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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
wurde der Sarg aus dem Hause getragen.
zurücksehnt, auch eine Lieblingsbeschäftigung, die man sogar an Hohenzollern(„Jochemken, Jochemken— wir hängen Dich“) zu üben ver⸗ suchte. Also der Entrüstungsspektakel über die Tragödie von Monza ist Geschäftsspekulation— nichts weiter. Der Junker denkt nur ans Ge⸗ schäft— an das Wuchergeschäft.
Dem preußischen Junker ist jetzt der Zehnte in Gefahr: Die Korn⸗ und Fleischzölle. Da wird Zetermordio geschrieen: Das Vaterland in Gefahr! Die Monarchie in Gefahr! Das Christentum in Gefahr! Und in Wirklichkeit ist nur der junkerliche Korn⸗ und Fleischwucher in Gefahr.
Sei auf der Hut, deutsches Volk, und vereitle das Spiel her junkerlichen Großwucherer.
Es ist keine Zeit zu verlieren
So Wilhelm Liebknecht in seinem letzten Artikel— ein Kampfruf, der die zum Siege leiten wird, die in seinem Geist weiter arbeiten.
Leichenbegängnis Wilhelm Liebknechts.
Das Begräbnis unseres großen Vorkämpfers, das am Sonntag in Berlin stattfand, gestaltete sich zu einer riesigen, eindrucksvollen Feier und Demonstration zu⸗ gleich, an der sich das ganze Beclin, das werkthätige Volk der Reichshauptstadt beteiligte. Ein derartiger Leichenzug ist in Berlin noch nie gesehen worden. Kein König und kein Kaiser wird so gefeiert, wie es am Sonntag unserem Genossen geschah.
Die ganze Feier ist großartig gelungen und ohne jeden Mißton, ohne jede Störung verlaufen. Ueberall herrschte die allergrößte Ruhe und Ordnung. Am Zuge haben etwa hunderttausend Menschen teilgenommen. Er war auf seinem langen Wege von einer ununterbrochenen lebenden Mauer umgeben, die von mehreren Hundert⸗ tausend Menschen gebildet wurde. Auf allen Gesichtern lag Ernst und Trauer. In größter Ruhe wurde der Zug erwartet, würdig und ruhig benahmen sich die Zugteil⸗ nehmer selbst. Es war ein Wagnis, einen solchen Riesen⸗ zug durch die Millionenstadt zu dirigieren. Es ist Dank der Opferwilligleit der Parteigenossen geglückt. Die Polizei war natürlich in Massen aufgeboten, aber die Schutzleute benahmen sich ruhig, sie dämpften bei ihren Anordnungen ihre Stimmen, waren gegen das Publikum freundlich, mit einem Worte, sie störten nicht.
Das Trauerhaus Liebknechts liegt in Charlottenburg, nahe an der Weichbildgrenze Berlins, in der Kantstraße 160. Vier Treppen steigt man zur Wohnung unseres Freundes hinauf. Der Vierundsiebzigjährige kletterte täglich mehrmals zu dieser Höhe. Am Vormittag kamen die Genossen in endloser Kette, um dem Toten den letzten Gruß darzubringen. Die Blumenspenden, worunter sehr wertvolle, wachsen zu immer größeren Bergen an; ihre Anzahl beträgt mehrere Tausend. Ehe der Zug sich in Bewegung setzte, waren bereits einige Wagen mit Kränzen nach dem Friedhof befördert worden.—
Die Beerdigung war für mittags halb 1 Uhr angesetzt. Schon von 11 Uhr vormittags an rückten die Teilnehmer einzeln und in größeren oder kleineren Trupps ihren vorher bekannt gegebenen Standplätzen zu. Um die Mittagsstunde war es in der Gegend des Zoologischen Gartens schwarz von Menschen. Kurz nach halb 1 Uhr Es war ein unsäglich trauriger, aber auch im höchsten Maße feier⸗ licher Moment. Alle Häupter entbloßten sich, und die Musik. intonierte das Lied:„Ein Sohn des Volkes will ich sein“. Ueberraschend schnell ordnete sich der Zug. Voran schritten die Parteigenossen des sechsten Berliner Wahlkreises. An ihrer Spitze hatten sie eine Musikkapelle, dann folgten vier Genossen, die große Palmenwedel mit roten Schleifen trugen, hinter ihnen flatterte ein großes rotes reich umflortes Banner mit der goldenen Inschrift: „Proletarier aller Länder vereinigt Euch“ und den beiden fest ineinandergedrückten Händen. Der sechste Wahlkreis war Liebknecht? Wahlkreis. Die Wähler schritten dem Sarge voran, sie hatten es für Ehrenpflicht gehalten, besonders zahlreich zu erscheinen. Sie allein schon bildeten einen Riesenzug. Ihr Vorbeimarsch dauerte allein fast dreiviertel Stunden. Die Zahl ist schwer zu schätzen, aber 20 000 werden nicht zu niedrig gegriffen sein.
