Ausgabe 
20.5.1900
 
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Seite 2.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Medizin an den Nagel zu hängen und Juris⸗

prudenz und Nationalölonomie zu studieren, um nicht als Arzt, sondern als Konsul im Ausland thätig sein zu können. In Erlangen, Berlin, Genf und München hörte ich juristische und volkswirtschaftliche Vorlesungen... Das Studium der Jurisprudenz und Volks wirtschaft bekehrte mich. Meine sozialdemokratische Anschauung und mein wirtschaftliches Urteil wurde noch weiterhin bestärkt und vollendet, als ich durch Beteiligung an der Verwaltung eines industriellen Unter⸗ nehmens Einblick in den grenzenlosen Ego⸗ is mus der herrschenden Klasse, in die sozialpolitische Berständnißlosigkeit des Unternehmertums, in die Unwahr⸗ heit des ganzen Systems der Bourgeoisie er⸗ hielt.. Ich erkannte das erfolglose Bemühen der kleinen und mittleren Betriebe, mitzukommen bei den Fortschritten der Technik und der Konzen⸗ tration des Kapitals. Ich sah die Verdrängung der zersplitterten Kleinbetriebe, das Wachsen des Großbetriebes, die Verbindungen solcher in Kolossalbetrieben, die bereits die Gegenwart, aber zwingend die Zukunft in gewissen Wirtschafts⸗ zweigen in Universal⸗ in Weltbetriebe umwandeln werden in Folge der lawinenartigen Konzentration des Kapitals und der Monopolisicung immer neuer Betriebe. Ich sah auf der anderen Seite die Zunahme der Un sicher heit der wirt⸗ schaftlichen Existenz, des Druckes, der Knechtung und der Ausbeutung der proletarischen Massen zu Gunsten Weniger. Und da ist es mir zur Gewißheit geworden, daß nur die Ver⸗ wandlung des kapitalistischen Privateigent ams an Produkiionsmitteln in gesellschaftliches Eigen⸗ tum und die Umwandlung der Warenproduktion in sozialistische für und durch die Gesellschaft betriebene Produktion es bewirken kann, daß der Großbetrieb und die stets wachsende Ertrags⸗ fähigkeit der gesellschaftlichen Arbeit für die bis⸗ her ausgebeuteten Klassen aus einer Quelle niederer Lebenshaltung und Unterdrückung zu einer Quelle der höchsten Wohlfahrt und allseitiger harmonischer Vervollkommnung werde.

um die Lex Heinze.

Den Gesetzentwurf zur Unterdrückung der Freiheit in Kunst und Wissenschaft suchen die gescheitelten und ge⸗ schorenen Mucker mit allen Mitteln zur Annahme zu bringen. Das Zentrum sucht sich dadurch eine Deckung gegen die Angriffe zu schaffen, die ans seinen eignen Wählerkreisen wegen seines Verrates in der Flotten frage zu erwarten sind. Um den Sieg der Heinze⸗ männer herbeizuführen, richtet der Präsident des deutschen Reichstags die Diktatur auf und giebt die Unpartei⸗ lichkeit, die von einem Präsidenten in erster Linie ver⸗ langt werden muß, preis. Hoffentlich gelingt es der Opposition, die Angriffe des Pfaffentums abzuschlagen. Der Kampf dürfte schon entschieden sein, wenn das Blatt in die Hände unserer Leser gelangt. Ueber das Ver⸗ halten des Präsidenten finden sie weiteres im Reichs⸗ tagsbericht.

Die Warenhausstener

wird jetzt selbst schon den Konservativen bedenk⸗ lich. In derKreuzzeitung führt einFach⸗ mann aus, daß die Steuer, namentlich infolge der ihr zu Grund gelegten Einteilung der Handels⸗ artikel in fünf Gruppen, das Gegenteil von dem bewirken würde, was die Mittelstandsretter wünschen. Geschäfte, welche mehr als eine Gruppe führen, würden der Steuer verfallen. Nun ist die Einteilung so getroffen, daß selbst die größeren Spezialgeschäfte Berlins und des preu⸗ ßischen Staates, die einen Umsatz von mehr als 300 000 Mk. erzielen, mit nur ganz vereinzelten Ausnahmen die Steuer zahlen müßten. Diese Geschäfte würden dadurch veranlaßt werden, da sie die Steuer ja doch zahlen müssen, neue Artikel aufzunehmen, um durch vergrößerten Umsatz die Steuer aufzubringen. Sie würden dadurch zu Bazaren auswachsen und nicht eine Verlangsamung, sondern eine Beschleunigung in der Bildung von Bazaren würde demnach der Kommissionsbeschluß zur Folge haben. Ganz richtig. Die Warenhaussteuer

