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Gießen, Sonntag, den 12. Oktober 1900.
Redaktion: Kirchenplatz 11. Schloßgasse.
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Der Sturmlauf der Wucherer.
Deutschland erzeugt bekanntlich nicht so viel Brotgetreide, wie die Bevölkerung bei den be⸗ scheidensten Ansprüchen bedarf. Infolgedessen muß Getreide von außen eingeführt werden. Die Sperrung der Grenzen gegen jede Ein⸗ fuhr ist nun das Ziel der Agrarier. Wollen sie sie erreichen, so muß das Manko an Getreide im Innland durch Mehrproduktion gedeckt wer⸗ den. Daran ist nun nicht zu denken, da der Grund und Boden sich nicht beliebig vermeh⸗ ren läßt.
Wie helfen sich die Agrarier aus dieser Klemme? Ganz einfach: Seit Jahren behaup⸗ ten sie trotz aller Zahlenreihen, daß die deut⸗ sche Landwirthschaft sehr wohl in der Lage sei, die nöthigen Getreidemengen zu produziren, es müßte ihr nur erst der nöthige Schutz zu theil werden. Nach dem agrarischen Rezept sollen also erst die Grenzen durch unübersteigliche Schutzzölle geschlossen werden und dann wird die deutsche Landwirthschaft daran gehen, durch intensive Wirthschaft für den erforderlichen Weizen und Roggen zu sorgen.
Da die Agrarier konservativer, klerikaler und nationalliberaler Färbung heute die größte Macht darstellen und im Reichstag über eine kompakte Mehrheit verfügen, so gab die Re⸗ gierung klein bei und Herr v. Posadowsky ar⸗ rangirte auf ganz merkwürdigem Wege eine „Produktionsstatistik“, deren Ergebnisse die An⸗ sicht der Brotverteurer zu stützen schien.
Alles war gut. Die deutschen Landwirthe jubelten und verlangten, wie wir berichtet ha⸗ ben, 10 Mark Zoll, also nahezu eine Verdrei⸗ fachung des jetzigen Zollsatzes. Da kam vor einigen Tagen der Reichs anzeiger, also
das offiziellste Blatt, das wir überhaupt be⸗
sitzen, mit einem umfangreichen Auszug aus dem schon einige Monate vorliegenden Werke des kaiserlichen statistischen Amts„Die deutsche Volkswirthschaft am Schlusse des 19. Jahrhun⸗ derts.“ Er teilte genaue Zahlen über die An⸗ baufläche, die Ernten, die Viehzucht, die Ein⸗ und Ausfuhr an Brotgetreide, Vieh und Fleisch und den Verbrauch an diesen Lebensmitteln mit. Das Schluße rgebniß faßte dann der Reichsanzeiger dahin zusammen:
Die hier mitgetheilten Zahlen beweisen, daß die deutsche Landwirthschaft sowohl auf dem Gebiete des Getreidebaues wie auf dem der Viehzucht dem Wachsthum der Bevölkerung zu folgen sucht, daß aber der Bedarf in beiden Beziehungen— Getreide und Fleisch— eine Zufuhr vom Anslaude erheischt, um voll ge⸗ deckt zu werden.
