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11 Aug,
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Gießen, Sonntag, den 19. Angust 1900.
7. Jahrg.
Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.
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Sonut
Mitteldeutsche
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„Unser Alter“!
Wie ein Blitz aus heiterem Himmel kam uns die Todesnachricht„unseres lieben, un vergeßlichen Alten“. Er, den die Last der Jahre den Mut und die Thatkra ft nicht beugen konnten, erliegt einem Schlaganfall, welcher ihm ein plötzliches und doch beneidens wertes, schmerzloses Ende brachte.
Mit den Arbeitern aller Länder betrauern
wir in ihm den unermüdlichen Vorkämpfer für Freiheit, Wahrheit, Recht, den treuen Freund aller Armen und Be- drängten, den nimmer rastenden Agi⸗ tator. vanes⸗ Dem Parteigenossen haben wir den Leitartikel der vorigen Nummer gewidmet, uns aber drängt es noch einmal, das Andenken des Menschen Liebknecht in uns wachzurufen. Wie schlecht kennen ihn die Zeitungsschreiber, die ihm die Vaterlandsliebe absprechen! Der Greis, der stundenlang durch die Stätten seiner Kindheit pilgerte, der sich aller Einzel heiten der Jugendzeit erinnerte, der so anmutig und geistsprühend sich der Genossen und Freunde seiner Jugend erinnerte, der jedes Haus in Gießen, welches zu seiner Jugendzeit stand, kannte, ja, der die Umgebung der Stadt, die Pfädchen und Wege trotz uns„Jungen“ kaunte, ein solcher Mann, welcher seine Heimat in solcher Weise liebte, der besaß mehr Vaterlandsliebe wie alle diejenigen, die dieselbe nur in dem Hasse und der Geringschätzung gegen andere Völker bethätigen zu können glauben.
Welcher Jubel herrschte jedes Jahr unter den Genossen, wenn es hieß: Der„Alte“ kommt. Jedes Kind in unseren Kreisen wußte, wer dieser „Alte“ war. Und wenn er da war, frisch, gesund, unermüdlich in Erinnerungen an eine
lückliche Kindheit wem ging da nicht das 5 5 auf? Alle hingen wir an ihm, wie an unserem Vater. Alle Käm pfe nder Gegen- wart, alle Drangsal, alle Verfolgungen, Beschimpfungen, Verleumdungen ver— mochten nicht die Liebe und Güte dieses menschen— freundlichen, guten Mannes zu vermindern oder zu zerstören, denn felsenfest war sein Vertrauen auf den endlichen Sieg der guten Eigenschaften des Menschengeschlechts.
Welch' schöne Tage haben wir mit dem „Alten“ verlebt! Er war ein rüstiger Tourist, ein unermüdlicher Fußgänger und Bergkraxler, der uns manchmal im Laufen des Guten zu viel
that. Nach Arnsburg, Schissenberg, Babenburg, Staufenberg usw. zogs ihn mit maognetischer Gewalt. Ueber den Ausflug nach Gleiberg mit den Buchdruckern(ich glaube, es war 1897) schrieb er noch nach Wochen:„Es war einer der schönsten Tage, welche ich erlebte“. Wer von uns erinnert sich nicht seiner herrlichen, großen Liebe für die Natur, Ein seltenes
Blümchen, ein Käfer, eine besondere Art Kräuter, ein Baum, kurz alles erregte sein Interesse. Sein beredter Mund plauderte in gleicher Anmut von den herrlichen Bergen der Schweiz, wie den Tünen der Ostsee, und Kleinigkeiten, an denen andere Menschen achtlos vorübergingen, fesselten ihn aufs lebhasteste.
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Neben dieser Liebe zur Natur beherrschte ihn ein stark ausgeprägter Familiensinn. Wie strahlte er vor Glück, wenn er uns berichten konnte von bestandenen Examen seiner„Jungen“. Sein Wunsch, den er öfter aussprach, seine„Jungen“ noch seubständig zu sehen, ist in Erfüllung gegangen, wenn sich unter ihnen auch lein „staatstreuer, königlich preußischer Assessor“, wie ein Schmock im Frankfurter General Anzeiger flunkert, befindet.
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Bittere Wehmut beschleicht uns bei dem Ge— danken, daß nun alles hieses ein Ende hat. Einem reichen, erfolgreichen Leben hat der Gleichmacher Tod ein Ziel gesetzt. Uns allen sst ein Freund und Vater gestorben; aber üher das Grab hinaus gedenken wir seiner in Liebe und Verehrung und für alle Zeiten wird er uns das Vorbild eines treuen, tapferen, edlen Kämpfers für das Wahre, Schöne, Gute sein. Für uns ist er nicht tot; sein Gedächtnis lebt in uns fort und zeigt uns den Weg, den wir zu gehen haben; seine Treue und Liebe danken wir am besten durch unermüdlichen Kampf für die großen Ideale, denen
„Unser Alter“ sein Leben widmete, U., K
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Liebknechts letzter Artikel.
