Seite 4.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 34.
Von der Lage der Gesandten wird aus Schanghai gemeldet: Zahlreiche Berichte, welche, Peking, 8. August datiert sind und einige Einzelheiten über die Lage dort mitteilen, sind hier eingelaufen. Danach hätten die Chinesen wiederum einen verzweifelten Angriff auf die englische Gesandtschaft unternommen und dieselbe hätte dann nur noch wenige Verteidiger gehabt. Prinz Tuan und ungefähr hundert andere hohe Beamte hätten Peking verlassen. Auf die Nach⸗ richt vom Siege der verbündeten Truppen am 5. August hätte am 7. August ein großer Auszug aus Peking begonnen, der am 8. August noch im Gange war. 5
Ueber Friedensverhandlungen ver⸗ lautet: Der chinesische Gesandte übermittelte dem Auswärtigen Amt in Berlin das kaiserliche Edikt, das Li⸗Hung⸗Tschang zum Bevollmäch⸗ tigten für Friedensverhandlungen ernennt. Wie von informierter Seite verlautet, geht die chine⸗ sische Regierung von dem Standpunkt aus, daß die Mächte weder Landabtretung noch Geldent⸗ schädigung verlangen werden. Dagegen wird die chinesische Regierung bereit sein, judizielle und finanzielle Reformen einzuräumen. China wird einen Kongreß europäischer und amerika⸗ nischer Juristen einberufen, der ein für ganz China geltendes neues bürgerliches Strafgesetz⸗ buch ausarbeiten soll. Nach dem Muster von Aegypten sollen internationale Gerichtshöfe ge⸗ bildet werden, denen die Schlichtung von Strei⸗ tigkeiten zwischen Ausländern und Chinesen ob⸗ liegen soll. Die Zollverwaltung kann unter europäischer Verwaltung bleiben, die Zollsätze jedoch sollen um 10—20 Prozent erhöht werden. Weitere größere Truppensen dungen sollen deutscherseits erfolgen. Cine Menge Transport⸗ dampfer sind von der Regierung gechartert worden: nach einigen Angaben sollen 7000 Mann abgesandt werden. Freiwillige melden sich auf erneute Anfragen immer weniger.
Der Krieg in Südafrika.
Vom Kriegsschauplatze laufen noch fortge⸗ setzt Hiobsbotschaften für die Engländer ein. Nach Meldungen aus Mafeking befinden sich die Generale Carrington und French auf dem Rück⸗ zuge nach Süden. Man rechnet sogar mit einem Angriff der Buren auf Vryburg, das be⸗ reits auf englischem Gebiete, westlich von Mafeking liegt.— Andererseits sollen sich Me⸗ thuen und Kitchener auf der Verfolgung des Burengenerals De Wet befinden, der sich ge⸗ nöthigt gesehen habe, einen Teil seiner Munition im Stich zu lassen.
Kleinere Trupps von Buren wandern famie⸗ lienweise nach Deutsch⸗Südwestafrika aus. Die Einwanderer, die meist wohlhabend sind, müssen dort Ländereien erwerben und Wohnhäuser bauen, um ihre Seßhaftigkeit zu verbürgen. In den letzten Monaten sind etwa 200 Buren einge⸗ wandert und der Zuzug dauert noch immer fort.
Von Nah und Fern.
Mitteilungen aus unserem Leserkreise sind uns jederzeit willkommen
Die Ehre unserer Sache gebietet natürlich strengste Gewissenhaftigkeit
bei Uebermittelung von Nachrichten.— Wir bitten alle zum Druck bestimmten Einsendungen nur auf einer Seite zu beschreiben.
