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Mitteldeutsche Sonntagszeitung.
Nr. 47.
Treue abzulegen. Ihr habt den Feind niederzukämpfen. Ihr habt auch im Innern die Ordnung aufrecht zu er— halten. Diese Fahnen werden Euch unbefleckt übergeben, Ihr habt dafür zu sorgen, daß sie in Zukunft uub fleckt bleiben. Ich habe Euch ein schönes Kleid geschenkt, macht Euch dessen würdig.“
Leider kostet dieses„schöne Kleid“, das der Kaiser verschenkt, den Steuerzahlern ungezählte Millionen.
Soldatendienst— Gottesdienst.
Bei Vereidigung der Rekruten der Garnison Augsburg wenneiferten der katholische und pro— testantische Militärgeistliche miteinander um die Krone im Preisen der militärischen Tugenden. Doch der katholische Militärpfarrer Schärfl war seinem proiestantischen Kollegen über. Er sagte unter anderem:„Durch treue Pflichterfüllung beweist der christliche Soldat seinem him lischen Herrn, daß er vor ihm heilige Ehrfurcht hat und ihn respektirt. Nur der ehrt Gott, der vor allem seinen Eid hält. In dieser Weise den Fahnendienst aufgefaßt und geleistet, erhebt er zum wahrhaften Gottesdienst, weiht des Soldaten Waffen, knüpft Gottes Segen und Beistand an sie und ihre Träger und bringt dem braven Soldaten die verheißene hundert— fältige Löhnung ein.“
Die jungen Krieger werden sich nicht wenig freuen, wenn sie nunmehr auf die Fürbitte des Herrn Pfarrers statt 22 Pf. täglich 22 Mk als Löhnung erhalten.
Chinabegeisterung verpufft.
Bei der Kontrollversammlung in Stuttgart frug man die Leute, wer von ihnen nach China wolle. Allein trotz wiederholter Aufforderung seitens des leitenden Hauptmanns meldete sich von 400 Mann Niemand. In schonendster Weise wurde der Mannschaft mitgetheilt, daß es sich nur um die„Ausfüllung einzelner Lücken“ handle und augenblicklich jede Gefahr vorüber sei, abgesehen davon, daß mancher doch noch„sein Glück“ machen könne. Einzelne Leute, die namentlich aufgefordert wurden, nach China zu gehen, erklärten, sie müßten ihrem Berufe leben und seien deshalb nicht abkömmlich für China.— Die so viel gepriesene Begeiste⸗ rung für den China⸗Kreuzzug hat sich recht rasch abgekühlt. Und von denen, die so„freudig“ ausgezogen, wäre mancher froh, wenn er wieder in Deutschland weilte.
Weitere hunnische Aktenstücke.
Unser Parteiorgan in Halle, das„Volks- blatt“ ist in der Lage, den folgenden Hunnen⸗ brief, der aus Ho⸗Tung vom 1. Septbr. datirt ist, der Oeffentlichkeit zu übergeben:
Lieber Freund August
Ich will Dir mal schreiben das ich noch gesund und munter bin und mich bis jetzt die Kugeln ver— schont haben und ich hoffe das Du und Deine Brüder auch noch gesund und munter seid mir geht es gans gut denn des Nachts auf Seide schlafen und am Tage gut essen und Trinken den am Weine fehlt es hier nicht, weun ein Fäßchen alle ist so wird ein anders geholt denn hier ist anders alls in Frieden wenn so ein bar Chinesen kommen so keiegen sie eine in den Kopf und denn geht es wieder weiter ich bin jtzt in Ho-⸗Tung auf Kommando da lind wir 30 Mann es ist eine starke Festung das Batalion ist in Peking uns gehr es gans gut am Tage die Flinte auf dem Butel und dann geht es Schweine Schießen damit mann was zu Essen hat und kommen uns welche in die Qwere so heißt es Feuer es ist schöner Spaß so was n sehen die Chinesen das Feiche Kerle vor die Kugel keine Angst aber vor das Bagonet da haben sie Angst denn wenn sie erschossen werden so denken sie stehen nach Drei Tagen wieder auf aber erstechen nicht hir sind noch alle Truppen von jeder Macht Kommando wenn ich euch das alles erzähten wollte was eig alles schon basirt war so wird es euch grußlich über die Leichen da bricht mann bald Hals und beine das läßt uuns jetzt schon Kalt das ist mann schon gewohnt wir haben 10 Stück Chinesen bei uns die müßen uns die Arbeit machen wir putzen kein Stiefel wir sitzen blos da und Kommandiren und wenn sie nicht wollen so giebt einen Rippeustoß da sie geuug haben die Franzosen und Russen binden sie zusammen mit den Zöpfen dann giebt es ein bar blaue Bohnen. ich will schließen und will euch vielmals grüßen denne alle kann ich euch doch nicht schreiben auf Seidd wird geschlafen jedes Haus jede Stadt und
Lieber Freund
jedes Dorf alles ist ein Schutthaufen da ist bald kein Stein mehr auf dem andern Viele grüße N alle nächstes Jahr um diese Zeit ist es anders.