Hinter dem Leichenwagen folgten etliche Equipagen für die Angehörigen und die alten Freunde Liebknechts, denen der weite Fußweg nicht zugemutet werden durfte. Auf drei großen schwarzverschlagenen Bretterwagen wurden die in der Trauerwohnung niedergelegten Kränze gefahrn. Den Equipagen folgten die Reichstagsabgeordneten der Partei mit dem Parteivorstand an der Spitze. Bebel, Auer und Singer schritten in der ersten Reihe. Mit ihnen gingen die liberalen Reichstagsabgeordneten Rösicke⸗Dessau und Dr. Pachnicke, auch Dr. Nathan, der Redakteur der liberalen Wochenschrift„Nation“, hatte sich ihnen angeschlossen. Sonst war von parlamentarischen Kollegen aus den bürgerlichen Parteien niemand zu⸗ gegen. Sie alle scheuten sich, an eiger„sozialdemokrati⸗ schen Demonstration“ teilzunehmen. Die Fraktion war natürlich fast vollzählig vertreten. Wer nur irgend harte abkommen können, war zur Stelle. Den Abgeordneten folgte die Redaktion des„Vorwärts“ in corpore und ihnen hatten sich die auswärtigen Delegierten angeschlossen. Aus Deutschland war fast jede größere Stadt und fast jeder Wahlkreis durch größere und kleinere Deputationen
vertreten. Ein ganz erhebliches Koatingent stellte Sachsen, das sozialdemokratische Musterland, dem der„Alte“ einen großen Teil seiner Lebensarbeit gewidmet hat. Auch die Arbeiter der preußischen Eisenbahnwerkstätten waren. durch eine starke Deputation vertreten. Besonders fiel eine Deputation von Bergarbeitern in Uniform aus dem erst jüngst wieder sieghaft behaupten schlesischen Wahlkreise Waldenburg auf.
An die Nicht⸗Berliner reihten sich die Parteigenossen der fünf noch übrigen Berliner Wahlkreise mit den Stadtverordneten und Vertcauensleuten an der Spitze. Ab und zu waren in den Zug Masikkapellen eingeschoben. An die politischen Organisationen schlossen sich die gewerk⸗ schaftlichen Organisationen zum Teil mit ihren Fahnen. Der ganze Zug hatte eine Länge von über zwei Stunden. Man kann sich denken, wie sich die am Ende des Zuges Marschierenden in Geduld üben mußten. Die Spitze des Zuges erreichte nach beinahe vierstündigem Marsch gegen fünf Uhr den Friedhof. Hier hatte die ungeheure Menge der Kranzträger Aufstellung genommen, zwischen ihnen defilierte der Zug hindurch. Die Genossen des sechsten Wahlkreises schwenkten aus und bildeten ebenfalls Spalier,
bis die Angehörigen und die auswärtigen Delegierten in die stimmungsreich geschmückte Halle eingezogen waren.
