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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 21.

setz so auszustalten, daß einigermaßen die Interessen der Arbeiter gewahrt werden; doch werden die einzelnen Paragraphen meist nach den Komissionsbeschlüssen ange⸗ nommen. Von den bürgerlichen Parteien wird den Sozial⸗ demokraten diese selbstverständliche Ausübung ihrer Pflicht übel genommen; Herr Kaplan Hitze schob ihnen sogar die Absicht unter, mit ihren Reden nur die Beratungen ver⸗ schleppen zu wollen. Auf diese Anrempelung wurde ihm von Genossen Hoch energisch gedient. Hoch sagte ihm: Herr Hitze hat duraus keine Befugnis, uns vorzuschreiden, wann und wo wir reden sollen, und welche Anträge wir zu stellen haben. Wir sind nicht hier, um vor Herrn Hitzes Augen Enade zu finden, sondern um die Interessen der Arbeiter zu vertreten. Herr Hitze sollte übrigens anerkennen, daß wir stets bemüht sind, die Sache nicht unnötig zu verschleppen. Unsere Pflicht, das Gesetz zu verbessern, dürfen wir jedoch nicht außer acht lassen. Wenn es sich um die Interessen der Berufs⸗ genossenschaften handelt, dann haben die Herren merk⸗ würdigerweise auch Zeit zulangen Reden; nur um die Interessen der Arbeiter zu verteidigen, ist ihnen die Zeit zu kurz. Wenn Herr Hitze unsere Anträge für so thöricht hält, dann verstehe ich seine Angst nicht, daß unsere Reden unter die Arbeiter kommen können. Uns liegt auch daran, die Arbeiter aufzuklären, wie das be⸗ rühmte sozialpolitische Centrum die Arbeiter im Stich läßt. Sie begnügen sich mit Scheinverbesserungen, wir wollen wirkliche Verbesserungen. Die Beratung der Unfallversicherungsgesetze auf die wir hier im Einzelnen nicht eingehen können sollte bis zum 16. Mai erledigt sein, worauf die Lex Heinze, die man längst begraben wähnte, wieder auf die Tagesordnung kommen soll. Bei dieser Gelegenheit versuchten die Dunkel männer im Verein mit dem Präsidenten, der ja auch einer der ihren ist, die Linke zu überrumpeln und die Obstruktion zu überwältigen. Bisher war es im Reichstage üblich, daß die Vertrauensleute aller Parteien sich unter Vorfitz des Präsidenten über die Erledigung der Geschäfte verständigten. Die in dieser Beziehung von demSeniorenkonvent so heißt das Vertrauensmännerkollegium gemachten Vorschläge kann ja der Präsident annehmen oder ablehnen, auch das Plenum kann andere Dispositionen treffen. Diese Ein⸗ richtung hat sich auch immer bewährt, obwohl dieselbe nicht in der Geschäftsordnung vorgeschrieben ist. Präsident Ballestrem hat jedoch den Seniorenkonvent umgangen und es es nicht unter seiner Würde ge⸗ halten, sich mit den Heinzemännern allein dahin zu verständigen, daß die Lex Heinze noch vor der Flotten⸗ vorlage zur Erledigung kommen soll. Das Zentrum will das pfäffische Machwerk eben unter allen Umständen zum Gesetz erheben und da dies in offener, ehrlicher Weise nicht möglich ist, mußten solche hinterlistigen Manöver angewendet werden. Wegen dieser richtete am Freitag Singer eine Anfrage an das Präsidium. Präsident Ballest rem, der nicht anwesend war, antwortete am Samstag vor Eintritt in die Tages⸗ ordnung in ziemlicher Erregung auf Singers An frage. Er suchte seine Handlungsweise damit zu recht⸗ fertigen, daß der Seniorenkonvent keine geschäftsordnungs⸗ mäßige Einrichtung des Reichstages sei und er denselben berufen könne und auch nicht. Diesmal habe er denselben absichtlich nicht berufen, er halte dies aber dann für ganz überflüssig.wenn die eine oder die andere größere Partei es sich zu ihrer Aufgabe macht, die ge⸗ ed Erledigung solcher Vorlagen mit ormellen geschäftsordnungsmäßigen Mitteln zu verhindern was man im gewöhnlichen Leben Obstruktion nennt. Schließlich erklärte er, daß die Lex Heinze noch in dieser Woche zur Beratung kommen solle. Das war es eben, was Singer wissen wollte, das aber bisher nur den Heinzemännern bekannt war. Als Singer seine Befrie⸗ digung darüber ausdrückte, daß nun dem ganzen Hause bekannt sei, was der Präsident nur mit einigen Mitgliedern verabredet habe, schlug Graf Ballestrem, dessen Unparteilichkeit dadurch in etwas eigentümlichen Lichte erschien, heftig auf den Tisch und erklärte erregt, daß Verabredungen nicht stattgefunden hätten. Der Plan war schlau ersonnen; das Pfaffengesetz wäre ohne Singers Anfrage unerwartet auf der Tagesordnung erschienen und selbstverständlich von der vorher herbei⸗ telegraphierten Heinzegarde angenommen worden. Nun⸗ mehr wird die Opposition ebenfalls am Platze sein und es wird gehörige Kämpfe absetzen. Von Uah und Fern.