Das Gewerkschaftsfest in Gießen, das am vergangenen Sonntag auf der„Pulvermühle“ stattfand, erfreute sich bei prachtvollem Wetter einer zahlreichen Beteiligung. Von den Orten der Umgebung hatten sich ebenfalls ziemlich Gäste eingefunden; besonders aus Wetzlar, auch einige Genossen aus Marburg waren erschienen. Gießen selbst hätte bei der großen Arbeiter⸗ zahl, die sich am Orte befindet, entschieden eine zahl⸗ reichere Beteiligung aufweisen müssen. Der Umstand, daß es hier noch so viele Arbeiter giebt, welche lieber zu allen möglichen anderen Veranstaltungen laufen und ihre Groschen verbrauchen, anstatt zur Unterstützung der Gewerkschaften durch lebhafte Beteiligung an den Arrange⸗ ments derselben etwas beizutragen und dadurch auch ihre eigenen Interessen zu fördern, muß die klassenbewußten Arbeiter anspornen, die Organisationen noch bedeutend pesser, als es bisher geschah, auszubauen, neue Mitglieder und neue Mitkämpfer anzuwerben! An einem Gewerk⸗ schaftsfeste iu Gießen müßte die Beteiligung mindestens dreimal so stark als am Sonntag sein. Man sage nicht, das sei hier unmöglich. Die allgemeinen Verhältnisse sind in Gießen die gleichen als anderwärts, es läßt sogar die Lage der Arbeiter mehr noch, wie an anderen Orten zu wünschen übrig, zu festem Zusammenschlusse liegt also
alle Veranlassung vor. Mit der gewerkschaftlichen Orga nisation muß es bedeutend besser werden! Agitiere ein Jeder, soviel in seinen Kräften steht, auch dabei ist keine Zeit zu verlieren!— Andererseits dürften die Darbietungen auf solchen und auch auf den Festen der einzelnen Organisationen einige Bereicherung und Ausgestaltung erfahren. Hierauf weiter einzugehen, bietet sich wohl noch später einmal Gelegenheit.— Im übrigen verlief unser Fest ohne jede Störung zur all⸗ gemeinen Zufriedenheit. Die Ansprache des Genossen Vetters, der eingangs seiner Ausführungen unseres ver⸗ storbenen Vorkämpfers Liebknecht gedachte, fand allseitig Beifall. Bis spät in die Nacht hinein blieben die Teil⸗ nehmer in geselliger Unterhaltung zusammen. K. Wieseck.
Die am 11. August stattgefundene Versamm⸗ lung des Arbeiterbildungsvereins nahm, nach⸗ dem das Andenken Liebknechts in üblicher Weise geehrt wurde, einen Vortrag des Genossen Vetters über„die politische Lage“ entgegen.— Als Delegierter zur Landeskonferenz wurde Chr. Lech gewählt.
Aus Wetzlar.
-th. Auch die Genossen in Wetzlar hatten unserem verstorbenen Führer einen Kranz ge⸗ stiftet, der die Widmung trug:„Unserem alten Vorkämpfer Wilhelm Liebknecht die Parteige⸗ nossen des Wahlkreises Wetzlar⸗Altenkirchen.“ Die Gabe wurde durch einen Berliner Genossen am Grabe niedergelegt.
— Auf die am Sonntag in Orbigs Lokale stattfindendeu Kreiskonferenz machen wir nochmals besonders aufmerksam, und laden zu reger Beteiligung ein. Ein Vortrag über Lieb⸗ knecht's Leben und Wirken schließt sich an die Verhandlungen an.
Der Konflikt in der Stadtverwaltung in Offenbach.