Hier begann die eigentliche Trauerfeier. Mit einem Liede des Arbeiter⸗Sängerbundes wurde sie ein⸗ geleitet. Dann hielt Bebel, der älteste Freund und bewährteste Kampfgenosse des„Alten“, sein treuer Schüler, die Trauerrede. Mit bewegter Stimme beklagte er das plötzliche Hinscheiden des Freundes, den unersetzlichen und unerwarteten Verlust für das Proletariat der ganzen Welt. Er könne nicht schildern, was Liebknecht für die Arbeiter gewesen. Das werden Berufenere übernehmen. Sein ganzes Leben hat er dem Wohle der Menschheit und speziell der Arbeiterklasse gewiemet, dreiundfünfzig Jahre hat er im öffentlichen Leben gestanden, mit der Flinte in der Hand hat er für die Freiheit gekämpft, 13 Jahre mußte er in der Verbannung zubringen, und nach seiner Rückkehr hat er in 37 jähriger Thätigkeit jene großartige Aufklärungsarbeit vollzogen, die wir alle kennen. Es giebt keinen unter uns, der ihm nicht An⸗ regungen und Belehrungen zu danken hat, ich vielleicht am meisten, das, alter Freund, sei Dir herzlich gedankt! Wo immer die Partei einen Kampf zu führen hatte, war Liebknecht bereit, sein Bestes für sie einzusetzen. Weiter wies Bebel auf die in diesem hohen Alter be⸗ wundernswerte Energie und Schaffensfreudigkeit hin, die ihm eigen war, und feierte ihn als Vorkämpfer nicht nur der deutschen, sondern der internationalen Arbeiter⸗ schaft, als die Verkörperung des internationalen Gedankens. Er habe sich ein unauslöschliches Denkmal im Herzen des Proletariats gesetzt, was die Tausende von Liebeszeichen aus allen Enden der Welt bewiesen. Bebel schloß: So schlaf denn wohl Du treuer Freund! Wir werden uns bemühen, Deinem Beispiel zu folgen. Wir gedenken Dein! Nach Bebel sprach zunächst Dr. Viktor Adler im Namen der österreichischen Sozialdemokratie; hierauf riefen Paul Lafargue und Gérault⸗Richard im Namen der französischen Genossen und der Redaktion der„Petite Republique“(des franz. Parteiorgans) dem verstorbenen Streiter einige Abschiedsworte zu. Ersterer sprach im Namen seiner Frau, der Tochter von Karl Marx, den Ausdruck ewigen Dankes für die väterliche Fürsorge aus, die Liebknecht allen Kindern von Marx bewiesen hätte. Hierauf folgten mit kurzen Ansprachen Burrows im Namen der Engländer, Serwy für die belgische Partei, Knudsen für Dänemark und Manz für die Schweiz. Nemec und Dascynski vertraten die tschechischen und polnischen Sozialdemokraten. Weiter sprachen noch Anseele⸗Gent, für die ungarische Arbeiter⸗ partei Porth, im Namen der holländischen Genossen Troelstra und van Kol. Mit Gesang schloß die er⸗ hebende Feier in der Halle. Durch das gewaltige Kranz⸗ spalier hindurch ging es nun zum offenen Grabe. Hier hielt Singer noch eine kurze tiesempfundene Ansprache, die in dem Gelöbnis gipfelte: Unter dem siegreichen roten Banner, das der Verstorbene so lange vorangetragen, weiter zu kämpfen, so treu und unerschütterlich, wie der Verstordene.
Noch ein Gesang, dann fluteten die Massen im Lichte der Abendsonne am offenen Grabe vorüber. Bis zum Dunkelwerden zogen die Scharen vorüber, um noch einen Blick in die offene Gruft des Führers zu werfen.
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Zahllos und prächtig sind die Blumenspenden, welche der Familie aus allen Teilen Deutschlands und auch des Auslandes zugingen. Sie alle an⸗ zuführen ist unmöglich, sie gehen in die Tausende. Viele stellen in ihrer Ausführung Wunderwerke dar. Riesenkränze hatten die Berliner Wahl⸗ kreise gewidmet; der aus dem sechsten(dessen Vertreter Liebknecht war), hatte zwei Meter im Durchmesser und trug die Widmung:
Ward Dir's im Leben auch erst schwer gemacht
Da standest kühn und fest, warst immer auf der Wacht, Vorwärts war stets Dein Losungswort,
Ob Du auch starbst, Dein Geist lebt fort.
Ein prachtvolles weißes Blumenkissen, das im Zuge dem Leichenwagen vorangetragen wurde, rührt von den„vaterlandslosen Ge⸗ sellen“, den aus gesperrten Hamburger Werftarbeitern, her. Auf dem einen Teil der roten Schleife stand zu lesen:
Dem Kämpfer für Freiheit und Recht, Dem wackern alten Rebellen,
sehr hübschen Blumenarrangement.
Ein Scheidegruß au der Gruft Von den vaterlandszosen Gesellen.
