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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Seite 3.

a nach Hamburg zurückgekehrt, sich zur Arbeit meldeten, eröffnet, daß sie bis auf weiteres keine Arbeit für sie vorhanden sei.

Mit anderen Worten:Der Mohr hat seine Schuldigkeit gethan usw. Das ist die Kehrseite von dem Bilde.

Vielleicht wird demnächst eine allgemeine

N Arbeitswilligen⸗Medaille gestistet und werden

alle Arbeitswilligen, welche damit dekoriert sind, verpflichtet, dieselbe stets zur Schau zu tragen, damit man die Inhaber schon von weitem kennt.

Eine treffende Antwort auf die Aeuße⸗ rungen des Kaisers haben übrigens die organi⸗ sierten Holzarbeiter in Bremerhaven gegeben. Sie beschlossen:

Die stark besuchte Versammlung der Zahl⸗ stelle Bremerhaven des Deutschen Holzarbeiter⸗ verbandes erklärt einstimmig: Die Vorarbeiter der Tischler desNordd. Lloyd, die der deutsche Kaiser dekorierte, und denen er seine Zufrieden⸗ heit ausgesprochen hat, daß sienicht dem schlechten Beispiel der durch vaterlandslose Agi⸗ tatoren verführten Arbeiter Hamburgs gefolgt seien, sondern durch die prompte und pünktliche Fertigstellung der Schiffeden Patriotismus der deutschen Arbeiter fleckenlos gewahrt hätten diese Vorarbeiter gehören weder dem Deutschen Holzarbeiterverbande noch einer anderen gewerkschaftlichen Arbeiterorganisation an. Die organi⸗ sierten Holzarbeiter in den Unterweserorten sehen daher die Dekorierung und Belobigung dieser Vorarbeiter lediglich als deren persönliche Angelegenheit an, und verwahren sich entschieden dagegen, mit den Dekorierten identifiziert zu werden. Die Versammlung persichert die aus⸗ gesperrten Werftarbeiter Hamburgs ihrer vollen Sympathie.

So ist's recht! Mit Streikbrechern will der ehrliche Arbeiter keine Gemeinschaft haben, er sieht seine Ehre vielmehr in Pflicht⸗ erfüllung und Bethätigung solidarischen Ver⸗ haltens seinen Genossen gegenüber und verlangt nicht nach Orden, Medaillen und ähnlichem Spielzeug für Kinder.

Eine Frage der Taktik.

Zur Frage der Beteiligung an den Landtagswahlen bringt dieLeipziger Volkszeitung zwei Artikel, worin sie nochmals den Stand der Sache in Sachsen kurz referirt, ebenso kurz den ablehnenden Stand⸗ punkt der Leipziger Genossen darlegt, zum Schluß aber sagt: Der deutsche Parteitag in Mainz wird endlich das letzte Wort über Be⸗ teiligung oder Nichtbeteiligung an den Landtags- wahlen in Sachsen auszusprechen haben. Hoffen wir, daß es in unserem Sinne gesprochen wird. Wie immer aber auch die Entscheidung ausfällt, sie wird auch für die Leipziger Parteigenossen maßgebend sein.

Als Nachfolger Liebknechts im sechsten Berliner Reichstagswahlkreise werden in verschiedenen bürgerlichen Zeitungen schon eine ganze Reihe Namen genannt. Dr. Arons, Dr. Fränkl und Vergolder Ewald sollten für die Kandidatur in Betracht kommen. Herr Hirschel schwindelt in derVolkswacht, die Parteileitung sei auf der Suche nach einem Juden. Bei uns geht's aber bekanntlich nicht so antisemitisch zu, daß etwa wie in Rin⸗ teln⸗Hofgeismar acht oder zehn Leute einen Kan⸗ didaten aufstellen, mit dem sich dann die Wähler zufrieden geben müssen. Unsere Kandidaten werden in öffentlicher Parteiversamm⸗ lung von den Wählern nominiert. Sollten sich die Wähler in diesem Falle für Dr. Arons entscheiden, so könnten wir sie dazu nur be⸗ glückwünschen. Dieser Genosse verfügt über mehr Kenntnisse, Fähigkeiten und Bildung, als alle Antisemitenhäuptlinge zusammengenommen. Neue antisemitische Flagge.

