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Seite 6.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 34.
Anterhaltungsteil.
Unserem Toten.
Das war kein Tod, wie ihn die Schwachen sterben, Das war ein Blitz, ein jäh entflammter Strahl; Das war lein tückisch schleichendes Verderben, Das war ein Adlertod im Morgenstrahl! Die erste Dämm'rung winkte durch die Scheiben Und kämpfend reckte sich der junge Tag,
Die letzten Schatten siegend zu vertreiben,
Da fällte Dich des Todes jäher Schlag.
Da brach die Kraft, die unerschöpflich reiche, Am Marmorgrenzstein der Vergänglichkeit,
Da senkte stch in einem schnellen Streiche Auf Dich das gold'ne Friedensschwert der Zeit. Sie riß Dich hin; sie endete das Streben Und wies zur Ruh das nimmermüde Hirn; Sie nahm Dein volles, ewig junges Leben Und breitete Dir Schatten um die Stirn.
Der Mund verstummte, der so oft begeisternd Vom hellen Ziele uns'rer Sehnsucht sprach, Der, all den Haß, den feilen Spott bemeisternd, Mit scharfem Wort den schalen Witz zerbrach. Das Auge dunkelt, das im Jugendleuchten Uns fort und fort zu neuem Streit geführt; Verblaßt die Wangen, die noch nie erhleichten, Wenn sie das Stürmen der Gefahr gespürt!
Dein Leben Kampf!— und Kampf, er war Dein Leben!
Wo ist der Griffel, der dies bunte Sein,
Der voll verewigt, was Du uns gegeben
Aus Deiner Kräfte blühendem Gedeih'n.
Groß war Dein Sinn, war frei von jener scheelen
Engbrüstigkeit— sie nennen es Vernunft—
Und darum haßten Dich die Spatzeuseelen,
Die Henlersknechte und die Krümerzunft.
Wie gingst Du lächelnd in die Gitterzelle, Die Dir Germaniens Sklavengeist gebaut, Wie hast Du hoffnungsstark stets in die helle, Siegfrohe Zukunft wie ein Held geschaut! Des Mangels rohe Faust saß Dir im Rücken, Die Rache trieb Dich höhneud ins Exil— Und doch und doch: es wankte und es fiel Der bängste Zweifel unter Deinen Blicken!
Wenn uns zu Boden drückte schier die Last, Uns, die ein Schicksal in der Tiefe zeugte, Wenn die Geduld erschöpft, entmutigt fast, Wenn mancher Nacken sich verzweifelnd beugte; Wenn schon der Judas durch die Reihen ging, Die Seelen, die da käuflich, zu erwerben, Dann schloß Dein starkes Wort deu lock'ren Ring Und schlug die Waffen des Verrats zu Scherben.
Du starbst zu früh!— wer mag den Vater missen?— O fähest Du der Trauer dunkles Heer!
Hier ist ein Band, ein lebendes, zerrissen— Es war ja Keiner treuer als wie er!
Die Arbeit streckt nach Dir die harten Hände, Doch Deine Faust, die sich so oft geballt,
Daß sich der Völker größte That vollende,
Ist wie Dein großes Herz nun still und kalt.
Das Grab geht auf; die Erde nimmt Dich wieder; Zum Urstoff kehrt der tote Leib zurück;
Die Scholle dröhnt; es klingen Sang und Lieder Von Recht und Freiheit, Menschentum und Glück. Dein Geist erwachte, flammt! Und hebt sich brausend Wie Sturm und Wetterleuchten auf die Flur Die Thräne füllt... Und wie aus Hunderttausend, Millionen Seelen steigt ein mücht'ger Schwur.
Ernst Preczang.
Liebknecht über die Juden.
Oft genug ist in den Pfaffen⸗ und Anti⸗ semiten⸗Blättern unser Genosse Liebknecht als „Jude“ hingestellt worden, ein Schicksal, das er mit so manchem anderen Genossen, der trotz seines semitisch klingenden Namens gut christ⸗ licher Familie entstammte— wie zum Beispiel der Genosse Dr. David— teilte. Auch das
Offenbacher Antisemitenblatt druckte noch vor
wenigen Wochen den Schimpfartikel eines bayerischen klerikalen Blattes gegen unsere Partei nach, in welchem Liebknecht flott mit unter die Juden gezählt wurde. Uns wäre natürlich unser verstorbener Genosse als Jude genau so lieb ge⸗ wesen, als er uns als getauster„Christ“ war, denn wir beurteilen die Menschen nach ihren geistigen, sittlichen und moralischen Eigenschaften
und Fähigkeiten, nicht aber nach Religions⸗
bekenutnis oder„Abstammung“. Wogegen sich aber Liebknecht mit aller Entschiedenheit gewendet haben würde, ist der Vorwurf antisemitischer Gesinnung, wie sie ihm in der„Volkswacht“ imputiert wird. Genauntes Blatt meint, indem es das Ableben Liebknechts bespricht— was übrigens mit einem bei dem Blatte sehr sel⸗ tenen Anstand geschieht— unserem Freunde seien„antisemitische Regungen nicht fremd“ ge⸗ wesen.