kam anläßlich einer Petition im württem⸗ bergischen Landtage zur Sprache. Der Staatsminister Pischek erhob schwere Bedenken gegen eine solche Steuer, die eine Steuer auf billigen Einkauf und rationellen Betrieb sei. Höchstens könne

den Gemeinden das Recht gegeben werden, die Warenhaussteuer bis zu einer gewissen Grenze selbständig zur Besteuerung heranzuziehen. Alle bürgerlichen Parteien, sogar einige Mitglieder der Volkspartei, die bekanntlich im württem⸗ bergischem Landtage die Mehrheit hat, verlangten die Einführung einer solchen Steuer zurRettung des Mittelstandes. Nur unser Genosse Kloß, der einzige Vertreter der Sozialdemo⸗ kratie, trat dem Schwindel energisch entgegen, bestritt entschieden, daß ein derartiges Gesetz demMittelstande etwas nütze. Unter An⸗ führung drastischer Beispiele aus nächster Nähe wies er eingehend nach, wie die kapitalistische Produktionsweise mehr und mehr zur Konzen⸗ tration der Betriebe führe und daß diese Ent⸗ wickelung auch nicht durch gesetzgeberische Maß⸗ nahmen aufgehalten werden könne. Bei der Abstimmung über den Antrag Kiene, Ein⸗ führung der Warenhaussteuer, wurden 37 Stim⸗ men für und 37 gegen abgegeben. Der Präsi⸗ dent gab hierauf den Stichentscheid gegen den Antrag Kiene, der somit abgelehnt ist. Der schwäbische Mittelstand braucht die ver⸗ unglückteRettung nicht zu bedauern.

Dr. Sigl über das Zentrum.

Wegen seines schmählichen Umfalles in der Flottenfrage schreibt Dr. Sigl in seinemBayr. Vaterland dem Zentrum wieder einige nette Sätze ins Stammbuch. Nachdem er darauf hin⸗ gewiesen, daß nach dem Sanitätsberichte des Reichsmarineamts alljährlich von 1000 Marinemannschaften nicht weniger als 133, so⸗ mit jeder siebente Mann, in bewußter Weise erkranken, auf der ostasiatischen Station gar 338 von 1000 Mann, fährt er in seiner bekannten drastischen Weise fort: Und dasselbe Zentrum, das so mutig zu gunften der Lex Heinze tobt, das die Sittlichkeit im Lande am liebsten bis zur Engelsreinheit heben möchte, ist jetzt daran, die neue Flottenvorlage zu ge⸗ nehmigen, womit neue 30 000 Mann der Marine zugeführt und somit nach obiger Statistik weitere 4000 Mann alljährlich der erwähaten Seuche überliefert werden. Und das nämliche Zentrum, das so den Eltern die härtesten Steuern auflegt, das ihnen die Söhne nicht nur auf Jahre wegreißt, sondern diese auch noch den folgenschwersten Krankheiten aussetzt, preist sich dem Volke als Fürsprecher, als Retter, als Schirmherr der Sittlich⸗ keit an! Da ist doch der krummbeinige, knob⸗ lauchduftende Schnorrer, der den Bauern Kupfer für Gold, Blei für Silber, Wolle für Seide aufhängt, ein honetter Kerl dagegen!

Guter Ton uuter Christlichen.

Gegenwärtig tobt ein Streit zwischen den christlichen Bergleuten zentraler und lokaler Richt⸗ ung im Rheinland. Welche Tonart die Kämpfen⸗ den Organe, derAachener Volksfreund und der Bergknappe gegeneinander anschlagen, geht aus folgenden Sätzen hervor, die der bekannte Führer des christlichen Bergarbeiter⸗Verbands Brust

imBergknappen seinem Gegner vom ebenfalls

christlichen Volksfreund widmet:

Wir müssen aber allen Ernstes Herrn Arens fragen: Ist es der Gipfel der Nieder⸗ tracht und Bosheit, vollständig sittlich und moralischen Verkommenheit und teuflische Berechnung Ihrerseits, daß Sie in einen solchen Ton verfallen? Oder leiden Sie an geistiger Umnachtung?... Haben Sie ein Jauchefaß auf Ihrem Schreib⸗ pulte stehen und schreiben mit dessen Inhalt, oder sind Ihrerseits die persönlichen Ausfälle der Ausfluß gemeinster, niedrigster Natur und haben wir es bei Ihnen mit reinstem Janhagel zu thun?

So die Frommen. Wie sollen sich denn nun dieHeiden ausdrücken?

Zum sächsischen Wahlrechtsraub.