Um den Namen, den ihre Partei tragen soll, werden sich die Antisemiten auf ihrem in Magdeburg anfangs September stattfindenden

Parteitag die Köpfe zu zerbrechen haben. Die bisherige Bezeichnung der Mittelstandsretter 8 übt

Deutsch⸗soziale Reformpartei!

jedenfalls keine besondere Anziehungskraft aus

und deshalb will Herr Bruhn, wie er in der

Staatsk ürgerzeitung ankündigt, beantragen, daß

sich die Partei hinfortDeutschnationale

Volkspartei benamsen solle. Alter Schwindel

unter neuer Firma! d Frommer Attentäter.

Der närrische Königsmörder Salson, der mit einem nie losgehenden Revolver auf den Schah von Persien geschossen hat, entpuppt sich als gläubiger Christ. Wie derVoss. Ztg. berichtet wird, hat seine Mutter einem Inter⸗ viewer erzählt, er habe ihr bei ihrem letzten Zu⸗ sammensein gesagt:Mutter, ich gehe in die Kirche, denn ich bin gläubig, und Ende Februar dieses Jahres schrieb er ihr aus Paris:Meine liebe Mutter, es thut mir leid, daß ich Dir neulich einen so traurigen Brief geschrieben habe. Aber ich war verzweifelt, weil ich keine Arbeit ge⸗ funden hatte. Seitdem habe ich wieder Mut gefaßt, denn ich habe Beschäftigung gefunden. Ich bin darum ruhig und hoffe wieder. Der liebe Gott kann rechtschaffenen Menschen, wie ich einer bin, die Existenz nicht verweigern. Den Kleinen der Vöglein giebt er die Atzung und seine Güte erstreckt sich über die ganze Natur.

Damit soll natürlich nicht gesagt sein, daß der Königsmord ein Gewohnheits verbrechen srommgläubiger Katholiken sei. Aber weil die Gläubigen solche Thaten stets als Folge des Unglaubens weiter Volkskreise hinstellen, ist es gut, auf die Frömmigkeit Salsons hinzuweisen.

Das Salsonsche Attentat ist übrigens mehr als verdächtig. Wie sich jetzt herausstellt, hat der frommeAnarchist noch in der allerletzten Zeit regelmäßig Besuche von Polizei⸗

agent en empfangen. Also wird der Polizei⸗

spitzel durch das Attentat sich wieder einmal in empfehlende Erinnerung bringen wollen und den Beweis liefern, daß er ein notwendiges Möbel in demgeordneten Staatswesen ist.

Kleine politische Nacht ichten. Der bekannte freikonservative Reichs tagsabgeordnete Frhr. v. Stumm⸗ Halberg ist schwer er⸗ krankt. Sein Leiden, welches anfangs für ene Kehlkopfkrankheit gehalten wurde, hat sich als Krebs der Speiseröhre herausge⸗ stellt. Nach einer Londoner Meldung aus Lahore mobilisiert der Emir von Afghanistan seine Artillerie uud Infanterie. Es cirkulieren Gerüchte, daß er einem Vormarsch gegen di russische Grenze beabsichtige und einen heiligen Krieg erklären wolle.

2 5 Ausländisches.

Italien. Viktor Emanuel hat vor dem Parlameut den Eid auf die Verfas⸗ sung geleistet. Die Thronrede bewegt sich in den üblichen Formen und Phrasen. Wichtig ist folgende Stelle:

Wir müssen uns sammeln und uns ver⸗ teidigen durch eine weise Gesetzgeb⸗ ung und die strikte Anwendung derselben. König⸗ tum und Parlament müssen zur Ausführung dieses heilsamen Werkes eng zusammengehen.

Damit werden Aus nahmegesetze ziem⸗ lich unverblümt angedeutet und wenig will es bedeuten, wenn der König zum Schlusse wieder eine Verbeugung vor den liberalen Staatsein⸗ richtungen macht, zu denen erstets unerschüt⸗ terliches Vertrauen haben werde. Unsere tap⸗ feren italienischen Genossen werden sich auf schwere Zeiten gefaßt machen müssen. Wir zwei⸗ feln nicht, daß sie ihren Mann stellen werden. mocht hat, der Sozialdemokratie Abbruch zu thun, beweisen zwei Ersatzwahlen in Norditalien, die mit einem glänzen den Siege unserer Genossen endeten. Der Ausgang dieser Wahlen wurde mit Spannung erwartet; es handelt sich um rein bäuerliche Wahlkreise, die nie sozi⸗ alistisch vertreten waren. In Budrio wurde Bissolati, der Chefredakteur des italienischen sozialistischen CentralorgansAvanti mit 1915 gegen 1640 Stimmen und in Gonzaga der Ge⸗

nosse Lottini mit 2599 gegen 1568 Stimmen gewählt. Und diese Wahlen fanden unter dem

