Ausgabe 
18.3.1900
 
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Seite 4.

Mitteld eutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 12.

seinem Berufe als Mediziner besser es leistet, denn als Sozialpolitiker. Andernfalls: arme Mensch heit, auf den jener Medizinmann dereinst losgelassen wird.

Modernes Bauernlegen.

* Aus demGroßherzogtum Heyl wurde der Frkf. Ztg. berichtet: Die amtlicheDarm⸗ städter Zeitung enthält eineEdiktalladung des Lorscher Amtsgerichts, die wieder einmal von einem gewaltigen Zuwachs des Heyl'schen Großgrundbesitzes Kunde giebt. Wir lesen da, daß der Geheime Kommerzienrat Kornelius Wilhelm Frhr. Heyl zu Herrnsheim und seine Ehefrau Sophie geb. Stein in Worms, be⸗ absichtigen, daß durch Urkunde vom 24. Februar 1885 errichtete Fideikommisdurch nach⸗ stehende Grundstücke zu vergrößern. Nun folgte eine mehr als vier Spalten lange Liste von Aeckern und Wiesen in den Gemarkungen von Lorsch, Viernheim Lampertheim und Seehof. Das Ackerland, das verfideikommißt werden soll, hat meist die Größe von 21 Ar, es sind aber auch kleinere und größere Land stücke dabei, Splitter von 63 Quadratmeter und Stücke von einem bis zu vier Hektaren; ferner drei Hektar Kiefernwald und anderthalb Hektar Eichenwald; unter dem Wiesenland ist der größte Abschnitt fast zehn Hektar groß. Im Ganzen will dasGroßherzogtum Heyl, wie der Volksmund den freiherrlichen Besitz drastisch getauft hat, sich über vierhundert neue Gebietsteileeinzuverleiben, mit einem Gesamtflächeninhalt von 336 Hektaren oder beinahe Quadrat⸗Kilometern. Dabei sind wir nicht in Ostelbien oder sonst in einer Gegend, wo die großen Latifundien gang und gäbe sind, sondern im Hessenland, in der Rheinebene. Bei einem so hervorragen den Geschäftsmann, wie Freiherr von Heyl es ist, muß angenommen werden, daß er seine Liegenschaften nicht vermehren würde, wenn sie unrentabel wären, DieNot der Landwirtschaft, von der der Reichstagsabg. Freiherr v. Heyl so beredt zu sprechen weiß, kann demnach gar nicht so schlimm sein. Wie aber stimmt das Verfahren des Fidei⸗ kommißbesitzers, das man in früheren Zeiten wohl mit dem harten Ausdruck des Bauern⸗ legens bezeichnet hätte, zu der sozialen Ge⸗ sinnung, die den Großindustriellen beseelt? Erst jüngst hat in der Wohnfrage, wenn wir uns recht erinnern, Frhr. v. Heyl auf der Seite derer gestanden, die dem kleinen Mann die eigene Heimstätte sichern möchten. Fidei⸗ kommiß reimt sich nicht gut auf Sozialreform.

Es regt sich was im Odenwald.

* Wie im Odenwald die Flottenagitation be⸗ trieben wird, geht aus einer Zuschrift an die Kl. Pr. deutlich genug hervor. Wir lesen da:

Die Flottenbegeisterung wird auch in den stillen Thälern unseres Gebirges zu entfachen gesucht, allerdings mit gar wechselndem und oft zweifelhaftem Erfolg. In Kreisstädten und anderen Plätzen, wo viele Beamte sind, wird ein Flottenverein ins Leben gerufen. Die Flugschriften fliegen nur so her als Beilage zu Zeitungen oder auf andere Weise. Der Herr Oberförster gibt beispielsweise jedem bei ihm erscheinenden Förster ein Päckchen dieser Schriftchen mit, und bald ist kein Dörfchen mehr da, wo nicht jeder nachts von der Notwendigkeit einer großen Flotte träumt. Es wird auch der oder jener Lehrer mit einem umfangreichen Postpacket überrascht.Es werden doch keine Gehaltsdekrete d'rin sein?! denkt er und öffnet klopfenden Herzens. Nein, es sind Flottenschriften, nicht vom Herrn Kreisschul⸗ inspektor, aber von einem Kollegen, der dem Wunsch höherer Stelle Ausdruck verleiht:Die Schriften möchten verteilt werden! Gerade die Lehrer werden mit sehr gemischten Gefühlen Kenntnis nehmen von den Millionen, die hier Verwendung finden sollen und über deren Aufbringung nachzugrübelnunnobel ist und werden wehmütige Vergleiche anstellen, wie nobel von Armut der Gemeinden, von Ueberlast an Steuern, von Uabescheidenheit u. s. w. gesprochen und geschrieben wird, wenn es gilt, für einige Mark Lehr⸗ mittel anzuschaffen, am Schulhaus etwas auszubessern oder im Gehalt etwas höher zu kommen!