Aus diesem, wörtlich wiedergegebenen, auch für die allgemeinen Kenntnisse des Brief— schreibers bezeichnenden Briefe geht also hervor, daß die deutschen Kulturträger nicht nur sengen, stechen und schlagen, sondern auch plündern wie die Hunnen. Woher haben sie sonst die Seide, auf der sie schlafen, den Wein, den sie fässerweise trinken und mit welchem Recht dürfen Sie den Chinesen die Schweine wegschießen?
Etwas anders beurtheilt allerdings ein anderer, ein kölnischer Hunnenkrieger den Chinazug. In einem Briefe an seinen Freund macht er dem Unmuth der mit Hurrah und Tamtam hinausgesandten Freiwilligen über das, was sie während der Reise erlebt haben und in China jetzt erleben, im heimischen Dialekt gründlich Luft. Der Schluß lautet in Schriftdeutsch der „Märk. Volksztg.“ zufolge:„Es sieht aus, als ob sie uns nicht mehr gehen lassen wollten, aber wir haben doch nicht kapitul irt... Wenn sie zu Hause wüßten, wie es hier ist, dann käme Keiner freiwillig. Ich han de Nas voll!
Eine Reichstagsersatzwahl hat am 9. November in dem pommerischen Kreise Randow-Greifenhagen stattge⸗ funden. Der Konservative Prätorius siegte mit knapper Mehrheit im ersten Wahl⸗ gange. Er erhielt 14583, unser Genosse Körsten 11 756 und der freisinnige Kandidat Dohrn 1487 Stimmen. 1898 wurden 15 020 kon servative, 10 552 sozialdemokcatische und 1241 freisinnige Stimmen abgegeben. Wir gewannen also 1200 Stimmen und die Freisinnigen ca. 200, wäyrend die der Konservativen um ca. 500 zurückgegangen sind.— Zu dieser Wahl wird noch weiter mit— getheilt, daß ein sehr großer Theil der Wähler — man spricht von 3000— nicht in die Listen eingetragen war und somit des Wahl- rechtes verlustig ging. Wird von Seiten unserer Genossen bei der nächsten Wahl eine gründlich⸗ Kontrolle der Wählerlisten vorgenommen, so wird der Kreis für uns gewonnen. Schon das diesmalige Ergebniß bedeutet eine entschiedene Niederlage der Brotwucherpolitik. Sozialistische Wahlerfolge.
Bei den Stadtverordneten-Wahlen in Stettin wurden vier unserer Genossen gewählt, drei andere sind in die Stichwahl gekommen. Bisher war in der Stettiner Stadt⸗ vertretung die Sozialdemokratie nicht vertreten. — Ferner ergab die Gewerbegerichts⸗ wahl in Hildesheim für unsere Liste 1067 Stimmen, während die„ christliche“ nur 587 erhielt.— Auch bei den Stadtverordneten wahlen in Magdeburg, sowie bei denen in Aschersleben errangen unsere Genossen be— merkenswerthe Erfolge. Im letzteren Orte stieg unsere Stimmenzahl von 70 im Jahre 1898 auf 552— 578 bei der diesmaligen Wahl.
Stöcker'sche Kapuzinerpredigt.
Vor Kurzem ist die Leiche des früheren hessischen Finanzministers Küchler in Offen— bach durch Feuer bestattet worden. Da⸗ durch fühit sich der fromme„Reichsbote“ des Herrn Stöcker in seinen„heiligsten Gefühlen“ verletzt. Er sazt, erst werde der Dissident Gnauth in die hessische Regierung berufen, nun lasse sich Küchler verbrennen.„Wenn erst die Staatsminister auf Seiten der Gesinnungs⸗- genossen der Umsturzparteien stehen, dann wird man sich über die Fortschritte der letzteren nicht wundern dürfen; die Herren an der Spitze des Staates sollten aber bedenken, daß es nicht bloß kirchliche und christliche Sitten giebt, sondern daß auch der Staat und insbe⸗ sondere die Monarchie zum großen Theil auf den zur Sitte krystallisirten Anschauungen be⸗
ruhen. f Wie furchtbar ist die Gefahr, die das Pastorenblatt prophezeiht!— Wenn es in
Hessen noch Minister giebt, die sich von Muckerei
f
und widerlicher pfäffischer Heuchelei fernhalten, so kann es sich nur beglückwünschen. Das gereicht weder dem Staatswesen noch dem Volke zum Schaden!
Eine Rhinozeros⸗Rede.