Das ist durchaus unrichtig. Wie er über die Juden und den Antisemitis mus dachte, geht unzweideutig aus dem Artikel im eben erschienenen „Neue⸗Welt⸗Kalender“ für 1901„Aus meiner Schulmeisterzeit“ hervor und wir halten es für angebracht, die darauf bezüglichen Ausführungen, die auch sonst vollkommen unseren Anschauungen entsprechen, unseren noch nicht im Besitze des Kalenders befindlichen Lesern vorzuführen. In seiner anmutigen Weise erzählt da un ser Alter:
Ehe die Partei so stark wurde, daß sie sich eine Presse anschoffen konnte, mußte ich, um zu leben, aus dem Schulmeisterhandwerk meinen Lebensunterhalt schöpfen. Und da dieses Hand⸗ werk nicht zu denen gehört, die einen„goldenen Boden“ haben— Apropos, welches Handwerk hat ihn noch?— so half ich durch Korrektor— Arbeiten nach.
In Leipzig, wo sich der Kampf ums Dasein anfangs recht schwierig gestaltete, war es besonders eine Familie— die eines Kaufmanns Eppstein, den ich im Leipziger Arbeiterbildungsverein durch Bebel kennen lernte— die mir freundlich ent⸗ gegenkam und zur Ausübung der Lehrthätigkeit behülflich war. Es waren Juden. Den Dank, den ich ihnen schulde, habe ich dadurch abzutragen gesucht, daß ich der niederträchtigsten und rohesten„Hetze“, welche in neuerer Zeit zu den gemeinsten Zwecken in Szene gesetzt ward, ich meine die„Judenhetze“, mit aller Kraft entgegengetreten bin.
Gießen, meine Geburtsstadt, liegt in der Nähe und in der Einflußsphäre von Frankfurt am Main, einer Stadt, in welcher die Juden seit einem vollen Jahrhundert eine geachtete, ja beinahe gebietende Stellung einnehmen. Die sem Umstand und der Aufgeklärtheit meiner Erzieher mag es zuzuschreiben sein, daß ich auch in meiner Kindheit kein Vorurteil gegen die Juden einsog. Bloß die Katholiken erschienen mir damals als Menschen zweiter Klasse, zum mindesten als etwas verdächtig, was sich daraus erklärt, daß es in unserer Gegend so gut wie kline Katholiken gab, und daß meine Familie, trotz liberaler An⸗ schauungen, anf die von ihr fest geglaubte und von hessischen Genealogen behauptete Abkunft von Dr. Martin Luther nickt wenig stolz war. Zum Andenken an den berühmten Urahn wurde mir auch der Vorname Marten zu meinen anderen vier Namen noch zuzßelegt. Eine Juden⸗ familie, die uns gegenüber wohnte und meinen früh verstorbenen Eltern befreundet gewrsen war, lud mich öfters zu sich ein— einmal zum Laubhüttenfest, welches einen tiefen Ein⸗ druck auf mich machte. Bald wurde ich noch mit anderen Juden belannt und befreundet, und auch auf der Universität hatte ich Juden unter meinen besten Freunden. Ich rede hier nur von der Zeit, ehe ich durch die Verhältnisse zum Aktor auf der politischen Bühne gemacht wurde und in dem Juden Johann Jacoby ein verehrtes Vorbild und in dem Juden Karl Marx meinen unsterblichen Lehrer kennen lernte.
Als Fürst Bismarck vor 1878, um den Volkszorn ob des Großkornwuchers und der ganzen junkerlichen Raubpolitik von den wahren Schuldigen abzulenken, den Antisemitis⸗ mus aus der modrigen Rüstkammer des Mittel⸗ alters hervorholte und Stöcker, den biederen
die Juden zur Geltung.