Der Beigeordnete Wolff in Offenbach, der bisher in seiner Fehde gegen das Stadtoberhaupt noch immer triumphierte, ist vom Kreisamt jetzt in Disziplinarstrafe genommen worden. Wie die„Kl. Pr.“ berichtet, wurde in der Sitzung der Stadtverordnetenversammlung am 9. August mitgeteilt, daß das Kreisamt Offenbach dem Beigeordneten Wolff wegen„ungehöriger Kritik“ in einem Fall und wegen„Ungehörig⸗ keiten“ in einem zweiten Fall Verweise erteilt habe. Ferner wurde Wolff in eine Disziplinar⸗ strafe von 35 Mk. verurteilt,„wegen seines eine bedauerliche Selbstüberhebung dokumentierenden Verhaltens dem Kreisamt gegenüber“. Bei⸗ geordneter Wolff bemerkte dazu, daß es sich nur um formelle Verstöße handle. Er habe bei einigen Sachen, wo er es für nötig gehalten hätte, auf eine beschleunigte Erledigung gedrungen. Die Gründe hierzu, weshalb er dies gethan habe, werde er in einer hierfür zu bil⸗ denden Kommission klar legen. Im übrigen bemerke er, daß ja das Kreisamt trotz dieser Entscheidung die Gehaltserhöhung anerkannt habe. Die verzögerte Anerkennung der Gehaltserhöhung hatte Anlaß zu einer Anfrage in der Stadtver⸗ ordnetenversammlung gegeben.
Ein Jubiläum des Genossen Ulrich.
-t.- Am 9. August war ein Vierteljahrhun⸗ dert verflossen, seitdem unser bewährter Genosse Ulrich als Redakteur des Offenbacher Partei⸗ organs bestellt wurde. Ulrich, der damals in dem jugendlichen Alter von 23 Jahren die Leitung des Blattes, das unter dem Titel „Neues Offenbacher Tageblatt“ erschien, unter sehr schwierigen Verhältnissen übernahm, arbeitete vorher als Eisendreher in Offenbach. Heute kann er den Redakteur⸗Posten nicht mehr ver⸗ sehen; denn er übernahm später auch den Verlag und die Druckerei unseres dortigen Partei⸗ blattes, das jetzt den Titel„Offenbacher Abend⸗ blatt“ trägt; außerdem übertrugen ihm die Ge⸗ nossen das Reichstags⸗, Landtags⸗ und Stadt⸗ verordneten-Mandat. Genosse Ulrich kann heute mit Stolz und Befriedigung auf dieses reich an Kämpfen und Siegen für unsere Partei im Offenbacher Kreise durchlebte Vierteljahrhundert zurückblicken, hat er doch nicht zum mindesten seinen redlichen Anteil an dem Wachstum und der Ausbreitung unserer Partei in diesem Zeitraum.
Stadtverordnetenwahlen in Frankfurt. Eine Mitgliederversammlung des Frankfurter
sozialdemotratischen Vereines beschloß nach einem Referat des Genossen Zielowski die Be⸗ theiligung an den bevorstehenden Stadt⸗ verordneten wahlen. Die Genossen Brühne, Elbert, Diener und Knoop bekämpften die Be⸗ theiligung als unter den jetzigen Wahlrechtsver⸗ hältnissen aussichtslos.
Treu bis in den Tod. Im Zuge der Trauergefolges für
Liebknecht ist am Sonntag der 54 Jahre
alte Bildhauer Theodor Kohl vom Herzschlag getroffen worden. Der lange Marsch fiel dem alten Genossen schwer, aber den wiederholten Zuspruch, auszutreten und sich zu schonen, wies er ab. An der Ecke der Gneisenaustraße schwankte
er plötzlich und brach tot zusammen. Ehre dem
Braven!
Verband deutscher Gewerbegerichte.
Am 19. September findet in Mainz die Verbandsversammlung des Verbandes deutscher Gewerbegerichte statt. Referenten über das Bürgerliche Gesetzbuch und das Recht des Arbeits⸗ vertrages find Stadtrath Wagler“⸗Leipzig, Rechtsrath Wager⸗ Nürnberg, Dr. Harten⸗ stein⸗ Ludwigsburg, Rechtsanwalt Fröhlich⸗ Köln, Gewerberichter Sigel⸗Stuttgart, Dr. Jastrow⸗Charlottenburg. Ueber Abänderungs⸗ vorschläge zum Gewerbegericht spricht Rechts⸗ anwalt Trimborn⸗-Köln, weitere Referenten sind Stadtrath Cuno⸗ Königsberg, Bürger⸗ meister Heinrich-Wald bei Solingen.