So wahr das ist und so oft das schon bewie⸗ sen ist, so tief schlug die Bombe ins agrarische Lager. Die Mühe, die Posadowsky sich mit seiner Produktionsstatistik gegeben, war um⸗ sonst; der Reichsanzeiger trat auf die Seite der„Freihändler“. Hohe Gefahr war im Ver⸗ zuge, es durfte keinen Augenblick gezögert wer⸗ den und so richtete der Knuten-Oertel in der deutschen Tageszeitung ein geharnischtes Ulti⸗ matum an die Regierung, aus dem wir die fol⸗ genden Sätze wiedergeben wollen:
.Wir wünschen baldige Entscheidung und
völlige Klarheit— so oder so! Es ist zur Ge⸗ nüge gefragt, erwogen, erörtert worden. Wer sich
heute noch nicht entscheiden kann, dem fehlt die
. Fähigkeit der Enischeidung überhaupt. Entscheidet
3 sich die Reichsregierung für den vernünftigen und wirksamen Schutz der heimischen Ar⸗ beit, dann hot sie im Reichstage und im Volke eine kompakte Mehrheit hinter sich, und das Vor⸗ handensein dieser Mehrheit wird die Stellung der Unterhändler außerordentlich stärken Will sie aber in den Bahnen der Caprivischen Wirthschaftspolitik weiter wandern und denkt sie vielleicht. die deursche Dandwirthschaft durch eine winzige Er höh⸗ ung des niedrigen Getreidezolles zu ge⸗ winnen, so wird sie bald inne werden, daß ihre Hoffnungen grundlos sind, und daß sie einen Kampfim Innern zu führen haben wird, der für ihre ganze Zukunst von den allerbe⸗ denklichsten Folgen sein wird. Je länger sie mit der Entscheidung zögert, um so schwächer wird ihre Stellung— drinnen und draußen. Wir sind auf Alles gerüstet. Schlägt die Regierung die Bahnen ein, die zur Gesundung des heimischen Wirthschastslebens und zur Kräftigung der deulschen Arbeit in Stadt und Land führen, so kann sie auff uns unbedingt und in allen Verhältnissen rechnen. Andernfalls werden wir den uns aufgezwungenen Kampf aufnehmen und mit der pflichtmäßigen Euischiedenheit durchführen, davon durchdrungen, daß unsere Niederlage gleichbedeutend ist mit der wirthschaftlichen und uber kurz oder lang auch der politischen Niederlage des deutschen Volkes. Der Kampf ist unvermeidlich, so oder so. Auch durch unklare Halbheten vermeidet man ihn nicht; man muß ihn nur gegen zwei Fronten führen.
Das ist die formelle Kriegserklärung der Agrarier an die Regierung. Ihr wird von den modernen Raubrittern das Messer an die Kehle gesetzt: so oder so! Entweder einen Zollsatz, der eden Handelsvertrag unmöglich macht— das ist das eigentliche Sehnen jener Seite— dann iind sie zu allem zu haben, zu Marinevor⸗ lagen und einem Dutzend Chinaabenteuer— oder wenn etwa Caprivisch verfahren werden sollte, dann Kampf im Innern, keine Kähne, keine Weltpolitik.
Hätten wir in Deutschland eine Bourgeo⸗ ist, die ihre Klassenforderungen auf dem Zoll⸗ gebiete begriffen hätte, so könnte man der Droh⸗ ungen der Agrarier spotten, die wohl schreien aber nicht beißen. Da wir aber ein Bürger- tum besitzen, das aus Angst vor den berechtigten Klassenforderungen der Arbeiterschaft sich in seiner Mehrheit dem Junkerthum mit Haut und Hacken berschreibt, so ist die Befürchtung nicht von der Hand zu weisen, daß die Wucherer ihr Ziel erreichen, nicht nur sich um Milliar⸗ den bereichern, sondern auch Deutschland in Zollkriege sonder Zahl stürzen.