Mitteilungen aus unserem Leserkreise sind uns jederzeit willkommen.

Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich A Gewissenhaftigkeit

bei Uebermittelung von Nachrichten. Wir bitten alle zum Druck bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreiben.

Lohnbewegung der Maurer in Gießen.

Am Freitag(11. Mai) Nachmittags tagte im Café Leib eine Maurer⸗Versammlung, die von faft sämmtlichen in Gießen beschäftigten 400 Mauern besucht war, um bezüglich ihrer Lohnbewegung endgültig zu beschließen. Kollege Herborn⸗Frankfurt begründete eingehend die aufgestellten Forderungen. Er wies zunächst hin auf die höheren Kosten der Lebenshaltung der Arbeiter, hervorgerufen durch Verteuerung der notwendigen Lebensmittel, und der Wohn⸗ und Mietspreise. Die Forderungen eines Stunden⸗ lohnes von 36 Pfg. für ältere und 31 Pfg. für jüngere Gesellen sei deshalb berechtigt. Da⸗ durch werde auch eine feste Norm geschaffen;

gegenwärtig richte sich die Lohnzahlung oft genug nach der Gun st des Unternehmers oder Parliers. Nach den Feststeklungen der Lohnkommision be⸗ tragen gegenwärtig die Löhne

für 37 Maurer 2125 Pfg. pr. St.

1 85 2629 1 1 1 1 39 01 30* 77 35 77 3 1 77 77 77 1 181 32 N 59 1 1 33 und mehr

Unbedingt notwendig sei ferner die Ver⸗ kürzung der Arbeitszeit auf zehn Stunden; diese liege auch im Interesse des Unternehmers, denen je länger die Arbeitszeit, defto geringer die Leistungen der Arbeiter. Viele aus wärts wohnende Maurer haben jetzt einschließlich des des Weges zur Arbeitsstelle 15 16 stündige Arbeitszeit. Redner besprach weiter die hier üblichen mangelhaften Gerüste, das Fehlen der Abdeckung der einzelnen Stock werke, wodurch die Gefahr für die in der Höhe Arbeitenden vergrößert werde, ferner den Mangel der Baubuden und Aborte. Erfreulicherweise haben sich die Arbeitgeber zu Unterhandlungen bereit erklärt, so daß eine gütliche Erledigung der Angelegenheit zu hoffen ist. Dieser Hoffnung gab die Versammlung auch in der einstimmig zur Annahme gelangten Resolution Ausdruck. Zugleich wurde beschlossen, um während der Unterhandlungen freie Hand zu behalten, am Samstag d. 12. d. Mts. überall die Arbeit zu kündigen. Die Kommission, in welche Karl Busch⸗Gießen, Gg. Schön⸗Klein⸗Linden, Wilhelm Winter⸗Gleiberg und Heinrich Fischer⸗ Großen⸗Buseck einstimmig gewählt werden, wird mit der Unterhandlung mit den Arbeitgebern betraut und soll darüber in weiterer Versamm⸗ Bericht erstatten.

Nach den Feststellungen der Kommission sind von den hier beschäftigten 399 Maurern 243 verheiratet. Diese haben zusammen 373 Kinder. In Gießen wohnhaft sind nur 20, die übrigen verteilen sich auf alle Orte der Umgebung. Dem Verbande gehören 329 Maurer an. In Gießen in Arbeit genommen sind 31 Neubauten und 7 Reparaturbauten sowie 1 Brückenbau.