Mit dem vorige Woche erfolgten Schluß des sächsischen Landtags hat die Thätigkeit unserer Genossen in diesem Parlament aufgehört. Die Mandate der vier sozialdemokratischen Abgeord⸗ neten laufen mit dieser Legislaturperiode ab und unter der Herrschaft des von den Geldsacks⸗

Parteien eingesuhrten schändlichen Wahlgesetzes ist die Wahl eines Sozialdemokraten undenkbar.

Die stärkste Partei Sachsens wird künftig im f

Landtage ohne Vertreter sein; 84 pCt. der Be⸗ völkerung sind ihres Einflusses auf die Gesetz⸗

gebung beraubt. Genosse Fräßdorf hielt

in einer der letzten Sitzungen den Ordnungs⸗ helden nochmals ihre Gemeinheit vor. Gelegent⸗ lich der Beratung einer Petition auf Wieder⸗ einführung des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts sagte er: Die Aende⸗ rung des früheren Wahlrechts sei geschehen aus Furcht vor der Sozialdemokratie. Man wollte nicht bloß die Arbeiter hier nicht mehr vertreten sehen, sondern man wollte hier überhaupt die Wünsche der Arbeiter nicht mehr hören. Nicht bloß die Sozialdemokraten seien mit dem neuen Gesetz unzufrieden, sondern auch weite bürger⸗ liche Kreise, selbst Abgeordnete; sie fänden es unzulässig, daß eine so große Partei von der Vertretung ausgeschlossen sei. Die Beschwerden ihrer Vertreter hier in der Kammer hätten draußen im Lande sehr genützt. Man werde sehen, wie die Behörden den Sozialdemokraten gegenüber das Vereinsgesetz handhaben würden, wenn ihre Vertreter nicht mehr in der Kammer seien. Die Behörden würden künftig noch weniger Rücksicht auf die Rechte der Arbeiter nehmen, weil sie nicht mehr die Interpellationen der Sozialdemokraten in der Kammer zu befürchten brauchten. Ueber unsere Steuern beschließen nunmehr Sie; wir wurden unangenehm, weil wir gegen deren Verwendung zu Prinzen⸗ apanagen usw. stimmten. Wenn der Landtag nur eine Vertretung der Besitzenden ist, ist er eine Gefahr für den Staat. Die Regie⸗ rung muß sich auf die Mehrheit des Volkes stützen können. Das kann sie aber nicht, denn die Sozialdemokratie, die diese Mehrheit des Volkes repräsentiert, ist nicht mehr da. Wir sind in wirtschaftlichen Fragen oft mit der Re⸗ gierung gegangen.

Nur fünf Stimmen waren für Berücksich⸗ tigung der Petition. Dieselbe ist also unter den Tisch gefallen, denn von Wiedereinführung des allgemeinen gleichen Wahlrechts wollen die stillvergnügten Bourgeois nicht einmal mehr reden hören.

Wer wird begnadigt?

Begnadigt zwar noch nicht, aber doch auf Strafurlaub entlassen wurde, wie die Chemnitzer Volksst. berichtet, der bekannte Kommerzienrat Hopffe aus Dresden, der als Kassierer des Albertvereins 200 000 Mk. unter⸗ schlug und deshalb zu vier Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Hopffe war am Hofe eine bekannte Person, eine Ordnungsstütze ersten Ranges, ein Schützer für Religion, Sitte und Ordnung bis er als ein abge⸗ feimter Spitzbube und eine moralisch durchaus arüchige Person entlarvt wurde. Nach seiner Verurteilung war er, der Siebzigjährige, ein gebrochener Mann. Der Aufenthalt im Gefängnis er mag etwa den vierten Teil seiner Strafe verbüßt haben mag seiner Ge⸗ sundheit gerade auch nicht förderlich gewesen sein. Aber gleichwohl muß es Aufsehen erregen, daß dieser hochgestellte Verbrecher nach so kurzer Zeit bereits Strafurlaub erhält. Anderen Sündern gegenüber verfährt man nicht so human, zumal wenn dieselben Sozialdemokraten sind. Wir erinnern nur daran, wie seinerzeit dem in Haft befindlichen Genossen Pe us, dessen Frau auf dem Sterbebette lag, ein Gesuch um wenige Tage Urlaub abgelehnt wurde.Gleiches Recht für Alle!

Dekorierte Landarbeiter.

Aus Ostpreußen wird demVorw. mit⸗ geteilt, daß in der letzten Zeit an solche Arbeiter, die viele Jahre lang an einer Stelle ausgehalten haben, mehrfach das allgemeine Ehren⸗ zeichen zur Verteilung gekommen sei. Ueber diese Aufmerksamkeit waren die Dekorierten nicht wenig verwundert, denn Leute ihresStandes waren bisher davon verschont geblieven. Jetzt wird von konservativer Seite erklärt, daß man dadurch die Landarbeiter von der Aus wan⸗ derung abhalten wolle. Viel verspricht man

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