Von unserem Zenkralorgan wurde die letzte litterarische Arbeit aus der Feder Wilhelm Lieblnechts veröffentlicht(s ift nachstehender Artikel, an dessen Vollendung unser(Freund durch den Tod verhindert wurde und der somit Bruch stück geblieben ist.
Der Artikel beschäftigt sich mit der„Fischerei im Trüben“, Junkertum treibt, das die chinesischen Wirren ausnutzt, um die Aufmerk samkeit von dem geplanten agrarischen Beutezug abzulenken. Liebknecht ersunert an die ähnliche Situation vor Jahren, wo hinter dem plan voll geschürten Sozialistenschrecken schließlich der Brotwucher auftauchte
die das
90er Jahre machte Capri, sei für
„Zu Anfang del der die ketzerische Idee hatte, der Staat
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das gesamte Volk da und nicht bloß für eine Klique ein kleines Loch in die Politik der Lebensmittelverteuerung und Junker-Bereicherung, indem er die Handelsverträge mit Oester- reich und Rußland abschloß, die den Ge— treidezoll etwas ermäßigten.
Zur Strafe für dieses todeswürdige Vergehen wurde der„Mann ohne Ar und Halm“„ab- gehalftert“ und lebendig begraben. Die Handels- verträge ließen sich aber nicht„abhalftern“. Sie mußten bis zum Ende der Zeit, für welche sie abgeschlossen waren, in Gültigkeit bleiben.
Wie sich das heißhungrige Junkervolk mittler⸗ weile geholsen hat, wie es alle möglichen„kleinen Mittel“ probiert und mit welch rassinterten, des „gerissensten Handelsjuden“ würdigen Kusssen es
man denke z. B. an das Fleischbeschau⸗ gesetz! die Lebensmittel künstlich zu ver⸗ seuern gewußt hat das brauchen wir hier nicht des näheren auszuführen. Jede deutsche Arbeiterfamilie spürt es am eignen Leibe.
Jetzt laufen die Handelsverträge aber bald ab. Die nächste Reichstags-Session hat zu ent⸗ scheiden, ob sie zu erneuern und ob und wie sie abzuändern sind. Im Interesse des gesamten deutschen Volkes, mit Aus nahme der handvoll Junker, die sich die Taschen mühelos füllen wollen, liegt es, daß die Getreidezölle d oll ständig abgeschafft werden. Die Junker wollen die Zölle um ein Drittel, womöglich um das Doppelte erhöht haben. Statt der 200 Millionen jährlich, die das deutsche Volk unter den bestehenden Handelsverträgen für die Junker zu zahlen hat, soll es 350 bis 500 Millionen Mark das Jahr zahlen. Das darf nicht sein!
Unsere Junker wollen reich sein, ohne zu arbeiten. Sie wollen vom Volke ge füttert sein. Und zwar standes gema 5. Sie halten das für die Pflicht des deutschen Volkes. Eine solche Verpflichtung ist natürlich ein albernes Hirngespinst, von hohlköpfigem Grbßenwahn erzeugt. Sind die Junker unfähig, sich als Landwirte zu ernähren, so sollen sie ein anderes Handwerk treiben, nützliche, ehrliche Arbeit verrichten. Allein gerade das wollen sie nicht. Das deutsche Volk soll von jedem Bissen Brot und Fleisch den Zehnten an die Junker abgeben, damit sie ohne Arbelt in Saus und Braus leben können
Und das soll durch die neuen Handelsverträge erreicht werden,
An diesen Handelsverträgen aller Heimlichkeit geschmiebet
wird jetzt in Die Netze sind
in die getrübten Wasser hineingesenkt. Ueberall, wo„die kleine aber mächtige Partet“ Zutritt hat und in welche öffentlichen Aemter hat sie sich nicht eingenistet? wird gebohrt, ge⸗ wühlt möglichst still, damit das Volk nicht merkt, welcher Trank ihm gebraut wird Die
chinesischen Wirren, zu denen als willkommene
Schickung in letzter Stunde die Ermordung des taltenischen Königs getreten ist, spielen heute vjeselbe Rolle, wie 1878 der Türkenkrieg nebst
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den Attentatsspektakel und der Gozjalistenhaß— die Übertäuben die unablässsge Wähl arbeit der Junker für erhöhte Korn⸗ zo lle Auf China pfeist der Junker, vor ttentaten hat er nie Abscheu gehabt im Gegenteil, sie waren für ihn stets ein gutes Geschäft und, in der guten alten Zeit, die er