Ueber 100 Jahre Gefängnis und Haft.
Auf weit über 100 Jahre Gefängnis und Haft belaufen sich die Freiheitsstrafen, die in Folge des Ausstandes der Berliner Straßen⸗ bahn⸗Angestellten verhängt wurden. Eest neuerdings wurden wieder vier Kutscher zu ins⸗ gesammt 9 Monaten Gefängnis verurtheilt.— Erst werden die Arbeiter ausgebeutet, und wenn sie sich rühren, so wandern sie ins Gefängnis. Wir leben wirktich mitten in der Zuchthausära.
** Ein Schwindelpastor. Bei einer Revision der Kirchenkasse zu Ducherow Pommern) wurde dem Pastor Köhn ein Fehlbetrag von ca. 25 000 Mark nachgewiesen. Pastor Köhn hat sich am Sonnabend freiwillig der Staatsanwaltschaft in Greifswald gestellt und ist in Haft genommen worden.
Eine fromme Stiftung.
In der Nähe der französischen Stadt St. Etienne, in St. Genest⸗Lerpt, betreiben zwei tatholische Priester, Abbe Cour und Rebaud eine Ackerbaukolonie, die sie heuchlerisch das „Vaterhaus“ nennen. Dort werden 200 junge Leute, darunter 35 Kinder, beschäftigt, für die der Gemeinderat von St. Etienne eine Bei⸗ hilfe von 7000 Franken zahlt. Schon lange liefen seltsame Gerüchte über das„Vaterhaus“ um, doch die klerikale Mehrheit des Gemeinde⸗ rats erstickte den Skandal. Die bei den neuen Gemeindewahlen in den Gemeinderat eingetretenen sozialistischen Vertreter haben sich nun über das Schicksal der städtischen Pfleglinge durch eine plötzliche Revision in Begleitung eines Arztes unterricht. Die Erhebung ergab, daß das „Vaterhaus“ eine Brutstätte der schmählichsten Sittlichkeitsverbrechen war. Frühere und jetzige Zöglinge erzählten, was ihnen widerfahren war und vier Angestellte des„Vaterhauses“ sind bereits verhaftet worden.
Kreiskonferenz des Wahlkreises Friedberg⸗
Büdingen.
n. In Friedberg tagte am 12. August unter Vorsitz des Kreisvertrauensmanns die Kreiskonferenz für den zweiten hessischen Wahlkreis. Vor Eintritt in die Tagesordnung widmete der Vorsitzende unserem ver⸗ storbenen Genossen Liebknecht einen warmen Nachruf. ie Versammlung ehrt sein Andenken durch Erheben von den Sitzen. Sodann macht Gen. Busold die Mitteilung, daß bei Gelegenheit der Anwesenheit des Gen. Prinz bei der Bestattung derselbe damit beauftragt sei, einen Kranz am Grabe niederzulegen. Nach vorgenommener Wahl des Bureaus giebt der Kreisvertrauensmann seinen Thätigkeits⸗ und Kassenbericht. Dieser giebt im Vergleich zu früheren Jahren ein erfreuliches Bild, und ist dies in erster Linie dem Umstand zu danken, daß die Kolportage in Regie des Kreises übernommen wurde. Die Gesamteinnahmen, einschließlich Kolportage betrugen 1914,95 Mk., die Gesamtausgaben 189,0 0 Hierbei ist zu berücksichtigen, daß noch ein größerer Betrag von
e
ZF ‚‚‚— ö—r————u—r—————
Alle 6e der Kassie i gleichze
bersende gaben: Zusold berg. als viert Die Friedber ucht e Kosten Landes werden. Als Friedb wünsch
schlosser aum w stende demokt
Jriedbe Friedbe
Au