Daß die reaktionäre Hetze noch nicht ver⸗

unmittelbaren Eindruck des Attentats von Mon⸗ za statt, das die Reaktion zu einer wilden Hetze gegen unsere Partei benutzte. Das italienische Volk jedoch, wie es die Unsinnigkeit der anar⸗ chistischen Gewaltpropaganda verwirft, bekennt sich in steigendem Maße zu der Partei des So⸗ zialismus, die jeglicher Gewaltpolitik, der Gewalt⸗ politik des Anarchismus aus der Tiefe wie der wirtschaftlichen und politischen Gewaltpol tik der Reaktion von oben, durch soziale und geistige Hebung und Erneuerung des Volkes ein Ende zu bereiten auf dem Wege ist. 1

Der Krieg mit China.

Im Vordergrunde des Interesses steht gegen⸗ wärtig derOberbefehlshaber der inter⸗ nationalen Truppen, Graf Waldersee. Seine Ernennung ist von den übrigen Mächten ziem⸗ lich kühl aufgenommen worden. Man stimmte ihr schließlich widerwillig zu, nicht ohne Vor⸗ behalte und Einschränkungen. So heißt es, daß England den Oberbefehl Waldersees nur auf die Provinz Tschili beschränkt wissen will und dagegen protestiert, daß der Generalfeldmarschall Schanghai zu seinem Hauptquartier macht. Frankreich hat mit seiner Zustimmung lange zurückgehalten, erst in den letzten Tagen ist sie ein getroffen. Einige französische Blätter weisen darauf hin, daß nach den Gesetzen Frankreichs die Truppen niemals unter Befehl fremder Offi⸗ ziere gestellt werden dürften. Von einerall⸗ gemeinen Zustimmung zur Berufung Walder sees, wie sie von der chinatollen Presse verkündet wurde, kann also gar keine Rede sein. Einen praktischen Wert dürfte die Entsendung eines Oberstkommandierenden kaum haben. Bis der⸗ selbe auf dem Kriegsschauplatze eintrifft, muß die Expedition nach Peking längst erledigt sein; kein Mensch weiß, was nach der Einnahme der Hauptstadt geschehen soll, ob dann noch ein Oberbefehlshaber vonnöten ist, fragt sich doch sehr; möglicherweise richten dann dieVerbün⸗ deten die Waffen gegeneinander!

Aus Hannover wird gemeldet: Dem Feld⸗ marschall Grafen Waldersee brachten gestern abend Tausende vor seinem Hause lebhafte Ova⸗ tionen dar. Graf Waldersee erschien mit Ge⸗ mahlin auf der Terrasse und hielt wiederholt Ansprachen an die Menge. Das Publikum sang patriotische Lieder und brachte stürmische Hoch⸗ rufe aus.

Mit denTausenden wird's wohl so großartig nicht gewesen sein. Für den Kreuzzug herrscht im Volke absolut keine Begeisterung; es will auch nichts bedeuten, wenn einige Leute von den Interessenten zum Hurraschreien kommandiert werden.

Mit der Einigkeit der Mächte sieht es nicht so rosig aus. Aus Paris wird berichtet:

Die hiesigen Regierungskreise betrachten die Chinapolitik Englands, Amerikas und Japans mit steigendem Mißtrauen und halten es für sicher, daß die genannten Großmächte nach dem Einzug der Verbündeten in Peking das inter⸗

nationale Konzert verlassen werden, um Sonder

vorteile von China zu erlangen.

Gleichzeitig meldet man aus Washington: Der chinesische Botschafter überreichte der ameri⸗ kanischen Regierung ein Telegramm des ameri⸗ kanischen Botschafters in Peking, Conger, das vertraulich gehalten ist und nicht veröffentlicht werden wird.

Ueber den Vormarsch nach Peking sind in den letzten Tagen folgende Meldungen ein⸗ 3 Unterm 13. August hieß es in eng⸗ lischen Berichten aus Tientsin: Die Chinesen be⸗ finden sich überall in vollem Rückzug auf Peking. Voraussichtlich werden die Verbündeten in spätestens zwei Tagen vor Peking angekommen sein.(2) Ferner besagt eine Depesche des ameri⸗ kanischen Generals Chaffee: Wir sind in Hohsiwu angetommen. Hohsiwu liegt auf dem halben Wege zwischen Tientsin und Peking. Aus Schanghai wird berichtet, daß sich die Entsatz⸗ truppen nur noch 20 Meilen von Peking be⸗ finden. Die Verbündeten müssen gegenwärtig vor den Thoren der Hauptstadt stehen.

3 gelaufen.