Der Gießener Weiß binderstreik dauert noch immer fort. Für die Arbeiter steht die Sache ganz günstig, ein großer Teil der Ledigen ist ab⸗ gereist und haben dieselben anderweit Beschäftigung ge⸗ funden. Außer den wen igen bei Beginn der Bewegung stehen gebliebenen Gesellen haben die Ausständigen Streik⸗ brecher nicht zu verzeichnen. Verschiedentlich haben die Arbeitgeber anderwärts, sogar in Frankfurt auf dem Verbandsbure au, das doch den Gießener Streik unterstützt, Arbeiter gesucht, natürlich ohne welche zu finden. So mancher Maler⸗ und Weißbindermeister sieht sich deshalb genötigt, selbst den Pinsel in die Hand zu nehmen und die seit Jahren ungewohnte Thätigkeit auf dem Gerüste wieder aufzunehmen. Geringe Zu⸗ geständnisse würden sie dieser Unannehmlichkeiten ent⸗ heben! k. Nachträgliches zur Maifeier.

D. Lauterbach. In den geräumigen Lokalitäten des Gastwirts Keutzer fand am letzten Sonntag unter zahl⸗ reicher Beteiligung der Genossen aus Alsfeld, Schlitz, Lauterbach und vielen Landorten die Maifeier für den oberen Bezirk unseres Wahlkreises statt, wobei Ge⸗ nosse Schmidt ⸗Preungesheim die Festrede hielt. Redner besprach eingehend die Beschlüsse des Pariser Kongresses von 1889; gerade bei unserer diesjährigen Maidemon⸗ stration könne im Hinblick auf die Greuel in Südafrika, sowie auf den Volksverrat, den die ausschlaggebende Partei in der Flottenfrage begangen, nicht laut genug gerufen werden: Nieder mit dem Militarismus und Marinismus! Es sei erfreulich, daß es auch in den dunkelsten Gegenden des Zentrums immer heller wird, das beweise das Vorgehen der Fuldaer Bauarbeiter. Das Verhalten des Dreschflegelapostels Grafen Pückler und seines Kumpans Bindewald einer scharfenß Kritik unterziehend, schloß Redner mit dem Wunsche, daß die Arbeiterschaft von Oberhessen alles aufbieten möge, um diesen Wahlkreis den Händen dieser idiotischen Prügel⸗ helden zu entreißen und für einen Sozialdemokraten zu erobern. Das Fest, welches ursprünglich in Schlitz ab⸗ gehalten werden sollte, aber durch Einwirkung der dor⸗ tigen Behörde in letzter Stunde vereitelt wurde, indem der Wirt Gg. Gerbig sein Lokal verweigerte, fand bei Gesang, Tanz, Volks⸗ und Kinderspielen einen würdigen Abschluß.

Rodheim v. d. H. Das erste Mal, seit Bestehen des Weltfeiertages war es uns in diesem Jahre möglich, eine Maifeier zu arrangieren, und wir können mit dem Verlauf derselben zufrieden sein. Das Lokal war dicht

besetzt von den hiesigen und aus der nächsten Umgebung erschienenen Genossen; auch die Frauen waren in statt⸗ licher Zahl vertreten.

Nach dem ausgezeichneten Referat

des Genossen Habicht aus Frankfurt a. M., das mit vielem Beifall belohnt wurde, gelangte eine entsprech ende Resolution einstimmig zur Annahme. Möge die Feier ein Ansporn für die hiesige junge Partei zu weiterer rühriger Arbeit für unsere gute Sache sein.

Arbeiter⸗Vertreter im hessischen Ministerium. Zur Beratung von Fragen, welche die gewerblichen Arbeiter betreffen, sollen von der Ministerialadteilung für Landwirtschaft, Handel und Gewerbe zukünftig auch Arbeiter herangezogen werden, welche hierzu auf Grund von Vorschlägen der Gewerbeinspekeoren, die sich zu diesem Zwecke mit Arbeiter⸗Organisationen in Verbindung gesetzt hatten, auf 3 Jahre ernannt sind. Für den Bezirk Gießen sind berufen: Gotthold Bergmann, Obermeister in Schlitz; Louis Oswald Werkmeister in Gießen und und Joh. Rudolph, Cigarrenmacher in Wieseck. Diese Neueinrichtung ist entschieden als ein Fortschritt auf sozialpolitischem Gebiete zu begrüßen, wenn man sich auch keinen übertriebenen Erwartungen hinzugeben braucht. DerGießener Anzeiger nimmt es demVorwärs übel, daß er bei Besprechung dieser Angelegenheit die Rückständigkeit anderer Staaten auf diesem Gebiete her⸗ vorhebt und meint, derVorwärts könne dasRäson⸗ nieren nicht lassen Will derGieß. Anz. diese Rück⸗ ständigkeit bestreiten? Sieht er vielleicht das agrarische Zuchhausgesetz in Reuß oder die ewigen Quälereien der Gewerkschaften in Sachsen als sozialpolitischen Fort⸗ schritt an? Daß die sozialdemokratische Kritik sehr notwendig ist, erkannte selbst Fürst Bismark an, der zugab, daß es ohne die Sozialdemokratie überhaupt keine Sozialreform geben würde. Auch die Hoffnung des Anz. daß durch das geistige Zusamme narbeiten mit christlichen Arbeitern die sozialdemokratischen bekehrt würden, dürfte sich als trügerisch erweisen; wie die Er⸗ fahrung lehrt, ist stets das Umgekehrte der Fall.

