anarchisten oder als solche ver⸗ dächtige Personen sich in der Zeit von heute bis zum 15. d. M. von dort entfernen sollten. Gleichzeitig bitte ich um Mittheilung und Signalement und, wenn mög⸗ lich, um Photographie der betreffenden Person.
An die Polizei⸗Behörde
zu
Da nun aber der Kaiserbesuch verschoben wurde, weil Wilhelm II. noch wegen der Krank⸗ heit seiner Mutter in Homburg bleibt, ist die Hildesheimer Polizei genöthigt, ihre geheimen Zirkulare beim Bekanntwerden des neuen Be⸗ suchstermins noch einmal zu versenden.
Die„unwandelbare Treue zu Kaiser und Reich“, welche die Byzantiner dem deutschen Volke bei jeder Gelegenheit nachrühmen, er⸗ scheint durch solche Maßnahmen in eigenthüm⸗ lichem Lichte.
Wegen einer„wahrscheinlichen“ Majestäts⸗ beleidigung wurde unser Genosse Haupt, Redakteur de
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