Freiherr v. Mirbach, der Oberhofmeister der Kaiserin, hat wieder einmal eine Rede ge⸗ halten. Auch noch eine Rede vor Arbeitern! Der gute Mann führt nämlich die Aufsicht über den Bau des Augusta-Stifts in Potsdam. Dort waren fünf Zimmerer angenommen worden, die an einer Platzsperre betheiligt gewesen waren. Der Oderhofmeister ließ nun eines Tages die Zimmerer zusammenrufen, die Ver⸗ bandsmitglieder nach der einen, die Unorgani⸗ sirten nach der anderen Seite treten und nach⸗ dem so die Schaafe von den Böcken geschieden waren, hub er an:
„Leute, es freut mich, daß die Sache mit Euerer Sperre in Ordnung ist, ich weiß auch, daß ihr ver⸗ führt seid von ganz gewissenlosen Hetzern, die Euch und Euere Famitie ins Unglück stürzen wollen und von Euren Groschen leben, die Ihr ihnen opfert. Es haben sich die Streikgelüste aus Berlin hier ein⸗ geschlichen in unser frieduiches Potsdam. Geht heraus aus Eurem Verband, welcher ja doch kein gewerk— schastlicher Verband ist, sondern nur ein sozialdemo⸗ kratischer, und gerade die Sozialdemokraten, diese Rhinozerosse haben Euch verführt. Leute ich sage Euch nochmals, geht heraus aus Eurem Verein, denn wohin soll das führen? Das bauende Publikum ist nicht auf Eurer Seite, ja, die Bürger stoßen sich daran und es wird niemand mehr bauen, wenn er lange Zeit seinen Bau liegen lassen muß infolge Euere; Streikerei und Ihr werdet es noch so weit bringen, daß kein Mensch mehr bauen wird und Ihr werdet dann keine Arbeit mehr finden und dann werden Euch die Augen aufgehen, und von Euch freut es mich(nach der Seite der Arbeits- willigen), das Ihr stand gehalten habt gegenüber diesen da, und ich verspreche Euch, daß, selange die Kaiserin baut, stets die Unorganisirten werden be— schäftigt werden ete. 8 8
Also sprach der edle Freiherr, dem, wie es scheint, die rednerischen Lorbeeren des Pückler nicht schlafen ließen. Seine nationalökonomischen Kenntnisse sind wahrhaft berauschend und seine Methode der Sozialistenbekämpfung ist unstreitig genial. Nunmehr wird hoffentlich die Sozial⸗ demokratie entgültig vernichtet sein! Die „Frkf. Ztg.“ bemerkt u. a. zu dieser„Rede“ des Grafen:„Die dicke Haut dieses Säuge⸗ thieres, des Rhinozerosses nämlich, ist den Sozialdemokraten allerdings zu wünschen, wenn man sieht, wie viele Püffe sie auszuhalten haben. Was aber ihren Intellekt betrifft, den Herr v. Mirbach mit jenem schönen Ver⸗ gleich wohl treffen wollte, so erzählen wir kaum Jemandem etwas Neues, wenn wir sagen, daß ziemlich jeder Sozialdemokrat den Freiherrn von Mirbach an Einsicht in die sozialen Verhältnisse, auf die seine Rede sich gezog, übertrefen dürfte.“ Stimmt!
Wie man sich alter Arbeiter entledigt.
In Nowawes(Bezirk Potsdam) hat die große Kammgarnspinner ei eine neue Direktion erhalten, die folgendermaßen debü⸗ tirte. In der Fabrik befinden sich eine Anzahl Arbeiter, die dort zehn bis dreißig Jahre ihre Kraft für das Gedeihen des Geschäfts ge opfert haben. Einer der Axbeiter feierte im verflossenen Sommer sein 25jähriges Jubiläum und wurde bei dieser Gelegenheit nicht allein vom Direktor mit einer ehrenden Ansprache, sondern auch mit einem Geschenk in Höhe von 100 Mark bedacht. Am letzten Lohntag, sieben Wochen vor dem christlichen Fest der Liebe, ist diesen alten Arbeitern aufgegeben worden, sich anderswo Arbeit zu suchen. Das heißt, sie sollen verhungern oder der Armenver⸗ waltung zur Last fallen, denn vom Finden anderer Arbeit kann selbstverständlich bei ihnen nicht die Rede sein. Eine reizende Erfüllung der sozialen Pflichten, mit der in diesem Falle das Unternehmerthum glänzt.
Blutiges Christenthum.
Bei der Rekrutenvereidigung in Potsdam sprach der Hofprediger Keßler in seiner Pre⸗ digt auch folgende Worte: 3
„. Ein bedeutsames Jahr! Denn, wäh⸗ rend wir hier versammelt sind, klirren im fer⸗
nen Osten deutsche Schwerter und vertheidigen
Curem uelass Stunde auße chen ke lange, Di gofpre ungen sonder über! Biß II hat fi Vicht burge gab, bat s schast gehal schäft zugel gefal solge
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