Scheiterhaufenmann, auf die Juden losließ, da tauchten die frühesten Jugenderinnerungen in
mir auf, und neben den politischen Erwägungen kamen auch meine persönlichen Sympathien für 5 In England hatten sich diese Sympathien erweitert, vertiest und ge⸗ wissermaßen eine wissenschaftliche Vasis gewonnen. Disraeli, von allen englischen Staatsmännern mir der interessanteste, hat in seinen, litterarisch wie politisch gleich bedeutenden, lange nicht nach Verdienst geschätzten Romanen die Theorie auf⸗ gestellt und genial verfochten, daß die Angel⸗ sachsen und Juden die zwei begabtesten und zur Weltherrschaft oder Weltregierung berufensten Rassen der Welt seien. Sagen wir statt angel⸗ sächsisch: germanisch, so gelangen wir zu einem Judo⸗Germanismus, in dem jedenfalls mehr Kern und mehr Wahrheit steckt, als in der verlogenen Hosschranzenlehre des Christo⸗ Germanismus, oder der sogenannten„christlich⸗ germanischen Weltanschauung“. Und nicht bloß mehr Kern und Wahrheit: vor allem auch mehr Freiheit. Der Judengott Jehovaß und die Juden helden, voran die Makkabäer, sind es gewesen, die einen Cromwell zum Be⸗ freiungskampfe anstachelten— wohingegen im Namen des Christentums nie ein Freiheitskampf der Völker geführt worden, wohl aber unzählige Kämpse zur Unterdrückung der Völker. Das einzige Land, in welchem der Freiheitskampf des Volkes einen religibsen Charatter trug, in Eng⸗ land— und in England war es nicht das Neue Testament, das den Kämpfern das geistige Rüstzeug lieferte, sondern das Alte Testament. Die englische große Revolution in der Mitte des 17. Jahrhunderts— nicht mit der Spieß⸗ bürger⸗Revolution“ zu Ende desselken zu ver⸗ wechseln— war das That gewordene und auf die politische Bühne gebrachte Buch der Makkabäer.
Die Geschichte der Juden, nach der Zer⸗ störung des jüdischen Staats und der Zerstreuung des Judenvolks über die Erde, war für mich schon in frühester Jugend ein Rätsel gewesen und ein Wunder; mit wahrhaftem Grausen hörte ich als Kind von den gräßlichen Judenverfol⸗ gungen des Mittelalters, von der ennsetzlichen Rohheit und Barbarei, welche die Christen wegen unmöglicher, nur dem blödesten Stumpssinn und blindesten Vorurteil glaubhasten Verbrechen, an
Juden bethätigt haben. Wenn ich nun sah, wie
Männer, in denen mein junges Herz die edelsten und tapfersten Vorkämpfer der Freiheit verehrte — ein Börne, ein Johann Jacoby Juden waren, so übertrug sich unwillkürlich die Ver⸗ ehrung für diese Männer auf ihre Rasse. War hierin etwas von Schwärmerei, so mußte doch auch die reifere Kritik späterer Jahre sich vor der Tharsache verneigen, daß für as Wohl und die Freiheit der Menschen, für Kunst, Litteratur, Wissenschaft von den Juden im Verhältnis zu ihrer Zahl mehr geleistet worden ist, als von irgend einem anderen Volke. Ich erklärte mir schon früh diese Erscheinung daraus, daß der durch zweitausendjährige Unterdrückung erschwerte „Kampf ums Dasein“ die geistigen Fähigkeiten der Juden außerordentlich geschärft und die kräftigeren Geister, die sich nicht biegen, nicht brechen ließen, zu revolutionäre Kampfe gegen Unterdrückung und Unrecht gedrängt hat. Nicht daß ich mein Auge den Fehlern der Juden ver⸗ schlossen hätte. Allein diese Fehler sind, wie die Tugenden, das natürliche Produkt der Unter⸗ drückung.
In dem Umstand, daß die Juden durch ihre politische und soziale Aechtung und durch das Verbot der Ausübung„ehrlicher“ Berufe zum Gelderwerb gezwungen und zu Pionieren der modernen Bourgeoisie kunstlich gezüchtet worden sind, erblickte ich immer eins der lehr⸗ reichsten und amusantesten Beispiel von„Ironie der Weltgeschichte““ Man könnte auch sagen: von Nemesis. Nemesis ist's auch, daß die Urenkel der Raubritter, welche die Juden aus⸗ plünderten und quälten, fast allesammt im Schuld⸗
buch der Urenkel jener Ausgeplünderten sind. Und Nemesis ist's ferner, daß unsere„Edelsten der Nation“, welche den Juden mit sittlicher 1 Entrüstung vorwerfen, daß sie Wucherer seien,
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