Denn die Agrarier sitzen ja nicht nur unter den„geflickten Strohdächern“ Ostelbiens, sie sind im Westen und Süden nicht viel weniger zahlreich und haben längst das gesammte Cent⸗ rum erobert. Der Centrumsabgeordnete He— rold hat auf dem achten„praktisch sozialen Kur⸗ sus,“ der kürzlich in Köln stattfand, sich für einen Weizenzoll von 8 Mark und einen Roggenzoll von 6,50 Mark erklärte, dann würde die Landwirthschaft wieder„rentabel“ werden, aber auch nur unter der Voraussetzung, daß die Erhöhung des Zollsatzes ine lem gan⸗ zen Umfang in der Preissteigerung zum Aus⸗ druck komme. Und der Centrumabgeordnete Dr. Bachem führte dieser Tage auf einer Zu— sammenkunft in Crefeld folgendes aus:
Für die Interessen den Landwirthschaft muß nun
mit größerer Energie eingetreten werden wie für die Industrie, welche selbst für sich sorgt. Wie
es voß jeher die Pflicht des Centrums war, für den „wii 2h schaftlich Schwächeren“ einzutreten, so ist es auch jetzt seine Pflicht, für die Landwir th⸗ schaft zu sorgen. Ich kaun Ihnen sagen, das Centrum wird dabei sein, wenn die Zölle erhöht werden.
Da die Nationalliberalen in ihrer großen Mehrheit auch dabei sind, so ist die Koalition fertig, die auf die in sich gespaltene Reichsre⸗ gierung den nöthigen Druck ausübt und sie zum. Nachgeben zwingen iwrd. Mit dem 8 Mark Zoll wird man dann nicht aufhören, bei 10 Mark ist man ja schon angekommen und es ist fraglich, ob dort Halt gemacht wird.
Unsere Genossen sehen, wie ernst die Lage ist. Die Wucherer laufen Sturm und sie erreichen das Ziel, wenn das Volk in seiner Masse sich nicht auflehnt gegen den Hungerzoll und die Milliarden⸗Auspowerung.
Dem Ring der Brotwucherer muß die Arbei⸗ terschaft und mit ihr die Kleinbauern und Hand⸗ werker Deutschlands eine feste Phalanx entge⸗ genführen, die sich zu sammeln hat unter dem Ruf: i
Nieder mit den Getreidezöllen!
Neuer Reichskanzler.
Graf v. Bülow wurde zum Reichs⸗ kanzler, preußischen Ministerpräsidenten und Minister der auswärtigen Angelegenheiten er⸗ nannt.— Der Reichstag ist auf den 14. No vember einberufen.
Ausfuhr von Lebensmitteln.
Die Agrarier sind fanatische Gegner der Zufuhr fremden Viehes und Fleisches nach Deutschland, sie organisiren aber die Ausfuhr. So hat die Genossenschaft für Viehverwerthung in Berlin umfangreiche und kostspielige Vorbereitungen getroffen, um einen ergiebigen Zuchtviehverkauf nach Rußland zu schaffen. Ein eigener Vertrauens mann, so ist in der„Frankfurter Zeitung“ zu lesen, bereist Rußland und verhandelt mit den russischen, die Einfuhr begünstigenden Behörden; es wird eine Filiale für Zuchtviehverkauf in Rußland errichtet und die Zuchtvereinigungen und Zuchtgenossenschaften in Deutschland werden aufgefordert, sich wegen des Absatzes ihrer Zuchtprodukte mit der Genossenschaft für Vieh⸗ verwerthung in Verbindung zu setzen. Be⸗ kanntlich klann die deutsche Landwirth⸗ schaft den Inlands verbrauch an Fleisch nicht decken. Wenn sie nun auch noch exportirt und ihr zu Liebe die Einfuhr theils verboten, theils erschwert und vertheuert wird, so entsteht ein Zustand, der eine Noth der Konsumenten schafft.
Erhöhung der Biersteuer in Sicht!
Ueber die Bemessung des Zoll⸗ satzes für Gerste im deutschen Zolltarife haben im Reichs⸗ amt des Innern Verhandlungen stattgefunden. An denselben haben eine Anzahl Interessenten des Braugewerbes, u. a. Kommerzienrath Sedl⸗ mayr⸗München, Henrich- Frankfurt a. M., Leisewitz Bremen und Reichstagsabgeordneter Rösicke⸗Berlin, theilgenommen. Geleitet wurden die Besprechungen von Regierungsrath Müller. Die Sachverständigen wiesen die enorme
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