Vielleicht geht im Odenwald die Sache des halb nicht ganz nach Wunsch, weil die dortigen Förster und Lehrer nicht sachverständig genug sind in Flottensachen. Die Odenwälder sollten sich aus Oberhessen einmal jenen Volksschul⸗ lehrer kommen lassen, der so halbwegs als Autorität in maritimen Fragen gelten kann,

nicht etwa, weil im Vogelsberg sehr viele ma rinierte Häringe gegessen werden, sondern weil der betreffende Lehrer schon einmal in Ham⸗ burg und Kiel gewesen ist, wie die Amts lätter, die selbstverständlich in Flottenbegeisterung machen müssen, jedesmal ausdrücklich betonen, wenn der betreffende Lehrer irgendwo seinen Flotten speech gehalten hat. Eine feine Familie.

In Erfurt fand vor kurzer Zeit eine Gerichts⸗ verhandlung statt, worüber unser dortiges Partei⸗ blatt folgendermaßen berichtet: Des Meineids angeklagt erschien das 17¼ Jahre alte Dienst⸗ mädchen Helene Berndt, ihr Kind im Mantel, vor Gericht. Sie hat von ihrem 14. Lebensjahre beim früheren Amtsvorsteher Nöller in Ilversgehofen in Stellung gestanden und war am 21. Oktober vorigen Jahres vor dem Unter⸗ suczungsrichter in dem Verfahren wegen Notzucht gegen den Sohn des Amtsvorstehers eidlich ver⸗ nommen worden. Sie sollte das Opfer dieses unsittlichen Attentats sein und verneinte damals die Frage, ob sie noch mit anderen Männern verkehrt habe. Am 9. November hatte sie wieder Termin bei derselben Instanz, hier gestand sie, im vorigen Termine die Unwahr⸗ heit gesagt zu haben. Außer dem in Frage kommenden Nöller habe noch dessen Vater, also der damalige Amtsvorsteher Nöller, sie mehrere Male mißbrancht, als Frau und Tochter zum Balle gegangen waren; dann hatte sie sich arch einem zweiten Sohne des Hauses des öfteren hingegeben. Scham und das Verbot des alten Nöller habe sie veranlaßt, die Unwahrheit zu sagen; durch Gewissensbisse getrieben, habe sie dann der Wahrheit die Ehre gegeben. Unter Berücksichtigung mildernder Umstände beantragte der Staatsanwalt 14 Tage Gefängnis. Der Gerichtshof erkannte auf die gesetzliche Mindest⸗ strafe von einem Tage Gefängnis. Der frühere Amtsvorsteher Nöller, der jahrelang die Polizeigewalt in Ilversgehofen in Händen hatte, war, wie dieSächs. Arb.⸗Ztg. hinzufügt, als Polizeigewaltiger außerordentlich be⸗ sorgt um die Sittlichkeit der Arbeiterschaft und fühlte sich berufen, aus Gründen der Moral den Arbeitern den Wirtshausbesuch einzuschränken! Nun ist die Staatsstütze erschüttert, für den Flottenspektakel zunächst nicht verwendbar.

Denkmal für die Göttinger Sieben.

Die städtischen Körperschaften von Göttingen haben auf eine Anregung hin aus der Mitte des Bürgervorsteherkollegiums aus Kämmerei⸗ mitteln die Summe von 600 Mk. bereitgestellt, die als Grundstock für die Errichtung eines Monuments zu Ehren der Göttinger Sieven be⸗ stimmt ist. Die Göttinger Sieben sind bekanntlich die sieben Professoren der Universität Göttingen: Albrecht, Dahlmann, Ewald, Geroinus, die beiden Brüder Grimm und Wilhelm Weber, die im Jahre 1837 ihres Amtes an der alten Georgia Augusta enthoben wurden, weil sie gegen den Verfassungsbruch protestiert hatten.

Den deutschen Professor von heute wird diese Ehrung seiner Göttinger Kollegen höchst peinlich berühren. Heute bückt man sich nach oben und tritt nach unten.

Kleine Mitteilungen.

** Lollar. Ein entsetzlicher Unglücksfall ereignete sich hier am Montag. Das 4 jährige Söhnchen eines Beamten der Gewerbebank spielte auf einem Zimmerplatz, wurde jedoch von Holz abladenden Leuten nicht bemerkt und durch einen abgeworfenen Balken sofort getötet.