Aus Wetzlar.

-th. Noch immer dauert der Kampf der hiesigen Handschuhmacher fort. Es befinden sich 27 Mann, größtenteils Verheiratete mit starken Familien, im Ausstande. Wie uns von den Handschuhmachern mitgeteilt wird, waren die Forderungen der Arbeiter so gestellt, daß es zu einer Einstellung der Arbeit nicht zu kommen brauchte, wenn man nur einigermaßen Entgegen⸗ kommen von Seiten der Fabrikanten gezeigt hätte. Jedoch diesen, welche dem Verein der Handschuh⸗ fab rikanten Deutschlands angehören, ist es wohl mehr um die Zerstörung der Arbeiterorganisation zu thun, sonst wären sie wenigstens auf Unter⸗ handlungen eingegangen. In Wetzlar werden hauptsächlich Militärhandschuhe angefertigt, die in Lieferungen submissionsweise vergeben werden. Durch die Konkurrenz der Fabrikanten sind die Preise in den letzten Jahren um 30 Pfg. das Paar herabgedrückt worden. Die Folgen davon haben immer die Arbeiter zu tragen; während früher die Näherinnen 1.80 Mark für das Dutzend erhielten, werden jetzt nur noch 1,20 Mark gezahlt. Es stünde um vieles besser, wenn die Fabrikanten die Einigkeit, die sie jetzt gegen die Arbeiter an den Tag legen, bei den Submissionen bethätigten und sich nicht gegenseitig unterbieten würden. Wenn die Unter⸗ nehmer aber glauben, die Arbeiter durch Hunger zur Wiederaufnahme der Arbeiter zu den alten Bedingungen zwingen zu können, so täuschen sie sich. Ihr protziges Verhalten hat vielmehr nur die Erbitterung auf Seite der Arbeiter gesteigert, aber auch deren Einigkeit gefestigt, und sie sind entschlossen, in dem für sie schweren Kampfe unter allen Umständen auszuharren. Das hier am Orte noch nie dagewefene Schauspiel eines Streiks dürfte also noch eine Zeit lang andauern.

Aus dem Wahlkreise Marburg⸗ Kirchhain.

Marburg, 17. Mai.

Gewerkfchaftliches. Am Sonnabend den 12. Mai fand im Lokale des Herrn Jesberg eine zahlreich besuchte Versammlrng der am hiesigen Orte beschäftigten Weißbinder, Maler, Lackierer ꝛc. statt. Genosse Tobler⸗ Hamburg, welcher das Referat übernommen hatte, schil⸗ derte den Zweck und Nutzen der Organisation, forderte die Anwesenden auf, die Lässigkeit abzustreifen um mit einzutreten in die Reihen des kämpfenden Proletariats. Folgende Resolution wurde einstimmig angenommen: Die heutige Versammlung der Weißbinder, Maler, Lackierer ꝛc. erklärt sich mit den Ausführungen des Genossen Tobler⸗ Hamburg, vollständig einverstandeu. Sie erblickt in der Organisation das einzige Mittel zur Hebung ihrer Lage und verpflichtet sich, dem Verbande der Maler, Lackierer, Anstreicher, Tüncher und Weiß⸗ binder Deutschlands beizutreten. Der Ersolg war, daß sich sofort 20 Mann der neu gegründeten Filiale an⸗ schlossen. Dieses ist innerhalb weniger Wochen der zweite Erfolg, der auf gewerkschaftlichem Gebiete in Marburg zu verzeichnen ist. Da es an Kräften fehlt,

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