Am zahlreichsten ist nächst Berlin wohl Dresden durch Kranzspenden vertreten. Die sieben Kränze der Genossen in Hmnover zeichnen sich besonders durch schön gestickte Schleifen aus. Eine prachtvolle, vier Meter hohe Fächerpalme spendeten die Chemnitzer Genossen. Ein sehr schöner Kranz rührt von dem Personal der Kärcherschen Maschinen⸗ fabrik her. Dieser enthielt auf rotseidener Schleife folgende Widmung:
Der Tod beraubt uns des Führers und Genossen,
Mag Deine Saat recht kräftig sprossen,
Wer für der Brüder Freiheit hat gestritten,
Dessen Verdienst bleibt ewig unbestritten.
Aufsehen erregte auch die vom Gewerkschafts⸗ kartell zu Leipzig gestiftete Fächerpalme mit einem Die So zial⸗ demokraten von Barmen⸗Elberfeld widmeten ihrem Führer und Vorkämpfer folgende Worte Jacobys:
Er hat für unsern Kampf auf Erden Der Schwerter viel verliehen,
Daß eine neue Welt sollt werden, Drum ehret ihn.
Der Wahlkreis Erfurt brachte einen Kranz mit schönem herzförmigen weißen Blumenarrange⸗ ment, und auf der roten Schleife die Worte:
Der Dienst der Freiheit ist ein schwerer Dienst,
Er bringt Verbannung, Hunger, Not und Tod,
Und doch ist dieser Dienst der schönste Dienst.
Der Kranz der Gießener Genossen trug folgende Widmung:
„Dem großen Toten letzten Gruß aus der Vaterstadt Gießen.“
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NMNaliische ih Valitische Rundschau. Gießen, 17. August. Die Drohnen. Riesenprofite heimsen gegenwärtig die Eisen⸗ und Hüttenwerke mit nur wenigen Aus⸗ nahmen ein, während die Arbeiter derselben sich bei den immerwährend steigenden Lebens⸗ mittelpreisen mit Hungerlöhnen begnügen müssen. So hat das Eisen werk der Gesellschaft Maxi⸗ milianshütte zu München im abgelaufenen Ge⸗ schäftsjahr einen Reingewinn von 4 695 626 Mark erzielt. Die Dividende beträgt 26,23 Prozent auf sechs Millionen Mark Kapital. Es werden außerordentlich starke Rückstellungen vorgenommen. Das in Lichten⸗ tanne bei Werdau befindliche König Albert⸗Werk ist Teilunternehmer der Gesellschaft Maximilians⸗ hütte in Bayern. Die Arbeiter des Lichten⸗ tanner Werks klagen sehr über Lohn⸗ und Arbeitsverhältnisse, noch mehr die Ar⸗ beiter des bayerischen Hauptwerks Maximilians⸗ hütte, aber sie sind eben„unzufriedene Elemente“ in den Augen der erklärlicherweise gewiß sehr zufriedenen Herren Dividendenschlucker.
Wer begnadigt wird.
Vor etwa zwei Jahren erstach der Ritt⸗ meister Graf zu Stolberg gelegentlich der großen Herbstübungen im Elsaß einen Ser- geanten seiner Schwadron. Vom Kriegs⸗ gericht zu der milden Strafe von drei Jahren Festungshaft verurteilt, zu deren Verbüßung er der Festung Glatz überwiesen worden wir, ist der gräfliche Festungshäftling jetzt nach Ablauf von 18 Monaten der Strafzeit durch den Kaiser begnadigt worden. — Die Löbtauer Opfer aber schmachten noch immer im Zuchthaus!
Die Dekorierten. 0
Bei der Medaillen-Verleihang in Bremer⸗ haven, wo der Kaiser die„Vaterlandslose Ge⸗ sellen⸗Rede“ hielt, ist, wie dem„Hamb. Echo mitgeteilt wird, keinem Arbeiter, sondern nur den Vizen oder Untermeistern, welche keinen Schweißtropfen für die große nationale Sache vergossen haben, die Auszeichnn verliehen worden. Dagegen wurde einem Teil
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der Arbeiter, welche Tag und Nacht im Schweiße
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portschiffe der Hamburg⸗Amerika⸗Linie gearbeitet, heute Morgen, nachdem sie von Bremerhaven
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