* Lich. Die Feier des 600 jährig en Bestehens unserer Stadt ist am Montag in einfacher, aber würdiger Weise verlaufen. Um 11 Uhr vormittags waren die Schulkinder in ihren Klassen versammelt. Um 1⅛ Uhr mittags wurde in Gegenwart der Vereine auf dem Kirch⸗ platz eine Gedächtniseiche geplanzt und von dem Dechanten Klingelhöffer geweiht. Am Abend bewegte sich ein Fackelzug vom Rathaus aus durch die Stadt. Im Heiland'schen Saale, wo⸗ selbst dann ein Kommers stattfand, wurden die

Festteilnehmer in einer Ansprache des Bürger⸗ meisters Heller begrüßt. Der Vorsteher der Präparandenanstalt, Wagner, hielt dann einen Vortrag über die Geschichte der Stadt, trefflich die kulturelle Bedeutung der Umgegend in geschicht⸗ lichem Sinne beleuchtend, und gab einen Ueber⸗ blick über die Geschichte des Hauses Solms. Oberamtsrichter Giller pries die schöne und ge sunde Lage der Stadt Lich, den Fleiß und die Friedensliebe ihrer Einwohner. Lehrer Alt ge dachte der Behörden, Lehrer Schmidt toastete auf den Bürgermeister Heller. Kein Festredner scheint darauf hingewiesen zu haben, daß in den letzten Jahren die gute Stadt Lich sozial⸗ demokratisch geworden ist. Da das ein besonderes Ehrenzeichen für diefleißigen und friedensliebenden Licher, wie sie Oberamts⸗ richter Giller pries, ist, so holen wir das Ver⸗ säumte hier nach.

* Bad⸗Nauheim, 15. März. Der neue Soolsprudel springt seit heute vier Meter hoch. Der Fianzausschuß der zweiten hessischen Kammer weilte heute hier und sprach sich für den Bau eines neuen Badehauses aus.

* Darmstadt, 15 März. Die zweite Kammer tritt am 27. März zu einer mehr⸗ tägigen Tagung zusamm en.

W. Aus Marburg. Der Voranschlag des städtischen Etats über Einnahmen und Ausgaben für das Rechnungsjahr 1900 beläuft sich in Einnahmen und Ausgaben auf 944240 Mk.(1899 984315 Mk.), also weniger 400 75 Mk. Für die am 1. April cr. in Kraft tretende städtische Polizei-Verwaltung sind 21000 Mk. angesstzt und zwar ein Polizei-Sekretär 2200 Mk., ein Polizei⸗Kommissar 1800 Mk., zehn Polizei⸗ sergeanten je 1200 Mk. und sechs Nachtschutz⸗ leute mit zusammen 5000 Mk. An Zinsen be⸗ zahlt die Stadt 183 363 60 Mk.(1899: 170 106 68 Mark). Von Seiten der Stadtverordneten ist bekanntlich beschlossen worden, die Bäume der Schwanallee zu fällen und mit Neuanpflanzungen zu versehen. Im vorigen Spätherbst beschädigte ein furchtbarer Sturm eine größere Anzahl von Bäumen mehr oder weniger. Es mag nun da⸗ hingestellt sein, ob es notwendig war, sämtliche Bäume dieser Allee zu fällen, oder nur solche, welche einem Sturme nicht mehr widerstehen können. Der Anfang mit dem Fällen dieser Bäume ist nun am Wilhelmsplatz gemacht und man muß gestehen, ein schauderhafter Anblick bietet sich den Spaziergängern jetzt dar; der einst so schöne und schattige Spaziergang, besonders an den Sommertagen, ist öde und kahl geworden. Die meisten Anwohner der Schwanalle hatten nun, um das weitere Fällen der Bäume zu ver⸗ hindern, zu Montag eine Protest⸗Versammlung einberufen, welche gut besucht war. Mitgeteilt konnte werden, daß der Oberbürgermeister die Zusicherung gegeben habe, daß weiter kein Baum gefällt werden sollte. Beschlossen wurde eine Resolution an die Stadtverordneten, sowie eine Eingabe an die Regierung. Ob's helfen wird?

* Laasphe. Auf der Grube Viktoria bei Littfeld wurden sieben Bergleute verschüttet. Während sechs gerettet werden konnten, wurde der siebente, namens Hackler aus Feudingen, der erst zum zweiten Male eingefahren war, so schwer verletzt, daß er alsbald starb.

* Homburg. Als am Samstag in der Nähe des Bahnhofes das Milchmädchen aus einem Nachbardorfe vom Wagen stieg, bemerkte ein Schutzmann, daß die Dorfschöne, wie es wohl früher Mode gewesen, an einem gewissen Körper⸗ teil auffallend stark gepolstert war. Als sich nun der Diener der heiligen Hermandad mit diesen unmodernen cul de Paris eingehender be⸗ schäftigte, fand er, daß dasselbe aus einem 45 Pfund schweren Stück Fleisch bestand, welches auf diesem ungewöhnlichen Wege der Schlachthof⸗ kontrolle und Abgabe hinterzogen werden sollte.

* Genickstarre in Homburg. Das Bataillonskommando in Homburg erklärt im Taunusboten, daß zwei Mann des Bataillons an Genickstarre gestorben sind und ein Mann unter Symptomen dieser Krankheit in Behandlung ist. Außerdem liege kein weiterer verdächtiger Fall vor.

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